Müllsammeln wirkt!
(Plogging #4)

Inzwischen habe ich es ein paar Mal gemacht, inzwischen habe ich bisschen Routine. Im Grunde kann man einen leeren Müllsack zumindest in Berlin auf jedem Waldspaziergang gebrauchen. Und ein paar Einweghandschuhe auch, denn manchmal wird es zugegeben bissi widerlich. Aber inzwischen stresst es mich mehr, den Müll mangels Transportbehältnis in der Natur liegen lassen zu müssen, als ein bisschen Ausrüstung mit mir herumzutragen, nur für den Fall dass.

Was ich inzwischen auch gelernt habe, ist mir nicht mehr bescheuert dabei vorzukommen, mit einem Müllsack auf dem Rücken durch den Wald zu stolpern um die manifestierte Dummheit anderer Menschen wegzuräumen. Anfangs habe ich lieber einen kleinen Umweg gemacht, wenn mir jemand entgegenkam oder bin abgebogen, um die Begegnung zu vermeiden. Von den Malen in denen mir das nicht gelungen ist weiß ich aber, dass sie Scham meist nicht meinerseits ist.

Töchter fragen ihre Mütter leise, was die beiden Männer da machen, nach dem sie uns passiert haben. Jungs fragen ihre Väter, ob wir Pilze sammeln. Die Erklärungen der Eltern höre ich leider nicht, aber wenn ich sie mir vorstelle, erfüllt mich das mit Stolz.

Manche Menschen bleiben stehen und beobachten uns eine Weile ungläubig, bevor sie weiter gehen; andere sprechen uns direkt an. Und das ist meistens sehr schön. „Ach, Sie sammeln wohl Müll?“ Meist spricht man dann ein paar Minuten über die Gedankenlosigkeit der Menschen und darüber, dass das früher nicht so war. Obwohl ich gerade beim letzten Argument eigentlich nicht ernst bleiben kann, muss ich hier leider zugegeben, dass es stimmt. Und eigentlich immer enden die Gespräche damit, dass uns die Leute sagen, dass sie sich ein Vorbild an uns nehmen wollen. Und das freut mich. Dolle.

Heute sind wir ganz bewusst gegen 14:00 Uhr los gegangen, zu der Zeit, zu der die meisten Leute im Park sind. Und wir sind ganz gezielt zum Spielplatz gegangen, zur Badestelle und zum alten Wildgehege. Dort, wo sich die Leute aufhalten, Kekse aus Folie essen, Capri Sun aus Beutelchen zutschen und Kaffee aus Pappbechern mit Plastikdeckeln schlürfen, sind wir heute mit unserem großen grauen Müllsack erschienen und haben wortlos den Müll vom Boden eingesammelt.

Das hat sich ein bisschen wie eine 2-Mann-Demo angefühlt, aber wie eine die wirkt.

Ich halte nichts vom Gefühl der moralischen Überlegenheit – es ist meistens falsch und niemals führt es zu etwas Gutem. Aber der Gedanke, dass heute zwei oder drei Menschen ihr Eispapier lieber in ihre Hosentaschen gestopft haben, anstatt es achtlos in den Wald zu schmeißen, fühlt sich gut an.

Fast so gut, wie der volle Müllsack auf meinem Rücken – nach nur 30 Minuten Sammelei.

Müll des Tages
Der Müll des Tages

 

Bitter: Trotz bio blöd.
(Plogging #3)

Ein bisschen ist es wie ein Tick. Wenn du einmal angefangen hast, auf den herumliegenden Müll zu achten, kannst du nicht mehr damit aufhören. Ich will nicht verleugnen, dass mich das Plogging alles in allem zu einem wütenderen Menschen macht. Und auch nicht, dass mich das Müllsammeln mit zahlreichen guten Argumenten gegen die angebliche Intelligenz der Menschheit versorgt, auf die wir uns so viel einbilden.

Heute ein ganz besonders delikater Fall von: Geht’s noch?!

Leerer Kaffeebecher der Bio Company
Bitter: Blöd trotz bio

Du bist bereit einsfuffzich mehr als nötig in deinen Kaffee zu investieren, weil dir wichtig ist, dass er bio ist? Fein! Du magst, dass dein Bio-Kaffee-Dealer den Produzenten mehr zahlt als er müsste, um in den Anbauländern für auskömmliche Verhältnisse zu sorgen? Super! Du hattest deinen wiederverwendbaren Kaffeebecher heute ausnahmsweise nicht dabei? Kann passieren. Und die Biocompany macht bei Recup noch nicht mit? Nicht deine Schuld. Aber wenn du deinen ethisch korrekten Wachmacher schon in einem von 480.000 Einwegbechern mit 15 Minuten Lebenszeit kaufen musst, die allein in Berlin jeden einzelnen Tag verbraucht werden, dann versau doch nicht den ganzen Spaß, indem du ihn einfach ins Gebüsch schmeißt, wenn er leer ist.

Dieses Mal habe ich in weggeräumt für dich.
Nächstes Mal schaffst du das selber, Prinzessin.
Gefälligst.
Ist nämlich nicht dein verdammtes Königreich hier.
Sondern unser aller.

Plogging #2: Da ist Müll im Wald, aber was ist in euren Köpfen?

Das Müllsammeln letzte Woche hat mich noch ziemlich lange beschäftigt. Heute waren wir wieder unterwegs. Es gibt so vieles, was ich einfach nicht kapiere. Hier mal exemplarisch drei Dinge.

  • Hundekacke. Widerlich, ja. Stinkt, klebt, sieht hässlich aus. Soll man wegmachen. Dafür gibt es kleine Beutelchen. Manche abbaubar, die meisten aber aus Kunststoff und damit im Gegensatz zu dir oder deinem Hund bestens gewappnet, die nächsten 1.000 Jahre zu überleben. Wenn dein Hund in den Wald kackt und weit und breit kein Mülleimer zu sehen ist, dann lass den Scheiß doch bitte einfach liegen. Ein engagiertes Team aus Mikroben, Käfern & Scheißhausfliegen kümmern sich drum. Aber Hundekacke im Wald in ein Plasticksackerl zu füllen, dieses zuzuknoten und ins Gebüsch zu schmeißen ist ungefähr so sinnvoll, wie im Winter bei offenem Fenster das Weltall zu heizen oder den Wald mit Badreiniger zu putzen. Meine Güte!
  • Glasflaschen. Es hat in Berlin seit Mai genau vier mal geregnet. Nie länger als eine Stunde. Waldbrandstufe 4 ist keine Bild-Schlagzeile zur Auflagensteigerung, sondern tatsächlich sehr gefährlich. Wir hatten dieses Jahr schon Waldbrände und den letzten konnte ich auf meinem Balkon riechen. Deine weggeschmissene Glasflasche verrottet nicht in 1.000 Jahren, sondern überhaupt gar nie nie nie. Deshalb finden Archäologen noch heute jahrtausendealte Glaskaraffen im Untergrund, bevor wir schicke neue Shopping-Malls drauf bauen. Wenn du zu faul bist, deine Glasflasche wieder dahin mitzunehmen, woher du sie mit gebracht hast, schmeißt du damit ein Brennglas in den Wald, das den Ausbruch des nächsten Waldbrandes begünstigt. Das ist wie Lotto. Nur in böse.
  • Getränkekartons. Saft, Billigwein, Milchmixgetränke. Lecker für unterwegs. Und praktisch. Immerhin ist der Karton viel leichter als Glas,  und lässt sich wenn er leer ist flach zusammenfalten um ihn einfach wieder mit nach Hause zu nehmen und in die gelbe Tonne zu entsorgen. Auf dem Waldboden hat das ausgeklügelte Konglomerat von Wachs, Aluminium, Papier und Kunststoff jedenfalls keine Chance zu verschwinden – der Ort wird hässlicher sein, wenn du jemals zurück kommst. Mach das also lieber nicht.
Plogging2
Plogging, zweiter Versuch

Jedenfalls sind mein Mann und ich heute wieder aufgebrochen. Diesmal mit einem 100 Liter Müllsack. Wir haben 40 Minuten gebraucht um den Sack im Volkspark Jungfernheide komplett voll zu machen. Ein bisschen hat sich das tatsächlich nach Sport angefühlt. Regelmäßiges Bücken, Schleppen von einigen Kilo Gewicht und bisschen Strecke macht man auch. Vielleicht wird Plogging ja doch zur neuen Trendsportart. Die Natur würde es uns danken.

Nehmt euren Müll mit nach Hause oder ich machs – aber ich raste aus!

Ich wohne 300 Schritte von einem Berliner Volkspark entfernt und die Hündin und ich genießen es sehr, unsere freien Tage mit langen Spaziergängen dort zu beginnen. Mitunter ist die Jungfernheide wirklich bezaubernd.

Das spricht sich herum – leider. Wer Berliner Volksparks mag, lernt Menschen hassen. Denn dass Müll in entsprechende, dafür vorgesehene Behälter gehört und nicht ins Gebüsch, zählt für viele offenbar zu der Art unangenehmer Wahrheiten, die man zugunsten der eigenen Unbeschwertheit lieber ignoriert. Yolo, du weißt schon. Nehmt euren Müll mit nach Hause oder ich machs – aber ich raste aus! weiterlesen