Über parallele Welten am Beispiel von Chemnitz

Was in Chemnitz passiert, beschäftigt mich sehr. Ich habe Familie dort, ich kenne die Stadt ein bisschen und auf eine Art fühle ich mich zuhause da. Man merkt Chemnitz an, dass es lange geschrumpft ist, nach der Wende. Man merkt der Stadt an, dass sie eigentlich für viel mehr Einwohner gebaut ist, vielleicht für doppelt so viele. Aber wenn man genau hinsieht, kann man auch erkennen, dass sich die Stadt bewegt und entwickelt. Häuser werden renoviert und es kommen wirklich wundervolle Viertel zum Vorschein, wie zum Beispiel der Kaßberg. Gewerbe siedelt sich an, Industrie hat sich schon länger angesiedelt, in den letzten Jahren ließ sich sogar ein zarter Zuzug verzeichnen. Wohl auch von Ausländern. Ihr Anteil hat sich im letzten Jahr um ein Prozent erhöht. Von 7 auf 8 Prozent. Kann man das spüren, wenn man in Chemnitz lebt? In der Nähe von Flüchtingsunterkünften bestimmt. Bestimmt an den belebten Punkten in der Innenstadt, wie an der Zentralhaltestelle. Aber kann es sich so dramatisch anfühlen, wie sich Chemnitz gerade dramatisch anfühlt? Eigentlich nicht. Berlin hat 18 Prozent Ausländeranteil. Köln hat 16. Es gibt Probleme da. Aber nicht so ein Drama. Warum?

Ich habe da wirklich lange drauf rumgedacht. Und natürlich müssen die Gründe vielfältig sein. Vielleicht stimmt es,  dass die Plötzlichkeit mit der Demokratie Einzug gehalten hat in den „neuen“ Ländern keine Zeit für ein solides Fundament ließ. Vielleicht stimmt es, dass sich viele Ostdeutsche immer noch abgehängt und damit ungerecht behandelt fühlen, obwohl ich das nicht beobachte als Ostdeutscher, der bis vor zwei Jahren in Ostdeutschland gelebt hat. Vielleicht aber – und das würde mir am meisten einleuchten – haben wir es auch mit einem gesellschaftlichen Phänomen zu tun, dass wir erst in der Rückschau wirklich begreifen werden.

Es haben sich Parallelwelten gebildet in den letzten Jahren. Neue Parallelwelten. Die Welten von arm und reich hat es immer gegeben. Und die von alt und jung. Aber in der Mitte von allem gab es eine Öffentlichkeit, auf die und auf der sich die meisten verständigen konnten. Einen allgemeinen Konsens. Eine medial geprägte Debatte, die vielstimmig war, aber an der die meisten teilnahmen und sich auch repräsentiert fühlten. Mit Medien, die in den Leben der Allermeisten eine Rolle spielten und eine Instanz waren. Tagesschau. Tageszeitung. Nachrichtenradio. Und ich glaube, dass diese Medien, die (von der Bild-Zeitung mal ausdrücklich abgesehen) alle eine humanistische, vernünftige, auf Fakten basierende und am Ausgleich orientierte Grundhaltung vertraten, wenn auch hier in eher sozialer, da in eher konservativer und dort in wirtschaftsliberaler Ausprägung. Es gab Unterschiede. Aber es gab immer auch einen Minimalkonsenz. Oder negativ formuliert: Eine Grenze der Interpretation und ein Mindestmaß an Wahrheit.

Es gibt diese Medien noch heute. Aber sie haben an Reichweite verloren und damit an Relevanz. Teilweise sind Quellen an ihre Stelle getreten, die weniger vertrauenswürdig sind, die aber mitunter vertrauenswürdiger aussehen. Natürlich rede ich von sozialen Netzwerken. Insbesondere von Facebook.

Zum einen lassen sich Nachrichten – oder sagen wir besser: Meldungen leicht teilen. Zum Zweiten sind die meisten Meldungen die ich sehe, von Menschen oder Organisationen, die ich mag und denen ich vertraue. Drittens ergänzt der Algorithmus von Facebook basierend auf dem, was mir gefällt weitere Meldungen, die mir gefallen könnten, die also zu dem passen, was mir ohnehin schon passt. Fünftens baut mir Facebook auf diese Weise ein eigenes kleines Universum in dem nur Dinge vorkommen, die… Ich mag? Nein. Vielleicht kommen da auch nur Dinge vor, die ich furchtbar finde. Aus Facebooks Sicht zählt, dass in meinem Newsstream Dinge vorkommen, die dazu führen, dass ich länger auf Facebook bleibe. Und sei es nur, um mich maßlos aufzuregen und in Kommentaren unter Beiträgen ausschweifend meine gute Kinderstube zu verlieren.

Um Facebook herum sind dadurch längst Geschäftsmodelle entstanden, die von diesen Mechanismen bestens leben. Aufreg-Journalismus. „Klicken Sie hier – Sie glauben nicht was dann passiert!“-Journalismus. Boulevard. Propaganda. Schmutz. Hetze.

So entstehen Kreise von Menschen, die die gleichen Meldungen lesen und die sich in den Kommentaren unter diesen Meldungen gegenseitig dessen vergewissern, was sie für die Wahrheit halten. Und diese Wahrheit wird immer unausgewogener. Denn es findet keine Korrektur mehr statt, kein semi-verpflichtender Reality Check um 20 Uhr im Ersten.

Im Gegenteil. Den Medien, die noch vor wenigen Jahren quasi Wahrheit produzierende Instanzen waren, wird immer weniger vertraut. Man schallt sie „Lügenpresse!“ Und natürlich passieren Dinge, die das Misstrauen verstärken:

Dinge, die ich auf einer Demo erlebt habe und relevant fand, schaffen es nicht in die Nachrichten. Dinge, die ich auf einer Demo erlebt habe, schaffen es in die Nachrichten, werden aber anders dargestellt als ich sie empfunden habe. Gerüchte, wie beispielsweise jenes, dass Daniel H. in Chemnitz eine Frau vor Übergriffen ausländischer Männer beschützen wollte und diese Zivilcourage mit seinem Leben bezahlte, schaffen es nicht in die Nachrichten, stimmen für mich aber, weil sie in meinem persönlichen kleinen Universum so oft geteilt wurden, dass kein Zweifel an ihrer Wahrheit bestehen kann. Dinge, die es in die Nachrichten schaffen, werden erst einige Tage später von anderen Dingen ergänzt, die alles in ein völlig anderes Licht rücken. Nationalitäten von Tätern und Opfern beispielsweise.

Verschwörungstheorien, Umvolkungstheorien, Islamisierungstheorien gediehen nie prächtiger als in diesem Klima. Zumal die Entfremdung auf subtilerer Ebene vorangetrieben wird – möglicherweise ganz unbewusst. Die Mehrzahl der in Deutschland tätigen Journalisten ist grün und links. Mir fällt das nur auf, wenn ich mal die FAZ lese, die in letzter Zeit spürbar nach rechts gerückt ist – was mich in gleichem Maße spürbar irritiert, aber irgendwie auch erfrischt, weil es mir Einsichten wie diese ermöglicht.

Hinzu kommt noch, dass wir durch die ungewöhnlich hohe Anzahl an eingereisten und einreisenden Menschen anerkennen müssen, als Staat zurzeit mitunter nicht funktionsfähig zu sein. Wie zum Beispiel beim mutmaßlichen Täter im Fall Daniel H., der schon 2018 nach Bulgarien hätte abgeschoben werden sollen. Oder als Staat zumindest stark erklärungsbedürftig zu werden, wie im Fall von Sami A., dem Ex-Leibwächter von Osama bin Laden, den Deutschland nun wieder aus Tunesien zurückholen muss, weil seine Abschiebung rechtswidrig war.

Aber wer soll erklären, was mal neu erklärt werden müsste? Demokratie ist komplex, insbesondere in Rechtsfragen. Ja, Sami A. ist ein krimineller und ich selbst würde ihn nicht gern von meinem Tisch essen lassen. Aber nein, deswegen können wir ihn trotzdem nicht in ein Land abschieben, in dem er mit Folter oder gar dem Tode bedroht ist. Warum nicht? Weil wir uns als Gesellschaft darauf geeinigt haben, Folter und Todesstrafe zu ächten. Wie ist es zu dieser Ächtung gekommen? Es fanden lange, öffentliche Diskurse statt, die unsere Geschichte – insbesondere die 12 Jahre unter Hitler – berücksichtigen und ein Rechtssystem schufen, dass Resozialisierung als höchstes Ziel hat. Und nicht Rache, obwohl Rache leichter geht als Vergebung. Rache führt immer zu Rache. Mutwillig angerichtetes Leid führt zu neuem mutwillig angerichtetem Leid.

Aber diese Diskussion ist eben längst nicht mehr mit allen geführt und das Ergebnis dementsprechend kein gesellschaftlicher Konsens mehr. Ausgerechnet in Chemnitz habe ich neulich eine Frau gesehen, die „Todesstrafe für Kinderschänder“ in Frakturschrift auf die Innenseite ihres Unterarmes tätowiert hatte. Die hält mich für hoffnungslos linksgrünversifft, wenn sie diesen Artikel jemals finden sollte.

Wird sie aber nicht. Niemand wird in jemals in ihre Aufmerksamkeit teilen. Und das ist das allergrößte Problem. Man lebt schon so lange und so tief in der eigenen Parallelwelt (auch ich in meiner, obwohl ich längst nicht mehr auf Facebook bin), dass man die eigene, für die einzige existierende Wahrheit hält. Und wir neigen dazu, Wahrheit für etwas ebenso Indiskutables zu halten, wie etwa die Uhrzeit.

Und neuerdings neigen wir auch dazu, Diskussionen mit Menschen, deren Uhren anders ticken als unsere wahnsinnig anstrengend zu finden. Belastend. Beleidigend. Unzumutbar. Verletzend. Sinnlos. Aber das kann so nicht bleiben. Denn Konsens kann nur aus Diskussionen entstehen, von mir aus auch aus Streit. Konsens entsteht nicht zwischen Demonstranten in zwei Lagern, die von der Polizei sorgfältig getrennt gehalten werden müssen.

Und eigentlich wäre das ein schöner letzter Satz. Wenn man damit nur irgendetwas anfangen könnte. Wenn man am Ende dieses Artikels, den zu lesen man einige Geduld aufbringen musste, für sich den Entschluss fassen könnte, künftig mehr mit „den Anderen“ zu reden. Die Wahrheit (eine Wahrheit) aber ist: In meinem Leben gibt es „die Anderen“ nicht. Es gibt sie wohl auf Twitter, auf Nachrichten-Websites und im Fernsehen. Aber nicht leibhaftig. Weder im Büro noch im Freundeskreis. Und mit Fremden diskutiert man ja nicht. Oder doch? Echt? Aber wie?

Ein Gedanke zu „Über parallele Welten am Beispiel von Chemnitz“

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