Symbicort

Eigentlich werde ich ja nicht müde zu versichern, wie sehr ich vom tadellosen funktionieren meines Körpers beeindruckt bin. Oft stelle ich mir vor, wie es wäre wenn ich Zucker hätte oder einen Herzfehler oder eine miserable Verdauung. Das gibt dann immer so ein gutes Gefühl. So eine Dankbarkeit. Kraft. Man kann seinen Körper dann wenigstens für ein paar Minuten mit liebevollem Blick betrachten. Zur Zeit aber habe ich ganz schön Angst.

Ich weiß, dass ich Asthma habe. Immer schon. Seit ich denken kann. Allerdings merke ich davon nicht viel. Ich konnte mich mit der Krankheit arrangieren. Habe gelernt Anfälle zu veratmen und keine Angst mehr davor zu haben. Habe gelernt, mich gerade so stark zu strapazieren, dass die eigene Grenze berührt aber eben nicht überschritten wird. Zur Zeit ist das alles leeres Geschwätz.

Seit gut einer Woche bekomme ich jeden Tag Anfälle. Aller paar Stunden. Nix mit veratmen. Atmen wie durch einen Strohalm. Und Medizin nehmen. Aller drei Stunden. Keine Treppen. Keine schnellen Schritte. Wie ein alter Mann. Und dann feststellen, dass du die Dosis immer mehr erhöhen musst um halbwegs atmen zu können. Und dann nachts aufwachen mit Atemnot und sich wünschen, dass seit dem letzten Aufwachen möglichst viel Zeit vergangen ist. Dass es bald morgen ist. Aufrecht geht’s immer etwas besser.

Seit gestern nun habe ich ein neues Spray. Ein sehr sehr starkes, sehr, sehr teures. Dagegen ist ja auch überhaupt nichts einzuwenden. Das hilft wie Sau. Nur fünf Minuten nachdem ich das genommen habe, kann ich mir kaum noch vorstellen, jemals Asthma gehabt zu haben. Das Problem ist nur, das Kortison im Spray ist. Kortison ist der beste bekannte Entzündungshemmer. Kortison beeinträchtigt aber auch die Funktion der Nebenniere, treibt die Blutzuckerwerte in die Höhe und entkalkt und verweichlicht die Knochen.

Dieser neue Freund ist also ein sehr guter Geschäftsmann. Und mir gefallen seine Preise nicht.

Guten Morgen, Vordiplom!

War eine lange Nacht, würde ich sagen. Von Ende März bis Mitte Juli. Ich weiß nicht, ich bin nicht ausgeschlafen. Aber ich bin in diesen Minuten so voll, so prall, so geil aufs Leben, dass ich es nicht länger ausgehalten habe in meinem Bett.

Dieser Drang vibriert in mir, drängelt, kann den Morgen nicht erwarten, zerrt mich mit halb offenen Augen in den neuen Tag. Wie gesagt, eigentlich bin ich total kaputt. Hinter mir liegt eine arbeitsreiche Zeit mit Vordiplom, Ausstellung und allem was dazu gehört. Eigentlich wäre es glaube ich ganz gut für mich, wenn ich ein paar Stunden ins Bett käme. Aber so ist es eben nicht. Ich sehne mich nur so lange nach Ruhe, bis ich sie haben könnte. Dann wird sie uninteressant. Langweilig. Fad.

Mein Vordiplom war gut. Eigentlich sollte ich es hier verlinken, aber es steht noch nicht online. Wie immer ging einiges schief, wie immer wurde die Zeit gegen Ende ganz schön knapp und wie immer ist die Arbeit nicht perfekt und ich nicht zufrieden. Aber dennoch war es gut. Ich hatte schon das Gefühl besser organisiert zu sein diesmal. Klarer strukturiert. Linearer. Effektiver. Das ganze Arbeiten hat sich professioneller angefühlt. Geregelter. Und ich hatte nicht permantent das Gefühl was suuuperverrücktes und suuuperschickes zu machen, dass im Grunde aber nichts mit mir zu tun hat. Dass im Grunde nur eine Maske ist, eine Rolle.

Auch die Verteidigung war gut. Natürlich war ich aufgeregt. Wie man vor einer Prüfung eben aufgeregt ist. Andererseits – und das erschreckte mich fast – war ich vor keiner Prüfung in meinem Leben so gelassen wie dort. Ich meine, das war immerhin mein Vordiplom. Ganz ehrlich: meine mündliche Geo-Prüfung zum Abi hat sich schlimmer angefühlt. Deutlich schlimmer. Aber dieses Vordiplom war so sehr meins! Das war mein Thema. Das habe ich mir gesucht. Daran habe ich ein ganzes Semester lang gearbeitet. Jeden Tag. Es ging hier nicht um die Wiedergabe auswändig gelernter Fakten. Es ging nicht um das korrekte Anwenden einer Formel. Es ging um mich. Wie soll ich das nach vier Monaten Vorbereitungszeit nicht verteidigen können? Beinahe hat es Spaß gemacht. Ich glaube, so soll es sein.

Und dann die Ausstellung jetzt. Das lief alles so reibungslos. Ich konnte einen wundervollen Galerieraum mit Schaufenster besorgen, ganz umsonst. Und obwohl wir weder in der Zeitung noch in sonst irgendeinem Veranstaltungskalender verzeichnet waren hatten wir mehr als 150 Besucher. Zwei neue Arbeitsweisen haben wir probiert: die Rauminstallation und ein tagebuchähnliches Wandtablot. Einige Besucher waren total ergriffen und sagten Dinge wie: Wundervoll, dass ihr auf der Welt seit. Einige haben sich so verstanden gefühlt. Einige waren so beeindruckt. Natürlich kann ich das alles erst im Nachhinhein so positiv bewerten. Während die Ausstellung lief, habe ich mich sehr schwach gefühlt. So etwas kann man ja eigentlich auch nicht machen.

Zielstrebig über eine lange Zeit auf eine Prüfung hinarbeiten, um direkt nach selbiger eine Ausstellung aufzubauen, in der man dann jeden Tag sitzt und seine Arbeit erklärt, anstatt mal in die Wanne zu gehen und sich dann richtig auszuschlafen. Ich stand sehr unter Druck, habe mich sehr gefangen gefühlt und hatte dementsprechend fast täglich Atemnot. Mal ganz zu schweigen von einer massiven Unlust und einer für meine Verhältnisse starken Sympathie zum Alkohol…

Ich habe viel gelernt durch die Ausstellung. Das ganze Thema von wegen für sich und seine Arbeit einstehen können. Da lernt man ja nie aus. Aber viel wichtiger für mich ist, dass im Zuge der Ausstellung zwei alte Freundschaften wiederbelebt wurden, die mir unterwegs abhanden gekommen waren. Die zu Marco und die zu Andreas nämlich. Beide kenne ich aus Schulzeiten und zu beiden habe ich nach der Schule den Kontakt abgebrochen, weil ich der Meinung war, als Schwuler, als Paradiesvogel, als Sonderling nicht mehr in meinen alten Freundeskreis zu passen. Naja, so ganz falsch lag ich damit wohl gar nicht, denn in der Tat hatten einige meiner früheren Freunde, wie ich kürzlich erfuhr, Probleme mit meinem „neuen Leben“. Und die Entscheidung die sterbenslangweilige, wenn auch solide Deutsche Bank zu verlassen, um ein wenig solides aber dafür umso spannenderes Kunststudium zu beginnen hat bei den meisten wohl auch wenig gepunktet. Aber schon beim Klassentreffen Ende Mai wurde mir klar, dass ich wohl doch ganz schön übertrieben hatte mit meinem Kahlschlag. Denn in Anwesenheit von Marco und Andreas wurde mir bewusst, wie sehr ich die beiden eigentlich vermisst hatte.

Ich weiß nicht. Natürlich ist es nicht so, dass wir zwangsläufig miteinander zu tun haben müssen, damit sich mein Leben vollständig anfühlt. Uns trennen immerhin knappe fünf Jahre unseres Weges, und was uns vorher verband, war Teenagerfreundschaft, die wichtig und prägend ist, aber eben doch allgemeiner, leichter, vielleicht austauschbarer. Und doch hat es etwas mit Verwurzelung zu tun jetzt wieder Zeit mit den beiden zu Verbringen. Marco ist Programmierer geworden. Er hat mit Kunst nichts zu tun, wie er mit vielen Dingen, die in meinem Leben von Belang sind nichts zu tun hat. Aber ich habe bei ihm so sehr das Gefühl einem guten, lieben, liebenswürdigen Menschen gegenüberzustehen, dass ich seine Anwesenheit sehr genieße. Andreas studiert Psychologie und wird nächstes Jahr fertig. Da hat man ja schon ein gemeinsames Thema mit dem man auch auf einer einsamen Insel einige Monate ganz unterhaltsam über die Runden kommen würde. Und tatsächlich ist sehr spannend wenn sein schulpsychologischer Wissenswust auf mein derbe spirituelles Weltbild trifft.

Ich werde in jedem Fall versuchen beide Kontakte aufrecht zu erhalten.

Meine Güte, was bin ich zufrieden in diesen Minuten. Es scheint ein fantastischer Tag werden zu wollen. Vielleicht lege ich mich noch mal ein paar Minuten zu meinem duftenden, warmen Mann und genieße seinen Atem.

Danke für deine Aufmerksamkeit.

Herr Heißhunger

Er ist stärker als ich. Ist von vornherein klar. Er hat keine Muckis. Aber dafür Grips. Er überwältigt mich. Kein Wunder an diesem Ort. Kein Wunder, nach meinem wegen akuter Faulheit ausgefallenen Mittagessen. Ich kann das Ende dieser Regalreihe nicht erkennen, ich weiß nur, dass sie mehr als doppelt so hoch ist wie ich. Und knackevoll mit „Süßwaren“. „Snickers, Mars, Bounty, M&Ms, Ritter Sport Vollmilch, Geleebananen, Milka Weiße Crisp!“, schreit er. „Jetzt! In dieser Reihenfolge!“ Ein Überfall aus dem Hinterhalt in der Höhle des Löwen. Ein Schelm, wer hier überrascht ist. Ein Blödmann, wer sich Chancen ausrechnet.

Ich beschließe die Flucht. Ich denke an was Schlimmes: an Sportunterricht, an die nahende Strandsaison und daran, dass die Zeiten, in denen mir H&M-XL-Hemden ein klein wenig spannten über dem Bauchnabel noch nicht zu lange hinter mir liegen. Ich stelle mir vor, wie ich bis unters Zahnfleisch bepackt mit Einkaufstüten und Körpermasse aus einer Big&Tall-Filiale krabble. Geschafft! Der Korb ist leer.

Ich stehe in der Obstabteilung. Keuchend. Mein Blick schweift. 3 Polaroids: „Kundenkontrollwaage“, „Wiegecenter“ und „Fettkiller Ananas“. Hier bin ich richtig, denke ich. Und als ich die Frau ansehe, die vor dem „Fettkiller Ananas“ – Schild steht und ein Gesicht macht, als hätte sie gerade eine Karibik-Kreuzfahrt für zwei gewonnen; und als ich die Figur-Drinks in ihrem Wagen sehe aus Molkepulver plus künstlichem Aroma plus 7 chemischen Zusatzstoffen Ihrer Wahl; und als ich die scharfe Kante erkenne, die ihr Cappuccino-Make-up auf ihrer Weichkäse-Haut zieht unterm Kinn, denke ich: Hier bin ich falsch. Da fällt mir ein, dass ich mir fest vorgenommen hatte, nie wieder so schlecht über Menschen zu denken, dass ich mir fest vorgenommen habe allen Menschen mit Liebe zu begegnen. Es ist zu spät für eine Entschuldigung. Nächstes Mal, denke ich. Denn ich weiß: Jeder schlechte Gedanke kommt zu mir zurück. Jeder einzele.

Die Öko-Abteilung. Ich frage mich, ob ich ihn vielleicht abgehängt habe, den verhassten Herrn Heißunger. In diesem Moment krabbelt er aus der Schokoreiswaffel-Packung und brüllt: „Denken Sie jetzt auf keinen Fall an einen rosa Elefanten! Verloren! Denken Sie auf keine Fall an Schokolade! Wieder verloren!“ Dann lacht er wie Rumpelstilzchen. Und dann lache ich wie Rumpelstilzchen. Ich habe es nämlich geschafft, meinen Blick abzuwenden. Und dann lacht er wieder, weil er weiß, dass ich niemals niemals niemals in meinem Leben einen Sauerkraut-Brot-Drink zu mir nehmen werde oder Sellerie-Brühwürfel oder ungesüßte Dinkelkekse mit extra Kalzium. Jedenfalls nicht mit Genuss. Und nicht ohne an ihn zu denken, den dekadenten Zuckerpsycho.

Ich renne durch den Supermarkt. Er hängt an meinen Waden.

Als ich an der Kasse stehe wähne ich mich als Gewinner. Kurz.
Lächelnd tritt er hinter mich, legt mir die Hand auf die Schulter und weist mich freundlich zwar, aber nicht ohne Spott darauf hin, dass drei meiner vier Low-Fat Joghurts leckere Schoko-Splitter haben. Und im Moment sogar 25 Prozent mehr als sonst. Ich drehe mich kurz um, nur um sicherzugehen, dass die Fettkiller-Ananas-Frau nicht in der nähe ist. Die würde mich auslachen jetzt. Zu Recht.

Und weil ich einsehe, dass ich den Kampf verloren habe – wenn auch knapp, wenn auch tapfer – und weil ich in der Eile nicht darauf geachtet habe an einer süßwarenfreien Elternkasse einzuchecken, kaufe ich auch noch ein Überraschungs-Ei. Die Schokolade ist hier ja nur Verpackung denke ich. Und glaube mir nicht.

Und dann denke ich: Du musst dir und anderen mit Liebe begegnen. Nächstes Mal. Dann fehlt dir keine Süße im Leben. Dann brauchst du keine Schokolade.

Lauthals über mich lachend verlassen er und ich Hand in Hand den Supermarkt.

Fliegende Holländer

Es steht auf jeder zweiten Urlaubskarte und ist meistens einfach schlecht beobachtet: „Die Menschen sind ganz anders hier. Viel freundlicher, viel offener, viel freier.“ Aber ich komme auch nach intensiven Hinsehen nicht umhin, genau das von Amsterdam zu behaupten.

Es ist diese fröhliche Freiheit, die hier in jedem Gesicht steht. Sicher, ich weiß: Es ist Frühling, ich bin im Urlaub und außerdem sind andere Städte, besonders die in anderen Ländern immer spannend, immer faszinieren und viel schöner als Zuhause. Aber die fröhliche Freiheit hier ist echt.

Ich glaube nicht, dass es eine holländische Leichtigkeit ist. Oder anders: dass es deutsch ist, was mich schwer macht zu hause. Wahrscheinlich ist sie hausgemacht, diese Schwere, diese Verkrampftheit, diese subtile Angst. Dieses kurze „Bin-ich-schick-genug?“ bevor ich ein neues Cafe betrete. Diese steinerne Mine, wenn auf der Straße jemand zu nah an mir vorbeigeht. Aber auch: Dieses „Dankeundschöntagnoch.“ dass nicht mich meint, sondern einen fiktiven Punkt der Deckenverkleidung im Aldi. Die Menschen sind hier anders. Heute morgen in der Straßenbahn wollte ich ein Ticket kaufen. Dabei benutzte ich die Formulierung „two people“ was den Straßenbahnfahrer dazu veranlasste über das Straßenbahnmikrofon Paul McCartneys „Too many people living underground“ anzustimmen und mich zum mitsingen einzuladen. Das ist Amsterdam. So sind die Menschen hier. Manchmal fangen sie einfach auf der Straße zu singen an. Wer zu ernst kuckt wird einfach angesprochen und gefragt, ob alles in Ordnung ist. Wer vor einem Laden unsicher auf und ab geht, wird freundlich hereingebeten. Man muss sich ganz schön anstrengend, hier verkrampft zu sein. Schlechte Laune kostet hier viel Mühe. Auch, wenn es regnet. Auch, wenn man nicht im Coffee-Shop war.

Das ist sehr befreiend.

Coffee-Shopping

Es ist passiert heute. Natürlich ist es passiert heute. Wir waren in einem Coffee-Shop. Wir haben gekifft. Wir haben heute mal was verrücktes gemacht. Hey.

The Grashopper. Nettes Wortspiel. Gute Idee fürs Interieur. Dunkel, wie alle Coffee-Shops. Nur grüner. In einer dunklen Ecke eine Art Fahrkartenschalter. Mit Glastrennscheibe, einem Verkäufer dahinter und einem Münztablett. Joints der Hausmarke im 3er-Pack, 15 Euro. Gekauft.

Die ersten Züge beißen im Hals. Heiko, obwohl der Mal Raucher war, und mich erst recht. Aber Husten darf man nicht. Nicht in einem Coffee-Shop. Nicht bei dem Publikum. Husten im Coffee-Shop wäre wie Blähungen in der Oper.

Die ersten Züge fühlen sich an wie Schnaps. Es dreht ein wenig, tanzt auf der Grenze zwischen angenehmen und unangenehmen. Aber dieser Zustand hält nich lange an. Dieser Zustand wächst. Heiko erkennt das und hört auf. Ich erkenne das und mache weiter.

Ich kann das Blut in meinen Adern fließen fühlen. Überall. Ich kann fühlen, wie sich die Geschwindigkeit meiner Gedanken erhöht. Das meine Gedanken, weiter schießen als sonst, größere Kreise ziehen, tiefer werden. Ich verliere den Bezug zu meiner Körperlichkeit, treibe weg von der Außenwelt, treibe nach innen. Erst wird Sprechen anstrengend, dann zuhören. Ich habe das Gefühl zu schweben. Räumlich und geistig. Bin nirgends mehr. Bin niemand mehr. Bin nichts mehr. Nur glücklich. Nur ein Moment.

Aber dieser Zustand hält nicht lange an. Dieser Zustand kippt. Ich höre Heiko rufen, dass ich blass würde, dass meine Lippen völlig ohne Blut wären, dass ich wegtreten würde. Und ich glaube ihm, denn einen Augenblick später schwebe ich nicht mehr, sondern spüre mich fallen. Schnell. Schnell verlassen wir den Shop. Frische Luft wäre gut. Frische Luft bringe wieder Farbe ins Gesicht. Tut sie. Aber nicht schnell genug um die Kellnerin davon abzuhalten nach draußen zu rennen und sich zu versichern, dass ich keinen Arzt bräuchte. Ich war mir nicht sicher, tat aber so. (Die Blähungen in der Oper.)

Ein paar Minuten später spüre ich mich wieder. Ein wenig jedenfalls.

Die Zigarette liegt vor mir auf dem Tisch. Links von ihr der Aschenbecher. Rechts von ihr die schützende Hülle. Ich will schlafen.

Amsterdam

Kurzurlaub in Amsterdam. Drei Tage, weil wir drei Jahre zusammen sind. Eine gute Idee. Weil man über Amsterdam ja soviel gutes hört. Und weil sich Vorfreude ja so gut anfühlt. Besonders dann, wenn sie sich nicht in erster Linie auf ein besonderes Ereignis, sondern das Ausbleiben besonderer Ereignisse – dem Denken spezieller Gedanken nämlich – bezieht. So eine Reise lenkt ab. Auch die Vorfreude auf sie.

Eine weniger gute Idee ist es hingegen, diese Vorfreude mit anderen zu teilen. Das jedenfalls ist meine Erfahrung. Die erste Reaktion auf das Wort Amsterdam ist nämlich in der Regel das Wort Coffee-Shop. Und dieses Wort war wie ein Virus, der vom Mund meines Gegenüber in mein Ohr kletterte und sich dort einnistete, um von Zeit zu Zeit widerzuhallen. An jeder Ecke hier gibt es Coffee-Shops. An jeder einzelnen Ecke. Und ob man nun diesen Virus im Ohr hat oder nicht: Die erwachte Neugier nimmt den Kampf gegen die Vernunft auf. Und letztere hat nicht viel Rückenhalt: Kiffen ist legal hier. Der Geruch gehört zum Stadtbild. Weed rauchen zum guten Ton.

Ach ja, die Stadt. Diese Stadt! Unglaublich. Ich fürchte, zum Sightseeing werden wir nicht kommen. Die exostischsten Geschäfte bilden endlose wunderschöne Gassen, zahllose Kanäle gaukeln dennoch Weite vor, gemütliche Cafes versüßen ohnehin zuckersüße Stunden und freundliche, hilfsbereite Menschen bevölkern das Ganze mit lockerem, leichtem Leben. Selten hat mich eine Stadt so fasziniert, so in ihren Bann gezogen, so schnell so mein Herz erfüllt, wie diese hier. Selten habe ich mich auf Anhieb so wohl gefühlt irgend wo, so kräftig und froh.

Nur die Coffee-Shops machen mir Angst. Mal sehen, wie lange noch.

Männer und Frauen

Ich rase durch Thüringen. Und weil Felder im März so brach und grau liegen und mich das oft so brach und grau macht, sitze ich an meinem Rechner und lese Texte, die ich mir gestern aus dem Netz gezogen hab. Um die Frauenbewegung geht es. Für mich eigentlich mehr um die Männerbewegung. Um Emanzipation geht es. Um weibliche und männliche. Um die mythologischen und spirituellen Wurzeln der Geschlechter geht es. Im Endeffekt um: Was ist weiblich? Was ist männlich? Im Endeffekt um meine Orientierungslosigkeit.

Und während der Zug durch Thüringen rast, merke ich, dass ich nicht mitreise im Kopf. Dass ich hängen geblieben bin. Dass ich nur Worte lese, keine Sätze. Ich fange an Reisende zu beobachten.

Mir gegenüber sitzt ein Mann. Dunkelgrünes Hemd, Karottenjeans, 80er Jahre Casio Digitaluhr. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Buch „Unix für Einsteiger“. Daneben: Leberwurstbrote in Alufolie. Daneben: ein Taschenrechner. Er schreibt emsig. Ich kann es nicht lesen, er schreibt sehr klein, er schmiert sehr aber es sind Formeln. Es sind Zahlen. Mathe.

Am Tisch neben mir sitzen zwei Frauen. Mutter und Tochter, äußerlich höchstens 10 Jahre auseinander. Ich kann ihr Parfum riechen. Wahrscheinlich benutzen sie dasselbe. Vor ihnen auf dem Tisch ihre Handys. Eins rosa, eins bordeaux. Daneben: eine Flasche Lichtenauer Wellness-Wasser. Daneben: 3 Zeitschriften: Amica, Freundin Shopping spezial und Glamour. Kein Witz. Aber sie lesen nicht. Sie reden. Darüber, wie zeitlos und praktisch Flip-Flops sind. Darüber, das L’Oreal-Haarfarben echt am längsten halten, und billigere Haarfarben nach dem Solarium lila aussehen, und darüber, dass der knallrote Lippenstift bei Cindy echt verboten aussieht. Die Tochter bekommt eine SMS. Sie liest laut: „Wünsche dir ein tolles Wochenende, aber treibe es nicht zu doll!“ Hysterisches Lachen. Ich klappe den Rechner zu und die Augen und verstopfe meine Ohren mit Musik und denke an was Schönes.

Es kann nicht viel Zeit vergangen sein. 10 Minuten, vielleicht 15. „Wird Kaffe gewünscht? Oh, habe ich sie geweckt?“ „Nein, nein, keine Sorge.“, murmele ich. Und während ich erstaunt darüber bin, wie kurz nach dem Aufwachen die Höflichkeit geladen ist, höre ich mich „Nein, danke. Für mich keinen Kaffee.“, sagen. Wahrscheinlich wird die Höflichkeit vor Tag, Uhrzeit und Ort geladen. Wahrscheinlich vor der Erinnerung an den eigenen Namen. Ich werde das beobachten.

Viel erstaunter bin ich aber über den Mann im dunkelgrünen Hemd und den Karottenjeans. Der reagiert nämlich überhaupt nicht auf die Kaffeeofferte. Auch nicht auf den Duft. Auch nicht auf mein Erschrecken. Er hat die Bücher weggepackt, und den Taschenrechner und das Schreibzeug. Er liest jetzt. Erich Fried: Gesammelte Liebesgedichte. Kein Witz.

Die Frauen am Nebentisch kaufen Kaffee und beschliessen, dass sie beim nächsten Mal gemeinsam bei Sport-Scheck bestellen, weil es ab 50 Euro 5% Rabatt geben würde und man gemeinsam ja Versandkosten sparen könnte. Dann lesen sie auch. Sich gegenseitig Horoskope vor.

Ich klappe meinen Rechner auf und beginne zu schreiben.

Fernbeziehung

Meine Güte, war ich glücklich gestern. Was ja mit Blick auf die Uhr schon vorgestern geworden ist. Dieses Gefühl ist Heimat. Nicht, dass es so vertraut wäre. Nicht, dass man es so gut kennen würde. Aber es fühlt sich so richtig an, wie sonst kaum etwas. Und es macht einen so leicht. Und es macht die eigenen Probleme wirklich zu Sandkörnen. Wenn auch nur für einen Augenblick, einen Atemzug, einen Herzschlag, oder zwei. Und oder aber natürlich ist es flüchtig, wie ja alles flüchtig ist und vergeht. Natürlich ist es Heimat, aber kein Zuhause. Kein Ort, an dem du Wohnen kannst, und der dich auffängt, wenn du fällst. Es ist wie eine Fernbeziehung mit einem Seelenverwandten,

die ich ja übrigens tatsächlich führe. Und wahrscheinlich hängt das ja alles zusammen, dieser Seelenverwandte hatte heute, also flüchtigerweise gestern nämlich Geburtstag und ich durfte abgesehen von Gedanken- und Funktelefonverbindungen nicht bei ihm sein. Ihn nicht riechen, nur im Geiste. Ihn nicht Streicheln, nur in der Erinnerung. Ihn nicht küssen, nur sein Bild.

Diese Zustände des Geteilt-seins, dieses Gefühl der Entfernung ist wirklich vergleichbar. Ich kann mich heute nur schlecht an unseren Ozean erinnern. Und ebenso schlecht kann ich erinnern, wie es sich anfühlt, Heikos warmen behaarten Bauch zu streicheln. Und heute spüre ich, wie weit der Weg ist zur eigenen kolletkiven Erinnerung, weil er nämlich über Vertrauen führt. Wie lange ein Gedanke braucht für 600 km. Und wie oft Vertrauen unterwegs von Angst vom Wagen gezerrt wird. Wie verdammt lange 14 Tage dauern.

Hey, da fällt mir ein, dass heute ja schon morgen ist und ich so schon morgen zu ihm fahre. Zu meinem Ozean

be water 2

Naja, so richtig erklären kann ich das immer noch nicht. Das heißt, ich trau mich nicht. Und natürlich habe ich meinen Rechner nur angeschaltet, um es doch zu tun. Um mich doch zu trauen. Also gut.

Buddhismus sagt, wir sind alle Teil einer großen Weltseele, und Nirvana bedeutet zu dieser Weltseele zurückzukehren. Wieder mit ihr zu verschmelzen. Wie ein Wassertropfen, der von der Flut an den Strand geschwemmt wurde, und bei der nächsten Woge vom Ozean heim geholt wird. Und während unseres Strandaufenthaltes, den 70 oder 80 Jahren Orientierungslosigkeit also, bleiben wir doch immer verbunden mit unserem Ozean. Wir bestehen letztlich aus Ozean. Wir beinhalten alle seine Bestandteile. Wir haben Erinnerung an ihn. Wir sind ein Ozean im kleinen. Wenn es uns nun gelänge, diese Erinnerung zu beleben, uns darauf zu besinnen, dass wir als Wassertropfen eben nicht dazu verdammt sind im Sande zu versickern oder in der Sonne zu verdunsten, wenn es uns nun gelänge, ebenso zu fließen, wie der Ozean fließt, und nicht im Sande versickert und nicht in der Sonne verdunstet, wenn wir diese Erinnerung erwecken könnten, wären wir geheilt.

Wir müssen fließen lernen. Wir müssen begreifen, dass wir Hindernisse und Probleme, dass wir Sandkörner umfließen oder in uns aufnehmen können. Wir müssen begreifen, dass wir an der Feuchtigkeit anderer Tropfen wachsen können, und das wir von unserer Feuchtigkeit abgeben müssen, wenn wir fließen wollen. Es macht keinen Sinn, sich auf seine Hülle zu konzentrieren, und darauf zu achten alle seine Moleküle beieinander zu halten. Das macht uns klein und schwach und träge. Es gibt keine Stabilität. Es kann keine Planung gebebn, weil der Sand nicht stabil ist, auf dem wir liegen. Weil der Wind sein Spiel mit ihm treibt. Und es gibt keine Vergangenheit, weil wir keine Spuren hinterlassen im Sand, weil der Wind sein Spiel mit ihm treibt. Wir aber müssen fließen. Wie alles fließt. Und unsere Richtung ist immer klar: zurück zum Meer.

be water my friend

Da ist so mein merkwürdiges Gefühl gewesen, das mich in den letzten Tagen begleitet hat. So ein Gefühl, eine Ahnung. Wie ein Gewitter, kurz vor seinem Entstehen. Wie eine Idee, Sekunden vor ihrer Geburt.

Nun, ich weiß jetzt, dass es wohl keine große Erkenntnis war, keine, die obigen Trommelwirbel rechtfertigen würde. Aber immerhin eine, die es mir wert ist sie niederzuschreiben, wenn auch nur, um sie später nachschlagen zu können:
Vor Jahren ist mir mal ein Ausspruch von Bruce Lee begegnet. Damals klang er schön. Ich habe ihn aufgeschrieben. Heute habe ich ihn wiedergefunden. Heute habe ich ihn verstanden:

„I said: empty your mind, be formless, be shapeless, like water. And you put water into a cup it becomes the cup. You put water into a bottle it becomes the bottle, you put it into a teapot it becomes the teapot. Now water can flow or it can crash. Be water my friend!“

Ich weiß nicht, wie plausibel das ist. Ich weiß nicht, wie deutlich für andere. Für mich hat das viel mit Tao zu tun. Mit Fließen-lassen. Mit Sich-hingeben. Damit, frei von Erwartungen und Ängsten aufs Leben zu zugehen. Aber wie das bei allen Dingen ist: Eine Erkenntnis wird nicht durch ihr bloßes Erfahren wertvoll, sondern erst durch ihr Erleben. Es genügt nicht, das höchste Wissen zu wissen, man muss es auch (und vor allem) fühlen.

Und was ich gerade fühle ist diese merkwüdige Flüchtigkeit. Ich weiß nicht, ob die mich auszeichnet oder ein kollektives Phänomen ist. Dieses Theoretisch-alles-sein-können. Dieses Eigentlich-nichts-sein. Zu wissen, dass es ich eigentlich nicht gibt. Weil es jeden Tag anders ist. Weil jeden Tag Vergangenheit verloren geht und die Zukunft dazu kommt. Weil ich so stark von meiner Umgebung abhänge. Weil ich anderswo jemand anders wäre. Vielleicht kann ich das morgen erklären.