2013: Meine fünf (plus zwei) Lieblingsbücher

Wenn du ein bisschen pfiffig gewesen wärest, zetert mein innerer Kritiker, hättest du deine Kopfkompass-Buchpreis-Shortlist einige Tage VOR Weihnachten veröffentlicht. Vielleicht wären einige Leser, auf der Suche nach einem guten Geschenk für ein bisschen Inspiration dankbar gewesen. Vielleicht, gebe ich zu, muss aber auch gestehen, dass mir die Geschenkesorgen anderer Menschen herzlich egal waren, da ich jede Minute brauchte, die die Tage vor Weihnachten hatten. Außerdem sollte man die wirklich guten Bücher sowieso lieber selber lesen. 2013: Meine fünf (plus zwei) Lieblingsbücher weiterlesen

Antwort & Gegenfrage: Ich fange & werfe Blogstöckchen.

Martin aus dem dunklen, dreckigen Reudnitz hat mir ein Blogstöckchen zugeworfen. Ich habe es tatsächlich gefangen, which made my day, denn in der Schule fing ich nie irgendwas. Wenn Du wissen willst, was genau ein Blogstöckchen ist, frag ihn. Martin fragt dann Captain Corleone, der fragt dann Micha, der fragt dann den anderen Martin und der fragt dann Laura, von der kommt das Ding ursprünglich. Du könntest natürlich auch André, Ulrike oder Marsha fragen. Oder eben direkt Laura, aber dann würdest viele sehr erschütternde Fragen und Antworten verpassen.

Wie zum Beispiel: Antwort & Gegenfrage: Ich fange & werfe Blogstöckchen. weiterlesen

& Partei, ich

„Was muss ich tun, um dich davon abzuhalten?“, fragte mich ein Kollege, als ich verkündete, heute sehr pünktlich gehen zu müssen, um meinen Mitgliedsantrag noch vor Ladenschluss der Grünen-Geschäftsstelle abgeben zu können. Ich antwortete leichtfertig: „Mich davon überzeugen, dass es falsch ist.“ und wurde Zeuge eines sehr umfassenden Brainstormings, das kein einziges gängiges Ressentiment gegen die Grünen ausließ. Hier die Top-5-Parolen in der Reihenfolge ihrer Dringlichkeit:

Politik muss gestalten und nicht verbieten. Die Grünen sind eine Verbotspartei.

Verbote sind unsexy, das finde ich auch. Aber die Grundidee unserer Gesellschaftsform beruht darauf, dass der Staat den Markt an seinen Rändern reguliert. Regulieren ist ein weiche Formulierung für: das Unerwünschte verbieten. Was das „Unerwünschte“ ist, muss gemeinsam definiert werden. Oder etwas diplomatischer: Die Freiheit des einen muss enden, wo die des anderen berührt wird. Mehr dazu gleich.

Die Grünen sind längst Teil des Establishments. Du wirst das System nicht ändern, wenn du Teil davon wirst. Du wirst nur Teil davon. Überhaupt ist diese ganze Politik ein zahnloser Tiger aus Papier. Politische Teilhabe findet heute auf anderen Kanälen statt.

Demokratie funktioniert nicht nur über Demonstrationen und erst recht nicht über Online-Petitionen. Demokratie braucht Mechanismen zur Bildung und zur Messung des politischen Willens. Dazu gehören seitenlange Anträge, stundenlange Diskussionen und tagelange Konferenzen. Dazu gehören klare Regeln, die sicherstellen, dass nicht nur die Lautesten gehört werden. Dazu gehört, dass Entscheidungen transparent getroffen werden, auch, um für diejenigen nachvollziehbar zu bleiben, die es lieber anders gehabt hätten. Das ist sicher nicht immer dynamisch und aufregend. Aber trotzdem richtig so. Und im Vergleich zu den anderen Parteien (mit Ausnahme der Linken) haben die Grünen seit Jahrzehnten feststehende Ziele und Ideale in denen ich mich obendrein wiederfinde.

Die Grünen haben ihre pazifistischen Ideale verraten und einen völkerrechtswidrigen Kriegseinsatz mitbeschlossen.

Das haben sie. Ich fand das falsch. Ich will trotzdem beitreten. (Die Entscheidung ist 14 Jahre her. Viele von denen, die sie damals mitgetragen haben, sind längst keine Amtsträger mehr. Viele Grüne bewerten die Entscheidung inzwischen selbst als Fehler. Programm und Inhalte der Grünen halte ich trotz dieses Fehlers für richtig und sogar am richtigsten. Mir ist klar, dass sich dergleichen wiederholen kann. Wann immer eine politische Organisation in Verantwortung gerät, werden ihr Programm und ihre Protagonisten mit den Erfordernissen und Dringlichkeiten dessen konfrontiert, was wir Wirklichkeit nennen. Hier beginnt Politik. Das vorher ist Willensbildung. Die ist wichtig, aber nicht vor irrationalem Idealismus gefeit. So wird das auch auf persönlicher Ebene sein. Mir ist klar, dass man als Mitglied einer Partei sehr wahrscheinlich Entscheidungen mittragen wird, die einem nicht perfekt vorkommen. Das kann ich aushalten.)

Die gleiche Partei wie Claudia Roth? Wirklich?

Unbedingt. Claudia Roth kann man mögen oder nicht. Ein Gefühl zu Volker Kauder zu entwickeln, finde ich ungleich schwieriger. (Und versucht jetzt ja nicht mir einzureden, es ginge nicht um Gefühle, wenigstens auch, wenigstens ein bisschen.)

Mich haben diese Einwände in meinem Entschluss bestätigt. Offensichtlich hatte ich alles bedacht. Ich bin heute Mitglied von Bündnis’90/Die Grünen geworden.

Ich will wissen, ob sich das, was ich für richtig halte, wirklich so einfach umsetzen lässt, wie ich es mir vorstelle. Bloggen, diskutieren, Utopien schmieden – das kann ich, das können wir. Aber ich will – wenn nötig – endlich erleben, woran diese Utopien scheitern, an wem und warum. Ich fürchte mich nicht davor, für naiv gehalten zu werden: Ich glaube an eine Handvoll Utopien. Aber ich habe eingesehen, dass ich ihnen mit denken und sprechen und allein nicht näher komme.

Warum ich für eine Quote bin

Mein Artikel bezüglich der asymmetrischen Geschlechterquote bei den Grünen wurde insbesondere auf Twitter für meine Verhältnisse rege diskutiert. Ich freue mich über Zustimmung, aber mit Antifeministen will ich nichts zu tun haben.

Ich erkläre heute feierlich: Ich bin für eine Quote. Warum ich für eine Quote bin weiterlesen

Grün ist prima, aber wegen rosa und blau zögere ich noch.

Ich habe mich wohl gefühlt bei den Grünen. Ich fand mich an einem Tisch mit fremden Menschen, von denen mir die meisten gar nicht so fremd schienen. Manchmal war es mir fast unheimlich, wie einig man war, obwohl man einander zum ersten Mal sprach. Der Kreisverband Leipzig ist recht klein, die Anzahl der politisch Aktiven noch kleiner. Mir kommt eine familiäre Atmosphäre entgegen.

Ich fand es spannend, eine Idee davon zu bekommen, wie ein Arbeitskreis in einen anderen mündet und schließlich zur bundespolitischen Position wird. Mir gefiel, wie offen und ungezwungen die Arbeit trotz eines Gremiums hier und einer Versammlung da zu sein scheint. Manches kam mir ein bisschen bürokratisch vor, aber ich fürchte, Politik ist naturgemäß bürokratisch. Wenn eine Anekdote über einen Bundestagsabgeordneten durchblitzte, ein interner Spitzname, ein Indiz dafür, dass die politische Willensbildung nicht immer von unten nach oben sondern durchaus auch mal anders herum funktionieren kann, wurde ich neugierig.

Ich habe das Grundsatzprogramm komplett gelesen und am Ende nach dem Feld für meine Unterschrift gesucht. Ich habe die Leute kennengelernt und mag sie. Trotzdem: Ich bin immer noch kein Mitglied. Ich habe Schwierigkeiten mit der Geschlechter-Quote. Grün ist prima, aber wegen rosa und blau zögere ich noch. weiterlesen

Tot sein auf Facebook

Trauer ist eine sehr persönliche Angelegenheit.

Ich habe diese Binsenweisheit nun einige Minuten angestarrt. Vorher noch etwas länger ein Foto in meinen Facebook-Neuigkeiten. Nebenbei habe ich darüber nachgedacht, ob Pietät mit Würde zu tun hat, mit Höflichkeit oder mit gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Ich bin unsicher.

Für den Fall, dass ich dereinst sterbe, verfüge ich (u.a.) Folgendes: Tot sein auf Facebook weiterlesen

1266 Fotos später: Ratlosigkeit

Vom 01. Januar 2010 bis zum 17. Juni 2013 veröffentlichte ich jeden Tag ein Bild auf fotos.ronaldgerber.de. Ich weiß nicht genau, was dann passierte.

Auf die Idee mit dem Blog kam ich aus Trotz. Noch nie war ich so uninspiriert, unkreativ und stumpf wie in diesem Winter von 2009 auf 2010. Ich befürchtete, erwachsen zu werden. Schon geraume Zeit hatte ich aufgehört, Gesichter in Dingen zu entdecken, Mutproben auszutragen oder an Geister zu glauben. Ich fühlte mich abgeklärt. Mir war mein Blick fürs Schöne, Kitschige, Magische abhanden gekommen und meine kindliche Freude darüber. Ich hatte aufgehört mich zu wundern: Über das Leben, über den Tod und alles dazwischen. Mir passte das nicht. Ich langweilte mich. Im Sinne von: Ich war von mir gelangweilt.

So dachte ich: Was, wenn du dir eine Knipse kaufst und dir vornimmst, jeden Tag ein Foto zu machen? Und was, wenn du einen Blog daraus bastelst und die Adresse an deine Freunde schickst? Das funktionierte. Ich lernte wieder Sehen und das war verblüffend einfach. Ich trug die Kamera immer bei mir und jeden Tag entdeckte ich etwas Sehenswertes, und an den Tagen, an denen ich nichts entdeckte, pinkelte ich eben selbst ein Herz in den Schnee. 1266 Fotos später: Ratlosigkeit weiterlesen

Das große Oxfam-Trailwalker-Alphabet: U-Z

U wie Ueberraschungen
Überraschungen wirken wie Power-Ups in Jump‘n‘Runs. Die Kollegen von
Caren waren so eine Extrabatterie (siehe Y wie Yeah), aber auch unsere
Supporter hatten sich einiges einfallen lassen, mit dem ich nicht gerechnet
hatte. Vor dem fiesesten Nachtanstieg beispielsweise zeigten sie jedem von
uns ein Video, dass unsere Partner für uns aufgenommen und unbemerkt auf
unsere Handys gespielt hatten. Wirkte wie ein Extra-Leben. An Checkpunkt 3
wartete eine Babywanne mit kaltem Wasser für ein Fußbad. An Checkpunkt 8
gab es frische, heiße Spiegeleier im Brötchen. Spätestens dort versteht
man, das Freude eine hormonelle Angelegenheit sein muss, die Schmerz- und
Ermüdungssignale abschwächen kann. Mir hat es ungeheuer gut getan, durch
die Überraschungen gelegentlich aus meinem Tunnel gekickt zu werden. Das große Oxfam-Trailwalker-Alphabet: U-Z weiterlesen

Das große Oxam-Trailwalker-Alphabet: P – T

P wie Pausen
Bloß nicht zu lange! Bloß nicht zu kurz! Dreißig Minuten sind perfekt.
Zwischen den Checkpunkten haben wir keine Pausen gemacht. Wenn wir mal
auf jemanden warten mussten, der irgendwo im Busch kauerte, verging uns die Lust auf Pausen. Man kann sich das so vorstellen: Statt Blut
fließt eine zementartige Masse durch deinen Körper von der Hüfte
abwärts. Sobald diese Masse in Ruhe gerät, erstarrt sie zu Stein. Wahr ist
leider auch: Die Pausen an den Checkpunkten fühlen sich nicht sehr
nach Pausen an. Ich hatte die ganze Zeit zu tun. Das verschwitze Hemd aus,
kurz gewaschen, ein neues Hemd an. Die lange Hose aus, kurze Hose an. Schuhe
aus, Socken aus, Blasenpflege, neue Socken an, neue Schuhe darüber.
Essen und Essen mitnehmen. Wasser trinken und Wasserflaschen auffüllen
lassen. Es war kaum Zeit um einfach nur da zu sitzen und zu atmen. Und
das ist auch gut. Es ist tödlich, wenn man sich erlaubt zu sehr zur Ruhe zu
kommen. Das große Oxam-Trailwalker-Alphabet: P – T weiterlesen

Das große Oxfam-Trailwalker-Alphabet: K – O

K wie Körper & Kotzen
Bei B wie Blasen & Blessuren beschrieb ich schon, was alles weh tat, bei R wie Regen gehe ich noch einmal darauf ein. Was aber bleibt: Wir haben es geschafft! Unsere Körper haben dieser Belastung standgehalten. Das halte ich selbst bei nüchterner Betrachtung für ein Wunder. Seit dem Traiwalker weiß ich, dass ich wenn nötig eine unermüdliche, gut geölte Maschine sein kann. Ich kann nicht rekonstruieren, wie viel ich gegessen habe, aber ich weiß, dass ich irgendwann nichts mehr essen konnte, weil mein Verdauungstrakt ein Gefühl machte, dass ich nicht zuordnen konnte. Am ehesten kann man es vielleicht als eine Mischung aus großem Hunger und starker Übelkeit beschreiben. Ich war gierig nach den Nudeln an Checkpunkt 6, gleichzeitig ekelte ich mich davor. Streckenweise fühlte es sich an wie ein Magen-Darm-Infekt, dann wieder als hätte ich den ganzen Tag nichts gegessen und nun Kreislaufprobleme wegen des Hungers. Clemens ging es ähnlich, das beruhigte mich. Irgendwann hob es mir als müsste ich erbrechen, Minuten später musste ich sehr dringend ins Gebüsch. Dann wurde es besser. Ich habe auf der Wanderung ungefähr 15 Liter Wasser getrunken und zusätzlich einige Becher Tee und eine Flasche Mate. Alle halbe Stunde musste ich pinkeln, ständig hatte ich Durst. Mit Muskel- und Gelenkproblemen hatte ich gerechnet. Aber meine Verdauung war ein Abenteuer. Das große Oxfam-Trailwalker-Alphabet: K – O weiterlesen