Hambacher Forst: Die Energiewende macht ernst.
Bitte mach mit.

Bis zu 3.500 Polizisten sind gestern im Hambacher Forst angerückt, um ca. 150 Menschen aus ca. 60 Baumhäusern zu vertreiben. Diese Zahlen bitte mal kurz wirken lassen.

Die Polizisten erschienen mit Schilden und Schlagstöcken, begleitet von Räumpanzern und Wasserwerfern. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul geht nämlich davon aus, dass man es mit „extrem gewaltbereiten Linksextremen“ zu tun habe, die aus ganz Deutschland und teils sogar aus dem Ausland angereist seien. Auch Ministerpräsident Laschet spricht von „illegal besetzten Gebieten“.

Klingt übertrieben? Ist es vielleicht nicht. Zahlreiche Umweltverbände (Nabu, BUND, Greenpeace) aber auch politische Organisationen rufen zu Protesten auf. Könnte sein, dass die Räumung ein ziemlich langwieriges, ziemlich schwieriges Unterfangen wird. Aber warum?

RWE hat bereits 3.900 ha des einst 4.100 ha großen Waldgebietes gerodet um die darunterliegende Kohle abzubauen und zu verstromen. Die verbliebenen 200 ha stehen zu lassen, würde den Konzern nicht in den Konkurs treiben.

Sie aber auch noch zu verlieren, würde Deutschland andererseits ebenso wenig in ein stinkendes, dunkles Mordor verwandeln. Nach wie vor ist gut ein Drittel unseres Landes bewaldet; Deutschland ist damit eines der waldreichsten Länder der europäischen Union.

Bei den Protesten geht es auch nicht um die Bekämpfung furchtbaren Unrechts. RWE hat das mehrfach gerichtlich verbriefte Recht, den Wald zu roden. Rechtlich gesehen ist das Bauen und Bewohnen von Baumhäusern im Hambacher Forst das einzig Illegale, dass sich bis gestern Morgen dort zugetragen hat. Der Wald gehört nämlich RWE. Und dort zu wohnen ist Hausfriedensbruch. Und Hausfriedensbruch macht man nicht. Um Hausfriedensbruch in den Griff zu kriegen, muss man aber auch nicht mit Räumpanzern und Wasserwerfen anrücken. Man könnte zum Beispiel klagen. (Und man könnte auch mal grundsätzlich darüber nachdenken, ob man als Gesellschaft Wälder in Privatbesitz wollen kann.)

Wenn es um all das nicht geht, worum geht es dann? Warum ist der Protest so breit und so hartnäckig? Warum machen sich Aktivisten seit sechs Jahren (!) die Mühe, den Wald zu bewachen und Baumhäuser darin zu bauen und zu bewohnen? Der Hambacher Forst ist einem Symbol. Es geht um:

„Energiewende jetzt & in echt“
versus
„Energiewende ganz bald & mal gucken wie.*“


*) oder vielleicht doch lieber keine Energiewende.

Denn mal ehrlich: Kann es richtig sein, eine seit 12.00 Jahren bewaldete Fläche zu roden und damit einen lebenden und arbeitenden Kohlenstoffdioxid-Speicher zu vernichten, um anschließend seit Jahrtausenden unter dieser Fläche gebundenen Kohlenstoff abzubaggern und ihn zur Stromerzeugung zu verbrennen – also in zusätzliches Kohlenstoffdioxid zu verwandeln? Im Jahr 2018? In einem hoch entwickelten Land wie unserem? Nein, daran kann nichts richtig sein. Rechtens von mir aus, aber nicht richtig.

Ja, es ist bitter für die 21.000 im Braunkohle- und immerhin noch 6.000 im Steinkohle-Bergbau beschäftigten Arbeiter und Angestellten, aber: Ihre Jobs müssen leider wegfallen. Und nein, ich finde nicht, dass das eine unbändige Härte ist. Fast alle Jobs in fast allen Branchen verändern sich durch Digitalisierung, Automatisierung und die Energiewende grundlegend. Ich wüsste nicht, aus welchem Grund Staat und Gesellschaft diese Entwicklung ausgerechnet im Bergbau künstlich verhindern sollten. Und auch nicht, mit welchem Ziel. Zumal dann nicht, wenn der Preis für diese museale Subventionierung eine (wenn auch minimale) Beschleunigung der Erderwärmung und ein weiteres Stück Mondlandschaft auf Erden ist.

Der Bundesregierung dämmert inzwischen, dass das immer mehr Menschen so sehen, deshalb hat sie eine Kohlekommission einberufen, die einen zeitlichen und organisatorischen Vorschlag für den Ausstieg aus der Kohle als Energieträger erarbeiten soll. Schon im Juni. Dieses Jahres. Offiziell heißt die mit Politikern und Vertretern von Wirtschafts- und Umweltverbänden besetzte Gruppe „Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“.  Die Begriffe Kohle, Umwelt, Nachhaltigkeit oder Zukunft haben leider keinen Platz im Namen gefunden. Mit Blick auf die Situation im Hambacher Forst drohen die Vertreter der Umweltverbände allerdings damit, die Kommission zu verlassen, falls die Abholzung tatsächlich im Oktober beginnt. Bis zur Vorlage handfester Ergebnisse wird es also dauern.

Die Menschen im Hambacher Forst demonstrieren dafür, die Energiewende endlich anzupacken – jetzt und mit allen Konsequenzen die sie hat und haben muss. Für Konzerne. Für  ihre Lobbyisten. Für ihre Beschäftigten. Für Politiker. Für ihre Wähler. Für dich. Und für deine Kinder. Ich bewundere sie für ihren Mut und ihre Konsequenz. Was du tun kannst? Einiges.

Auf der Webseite des Freundeskreis Hambacher Forst gibt es einen Ticker, der über aktuelle Entwicklungen und anstehende Demo-Termine informiert.

Schriftliche Appelle an politisch Verantwortliche können auf den Websiten von Greenpeace und dem BUND versandt werden.

Lobbyisten schmutziger Energie – und es geht auch um Lobbyismus hier – trifft man aber am Härtesten, in dem man endlich aufhört, ihren klimaschädlichen Strom zu kaufen.

Der Wechsel zu grüner Energie ist leicht und muss nicht teuer sein. Von den großen Konzernen unabhängige bundesweit agierende Anbieter für Ökostrom sind:

Und ja, das ist eine vollständige Liste. Alle anderen Anbieter sind über direkte oder indirekte Beteiligungen mit RWE, E.ON oder Vatenfall verbunden, oder agieren wie die hoffnungsvollen Berliner Stadwerke (noch) nicht bundesweit.

Partei ergreifen? Naja, wenigstens mal vorfühlen.

Heute Abend werde ich das Neumitglieder-Treffen einer Partei besuchen. Noch bin ich kein Mitglied. Aber aufgeregt. Und irritiert von mir selbst.

Seit ich wählen darf, wähle ich grün. Immer aus Überzeugung, nie aus Gewohnheit. Seit Jahren denke ich darüber nach, in die Partei einzutreten. Ich kann deshalb sehr kompakt argumentieren, warum das eine schlechte Idee ist. Partei ergreifen? Naja, wenigstens mal vorfühlen. weiterlesen

Das große Oxfam-Trailwalker-Alphabet: F – J

F wie Frühstücksfrechheit
Um das Frühstück würde ich mich beim nächsten Mal selber kümmern. Das von Oxfam war eine Enttäuschung. Lieblos in Plastiktüten auf die Buffet-Tische geschmissen, gab es Brot, zwei Sorten Wurst, eine Sorte Käse sowie fettfreien Joghurt vom Discounter. Und Butter natürlich. Im praktischen 250g-Stück mit nur einem Schmiermesser am Buffet. So war man gezwungen, sich die Brote direkt an der Tafel zu schmieren, was für lange Schlangen sorgte. Ein veganes Angebot gab es nicht. Kein Obst, keine Marmelade, keine Margarine. Das Brot war wirklich lecker, aber Brot gibt es bei den 4 Bäckern auf dem Weg von der Stadthalle zum Start sicher auch. Und vielleicht sogar ein Lächeln dazu. Das große Oxfam-Trailwalker-Alphabet: F – J weiterlesen

Das große Oxfam-Trailwalker-Alphabet: A – E

Weil ich einerseits geradezu übersprudele vor Eindrücken, andererseits aber niemandem einen 4.200-Wörter-Blogpost zumuten will, habe ich eine Miniserie über meine Erfahrungen gebastelt: Das große Oxfam-Trailwalker-Alphabet. Ab heute, bis Samstag jeden Tag um 12. Wer diesen Blog danach immer noch liest, muss mich wirklich mögen. Und bitte:
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Oxfam Trailwalker: Ich brauche Deine Hilfe

Wer diesen Blog häufiger liest, weiß, dass ich gern waghalsig auf der Grenze zwischen konsequentem Aktionismus und hoffnungslosem Idealismus balanciere. Am 7. und 8. September werde ich dies bis zur Grenze meiner Belastbarkeit tun (und vielleicht ein klitzekleines bisschen darüber hinaus).

Zusammen mit fünf Freunden nehme ich am Oxfam Trailwalker teil. Zwei von uns kümmern sich um Essen, frische Kleidung und die wirksamsten Motivationssprüche der Weltgeschichte. Die anderen vier (darunter ich), werden innerhalb von 30 Stunden einhundert Kilometer laufen. Ja: Jeder. Einhundert. Kilometer. Und ja: eine verdammte Schinderei.

Wir tun dies nicht, weil wir Extremsportler geworden sind. Oder wahnsinnig. Wir tun das, weil wir beweisen wollen, dass möglich ist, was wir für unmöglich halten. Eine Welt ohne Armut, zum Beispiel.

Dafür brauche ich Deine Unterstützung. Denn ohne Dich schaffen wir das nicht. Oxfam Trailwalker: Ich brauche Deine Hilfe weiterlesen

Volkseigentum Kunst? Mir fehlt die Fantasie, Piraten!

Ich würde den Piraten so gerne auch ein euphorisches Ahoi! entgegenrufen. Ihre Idee, den Zugang zum Internet zu einem Grundrecht zu erklären, finde ich großartig. Regelrecht verliebt bin ich in ihre queeren Gedanken zur Familienpolitik. Beispielsweise den, künftig keine Lebensgemeinschaften mehr zu fördern sondern Kinder. Außerdem habe ich ein ausgeprägtes Faible für Schrulligkeit.

Doch leider kentert mein fröhliches Ruderboot zum glitzernden Piratendampfer in der hohen Welle, die den Begriff „geistiges Eigentum“ verwässern will. Die Diskusion wird breit geführt, aber im Grundsatzprogramm steht:

„Im Allgemeinen wird für die Schaffung eines Werkes in erheblichem Maße auf den öffentlichen Schatz an Schöpfungen zurückgegriffen. Die Rückführung von Werken in den öffentlichen Raum ist daher nicht nur berechtigt, sondern im Sinne der Nachhaltigkeit der menschlichen Schöpfungsfähigkeiten von essentieller Wichtigkeit.“

Bedeutet das im Klartext, dass nur Kaspar Hauser einen Roman schreiben darf, der wirklich ihm gehört? Volkseigentum Kunst? Mir fehlt die Fantasie, Piraten! weiterlesen

Konsumiert nicht, gestaltet! Eine Laudatio den Aufständigen.

Ich gestehe unumwunden: Ich mag Joachim Gauck. Das ist weder rational noch objektiv, aber eben nicht zu leugnen. Dementsprechend voreingenommen bin ich. Daher hatte ich beschlossen, eine Nacht über seine Antrittsrede zu schlafen, um mit etwas Distanz und einem kühlen Herzen vielleicht doch noch Kritikwürdiges zu entdecken, Nichtgesagtes, Verschwiegenes, Missgedeutetes oder Missverstandenes. Aber es bleibt dabei: Ich bin begeistert. Ich finde, Gauck hätte es nicht besser machen können. Ich empfehle nachdrücklich, seine Rede selbst durchzulesen oder anzusehen.

Weil meine geneigte Leserschaft von mir aber guten Service gewohnt ist, hier eine Zusammenfassung der Punkte, die mich persönlich am stärksten berührt haben:
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Ein Radiointerview über Veganismus, Sexismus & PR. Richtig! Über PETA.

Tom Bond, Radiomacher bei  Corax – dem freien Radio im Raum Halle – hat sich über PETA’s jüngste „Veganer sind brutale Lustmolche“-Kampagne wohl genauso geärgert wie ich. Auf der Suche nach weiteren Informationen und Meinungen zum Spot und der dazugehörigen Website ist er auf einen Blogbeitrag von mir gestoßen. Darin veröffentliche ich die Stellungnahme, die mir PETA auf meine Fragen zur Kampagne und meinen Protest dagegen zur verfügunggestellt hat.

Tom bat mich daraufhin um ein Interview für’s Radio. Nachdem sich meine anfängliche Panik gelegt hatte und ich mich darauf besann, dass sich Menschen wie Hather de Lisle schließlich sogar in Fernsehtalkshows als Expertin betiteln lassen, fasste ich mir ein Herz.

Hoffnung für das Internet

Gestern las ich einen Artikel im Wirtschaftsteil der Zeit vom 27. Januar 2011 mit dem schönen Titel: Angriff auf Google. Darin wurde beschrieben, wie Google mittlerweile zum unflexiblen und ideenlosen Schwergewicht geworden ist, welches sich Innovationen durch Firmenübernahmen einverleibt und oftmals aus strategischen Gründen verkümmern lässt.

Hoffnung auf weniger Hoffnung

Die Hoffnung ist ein trügerisches Kind. Eine Hoffnung tritt ins Leben, wie wir Menschen das Licht dieser Welt erblicken – schutzlos und hilfsbedürftig. Sie schreit nach Aufmerksamkeit und Fürsorge. Danach wächst die Hoffnung mit jedem Tag, die sie unserer Brust innewohnt. Wir durchleben rebellische Phasen, in denen es uns schwer fällt sie aufrechtzuerhalten. Trotzdem halten wir daran fest, denn die Hoffnung ist bereits ein Teil von uns geworden und wir lieben sie.
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