Ein paar Notizen zu Moria

Das Leid von Moria hat sich wie ein Schatten auf mich gelegt. Ich fühle mich heuchlerisch, kaltherzig & faul. Hier gibt es frische Brötchen, ein Höckerchen vorm Sessel & Netflix. Dort trinken Menschen Abwasser, hungern & schlafen auf der Straße.

Selten habe ich mich so wenig von dieser repräsentativen Demokratie repräsentiert gefühlt wie jetzt. Selten war das so wenig mein Europa. Selten habe ich mich so sehr vor dieser abwägenden, rationalisierenden, politischen Sprache geekelt.

“Wir brauchen eine europäische Lösung.”, “Einen deutschen Alleingang darf es nicht geben.”, “Wenn wir sie jetzt damit durchkomm lassen, wird es Nachahmer geben. Dann wird das eine Masche.” Und am schlimmsten: “Wir können doch nicht alle retten.”

Dass ich hier im Sessel sitze & nicht dort am Straßenrand ist keine Leistung, nichts auf dass ich stolz sein könnte. Es ist Glück, Zufall, Lottogewinn. Und genausowenig, wie die Leidenden dort ihr Los abwählen können, kann ich die Verantwortung abwählen, die mit meinem kommt.

Ich bin reich, lebe in Frieden, habe Zugang zu Bildung, medizinischer Versorgung & Rechtswegen. Ich kann davon etwas abgeben, ich will davon etwas abgeben & ich muss es. Dann jedenfalls, wenn ich in einer Welt leben will, die moralischer ist als eine Lotterie.

Ja, die Geflüchteten von Moria sind keine Heiligen. Sie wollen Reichtum, Frieden & Sicherheit. Wie wir. Manche sind nur auf ihren Vorteil bedacht. Vielleicht sind manche von ihnen keine guten Menschen. Wie manche von uns.

Über dem Shoppen vorangezwungene Pausen

Ich bin stehengeblieben, um zu glotzen, zu staunen und zu fotografieren; anderen war es keinen flüchtigen Blick wert. Vorm Laden von Bershka im Alexa Shopping Center in Berlin steht eine Schlange von circa 40 Personen, die darauf warten, eingelassen zu werden. Ich war noch nie in einem Bershka-Laden, vielleicht sind die besonders. Und bestimmt gäbe es keine Schlange, wenn nicht Pandemie wäre. Aber trotzdem:

Wie muss man als Person 39 und 40 drauf sein? Wie übersteht man die, ich weiß nicht, 15 oder vielleicht 20 Minuten in der Schlange, ohne vom Eindruck der eigenen Beknacktheit überwältigt zu werden und sich elegant aber zügig wieder in den Strom der am Laden Vorbeieilenden einzureihen und zu verschwinden? Wie kann man es schaffen, in dieser dem Shoppen vorangezwungenen Pause nicht innerlich einzukehren und zu sich zu kommen? Zu reflektieren über Sinn oder Unsinn des anstehenden Konsums, wenn nicht gar der eigenen Existenz?

Schlangestehen vorm Bershka-Store
Schlangestehen vorm Bershka-Store

Brauche ich, was ich in Begriff bin zu kaufen? Was können die beiden löchrigen Jeans-Shorts die in meinem Schrank aufeinander liegen nicht, dass die dritte löchrige Jeans-Shorts, die ich gleich kaufen werde können kann? Ist das, was ich in Begriff bin zu kaufen gut? Ist es nachhaltig? Und wenn nicht: Ist nicht-nachhaltig wirklich immer noch eine akzeptable Option? Ist es seinen Preis wert? Zahle ich, was es wert ist oder möglicherweise wesentlich weniger? Und wenn ich weniger bezahle, als es wert ist, wer bezahlt dann die Differenz? Und wer verantwortet das? Hat das Produkt eine gute Qualität? Will ich überhaupt gute Qualität? Was stimmt nicht mit mir, wenn mir gute Qualität eigentlich egal ist, solange es billig ist und gut aussieht?

Solche Fragen. Ich könnte die nicht vermeiden. Und ich könnte die Antworten nicht aushalten. Und müsste weitergehen.

Die Menschen in der Schlange vermeiden die Fragen recht erfolgreich. Sie stehen, meist in Paaren und unterhalten sich, oder sie stehen allein und telefonieren, oder sie schlürfen am Iced Latte im Plastikbecher in ihren Händen, schimpfen mit fremden Mitwartenden darüber, was zur Hölle denn bloß so lange dauern könnte.

Oder sie glotzen auf ihre Smartphones. Instagram. Hashtag #outfitoftheday.

Surreal normal

Ich wache auf; die Birke und die Sonne sind schon mitten im Schattenspiel, der Position des Schattenspiels auf dem Kleiderschrank nach zu urteilen, ist es ungefähr 8. Mir fällt ein, das Sonntag ist: yay, denke ich, bleibe liegen und tue nichts. Ich lasse mich in meine Gedanken fallen; vorsichtig anfangs, dann mutiger und stelle nach 10, 12 Gedanken zufrieden fest: alles normal. Mir sind diese Momente kostbar geworden. Wann immer ich einen Moment normal erwische, bleibe ich so lange es geht.

Als der Moment vorbei ist, greife ich mein Tablet, öffne die Berliner Zeitung und lese diesen Artikel:

Gegen Corona: Polizei löst Querfront-Demo in Berlin auf

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Fremde Hündin, ferne Hündin

Mit jeder weiteren Person, die ich in der Schlange vor dem Bäcker entdecke als ich um die Ecke biege, blase ich die Backen ein bisschen weiter auf; dann fällt die Genervtheit zu einem Lächeln zusammen. Ganz am Ende der um zwei Meter pro Person zu langen Schlange sitzt ein Hund. Es ist dieser rotschwarzweiße mit den spitzen Ohren und den eleganten, schmalen Pfötchen. Ich bin ihm gestern schon begegnet auf meiner Morgenrunde, aber er durfte nicht zu mir. Jetzt ist er dort am Fahrradständer angebunden, wo ich stehen muss; wo ich selbst dann stehen müsste, wenn ich mich über die Nähe nicht freuen würde. Er freut sich auch. Er wedelt mit seinem buschigen Schwanz als ich ihn anlache; steckt mir den Kopf zwischen die Knie, als ich mich zu ihm hocke; streckt sich, als ich ihm den Hals kratze; legt sich auf den Rücken, damit ich ihr die Brust graulen kann.

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Zurzeit wachsen lassen

Ich liege in der Wanne, den Kopf so tief im Wasser, dass meine Nase eine Insel bildet und versuche, Noten von feinstem Zitronen-, Mandarinen-, und Orangenöl zu unterscheiden. Diese Badekugel soll all das bieten; ich rieche nur Vanille. Vordringlicher als die Wahrnehmungen meiner Nase sind aber die meiner Haut: Dass Wasser ist warm und weich und ich bin warm und weich und ich könnte – solange ich mich nicht bewege – nicht sagen, wo das eine aufhört und das andere anfängt; ebensowenig, wie ich zurzeit – solange nicht Wochenende ist – sagen könnte, wann welcher Tag anfängt oder endet, oder warum das wichtig sein könnte.

Ich stehe auf, ich laufe, ich mache Yoga, ich meditiere. Ich arbeite, ich esse, ich arbeite, ich esse. Ich laufe, ich sehe einen Film, ich bin müde, ich schlafe. Dann stehe ich wieder auf.

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Radius

Ich soll nur noch rausgehen, wenn ich muss, aber obwohl ich mich zusammenreiße so gut ich kann, ist mein Müssen ein anderes als dasjenige, das die Kanzlerin neulich im Fernsehen erklärte.

Ich muss jeden Tag, ich kann sonst nicht schlafen, weil die Muskeln in meinen Beinen nachts zu zucken anfangen – um ihren gerechten Anteil betrogen.

Ich bekomme ein Gefühl von Radius. Wie ein auf einer Wiese an einem Seil angepflocktes Schaf.

Nicht bloß, dass ich nur soweit von meiner Wohnung weggehen kann, wie ich im Stande und gewillt bin zu Fuß zurückzugehen, sondern auch, dass ich da schon überall war, hunderte Male, dass ich jeden Halm kenne und jede Wurzel, gut genug, um nicht mehr darüber zu stolpern.

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Landtag in Thüringen: Bloß keine Angst vor der AfD

Ich habe ein paar Tage gebraucht, die Ergebnisse der Landtagswahl 2019 in Thüringen zu verdauen. Die Linke stärkste Kraft. Die sogenannte AfD ihr dicht auf den Fersen. Die CDU abgeschlagen auf Platz 3. Alle anderen Parteien unter ferner liefen. Und nu?

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Fokus auf Freiheit: Das neue Framing der sog. AFD

Jörg Meuthen hat gestern anlässlich des deutschen Nationalfeiertags ein Video veröffentlicht, in dem er seine Sorge um unser Vaterland zum Ausdruck bringt. Auf Twitter erntet das Video viel Spott wegen der pseudo-staatsmännischen Aufmachung und den zugegeben irritierend lauten Mund- und Speichelgeräuschen Meuthens. Trotzdem lohnt sich das Zuhören.

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Kronkorken der Schöpfung

München, ja? Das coolste an dieser Stadt ist definitiv die Isar. Breit und flach und kühl schneidet sie eine Aue mitten in die Stadt und erstickt den Verkehrslärm mit ihrem freundlichen Rauschen.

Menschen, ja? Nach der Arbeit und sonntags und in der Mittagspause kommen sie, sitzen am Ufer und leben. Und trinken Bier. Wir sind in Bayern. Wir trinken Bier hier.

Und den Müll? Lassen wir hier. Wir schwafeln von Natur und Schönheit und kaufen Naturradler und Ökobier und fühlen uns super. Aber die Kronkorken, die aus Alu sind und Kunststoff und niemals verrotten, die lassen wir hier. Und Kippen auch.

Hier die Menge an Kronkorken, die ich innerhalb von 20 min in einem Umkreis von 30 x 30 m gesammelt habe.

Menschen, ne? Verstehe ich nicht.