Warum ich für eine Quote bin

Mein Artikel bezüglich der asymmetrischen Geschlechterquote bei den Grünen wurde insbesondere auf Twitter für meine Verhältnisse rege diskutiert. Ich freue mich über Zustimmung, aber mit Antifeministen will ich nichts zu tun haben.

Ich erkläre heute feierlich: Ich bin für eine Quote.

Von 230 Vorstandsmitgliedern in den 30 größten deutschen börsennotierten Unternehmen  sind 17 weiblich. Nein, ich glaube nicht daran, dass Männer 13 ½-mal lieber Karriere machen, sich 13 ½-mal mehr anstrengen oder 13 ½-mal besser sind.

In meinem Berufsleben war die Mehrzahl meiner Vorgesetzten weiblich. Auf der Ebene meiner jetzigenChefin, gibt es fünf Frauen und einen Mann. Eine Etage über ihr ist es genau umgekehrt, noch eine Etage höher hat es noch nie eine Frau geschafft. Die gläserne Decke ist ein ausgelutschtes Bild, aber sie hält noch immer ziemlich dicht. Die einzige „Firma“ in der ich das bisher anders erlebt habe, war meine Hochschule und die war politisch reguliert.

Appelle und Rügen ändern daran wenig, wie uns in den letzten Jahren vorgeführt wurde. Der Anteil an Frauen in Chefinnensesseln liegt bei 7,4% und ist im letzten Jahr um lächerliche 0,9% gestiegen. In dem Tempo wird die 50%-Schwelle im Jahr 2060 erreicht. Ich finde das inakzeptabel.

Ich sehe ein, dass ein Unternehmen lieber die qualifiziertesten Bewerber einstellen will, als die mit dem quotenmäßig erwünschten Geschlecht. Und mir ist klar, dass das Verhältnis der Absolventenschaft in vielen Studiengängen nicht ausgewogen ist. Für mich ist das aber Teil des Problems. Und nicht etwa möglicher Teil einer Beweisführung dafür, das sich Jungs eben naturgemäß mehr für Autos interessieren und Mädchen mehr für Mode. Letzteres kann ich zwar nicht widerlegen. Im Gegentail aber kann ich beweisen, dass wir in einer Gesellschaft leben, die diese eventuell vorhandene Tendenz überhöht und von Kindesbeinen an in die Köpfe zementiert, damit, damit und damit zum Beispiel. Ich bin überzeugt, dass die Bespielung dieser Klischees einen Konformitätsdruck erzeugt und unfrei macht. Männer wie Frauen. Wenn von 60 Maschinenbaustudenten nur eine einzige weiblich ist, kommt mir nicht natürlich vor. VW sieht das offenbar ähnlich und kümmert sich schon während des Studiums gezielt um die Förderung angehender Maschinenbauerinnen und Ingenieurinnen.

Ich sage nicht, dass eine strikte fifty/fifty-Quote in allen Bereichen sinnvoll ist. In den Vorständen der größten deutschen Unternehmen und vor allem in der Politik aber brauchen wir strikte 50 Prozent. Männer und Frauen müssen gleichermaßen repräsentiert sein. Und wer hier fragt: Wieso? dem kontere ich mit der Gegenfrage: Wieso nicht? Ich kenne kein einziges stichhaltiges Argument.

Wir sind leider nicht so weit, wie wir denken. Im soeben gewählten Bundestag werden auf 64% der Sitze Männer Platz nehmen. Nur etwas mehr als ein Drittel der Abgeordneten ist weiblich. Wie kann man das bitte überzeugend begründen?

Eine Quote zu befürworten bedeutet mitnichten, Frauen für die weitsichtigeren oder kompetenteren Menschen zu halten. Ich hatte cholerische, manipulative, faule, feige, kluge, großartige und schützende Vorgesetzte, von denen manche Bartwuchs hatten und andere nicht. Meiner Erfahrung nach gibt es nichts, das Frauen per se besser können. Oder Männer schlechter. Was also spricht gegen eine Quote?

Ich gebe mich nicht der Illusion hin, dass unser Wirtschaftssystem, unsere Arbeitswelt oder wenigstens das Betriebsklima menschlicher und wärmer würden, nur weil mehr Frauen an den Reglern sitzen. Ich erlebe, dass nur ein bestimmter Typus Mensch Chefchef_in wird. Und bleibt. Die ausbeuterischen Tendenzen Arbeitsmarktes beispielsweise haben meiner Meinung nach nichts mit „patriarchalen Machtstrukturen“ zu tun oder typisch männlichem Denken. Vielmehr gehen sie aus Sachzwängen hervor. Unternehmen stehen in Konkurrenz zu einander und dasjenige, welches den größten Batzen Geld verdient, gewinnt. Wer große Gewinne machen will, hält sich besser nicht mit Zwischenmenschlichem auf. Denn die, die bereit sind, die Löhne zu senken, die Arbeitszeiten auszuweiten und die Arbeitsbedingungen zu verschlechtern, haben eines Tages genug Geld, denjenigen zu kaufen, der davor zurückschreckte.

Ich wünsche mir sehr, dass das eines Tages nicht mehr stimmt. Die Diversifikation in Chef-Etagen könnte ein Stück des Weges dorthin pflastern; vielleicht entwickeln sich alternative Führungsstrategien, die ähnlich erfolgreich sind. Wenn nicht, haben wir nach Einführung der Quote wenigstens bewiesen, dass der Status Quo nicht vom Geschlecht der Führungskraft abhängt. Jetzt können wir uns endlich fragen: Wovon dann?

(Es wird nötig sein, dem Wettbewerb gerade auf dem Arbeitsmarkt Grenzen zu setzten. Ein Instrument hierfür ist der Mindestlohn, aber das ist ein anderes Thema.)

Von einer Quotenregelung erhoffe ich mir unter dem Strich mehr Freiheit für alle. Frauen die lieber Teilzeit arbeiten, dürfen das weiterhin. Aber es wäre doch auch schön, wenn Männer, die Teilzeit arbeiten, nicht alle Nase lang erklären müssten, warum. Wie ich.

Oder kürzer: Ich habe nicht kritisiert, dass es eine Geschlechterquote bei den Grünen gibt, sondern lediglich ihre Asymmetrie.

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