Politik der Worte #4:
Die doppelte Verneinung Donald Trump(s)

Auf der Pressekonferenz zum meiner Meinung nach medial völlig überschätzten Treffen zwischen Trump und Putin am Montag, antwortete der amerikanische Präsident auf die Frage, ob sich der russische Geheimdienst zu Trumps Gunsten in den Präsidentschaftswahlkampf 2016 eingemischt habe:

I don’t see any reason why it would be.

Also ungefähr: Ich sehe keinen Grund, warum es (Russland) das getan haben sollte. Hier ein Mitschnitt.

Gestern dann, nur einen Tag später, verlas er vor der Presse eine Erklärung, in der richtigzustellen versuchte, dass er sich – leider leider – versprochen habe.

I said the word ‚would‘ instead of ‚wouldn’t‘. […] The sentence should have been: I don’t see why it would’nt be Russia.

Also ungefähr: Ich sehe keinen Grund, warum Russland das nicht getan haben sollte. Auch das hier zum Selbergucken:

Das ist auf so vielen Ebenen durchgeknallt, dass ich mich am Liebsten zu glauben weigern möchte, dass es wirklich passiert.

      1. Niemand bestreitet, dass sich jemand die Präsidentschaftswahlen 2016 eingemischt hat. Es ist ein akzeptierter Fakt, dass die Wahl zu Trumps Gunsten manipuliert wurde. Oder noch deutlicher: Möglicherweise ist Trump überhaupt nicht gewählt! Und dennoch bleibt er Präsident. Er tritt nicht zurück. Die Wahl wird nicht wiederholt. Und auf Pressekonferenzen muss er sich nicht dafür rechtfertigen, dass die Wahl gefälscht wurde, sondern nur dafür von wem.
      2. Trumps Pressekonferenz in Helsinki wurde live übertragen. Es gibt Tausende Mitschnitte davon im Netz. Es gibt Transskripte. Es gibt Kontext. Jeder kann mit zwei Klicks Wort für Wort nachvollziehen, was genau Trump gesagt hat. Und jeder der das tut, kann zu keinem anderen Schluss kommen, als dass Trump genau das meinte, was er gesagt hat. Einen einzigen Satz nach seinem vermeindlichen Would-vs-wouldn’t-Versprecher sagt er, dass er gern Beweise für die Manipulation sehen würde, nämlich die Server mithilfe derer die Manipulation stattgefunden haben soll. Dann schwadroniert er ein bisschen über die verschwundenen E-Mails von Hillary Clinton, damit alle kurz von der Frage abgelenkt sind, was das eine mit dem anderen zu tun haben könnte, um dann rauszuhauen, dass er sich beim besten Willen nicht vorstellen könne, dass solche Server in Russland verschwinden würden. Nach Trumps Antwort ergänzt Putin, dass er ja selbst einmal Geheimdienst-Agent gewesen sei. Soll mich das beruhigen? Soll ich das als Warnung vor Putins smart-listigem Methoden-Repertoire verstehen? Passiert das wirklich? Tut es. Allen Ernstes.
      3. Und dann? Nach nur einem Tag derbem medialen, oppositionellem und partei-internem Shitstorm rudert Trump zurück und behauptet das Gegenteil dessen, was er gestern sagte. Er vertraue seinen Geheimdiensten und deren Schlussfolgerung, dass es Russland gewesen sein muss, das sich in die Wahl eingemischt habe selbstverständlich und er habe in seinen Ausführungen lediglich eine Silbe verschluckt, nach deren Ergänzung ja nun alles klar sein müsste. Allen, die ein Gehirn haben, kann gar nichts klar sein! Trump sagt nämlich auch: Es hätten auch andere gewesen sein können. (Could be other people also.) Und er kommt durch damit.

    Wäre das ein Roman würde ich ihn augenrollend beiseite legen: Zu platt. Zu laut. Zu plakativ. Das hier aber ist: die Wirklichkeit. Wir leben in einer absurden Polit-und Mediensatire und ich verstehe nicht, warum.

    Wie kann es sein, dass ausgerechnet in der wegen der Omnipräsenz von Mediem transparentesten aller bisherigen Gesellschaften auf diesem Planeten ein Mann Macht über Atomwaffen behalten kann, der so offensichtlich lügt?

  • Wie kann es sein, dass ein Mann Präsident der vereinigten Staaten von Amerika bleibt, der so leicht zu beeinflussen ist? Der erst der Manipulation Putins erliegt und dann vor der Wut von dessen Gegnern einknickt?

Wie kann irgendjemand noch ernsthaft daran glauben, dass mit so einem Mann stabile Politk möglich ist?Kneift mich mal jemand?

Ich sitze hier in meinem Münchner Arbeitszimmer und habe zugegeben nur wenig Ahnung, was in den USA los ist. Wie sich das dort anfühlt. Was Leute die dort leben versuchen, damit das Land wieder von jemandem regiert wird, der verlässlich ist. Ich beruhige mich mit dem Gedanken, dass es Millionen von Nordamerikanern gibt, die sich oppositionell engagieren und die das alles genauso sehen wie ich – oder noch drastischer. Und die das Gefühl haben, etwas tun zu können, außer sich aufzuregen.

Ich wünsch euch viel Kraft.

Über mit Teilnahmslosigkeit verwechselte Ratlosigkeit am Beispiel der Krim-Krise

„Steinmeier ist jetzt Braunmeier, ansonsten bleibt alles beim Alten. Es lebe der faschistische Putsch in der Ukraine!“

Ich sehe von meinem Reader auf und blicke in das Gesicht eines Verkünders. Ich sitze in einem Zug, der Zug steht am Berliner Hauptbahnhof, der Mann ist vor 10 Sekunden eingestiegen. Es ist Montag, es ist früh am Morgen. Ich brauche einige Sekunden, bevor ich geistig bei ihm bin. Zu lange. Der Mann hat sich bereits von mir abgewendet und macht sich auf zum nächsten Waggon. Auch dort verkündet er lauthals seine Botschaft, damit sie jeder vernimmt. Allein sein überlegenes Grinsen unterscheidet ihn von einem Marktschreier. Dieses Grinsen in seinem Gesicht hat mich gestört, noch bevor ich verstanden habe, worum es dem Verkünder geht. Offen gestanden habe ich das immer noch nicht verstanden.

Ich sehe in die Gesichter der anderen Reisenden. Gemäß einer stummen Absprache setzt kollektiv abschätziges Gekicher und Geschnaube ein, sobald sich die Wagontür hinter dem Verkünder schließt. Eine fein frisierten Frau murmelt: „Armer Trottel.“ Könnte auch sein, dass ich der Trottel bin, denke ich. Oder sie mit ihren perfekten Haaren. Oder wir alle. Über mit Teilnahmslosigkeit verwechselte Ratlosigkeit am Beispiel der Krim-Krise weiterlesen