Bäume pflanzen beim Bahnfahren

Nachdem ich mit mehr als 30 Hin- und Rückflügen im letzten Jahr eine fast so katastrophale Ökobilanz wie ein tüddeliges Kreuzfahrtschiff hatte, versuche ich dieses Jahr, alles wieder gut zu machen. Ich fahre Bahn. Viel. Eigentlich nur. Ich habe mir eine BahnCard 100 gekauft und nachdem alle kurz „Boah, die ist aber teuer!“ gerufen haben, will ich kurz erklären, warum das nicht stimmt.

Eine BahnCard 100 kostet 4.270 Euro im Jahr. Als Inhaber der sogenannten „schwarzen Mamba“ darf ich in jeden Zug einsteigen der mir gefällt und zwar wann immer ich möchte. Auch in Privatbahnen. Auch in S-Bahnen. In allen Städten in denen das City-Ticket gilt sogar in U-Bahnen, Hochbahnen, Straßenbahnen und Busse. Mir ist in diesem Jahr noch kein öffentliches Verkehrsmittel untergekommen, dass ich nicht hätte benutzen dürfen. Und zwar ohne weitere Mehrkosten. Mit anderen Worten: Ich habe Mobilitätskosten von 355,84 Euro jeden Monat. Ich muss kein Auto abbezahlen und auch nicht auf ein neues sparen, ich zahle keine Versicherung, ich tanke nicht, ich parke nicht, ich benutze keine Waschanlagen, ich zahle keine KFZ-Steuern, keine Durchsichten, keine Reparaturen, keine Unfälle. Und auch keine Monatskarten. Ich zahle 355,84 Euro jeden Monat und bin: frei. Zudem kann ich die Zeit im Zug nutzen. Zum Schlafen, Arbeiten, Lesen oder Schreiben. Und: Ich reise mit Ökostrom und finanziere ein Unternehmen, dass sich wirklich viel Mühe in Sachen Ökologie macht. Ja, auch in Sachen Marketing und Greenwashing. Aber wer hat, der kann.

Das einzige, was mir an meiner BahnCard bis heute ein bisschen sinnlos vorkam, waren die über 4.000 bahn.bonus Punkte, die ich beim Kauf automatisch sammle. Normalerweise kann man die benutzen, um sich Freifahrten zu organisieren, aber in meinem Fall fahre ich sowieso überall frei – bzw. habe schon alle möglichen Fahrten bezahlt. Von Upgrades in die 1. Klasse halte ich nichts, weil mein Arsch auf Plüsch genauso gut sitzt wie auf Leder und weil sich die Servicewüste Deutschland nirgendwo so hartnäckig hält, wie im BordBistro der Deutschen Bahn, locken mich auch Verzehrgutscheine nicht.

Heute habe ich Herausgefunden, dass man mit seinen bahn.bonus-Punkten Bäume pflanzen kann. Und zwar nicht im lateinamerikanischen Dschungel (wo wir sie zweifelsohne auch brauchen), sondern in Deutschland (wo sie angesichts des extrem trockenen und heißen Sommers ebenso notwendig sind). Das Bergwald Projekt ist ein eingetragener Verein, der sich nicht nur um gezielte Wiederaufforstung kümmert sondern auch um weniger plakative Dinge, wie die gezielte Artendurchmischung von bisher reinen Fichtenwäldern oder Wildnispädagogik, damit künftige Generationen ihren Müll nicht so sorglos im Wald entsorgen wie viel zu viele Leute heute.

Schon mit 500 bahn.bonus-Punkten ist man dabei – damit kann man einen Betrag von 10 Euro spenden – genug für zwei Bäume. 500 Punkte sind sogar für Reisende leicht zu schaffen, die einige Male im Jahr mit einer BahnCard 25 oder 50 reisen. Und als letzte kleine Entscheidungshilfe: Eine einzelne ausgewachsene Linde produziert 4,5 Tonnen Sauerstoff – in einem Jahr. Das ist mehr als ein einzelner Mensch in 13 Jahren veratmet.

Gute Reise!

Müllsammeln wirkt!
(Plogging #4)

Inzwischen habe ich es ein paar Mal gemacht, inzwischen habe ich bisschen Routine. Im Grunde kann man einen leeren Müllsack zumindest in Berlin auf jedem Waldspaziergang gebrauchen. Und ein paar Einweghandschuhe auch, denn manchmal wird es zugegeben bissi widerlich. Aber inzwischen stresst es mich mehr, den Müll mangels Transportbehältnis in der Natur liegen lassen zu müssen, als ein bisschen Ausrüstung mit mir herumzutragen, nur für den Fall dass.

Was ich inzwischen auch gelernt habe, ist mir nicht mehr bescheuert dabei vorzukommen, mit einem Müllsack auf dem Rücken durch den Wald zu stolpern um die manifestierte Dummheit anderer Menschen wegzuräumen. Anfangs habe ich lieber einen kleinen Umweg gemacht, wenn mir jemand entgegenkam oder bin abgebogen, um die Begegnung zu vermeiden. Von den Malen in denen mir das nicht gelungen ist weiß ich aber, dass sie Scham meist nicht meinerseits ist.

Töchter fragen ihre Mütter leise, was die beiden Männer da machen, nach dem sie uns passiert haben. Jungs fragen ihre Väter, ob wir Pilze sammeln. Die Erklärungen der Eltern höre ich leider nicht, aber wenn ich sie mir vorstelle, erfüllt mich das mit Stolz.

Manche Menschen bleiben stehen und beobachten uns eine Weile ungläubig, bevor sie weiter gehen; andere sprechen uns direkt an. Und das ist meistens sehr schön. „Ach, Sie sammeln wohl Müll?“ Meist spricht man dann ein paar Minuten über die Gedankenlosigkeit der Menschen und darüber, dass das früher nicht so war. Obwohl ich gerade beim letzten Argument eigentlich nicht ernst bleiben kann, muss ich hier leider zugegeben, dass es stimmt. Und eigentlich immer enden die Gespräche damit, dass uns die Leute sagen, dass sie sich ein Vorbild an uns nehmen wollen. Und das freut mich. Dolle.

Heute sind wir ganz bewusst gegen 14:00 Uhr los gegangen, zu der Zeit, zu der die meisten Leute im Park sind. Und wir sind ganz gezielt zum Spielplatz gegangen, zur Badestelle und zum alten Wildgehege. Dort, wo sich die Leute aufhalten, Kekse aus Folie essen, Capri Sun aus Beutelchen zutschen und Kaffee aus Pappbechern mit Plastikdeckeln schlürfen, sind wir heute mit unserem großen grauen Müllsack erschienen und haben wortlos den Müll vom Boden eingesammelt.

Das hat sich ein bisschen wie eine 2-Mann-Demo angefühlt, aber wie eine die wirkt.

Ich halte nichts vom Gefühl der moralischen Überlegenheit – es ist meistens falsch und niemals führt es zu etwas Gutem. Aber der Gedanke, dass heute zwei oder drei Menschen ihr Eispapier lieber in ihre Hosentaschen gestopft haben, anstatt es achtlos in den Wald zu schmeißen, fühlt sich gut an.

Fast so gut, wie der volle Müllsack auf meinem Rücken – nach nur 30 Minuten Sammelei.

Müll des Tages
Der Müll des Tages

 

Bitter: Trotz bio blöd.
(Plogging #3)

Ein bisschen ist es wie ein Tick. Wenn du einmal angefangen hast, auf den herumliegenden Müll zu achten, kannst du nicht mehr damit aufhören. Ich will nicht verleugnen, dass mich das Plogging alles in allem zu einem wütenderen Menschen macht. Und auch nicht, dass mich das Müllsammeln mit zahlreichen guten Argumenten gegen die angebliche Intelligenz der Menschheit versorgt, auf die wir uns so viel einbilden.

Heute ein ganz besonders delikater Fall von: Geht’s noch?!

Leerer Kaffeebecher der Bio Company
Bitter: Blöd trotz bio

Du bist bereit einsfuffzich mehr als nötig in deinen Kaffee zu investieren, weil dir wichtig ist, dass er bio ist? Fein! Du magst, dass dein Bio-Kaffee-Dealer den Produzenten mehr zahlt als er müsste, um in den Anbauländern für auskömmliche Verhältnisse zu sorgen? Super! Du hattest deinen wiederverwendbaren Kaffeebecher heute ausnahmsweise nicht dabei? Kann passieren. Und die Biocompany macht bei Recup noch nicht mit? Nicht deine Schuld. Aber wenn du deinen ethisch korrekten Wachmacher schon in einem von 480.000 Einwegbechern mit 15 Minuten Lebenszeit kaufen musst, die allein in Berlin jeden einzelnen Tag verbraucht werden, dann versau doch nicht den ganzen Spaß, indem du ihn einfach ins Gebüsch schmeißt, wenn er leer ist.

Dieses Mal habe ich in weggeräumt für dich.
Nächstes Mal schaffst du das selber, Prinzessin.
Gefälligst.
Ist nämlich nicht dein verdammtes Königreich hier.
Sondern unser aller.

Hambacher Forst: Die Energiewende macht ernst.
Bitte mach mit.

Bis zu 3.500 Polizisten sind gestern im Hambacher Forst angerückt, um ca. 150 Menschen aus ca. 60 Baumhäusern zu vertreiben. Diese Zahlen bitte mal kurz wirken lassen.

Die Polizisten erschienen mit Schilden und Schlagstöcken, begleitet von Räumpanzern und Wasserwerfern. Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul geht nämlich davon aus, dass man es mit „extrem gewaltbereiten Linksextremen“ zu tun habe, die aus ganz Deutschland und teils sogar aus dem Ausland angereist seien. Auch Ministerpräsident Laschet spricht von „illegal besetzten Gebieten“.

Klingt übertrieben? Ist es vielleicht nicht. Zahlreiche Umweltverbände (Nabu, BUND, Greenpeace) aber auch politische Organisationen rufen zu Protesten auf. Könnte sein, dass die Räumung ein ziemlich langwieriges, ziemlich schwieriges Unterfangen wird. Aber warum?

RWE hat bereits 3.900 ha des einst 4.100 ha großen Waldgebietes gerodet um die darunterliegende Kohle abzubauen und zu verstromen. Die verbliebenen 200 ha stehen zu lassen, würde den Konzern nicht in den Konkurs treiben.

Sie aber auch noch zu verlieren, würde Deutschland andererseits ebenso wenig in ein stinkendes, dunkles Mordor verwandeln. Nach wie vor ist gut ein Drittel unseres Landes bewaldet; Deutschland ist damit eines der waldreichsten Länder der europäischen Union.

Bei den Protesten geht es auch nicht um die Bekämpfung furchtbaren Unrechts. RWE hat das mehrfach gerichtlich verbriefte Recht, den Wald zu roden. Rechtlich gesehen ist das Bauen und Bewohnen von Baumhäusern im Hambacher Forst das einzig Illegale, dass sich bis gestern Morgen dort zugetragen hat. Der Wald gehört nämlich RWE. Und dort zu wohnen ist Hausfriedensbruch. Und Hausfriedensbruch macht man nicht. Um Hausfriedensbruch in den Griff zu kriegen, muss man aber auch nicht mit Räumpanzern und Wasserwerfen anrücken. Man könnte zum Beispiel klagen. (Und man könnte auch mal grundsätzlich darüber nachdenken, ob man als Gesellschaft Wälder in Privatbesitz wollen kann.)

Wenn es um all das nicht geht, worum geht es dann? Warum ist der Protest so breit und so hartnäckig? Warum machen sich Aktivisten seit sechs Jahren (!) die Mühe, den Wald zu bewachen und Baumhäuser darin zu bauen und zu bewohnen? Der Hambacher Forst ist einem Symbol. Es geht um:

„Energiewende jetzt & in echt“
versus
„Energiewende ganz bald & mal gucken wie.*“


*) oder vielleicht doch lieber keine Energiewende.

Denn mal ehrlich: Kann es richtig sein, eine seit 12.00 Jahren bewaldete Fläche zu roden und damit einen lebenden und arbeitenden Kohlenstoffdioxid-Speicher zu vernichten, um anschließend seit Jahrtausenden unter dieser Fläche gebundenen Kohlenstoff abzubaggern und ihn zur Stromerzeugung zu verbrennen – also in zusätzliches Kohlenstoffdioxid zu verwandeln? Im Jahr 2018? In einem hoch entwickelten Land wie unserem? Nein, daran kann nichts richtig sein. Rechtens von mir aus, aber nicht richtig.

Ja, es ist bitter für die 21.000 im Braunkohle- und immerhin noch 6.000 im Steinkohle-Bergbau beschäftigten Arbeiter und Angestellten, aber: Ihre Jobs müssen leider wegfallen. Und nein, ich finde nicht, dass das eine unbändige Härte ist. Fast alle Jobs in fast allen Branchen verändern sich durch Digitalisierung, Automatisierung und die Energiewende grundlegend. Ich wüsste nicht, aus welchem Grund Staat und Gesellschaft diese Entwicklung ausgerechnet im Bergbau künstlich verhindern sollten. Und auch nicht, mit welchem Ziel. Zumal dann nicht, wenn der Preis für diese museale Subventionierung eine (wenn auch minimale) Beschleunigung der Erderwärmung und ein weiteres Stück Mondlandschaft auf Erden ist.

Der Bundesregierung dämmert inzwischen, dass das immer mehr Menschen so sehen, deshalb hat sie eine Kohlekommission einberufen, die einen zeitlichen und organisatorischen Vorschlag für den Ausstieg aus der Kohle als Energieträger erarbeiten soll. Schon im Juni. Dieses Jahres. Offiziell heißt die mit Politikern und Vertretern von Wirtschafts- und Umweltverbänden besetzte Gruppe „Kommission für Wachstum, Strukturwandel und Beschäftigung“.  Die Begriffe Kohle, Umwelt, Nachhaltigkeit oder Zukunft haben leider keinen Platz im Namen gefunden. Mit Blick auf die Situation im Hambacher Forst drohen die Vertreter der Umweltverbände allerdings damit, die Kommission zu verlassen, falls die Abholzung tatsächlich im Oktober beginnt. Bis zur Vorlage handfester Ergebnisse wird es also dauern.

Die Menschen im Hambacher Forst demonstrieren dafür, die Energiewende endlich anzupacken – jetzt und mit allen Konsequenzen die sie hat und haben muss. Für Konzerne. Für  ihre Lobbyisten. Für ihre Beschäftigten. Für Politiker. Für ihre Wähler. Für dich. Und für deine Kinder. Ich bewundere sie für ihren Mut und ihre Konsequenz. Was du tun kannst? Einiges.

Auf der Webseite des Freundeskreis Hambacher Forst gibt es einen Ticker, der über aktuelle Entwicklungen und anstehende Demo-Termine informiert.

Schriftliche Appelle an politisch Verantwortliche können auf den Websiten von Greenpeace und dem BUND versandt werden.

Lobbyisten schmutziger Energie – und es geht auch um Lobbyismus hier – trifft man aber am Härtesten, in dem man endlich aufhört, ihren klimaschädlichen Strom zu kaufen.

Der Wechsel zu grüner Energie ist leicht und muss nicht teuer sein. Von den großen Konzernen unabhängige bundesweit agierende Anbieter für Ökostrom sind:

Und ja, das ist eine vollständige Liste. Alle anderen Anbieter sind über direkte oder indirekte Beteiligungen mit RWE, E.ON oder Vatenfall verbunden, oder agieren wie die hoffnungsvollen Berliner Stadwerke (noch) nicht bundesweit.

Plogging #2: Da ist Müll im Wald, aber was ist in euren Köpfen?

Das Müllsammeln letzte Woche hat mich noch ziemlich lange beschäftigt. Heute waren wir wieder unterwegs. Es gibt so vieles, was ich einfach nicht kapiere. Hier mal exemplarisch drei Dinge.

  • Hundekacke. Widerlich, ja. Stinkt, klebt, sieht hässlich aus. Soll man wegmachen. Dafür gibt es kleine Beutelchen. Manche abbaubar, die meisten aber aus Kunststoff und damit im Gegensatz zu dir oder deinem Hund bestens gewappnet, die nächsten 1.000 Jahre zu überleben. Wenn dein Hund in den Wald kackt und weit und breit kein Mülleimer zu sehen ist, dann lass den Scheiß doch bitte einfach liegen. Ein engagiertes Team aus Mikroben, Käfern & Scheißhausfliegen kümmern sich drum. Aber Hundekacke im Wald in ein Plasticksackerl zu füllen, dieses zuzuknoten und ins Gebüsch zu schmeißen ist ungefähr so sinnvoll, wie im Winter bei offenem Fenster das Weltall zu heizen oder den Wald mit Badreiniger zu putzen. Meine Güte!
  • Glasflaschen. Es hat in Berlin seit Mai genau vier mal geregnet. Nie länger als eine Stunde. Waldbrandstufe 4 ist keine Bild-Schlagzeile zur Auflagensteigerung, sondern tatsächlich sehr gefährlich. Wir hatten dieses Jahr schon Waldbrände und den letzten konnte ich auf meinem Balkon riechen. Deine weggeschmissene Glasflasche verrottet nicht in 1.000 Jahren, sondern überhaupt gar nie nie nie. Deshalb finden Archäologen noch heute jahrtausendealte Glaskaraffen im Untergrund, bevor wir schicke neue Shopping-Malls drauf bauen. Wenn du zu faul bist, deine Glasflasche wieder dahin mitzunehmen, woher du sie mit gebracht hast, schmeißt du damit ein Brennglas in den Wald, das den Ausbruch des nächsten Waldbrandes begünstigt. Das ist wie Lotto. Nur in böse.
  • Getränkekartons. Saft, Billigwein, Milchmixgetränke. Lecker für unterwegs. Und praktisch. Immerhin ist der Karton viel leichter als Glas,  und lässt sich wenn er leer ist flach zusammenfalten um ihn einfach wieder mit nach Hause zu nehmen und in die gelbe Tonne zu entsorgen. Auf dem Waldboden hat das ausgeklügelte Konglomerat von Wachs, Aluminium, Papier und Kunststoff jedenfalls keine Chance zu verschwinden – der Ort wird hässlicher sein, wenn du jemals zurück kommst. Mach das also lieber nicht.
Plogging2
Plogging, zweiter Versuch

Jedenfalls sind mein Mann und ich heute wieder aufgebrochen. Diesmal mit einem 100 Liter Müllsack. Wir haben 40 Minuten gebraucht um den Sack im Volkspark Jungfernheide komplett voll zu machen. Ein bisschen hat sich das tatsächlich nach Sport angefühlt. Regelmäßiges Bücken, Schleppen von einigen Kilo Gewicht und bisschen Strecke macht man auch. Vielleicht wird Plogging ja doch zur neuen Trendsportart. Die Natur würde es uns danken.

Böller statt Moralapostelei

Nichts nervt mich zwischen den Jahren so sehr, wie dieses ewige XY-statt-Böller-Moralapostelei: Brot für die Welt findet, ich sollte lieber Geld spenden, als davon Böller zu kaufen; das Tierheim aus dem ich meinen Hund habe will, dass ich Katzenfutter davon bezahle und der Online-Lebensmittelversand meiner Wahl schlägt vor, gleichermaßen Menschen und Tiere zu unterstützen, aber um Himmels willen doch bitte nicht zu knallen.

Ich möchte aber Böller kaufen.

Ich liebe es, an Silvester Raketen in den Himmel steigen zu lassen. Und wenn es die Raketen nur in einer Sammelpackung mit Böllern gibt, dann zünde ich auch die. Mit Freuden. Und aus Gründen.
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10 Sätze über chinesische Erdbeeren

Gestern wurde bekannt, dass sich die 11.200 Personen, die in den letzten Wochen vor allem in Ostdeutschland wegen Brechdurchfalls behandelt werden mussten, wahrscheinlich durch den Verzehr von Erdbeerkompott infiziert haben, das die Großküche Sodexo an Schulen und Kindergärten ausgeliefert hat.Die Erdbeeren, die als Grundlage für die Nachspeise dienten, wurden als Tiefkühlware aus China importiert, heißt es am Rande der Meldung.

Vom mikrobiologischen Klima mal ganz abgesehen, kann da was nicht stimmen.

Wir lassen also in China Erdbeeren pflanzen und düngen, hegen und pflegen, ernten, waschen, schneiden und verpacken? Und anschließend transportieren wir sie tiefgekühlt – also unter ständiger Zufuhr von Energie – per LKW zum Hafen und von dort aus per Schiff um den halben Erdball, um sie die letzten paar hundert Kilometer wieder per LKW zur Großküche zu karren, wo sie dann aufgetaut und mit Zucker überschüttet werden, damit sie anschließend auf kleinere LKW geladen werden können, die sie endlich zu den Schulen und Kindergärten bringen in denen sie dann gegessen werden? Und wir tun dies nicht, weil chinesische Erdbeeren leckerer, größer, saftiger oder sonstwie besser wären, sondern weil das einfach billiger ist, als die Erdbeeren hierzulande anzubauen, zu ernten und einzufrieren bis einer auf die Idee kommt, Ende September Kompott daraus zu machen? Geht’s noch?

Dass auf diesen Odysseen, die sehr wahrscheinlich nicht nur tiefgekühlte Erdbeeren bis zu unseren Kantinentabletts zurücklegen müssen nicht viel häufiger Krankheitserreger eingetragen werden, darf bestaunt werden. Schließlich ist eine lückenlose Kühlkette von mindestens siebeneinhalb Tausend Kilometern länger gerade für so leichtverderbliche Früchte wie Erdbeeren ein respekteinflößendes logistisches Kunststück.

Und eine völlig sinnlose ökologische Katastrophe.

IN-Vitro: Grünes Fleisch

Wer seine Rostbratwurst nach der Vorführung von Meat the truth immer noch genießen kann, nutze die Zeit, die er mit dem Lesen dieses Blogbeitrages verschwenden würde besser dafür, mit seinem Hummer mal eben zum Zigarettenautomaten an der Ecke zu fahren und danach vielleicht noch ein paar Runden um den Blog. Für all jene, die Rostbratwurst immer noch mögen, die aber schon beim Kauen ein schlechtes Gewissen plagt, naht Hilfe. Aus zahlreichen Laboren rings um den Globus.

Forscher der Universtität Utrecht versuchen mit großzügiger finanzieller Unterstützung der niederländischen Regierung Fleisch im Labor zu züchten. An Collagen-Gittern in einer Nährlösung nämlich. Wissenschaftler spendenfinanzierter Konsortien wie die britische Gruppe New Harvest oder The In Vitro Meat Consortium aber natürlich auch kommerzielle Unternehmen wie die norwegische Nofima versuchen ihnen im Wettstreit um die erste künstliche Brühpolnische zuvorzukommen.

Warum?

Bis 2050 wird sich der Fleischkonsum der Menschheit voraussichtlich auf 450 Mrd. Kilo jährlich verdoppeln, inklusive aller negativen Auswirkungen, die die Produktion von Fleisch mit sich bringt. Die hierdurch explosionsartig ansteigenden Emissionen, die fortschreitende Abholzung des Regenwaldes zum Anbau von noch mehr Viehfutter und die weitere Verschlimmerung der Lebens Haltungsbedingungen der Tiere wären einfach nicht vertretbar. (Wer glaubt ernsthaft sie wären es heute?). Der rasant wachsende Appetit auf Schnitzel und Steak lässt dennoch Dollarzeichen in den Augen findiger Geschäftsmänner aufblitzen, besonders wenn diese Aussicht darauf haben, diesen Hunger schon bald sehr günstig künstlich zu stillen. Auch aus Konsumentensicht keine schlechte Idee: Das Fleisch wäre frei von zugefütterten Antibiotika und Hormonen und würde Massentierhaltung, Futteranbau und lange Transportwege obsolet machen.

Nur leider will einem einfach nicht das Wasser im Munde zusammenlaufen, wenn man weiß, dass der duftende Bratling des Burgers in deiner Hand nicht aus der Hüfte eines wilden argentinischen Rinds sondern aus einem in einer Nährlauge vor sich hin wachsenden Kunstfleischklumpens geschnitten wurde.

Zur Herstellung desselben bedient man sich Methoden, die sich schon heute zur Züchtung von Haut- oder Knorpelzellen für medizinische Zwecke bewährt haben. Biologisch betrachtet steht In einer Nährlösung werden tierische Stammzellen (je nach Gusto vom Huhn, Schwein, Rind oder auch Fisch) zu Muskelzellen ausgebildet. Henk Haagsman von der Universität Utrecht dazu:

“Damit die Muskelzellen nicht wie Mus aussehen, sondern ihre typische faserige Konsistenz erhalten, müssen sie wie im lebenden Organismus mehrere Wochen trainiert werden. Dafür wiederum muss das Gerüst beweglich sein, indem es sich beispielsweise durch Temperaturunterschiede ausdehnt und zusammenzieht. Nach der Wachstumsphase werden die dünnen Fleischschichten dann übereinandergestapelt, um dickere Scheiben zu erhalten.”

So ließen sich verhältnismäßig einfach Fleischflocken für Würstchen, Bratlinge und Nuggets herstellen. Als Königsdisziplin gilt jedoch das künstliche Steak.

“Schnitzel oder Steaks brauchen zusätzlich feinste Äderchen, um Blut und Nährstoffe auch zu den innen liegenden Zellen zu transportieren. Das ist aufwendig. Vladimir Mironov von der Universität South Carolina versucht dies beispielsweise mit dünnen essbaren Röhrchen aus Chinin zu erreichen.”

Erste Erfolge gibt es bereits. Schon 2002 züchtete daher Morris Benjaminson vom New Yorker Touro College erfolgreich Muskelgewebe von Goldfischen in einer Nährsubstanz aus Maitake-Pilzen.

Das liest sich alles ein bisschen ekelerregend, ist aber auf den zweiten Blick sogar etwas weniger pervers als die Zustände der heutigen Massentierhaltung. Spannend ist, dass das Laborfleisch neue Lobbys schmiedet und zwar aus Protagonisten, die sich noch bis vor kurzem engagierte Hahnenkämpfe lieferten. Plötzlich ziehen Industrie, Genforscher, Veganer, Lebensmittelchemiker und Umweltaktivisten an einem Strang. Die Tierschutzorganisation PETA hat sogar einen mit einer Million Dollar dotierten Forschungspreis für denjenigen ausgelobt, der er es schafft vor Anbruch des Jahres 2012 ein In-Vitro-Hähnchenschnitzel zu produzieren. Wohl bekomm’s. Es ist genug für alle da. Jason Matheny, einer der führenden Forscher auf dem Gebiet des sogenannten Tissue Engineering glaubt, dass sich so der Hunger der Welt bekämpfen ließe: "Mit einer solchen Zellreihe ließe sich theoretisch die gesamte Menschheit ernähren."

Praktisch ist allerdings fraglich, ob die Menschheit auch so ernährt werden will oder ob das Bœuf Frankenstein, dem einen oder anderen nicht doch sehr schwer im Magen liegen würde.

Klimakiller Fleisch

Im letzten Blog-Beitrag hatte ich behauptet, jedes Schulkind kenne die Maßnahmen, die getroffen werden müssten, um den Klimawandel zu begrenzen. Heute habe ich selbst eine neue kennengelernt.

In der öffentlichen Diskussion der Klimawechsel-Argumente wird sie vergessen, sogar Al Gore scheint diese Wahrheit zu unbequem zu sein:

Gut 18% aller klimaschädlichen Gase werden durch den Verzehr von Fleisch verursacht.

Herr Gore verschweigt das vielleicht, weil er selbst jahrelang Vieh gehalten hat. Das aber ändert nichts an der bitteren Wahrheit: Schnitzel, Thüringer Rostbratwurst und Co. tragen mehr zur globalen Erwärmung bei als alle Autos, Flugzeuge und Schiffe dieser Erde zusammen. Die nämlich, schlagen nur mit 13% zu Buche. Das klingt wie eine Ausgeburt der blühenden Fantasie ideologisch verbrämter Klimaaktivisten, ist aber das Ergebnis einer durchaus seriösen Studie, der zur UN gehörenden Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO.

Der weltweite Fleischkonsum steigt stetig an. Während 1950 die 2,3 Mrd. auf der Erde lebenden Menschen rund 45 Mrd. Kilogramm Fleisch verspeisten, konsumierte die 6 Mrd. starke Menschheit im Jahr 2000 bereits 245 Mrd. Kilo  – also mehr als das fünffache. Glaubt man den Prognosen, werden im Jahr 2050 rund 9 Mrd. Menschen 450 Kilo Fleisch verzehren – denn mit der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit eines Landes, wächst der Lebensstandard der Bevölkerung. Und mit diesem offenbar die Lust auf Steak.

Ein Problem daran ist, dass man zur Produktion von einem Kilo Fleisch ungefähr zehnmal soviel Platz braucht, wie zur Produktion eines Kilos Getreide. Dementsprechend beanspruchen beispielsweise die Niederlande schon heute das Vierfache ihrer Fläche zur Deckung des nationalen Fleischbedarfes. Wo? Zum Beispiel dort, wo früher Regenwald war und heute Sojabohnen wachsen, die zu Viehfutter verarbeitet werden. In Brasilien beispielsweise, hat sich die Fläche zum Anbau von Sojabohnen im Vergleich zu 1960 versiebenundfünfzigfacht – hauptsächlich durch die Rodung von Regenwaldflächen im fruchtbaren Amazonasdelta, das noch immer einen unserer wichtigsten Kohlendioxidspeicher und Sauerstoffproduzenten darstellt. Dieser enorme Platzbedarf begründet sich dadurch, dass man einem Tier durchschnittlich 7 Kilo Soja füttern muss, um ein Kilo Fleisch daraus gewinnen zu können.

Wenn man sich dann noch vor Augen führt, dass knapp die Hälfte der weltweit geernten Getreides nicht etwa von Menschen sondern von Tieren verspeist wird, hat man vielleicht eine zündende Idee, wie zumindest einigen der einer Milliarde hungernden Menschen auf diesem Planeten geholfen werden könnte.

Hauptursache der erschütternden Umweltbilanz des Lebensmittels Fleisch ist aber das im Verdauungstrakt von Rindern und Schafen entstehende Treibhausgas Methan, von dem eine gewöhnliche Milchkuh 500 bis 700 Liter pro Tag (!) ausstößt. Um mit einem Kleinwagen einen vergleichbaren Schaden anzurichten, müsste man anderthalb Mal um die Erde tuckern.

Hinzu kommen die beim Transport des Viehfutters anfallenden Emissionen, jene für Beleuchtung, Betrieb und Heizung der Fleischfabriken und solche für die Verpackung und den Transport des Fleischs.

Würden sich also alle Amerikaner eine Woche lang vegetarisch ernähren, wäre der anschließende Betrieb aller in den USA zugelassenen Autos im darauffolgenden Jahr klimaneutral.

Diese und andere Zahlenspiele präsentiert das folgende Video sehr unterhaltsam:

Es heißt “Meat the Truth” und wurde von der niederländischen Nicolaas G. Pierson Foundation finanziert. Auf deren Seite finden sich umfangreiche Quellenangaben, die unter anderem belegen, dass ein durchschnittlicher Europäer im Laufe seines Lebens:

  • 7 Schafe
  • 24 Kaninchen
  • 43 Puten
  • 789 Fische
  • 1/3 Pferd
  • 5 Rinder
  • 42 Schweine und
  • 900 Hühner isst.
  • Das dass zu viele sind, wird immer mehr Menschen klar. Aber obwohl sich der Anteil an Vegetariern innerhalb der deutschen Bevölkerung in den letzten zehn Jahren verdoppelt hat, liegt er immer noch unter einem Prozent.

    Das könnte sich jetzt ändern. Weltweit sprießen Initiativen wie Pilze aus dem Boden, die den Verzicht auf Fleisch propagieren. Im belgischen Gent beispielsweise gibt es in allen öffentlichen Kantinen aber zahlreichen privaten Restaurants donnerstags ausschließlich vegetarische Küche. Die ParoleDonderdag Veggiedag” zog Journalisten aus aller Welt an, die die Idee populär machten. Seit Oktober gibt es in der brasilianischen 10-Millionen-Metropole São Paulo den “segunda sem carn”, den Dienstag ohne Fleisch also, Paul McCartney propagiert den “meat-free monday” und auch das sachsen-anhaltinische Magdeburg arbeitet an einem Vegi-Tag.

    Es könnte ein Anfang sein.

    Warum der gescheiterte Klimagipfel auch ein erfolg ist

    Der Klimagipfel in Kopenhagen hat es sehr deutlich veranschaulicht: Nicht die Politiker können den Klimawandel begrenzen sondern – wenn überhaupt – nur die Menschen. Von ihnen aber jeder Einzelne.

    Das Kompromiss-Papier, auf dessen Unterzeichnung sich einige wenige Teilnehmerländer einigten, ist nicht mehr als ein Feigenblatt zur Kaschierung offensichtlich unvereinbarer Interessenskonflikte. Es schreibt lediglich fest, dass versucht werden soll, die globale Erwärmung in diesem Jahrhundert  im Rahmen von maximal 2°C zu halten. Wer dieses Ziel durch welche Maßnahmen erreichen soll, steht da nicht.

    Was ich an der medialen Rezeption dieses Scheiterns sehr verblüffend finde, sind die wüsten Beschimpfungen der sogenannten politischen Klasse, die vornehmlich von deren eigenen Mitgliedern erledigt wird. Grünen-Chefin Claudia Roth beispielsweise posaunte gestern die Parole vom “Gipfel der Verantwortungslosigkeit und der Zukunfts-Blindheit” in jedes Mikrofon, dass ihr zu nahe kam: “Es ist eine Tragödie politischen Versagens, so etwas habe ich noch nicht erlebt.”

    Unbestritten ist es eine Katastrophe, das der Gipfel gescheitert ist. Gerade die Regierungen von Schwellenländern wie Indien oder China müssen die Zügel in die Hand nehmen um die Emissionen ihrer Länder so gering wie möglich zu halten. Für uns aber, die wir in einem der reichsten westlichen Industrieländer über die nötige Zeit und die nötigen Ressourcen verfügen diesen Blog-Eintrag zu lesen, hätte auch ein durchschlagender Erfolg nichts an der Faktenlage geändert.

    Hierzulande kann jedes Schulkind im Schlaf daher beten, was getan werden muss, um zu retten was zu retten ist. Man traut sich gar nicht mehr über Autos, alternative Energien oder das Sparen derselben zu schreiben, aus Angst, die Menschen zu langweilen. Ein erfolgreicher Gipfel hätte uns nichts gelehrt, war wir nicht schon heute wissen – oder wissen könnten. Der gescheiterte Gipfel aber hat das Potential, uns endlich begreifbar zu machen, dass es in der Hand jedes Einzelnen liegt, durch die Veränderung seines Verhaltens zum Klimaschutz beizutragen.

    Das kostet was, das strengt an und wahrscheinlich bedeutet es Verzicht auf Liebgewonnenes. Wem das aber zu viel ist, dem sei die Kritik an Politikern versagt. Ganz offensichtlich braucht er sie, damit sie ihm mit Ge- oder Verboten helfen, seine eigene Verantwortung zu tragen.