Bäume pflanzen beim Bahnfahren

Nachdem ich mit mehr als 30 Hin- und Rückflügen im letzten Jahr eine fast so katastrophale Ökobilanz wie ein tüddeliges Kreuzfahrtschiff hatte, versuche ich dieses Jahr, alles wieder gut zu machen. Ich fahre Bahn. Viel. Eigentlich nur. Ich habe mir eine BahnCard 100 gekauft und nachdem alle kurz „Boah, die ist aber teuer!“ gerufen haben, will ich kurz erklären, warum das nicht stimmt.

Eine BahnCard 100 kostet 4.270 Euro im Jahr. Als Inhaber der sogenannten „schwarzen Mamba“ darf ich in jeden Zug einsteigen der mir gefällt und zwar wann immer ich möchte. Auch in Privatbahnen. Auch in S-Bahnen. In allen Städten in denen das City-Ticket gilt sogar in U-Bahnen, Hochbahnen, Straßenbahnen und Busse. Mir ist in diesem Jahr noch kein öffentliches Verkehrsmittel untergekommen, dass ich nicht hätte benutzen dürfen. Und zwar ohne weitere Mehrkosten. Mit anderen Worten: Ich habe Mobilitätskosten von 355,84 Euro jeden Monat. Ich muss kein Auto abbezahlen und auch nicht auf ein neues sparen, ich zahle keine Versicherung, ich tanke nicht, ich parke nicht, ich benutze keine Waschanlagen, ich zahle keine KFZ-Steuern, keine Durchsichten, keine Reparaturen, keine Unfälle. Und auch keine Monatskarten. Ich zahle 355,84 Euro jeden Monat und bin: frei. Zudem kann ich die Zeit im Zug nutzen. Zum Schlafen, Arbeiten, Lesen oder Schreiben. Und: Ich reise mit Ökostrom und finanziere ein Unternehmen, dass sich wirklich viel Mühe in Sachen Ökologie macht. Ja, auch in Sachen Marketing und Greenwashing. Aber wer hat, der kann.

Das einzige, was mir an meiner BahnCard bis heute ein bisschen sinnlos vorkam, waren die über 4.000 bahn.bonus Punkte, die ich beim Kauf automatisch sammle. Normalerweise kann man die benutzen, um sich Freifahrten zu organisieren, aber in meinem Fall fahre ich sowieso überall frei – bzw. habe schon alle möglichen Fahrten bezahlt. Von Upgrades in die 1. Klasse halte ich nichts, weil mein Arsch auf Plüsch genauso gut sitzt wie auf Leder und weil sich die Servicewüste Deutschland nirgendwo so hartnäckig hält, wie im BordBistro der Deutschen Bahn, locken mich auch Verzehrgutscheine nicht.

Heute habe ich Herausgefunden, dass man mit seinen bahn.bonus-Punkten Bäume pflanzen kann. Und zwar nicht im lateinamerikanischen Dschungel (wo wir sie zweifelsohne auch brauchen), sondern in Deutschland (wo sie angesichts des extrem trockenen und heißen Sommers ebenso notwendig sind). Das Bergwald Projekt ist ein eingetragener Verein, der sich nicht nur um gezielte Wiederaufforstung kümmert sondern auch um weniger plakative Dinge, wie die gezielte Artendurchmischung von bisher reinen Fichtenwäldern oder Wildnispädagogik, damit künftige Generationen ihren Müll nicht so sorglos im Wald entsorgen wie viel zu viele Leute heute.

Schon mit 500 bahn.bonus-Punkten ist man dabei – damit kann man einen Betrag von 10 Euro spenden – genug für zwei Bäume. 500 Punkte sind sogar für Reisende leicht zu schaffen, die einige Male im Jahr mit einer BahnCard 25 oder 50 reisen. Und als letzte kleine Entscheidungshilfe: Eine einzelne ausgewachsene Linde produziert 4,5 Tonnen Sauerstoff – in einem Jahr. Das ist mehr als ein einzelner Mensch in 13 Jahren veratmet.

Gute Reise!

Hambacher Forst: Die Energiewende macht ernst.
Bitte mach mit.

Bis zu 3.500 Polizisten sind gestern im Hambacher Forst angerückt, um ca. 150 Menschen aus ca. 60 Baumhäusern zu vertreiben. Diese Zahlen bitte mal kurz wirken lassen.

Die Polizisten erschienen mit Schilden und Schlagstöcken, begleitet von Räumpanzern und Wasserwerfern. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul geht nämlich davon aus, dass man es mit „extrem gewaltbereiten Linksextremen“ zu tun habe, die aus ganz Deutschland und teils sogar aus dem Ausland angereist seien. Auch Ministerpräsident Laschet spricht von „illegal besetzten Gebieten“.

Klingt übertrieben? Ist es vielleicht nicht. Zahlreiche Umweltverbände (Nabu, BUND, Greenpeace) aber auch politische Organisationen rufen zu Protesten auf. Könnte sein, dass die Räumung ein ziemlich langwieriges, ziemlich schwieriges Unterfangen wird. Aber warum?

RWE hat bereits 3.900 ha des einst 4.100 ha großen Waldgebietes gerodet um die darunterliegende Kohle abzubauen und zu verstromen. Die verbliebenen 200 ha stehen zu lassen, würde den Konzern nicht in den Konkurs treiben.

Sie aber auch noch zu verlieren, würde Deutschland andererseits ebenso wenig in ein stinkendes, dunkles Mordor verwandeln. Nach wie vor ist gut ein Drittel unseres Landes bewaldet; Deutschland ist damit eines der waldreichsten Länder der europäischen Union.

Bei den Protesten geht es auch nicht um die Bekämpfung furchtbaren Unrechts. RWE hat das mehrfach gerichtlich verbriefte Recht, den Wald zu roden. Rechtlich gesehen ist das Bauen und Bewohnen von Baumhäusern im Hambacher Forst das einzig Illegale, dass sich bis gestern Morgen dort zugetragen hat. Der Wald gehört nämlich RWE. Und dort zu wohnen ist Hausfriedensbruch. Und Hausfriedensbruch macht man nicht. Um Hausfriedensbruch in den Griff zu kriegen, muss man aber auch nicht mit Räumpanzern und Wasserwerfen anrücken. Man könnte zum Beispiel klagen. (Und man könnte auch mal grundsätzlich darüber nachdenken, ob man als Gesellschaft Wälder in Privatbesitz wollen kann.)

Wenn es um all das nicht geht, worum geht es dann? Warum ist der Protest so breit und so hartnäckig? Warum machen sich Aktivisten seit sechs Jahren (!) die Mühe, den Wald zu bewachen und Baumhäuser darin zu bauen und zu bewohnen? Der Hambacher Forst ist einem Symbol. Es geht um:

„Energiewende jetzt & in echt“
versus
„Energiewende ganz bald & mal gucken wie.*“


*) oder vielleicht doch lieber keine Energiewende.

Denn mal ehrlich: Kann es richtig sein, eine seit 12.00 Jahren bewaldete Fläche zu roden und damit einen lebenden und arbeitenden Kohlenstoffdioxid-Speicher zu vernichten, um anschließend seit Jahrtausenden unter dieser Fläche gebundenen Kohlenstoff abzubaggern und ihn zur Stromerzeugung zu verbrennen – also in zusätzliches Kohlenstoffdioxid zu verwandeln? Im Jahr 2018? In einem hoch entwickelten Land wie unserem? Nein, daran kann nichts richtig sein. Rechtens von mir aus, aber nicht richtig.

Ja, es ist bitter für die 21.000 im Braunkohle- und immerhin noch 6.000 im Steinkohle-Bergbau beschäftigten Arbeiter und Angestellten, aber: Ihre Jobs müssen leider wegfallen. Und nein, ich finde nicht, dass das eine unbändige Härte ist. Fast alle Jobs in fast allen Branchen verändern sich durch Digitalisierung, Automatisierung und die Energiewende grundlegend. Ich wüsste nicht, aus welchem Grund Staat und Gesellschaft diese Entwicklung ausgerechnet im Bergbau künstlich verhindern sollten. Und auch nicht, mit welchem Ziel. Zumal dann nicht, wenn der Preis für diese museale Subventionierung eine (wenn auch minimale) Beschleunigung der Erderwärmung und ein weiteres Stück Mondlandschaft auf Erden ist.

Der Bundesregierung dämmert inzwischen, dass das immer mehr Menschen so sehen, deshalb hat sie eine Kohlekommission einberufen, die einen zeitlichen und organisatorischen Vorschlag für den Ausstieg aus der Kohle als Energieträger erarbeiten soll. Schon im Juni. Dieses Jahres. Offiziell heißt die mit Politikern und Vertretern von Wirtschafts- und Umweltverbänden besetzte Gruppe „Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“.  Die Begriffe Kohle, Umwelt, Nachhaltigkeit oder Zukunft haben leider keinen Platz im Namen gefunden. Mit Blick auf die Situation im Hambacher Forst drohen die Vertreter der Umweltverbände allerdings damit, die Kommission zu verlassen, falls die Abholzung tatsächlich im Oktober beginnt. Bis zur Vorlage handfester Ergebnisse wird es also dauern.

Die Menschen im Hambacher Forst demonstrieren dafür, die Energiewende endlich anzupacken – jetzt und mit allen Konsequenzen die sie hat und haben muss. Für Konzerne. Für  ihre Lobbyisten. Für ihre Beschäftigten. Für Politiker. Für ihre Wähler. Für dich. Und für deine Kinder. Ich bewundere sie für ihren Mut und ihre Konsequenz. Was du tun kannst? Einiges.

Auf der Webseite des Freundeskreis Hambacher Forst gibt es einen Ticker, der über aktuelle Entwicklungen und anstehende Demo-Termine informiert.

Schriftliche Appelle an politisch Verantwortliche können auf den Websiten von Greenpeace und dem BUND versandt werden.

Lobbyisten schmutziger Energie – und es geht auch um Lobbyismus hier – trifft man aber am Härtesten, in dem man endlich aufhört, ihren klimaschädlichen Strom zu kaufen.

Der Wechsel zu grüner Energie ist leicht und muss nicht teuer sein. Von den großen Konzernen unabhängige bundesweit agierende Anbieter für Ökostrom sind:

Und ja, das ist eine vollständige Liste. Alle anderen Anbieter sind über direkte oder indirekte Beteiligungen mit RWE, E.ON oder Vatenfall verbunden, oder agieren wie die hoffnungsvollen Berliner Stadwerke (noch) nicht bundesweit.

10 Sätze über chinesische Erdbeeren

Gestern wurde bekannt, dass sich die 11.200 Personen, die in den letzten Wochen vor allem in Ostdeutschland wegen Brechdurchfalls behandelt werden mussten, wahrscheinlich durch den Verzehr von Erdbeerkompott infiziert haben, das die Großküche Sodexo an Schulen und Kindergärten ausgeliefert hat.Die Erdbeeren, die als Grundlage für die Nachspeise dienten, wurden als Tiefkühlware aus China importiert, heißt es am Rande der Meldung.

Vom mikrobiologischen Klima mal ganz abgesehen, kann da was nicht stimmen.

Wir lassen also in China Erdbeeren pflanzen und düngen, hegen und pflegen, ernten, waschen, schneiden und verpacken? Und anschließend transportieren wir sie tiefgekühlt – also unter ständiger Zufuhr von Energie – per LKW zum Hafen und von dort aus per Schiff um den halben Erdball, um sie die letzten paar hundert Kilometer wieder per LKW zur Großküche zu karren, wo sie dann aufgetaut und mit Zucker überschüttet werden, damit sie anschließend auf kleinere LKW geladen werden können, die sie endlich zu den Schulen und Kindergärten bringen in denen sie dann gegessen werden? Und wir tun dies nicht, weil chinesische Erdbeeren leckerer, größer, saftiger oder sonstwie besser wären, sondern weil das einfach billiger ist, als die Erdbeeren hierzulande anzubauen, zu ernten und einzufrieren bis einer auf die Idee kommt, Ende September Kompott daraus zu machen? Geht’s noch?

Dass auf diesen Odysseen, die sehr wahrscheinlich nicht nur tiefgekühlte Erdbeeren bis zu unseren Kantinentabletts zurücklegen müssen nicht viel häufiger Krankheitserreger eingetragen werden, darf bestaunt werden. Schließlich ist eine lückenlose Kühlkette von mindestens siebeneinhalb Tausend Kilometern länger gerade für so leichtverderbliche Früchte wie Erdbeeren ein respekteinflößendes logistisches Kunststück.

Und eine völlig sinnlose ökologische Katastrophe.

2 Millionen Tonnen Fleisch in 91 Tagen

„Im ersten Quartal 2012 wurden in Deutschland 2 Millionen Tonnen Fleisch in gewerblichen Schlachtbetrieben erzeugt.“

Bravo! Das Statistische Bundesamt muss einen sachlichen und neutralen Ton für seine Pressemitteilungen wählen, auch für jene zur jüngsten Entwicklung der Fleischproduktion in Deutschland. Beim oben zitierten Satz ist dies einwandfrei gelungen. Auf den ersten Blick. Heftet man ihn aber nicht schnell genug in den Ordner „Zur Kenntnis genommen“ weg, brechen seine Worte auf wie Knospen:

Das ist Literatur! Wie arglos diese fünfzehn Worte daherzukommen versuchen und welche Schlagkraft ihnen doch eigen ist! Wie viel Zeitgeist, wie viel Ideologie und wie viel Kälte darin steckt! Wie präzise der Konsens-Schleier beschrieben ist, den wir kollektiv über Grausamkeiten drapiert haben!

Ich habe Mühe, sachlich zu bleiben und kann mir eine kleine Demontage leider nicht verkneifen.
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Ein Jahr: Ich, rein pflanzlich

Seit einem Jahr lebe ich vegan. Eine gute Gelegenheit für eine Bilanz, finde ich. Und eine gute Gelegenheit zum Verlassen der Seite für alle, bei denen Texte über Veganismus für stark steigenden oder stark fallenden Blutdruck sorgen.

Versuch’s doch einfach

Vom Bulletten-Jieper in der Zeit um mein Diplom mal abgesehen, hatte ich zehn Jahre vegetarisch gelebt, als ich eines sonnigen Abends bei meinem Freund Patrick zum Abendessen eingeladen war. Er hatte Schaschlik gemacht mit Zucchini, Paprika, Aubergine, Gurke und diesem merkwürdigen, faserigen, herzhaften Fleischersatz, den ich bis dato nur vom Hörensagen kannte.  Es war so vorzüglich, dass wir uns wegen permanent voller Münder nur in undeutlichen Wortgruppen verständigen konnten. Patrick erwähnte, dass er schon seit 1994 vegan war und manchmal mit Grauen daran zurückdenke, wie schwierig das in den Neunzigern gewesen sei. Und wie lächerlich einfach es jetzt ist. Von allen Seiten war ich plötzlich vom Veganismus umzingelt: in den Feuilletons wurden Bücher zum Thema besprochen, in meiner Facebook-Timeline erschienen vegane Rezepte, in meiner Nähe wurde ein veganer Fast-Food-Imbiss eröffnet und zwei entfernte Freunde waren kürzlich vegan geworden. Patrick zog das letzte Sojaschnetzel mit den Zähnen vom Holzspieß, stopfte es in eine Backentasche, grinste mich an und fragte: „Warum probierst du es nicht einfach?“ Obwohl ich grundsätzlich höchstens jeden zweiten Trend mitmache, fehlte es mir bei diesem an schlüssigen Gegenargumenten. Ich begann also zu lesen. Duve, Foer, Clements und ein paar vegane Kochbücher. Die China-Study war leider noch nicht draußen. Anschließend war meine innige Liebe zu Käse als einziges ungestrichenes Kontra-Argument auf meiner Liste übrig geblieben. Was mich nicht überzeugte. Ein Jahr: Ich, rein pflanzlich weiterlesen

10 Sätze über das sinkende Schiff

Viel Zeit habe ich in den letzten Tagen damit verbracht, Fotos des auf Grund gelaufenen Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia anzustarren, schamhaft angesichts dessen, was ich dabei empfinde.

Costa Concordia
CC darkroom productions/ Flickr

Die Havarie hat elf Menschen das Leben gekostet, weitere einundzwanzig werden augenblicklich noch vermisst. Fast zweieinhalbtausend Tonnen Schweröle im Rumpf des Schiffes drohen auszulaufen und eines der letzten europäischen Walschutzgebiete zu zerstören. Die vierhundertfünfzig Millionen Euro, die da mit fünfundsechzig Grad Schlagseite im Wasser liegen, sehen ihrer Verschrottung entgegen.

Trotzdem sprüht das Bild des gekenterten Riesenkreuzers in meinen Augen vor Poesie, ist eine Metapher unserer Zeit, ein Icon unserer Hybris, ein Mahnmal.

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Pro Elektronikzölibat

Noch bis übermorgen präsentieren die strahlenden Heiligen unserer modernen Elektronik-Religion die neuesten Götzen auf dem Hightech-Kirchentag CES, der Consumer Electronics-Show in Las Vegas. Und während die einschlägigen Blogs  im 10-Minuten-Takt neue Gadget-Evangelien liefern, bei deren Lektüre mir der Sabber aus dem Mund läuft, kam mir heute eine Greenpeace-Pressemitteilung unter die Augen die mir den ganzen Spaß verdorben hat. Als hätte einer das Fenster meiner WLAN-Weihrauch-geschwängerten Kemenate aufgerissen, damit die frostig-frische Luft meine Sinne wieder klärt. Hat funktioniert.

Es geht um den Greenpeace Guide to Greener Electronics, den die Umweltschützer vierteljährlich aktualisieren, um dem verführten Konsumenten einen kleinen ökologischen Reiseführer für seine nächste Tour durch den Mediamarkt an die Hand zu geben, dessen Empfehlungen sich danach richten, wie stark sich die einzelnen Firmen für den Umweltschutz engagieren, ob sie die Verwendung giftiger Substanzen vermeiden und wie energieeffizient sie produzieren. Diesmal sieht er so aus:

Wer jetzt “Oberflächlicher Bunte-Bildchen-Populismus!” rufen will halte ein. Freilich liefert Greenpeace detailliertere Angaben darüber, wie es zu den einzelnen Bewertungen gekommen ist, und gibt auch bekannt wer die größten Gewinner und Verlier der Öko-Hitparade sind.

Auf der CES selbst wird das Thema weitestgehend vermieden. Obwohl auch hier das eine oder andere grün-angemalte Elektronikspielzeug präsentiert wird, bleibt die Suche nach dem solarbetriebenen Killerrechner erfolglos. Kein Wunder.

Denn selbst wenn Sony-Ericsson, Samsung oder LG mit vermeintlichen Ökohandys um die Gunst der Öko-Aktivisten buhlen, haben diese freilich längst kapiert, dass es am besten für die Umwelt ist sich gar kein neues Handy zu kaufen. (Zumal das alte trotz grober Misshandlung einfach nicht kaputt gehen will, sowie bei mir.)

Denn auch das grünste Handy ist eines Tages Elektroschrott, und nur selten liegt dieser Tag länger als zwei Jahre in der Zukunft. Elektroschrott könnte man freilich umweltschonend recyceln. Billiger aber ist es, ihn in Länder der immer noch so genannten Dritten Welt zu verschiffen, zum Beispiel nach Ghana. Die Geräte die noch funktionieren werden verkauft, der Rest auf Deponien unter freiem Himmel geschmissen, wo – gar nichts mit ihm passiert, so dass die in vielen Geräten enthaltenen Schwermetalle und Gifte nach und nach ausgewaschen werden und den Boden dauerhaft verseuchen.

Wenn Elektronikmärkte die Kirchen von heute sind, dann bin ich für Katholizismus. Der predigt ja Enthaltsamkeit für alle seine Priester. Nicht, dass ich jemals ernsthaft ans Zölibat geglaubt hätte. Es ist das Wesen von Idealen, unerreichbar zu sein. Hauptsache, die Richtung stimmt.

Klimakiller Fleisch

Im letzten Blog-Beitrag hatte ich behauptet, jedes Schulkind kenne die Maßnahmen, die getroffen werden müssten, um den Klimawandel zu begrenzen. Heute habe ich selbst eine neue kennengelernt.

In der öffentlichen Diskussion der Klimawechsel-Argumente wird sie vergessen, sogar Al Gore scheint diese Wahrheit zu unbequem zu sein:

Gut 18% aller klimaschädlichen Gase werden durch den Verzehr von Fleisch verursacht.

Herr Gore verschweigt das vielleicht, weil er selbst jahrelang Vieh gehalten hat. Das aber ändert nichts an der bitteren Wahrheit: Schnitzel, Thüringer Rostbratwurst und Co. tragen mehr zur globalen Erwärmung bei als alle Autos, Flugzeuge und Schiffe dieser Erde zusammen. Die nämlich, schlagen nur mit 13% zu Buche. Das klingt wie eine Ausgeburt der blühenden Fantasie ideologisch verbrämter Klimaaktivisten, ist aber das Ergebnis einer durchaus seriösen Studie, der zur UN gehörenden Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO.

Der weltweite Fleischkonsum steigt stetig an. Während 1950 die 2,3 Mrd. auf der Erde lebenden Menschen rund 45 Mrd. Kilogramm Fleisch verspeisten, konsumierte die 6 Mrd. starke Menschheit im Jahr 2000 bereits 245 Mrd. Kilo  – also mehr als das fünffache. Glaubt man den Prognosen, werden im Jahr 2050 rund 9 Mrd. Menschen 450 Kilo Fleisch verzehren – denn mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eines Landes, wächst der Lebensstandard der Bevölkerung. Und mit diesem offenbar die Lust auf Steak.

Ein Problem daran ist, dass man zur Produktion von einem Kilo Fleisch ungefähr zehnmal soviel Platz braucht, wie zur Produktion eines Kilos Getreide. Dementsprechend beanspruchen beispielsweise die Niederlande schon heute das Vierfache ihrer Fläche zur Deckung des nationalen Fleischbedarfes. Wo? Zum Beispiel dort, wo früher Regenwald war und heute Sojabohnen wachsen, die zu Viehfutter verarbeitet werden. In Brasilien beispielsweise, hat sich die Fläche zum Anbau von Sojabohnen im Vergleich zu 1960 versiebenundfünfzigfacht – hauptsächlich durch die Rodung von Regenwaldflächen im fruchtbaren Amazonasdelta, das noch immer einen unserer wichtigsten Kohlendioxidspeicher und Sauerstoffproduzenten darstellt. Dieser enorme Platzbedarf begründet sich dadurch, dass man einem Tier durchschnittlich 7 Kilo Soja füttern muss, um ein Kilo Fleisch daraus gewinnen zu können.

Wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass knapp die Hälfte der weltweit geernten Getreides nicht etwa von Menschen sondern von Tieren verspeist wird, hat man vielleicht eine zündende Idee, wie zumindest einigen der einer Milliarde hungernden Menschen auf diesem Planeten geholfen werden könnte.

Hauptursache der erschütternden Umweltbilanz des Lebensmittels Fleisch ist aber das im Verdauungstrakt von Rindern und Schafen entstehende Treibhausgas Methan, von dem eine gewöhnliche Milchkuh 500 bis 700 Liter pro Tag (!) ausstößt. Um mit einem Kleinwagen einen vergleichbaren Schaden anzurichten, müsste man anderthalb Mal um die Erde tuckern.

Hinzu kommen die beim Transport des Viehfutters anfallenden Emissionen, jene für Beleuchtung, Betrieb und Heizung der Fleischfabriken und solche für die Verpackung und den Transport des Fleischs.

Würden sich also alle Amerikaner eine Woche lang vegetarisch ernähren, wäre der anschließende Betrieb aller in den USA zugelassenen Autos im darauffolgenden Jahr klimaneutral.

Diese und andere Zahlenspiele präsentiert das folgende Video sehr unterhaltsam:

Es heißt “Meat the Truth” und wurde von der niederländischen Nicolaas G. Pierson Foundation finanziert. Auf deren Seite finden sich umfangreiche Quellenangaben, die unter anderem belegen, dass ein durchschnittlicher Europäer im Laufe seines Lebens:

  • 7 Schafe
  • 24 Kaninchen
  • 43 Puten
  • 789 Fische
  • 1/3 Pferd
  • 5 Rinder
  • 42 Schweine und
  • 900 Hühner isst.
  • Das dass zu viele sind, wird immer mehr Menschen klar. Aber obwohl sich der Anteil an Vegetariern innerhalb der deutschen Bevölkerung in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat, liegt er immer noch unter einem Prozent.

    Das könnte sich jetzt ändern. Weltweit sprießen Initiativen wie Pilze aus dem Boden, die den Verzicht auf Fleisch propagieren. Im belgischen Gent beispielsweise gibt es in allen öffentlichen Kantinen aber zahlreichen privaten Restaurants donnerstags ausschließlich vegetarische Küche. Die ParoleDonderdag Veggiedag” zog Journalisten aus aller Welt an, die die Idee populär machten. Seit Oktober gibt es in der brasilianischen 10-Millionen-Metropole São Paulo den “segunda sem carn”, den Dienstag ohne Fleisch also, Paul McCartney propagiert den “meat-free monday” und auch das sachsen-anhaltinische Magdeburg arbeitet an einem Vegi-Tag.

    Es könnte ein Anfang sein.

    Warum der gescheiterte Klimagipfel auch ein erfolg ist

    Der Klimagipfel in Kopenhagen hat es sehr deutlich veranschaulicht: Nicht die Politiker können den Klimawandel begrenzen sondern – wenn überhaupt – nur die Menschen. Von ihnen aber jeder Einzelne.

    Das Kompromiss-Papier, auf dessen Unterzeichnung sich einige wenige Teilnehmerländer einigten, ist nicht mehr als ein Feigenblatt zur Kaschierung offensichtlich unvereinbarer Interessenskonflikte. Es schreibt lediglich fest, dass versucht werden soll, die globale Erwärmung in diesem Jahrhundert  im Rahmen von maximal 2°C zu halten. Wer dieses Ziel durch welche Maßnahmen erreichen soll, steht da nicht.

    Was ich an der medialen Rezeption dieses Scheiterns sehr verblüffend finde, sind die wüsten Beschimpfungen der sogenannten politischen Klasse, die vornehmlich von deren eigenen Mitgliedern erledigt wird. Grünen-Chefin Claudia Roth beispielsweise posaunte gestern die Parole vom “Gipfel der Verantwortungslosigkeit und der Zukunfts-Blindheit” in jedes Mikrofon, dass ihr zu nahe kam: “Es ist eine Tragödie politischen Versagens, so etwas habe ich noch nicht erlebt.”

    Unbestritten ist es eine Katastrophe, das der Gipfel gescheitert ist. Gerade die Regierungen von Schwellenländern wie Indien oder China müssen die Zügel in die Hand nehmen um die Emissionen ihrer Länder so gering wie möglich zu halten. Für uns aber, die wir in einem der reichsten westlichen Industrieländer über die nötige Zeit und die nötigen Ressourcen verfügen diesen Blog-Eintrag zu lesen, hätte auch ein durchschlagender Erfolg nichts an der Faktenlage geändert.

    Hierzulande kann jedes Schulkind im Schlaf daher beten, was getan werden muss, um zu retten was zu retten ist. Man traut sich gar nicht mehr über Autos, alternative Energien oder das Sparen derselben zu schreiben, aus Angst, die Menschen zu langweilen. Ein erfolgreicher Gipfel hätte uns nichts gelehrt, war wir nicht schon heute wissen – oder wissen könnten. Der gescheiterte Gipfel aber hat das Potential, uns endlich begreifbar zu machen, dass es in der Hand jedes Einzelnen liegt, durch die Veränderung seines Verhaltens zum Klimaschutz beizutragen.

    Das kostet was, das strengt an und wahrscheinlich bedeutet es Verzicht auf Liebgewonnenes. Wem das aber zu viel ist, dem sei die Kritik an Politikern versagt. Ganz offensichtlich braucht er sie, damit sie ihm mit Ge- oder Verboten helfen, seine eigene Verantwortung zu tragen.