Hingabe

Ich bin vor dem Wecker wach.
Mein Gefühl sagt, ich bin wach geblieben, seit dem ich den Wecker gestellt habe vor ungefähr vier Stunden.
Mein Gefühl lügt. Ein bisschen muss ich geschlafen haben.
Das ist vor jeder Prüfung so: Ein Idiot mischt mir ein Dutzend Koffeintabletten in die Gute-Nacht-Milch und flüstert von Katastrophen bis zum Morgengrauen.

Letzteres verpasse ich heute.
Es ist 3 Uhr 45. Außer mir graut es niemandem.
Ich beginne meine Morgenroutine und ärgere mich, dass ich keine Gedanken dafür brauche. So bleiben alle Gedanken in diesem Knäuel aus vager Furcht.
Manu rettet mich mit einem Anruf. Sie will sicher gehen, dass ich nicht verschlafen habe. Ihr Klingeln hat meine Vernunft geweckt. Das ist keine Prüfung, das ist ein Geschenk, sagt sie müde. Ich halte mich an ihr fest.

Manu klingelt wieder. Jetzt an der Tür.
Die Hektik siegt, ich pinkle im Stehen. Bevor ich den Reißverschluss meines Koffers schließe und dann von außen meine Wohnungstür.
Manu verbündet sich mit meiner Vernunft und rettet mich: sie redet.
Darüber, dass sie auch nicht geschlafen sondern stattdessen lieber aufgeräumt habe, weil man in Räumen mit einem derartig schlechten Feng Shui wie ihrem Schlafzimmer ohnehin nicht mehr hätte schlafen können. Sie habe viele Reliquien aus ihrer Vergangenheit gefunden, die sie an Momente erinnert haben, an die sie sich sonst wohl nie mehr erinnert hätte.
Sie fragt nach meiner Flugangst. Ich habe keine. Manu spricht darüber, wie viel einfacher das Leben wird, wenn es gelingt sich diesem ganz und gar hinzugeben.
Ich küsse sie und danke ihr und steige aus. Ich bin viel zu früh am Flughafen. Und beinahe allein.
Die Sonne färbt Metall und Glas pink und bringt mich dazu, über Hingabe nachzudenken.
Ich bin ein kleiner Junge. Und die Frau am Check-In merkt das. Sie bucht einen Fensterplatz für mich und erinnert mich daran, mein Taschenmesser ins Frachtgepäck zu geben, weil man es mir sonst wegnehmen wird. Mit ihrem Kugelschreiber macht sie einen roten Kringel um die Stelle auf meinem Ticket, an der das Gate steht, auf das ich muss.

Mit 16 bin ich mal in die Türkei geflogen.
Ich kann mich noch an die gelbe Gürteltasche erinnern, die mir ein Steward damals schenkte.
Ich habe sie noch irgendwo.
Eine Reliquie meiner Vergangenheit. Sonst weiß ich nichts mehr von dem Flug.
Jetzt bin ich 24 und seither – von einem Rundflug in einer Cessna über Eilenburg mal abgesehen – nie mehr irgendwo hin geflogen.

Ich befolge die Anweisungen des Sicherheitspersonals, was mir nichts ausmacht, weil ich ein kleiner Junge bin. Ich freue mich darüber, wie toll mein geröntgter Koffer auf dem Monitor aussieht und welche Geräusche meine Gürtelschnalle verursacht wenn ihr diese Elektrolupe zu nahe kommt.

Alle Leute im Wartebereich geben sich betont gelangweilt. Das bleibt auch im Flugzeug so. Alle Leute lesen im Flugzeug oder Schlafen oder hören Musik.
Ich bin der Einzige in meinem Umfeld, der schon beim Ausparken mit seiner Nasenspitze Fettflecken an der Fensterscheibe hinterlässt.

Als das Flugzeug zum Start ansetzt begreife ich, warum man manchmal auch Maschine dazu sagt.
Die Vibration der Triebwerke und Reifen macht mir Gänsehaut.
Plötzlich kippt der Horizont.
Das Holpern der Reifen hört auf.
Wir fliegen.

Ich verstehe nicht, wie der Sportteil der Leipziger Volkszeitung für meinen Nachbarn interessanter sein kann, als das Wunder, dass sich gerade abspielt.
Ich empfinde große Verehrung für die Ingenieure und Arbeiter, die dieses Flugzeug gebaut haben.
Ich empfinde tiefe Dankbarkeit für die Macht, die mich hier her gebracht hat. Von hier oben erkenne ich das ungeheure Glück das mir widerfährt.
Nicht nur jetzt.
Nicht nur heute.
Wir durchbrechen die Wolkenschicht.
Die Sonne blendet mich.
Die scheint immer hier oben.
Ich weine.

Als mir die Stewardess Kaffee serviert, habe ich mich wieder gefangen. Wir sind irgendwo über Frankfurt und schneller als meine Furcht.
Zum ersten Mal kann ich mich freuen, auf das was vor mir liegt.
Zum ersten Mal fühle ich mich groß und schwer genug, um von möglicher Kritik nicht zertrampelt und von faulen Kompromissen nicht davon geweht zu werden.
Das ist meine erste große Ausstellung. Ich habe mein Flugticket nicht bezahlt, ich werde mein Hotel nicht bezahlen und jemand wird meine Bilder für mich aufhängen.
Jemand oder etwas empfindet die Art von Liebe für mich, die eine Mutter für ihr Kind empfindet.
Ich bin sicher.
Das begreife ich jetzt.

Das Foto eines Künstlers

Ein Foto von mir wollten Sie.
Für Presse und Werbung und Öffentlichkeit.
Ein Porträtfoto von mir für den Katalog.
Für einen Kunstkatalog.

Kein Geheimnis: Das schmeichelt.
Das streichelt meine Eitelkeit.
Das füttert mein Ego.
Und das verschafft große Bewunderung,
wenn es gelingt, die Anfrage mit der überzeugenden Mischung
aus Verlegenheit und Bescheidenheit
im flüchtigen Nebensatz jeglichen Gespräches zu erwähnen.

Aber das fordert auch.

Nicht, dass meine Festplatten nicht eine ganze Bibliothek von Selbstporträts beherbergen würden, deren Meisterwerke der Welt sogar im Internet zum Abruf bereit stehen.
Nicht, dass ich im Umgang mit der Kamera nicht vertraut wäre und mich nicht gut darauf verstünde, ungeliebte Züge meiner Person zu kaschieren und geliebte zu modellieren, selbst dann, wenn ich sie gar nicht habe.
Nicht, dass meine Inszenierung jemals zitterte oder ich jemals um den passenden Gesichtsausdruck gerungen hätte.
Hier aber doch.
Hier strauchelte ich.
Hier haderte ich.

Sie wollten das Foto eines Künstlers.
Das eines jungen Mannes mit Visionen.
Oder eines sympathischen Trottels.
Mit dem geheimnisvollen Sex-Appeal eines Verrückten.

Sie wollten kein Foto von mir.
Keines von jemandem, der seine frühen Nachmittage mit Talk-Shows tötet.
Der Computerspiele mag.
Und Milch-Shakes von Mc Donald’s.

Sie wollten kein Foto von jemandem, der gar kein Künstler ist und nur deshalb so bezeichnet wird, weil niemandem ein passenderes Wort einfällt für das, was er tut.
Ich baute mein Stativ auf und versuchte wie ein Künstler auszusehen.
Orientierungslos aber intelligent.
Verzweifelt aber kämpferisch.
Traurig aber weise.
Sexy.

Das funktionierte nicht.
Das funktionierte ganz und gar nicht.
Das war überhaupt nicht auszuhalten.
Natürlich nicht.
Ich begriff das nach 3 Stunden und 2 randvollen Speicherkarten.

Ich hörte mich über die zwingende Notwendigkeit von Authentizität reden.
Ich rekapitulierte energische Plädoyers über die ungeheuerliche Stärke die der Fähigkeit zur Konfrontation mit der eigenen Schwäche innewohnt.

Ich erinnerte mich an Diskussionen über das zwangsläufige Scheitern jeglichen Versuches, vermeintliche Wahrheiten aus hölzernen Rollenklischees zu zitieren.
Vor allem aber staunte ich über die prächtigen Blüten die die meine Vorstellungen eines Künstlers trieben.

Ich zog meine Hose von baggy auf die Höhe, in der ich sie normalerweise trage, nahm meine Intellektuellenbrille ab und tauschte mein Paradiesvogelhemd gegen eines, das mich wieder zu dem machte, was ich eigentlich bin: ein Sperling, wenn auch ein aparter.

Die Kamera am ausgestreckten Arm schoss ich ein Foto von mir.
Direkter Blick.
Ernstes Gesicht.
Ich.

Mit Hautschuppen auf der Nase,
einem Mitesser auf der Stirn
und einer leichten Rötung rechts über meiner Oberlippe aus der sich zwei Tage später eine beachtliche Herpesblase entwickeln sollte.

Das ist nicht uneitel.
Das ist das Gegenteil davon:
Einen Moment lang zog ich in Erwägung meine Augen ein wenig blauer und meine Lippen ein wenig röter zu färben am Computer.

Intuition der Fische

Ich im Baumarkt.
Die Zierfische.
Die Schmuckschildkröten.
Die Mooskugeln für einen Euro.

Ich im silikonverklebten Aquarium.
Mein klingelndes Telefon irgendwo da draußen.
Dumpf und anderswo und trotzdem laut genug.
Ich stelle auf lautlos und treibe weiter.

Heiko angelt nach mir.
Du kannst doch nicht immer.
Du musst doch auch mal.
Was wenn?
Stell dir vor:
Paris!

Hello?
This is Caroline Calchera of the
Fondation Cartier pour l’art contemporain.
Am I talking to?
Ja? Yes? English?
Sure. You have been selected for our summer exhibition.
It is you we have selected.
Congratulations!

Ernsthaft? Ich? English?
Sure.

Heiko!
I have been selected!
Siehste?
Herz!
Ich wusste das.
Ich wusste.

Die Intuition der Fische.
Und ich als Mooskugel
im silikonverklebten Aquarium.

MEIN Leben?

Ich weiß nicht, ob dieses hier mein Leben ist.
Vielleicht bin ich wer anders.
Bestimmt zu etwas anderem als diesem hier.
Fehlgeleitet. Abgedriftet. Widrig.
Ich bin in all das hier nur so reingeschlittert.
Habe mich verlaufen, quasi.
Bin verirrt.
Falsch abgebogen.
Falsch.

Habe getrieft.
Den entscheidenden Moment verschlafen.
Zu lange gewartet.
Zu lange gehofft.
Zu lange untätig.

Kein heller Stern mehr,
keine Gunst der Stunde,
nicht zur rechten Zeit am rechten Ort
sondern zur falschen Zeit nirgendwo.
Kein glücklicher Zufall,
keine guten Beziehungen,
nicht von irgend wem in jungen Jahren entdeckt zu irgend etwas.

Hab mir die Zeit mit Büchern vertrieben.
Mit hoffen und träumen und denken und reden.

Und in der Tat:
Mit den Jahren sickert
Tropfen für Tropfen
wie Regenwasser durch Samttapeten
die Erkenntnis in mein Jetzt,
dass ich ebenso

normal

bin, wie die, denen ich es zeigen wollte.

Nicht ohne Talent zwar, aber kein Genie.
Nicht ohne Liebe, aber kein Heiliger.
Nicht ohne Mut und doch kein Krieger.

Fein gemacht.
Was erkannt.
Was gelernt.
Was begriffen.

Und nun?
Bürojob, 8 Stunden, 1.200 Euro?
Sozialarbeiter, 12 Stunden, 800 Euro?
Künstler, 24 Stunden, 0 Euro?
Religiös werden?
Depressiv werden?
Oder Verrückt?

Nein, nein.
Wie gesagt: Ich habe mir die Zeit mit Büchern vertrieben.
Und jedes, jedes einzelne antwortet:

Akzeptieren.
Annehmen.
Sich fügen.
Erkennen, dass genau dieses hier:
jetzt:
dieser Augenblick unter dem Licht meines hellen Sternes stattfindet.

Begreifen, das genau in diesem Moment:
jetzt:
in diesem Atemzug
die Gunst der Stunde liegt,
und dass es jetzt exakt die richtige Zeit
und hier genau der richtige Ort für mich ist.

Gott macht keine Fehler.
Ach,
doch religiös geworden unterwegs?
Na bitte.

Symbicort

Eigentlich werde ich ja nicht müde zu versichern, wie sehr ich vom tadellosen funktionieren meines Körpers beeindruckt bin. Oft stelle ich mir vor, wie es wäre wenn ich Zucker hätte oder einen Herzfehler oder eine miserable Verdauung. Das gibt dann immer so ein gutes Gefühl. So eine Dankbarkeit. Kraft. Man kann seinen Körper dann wenigstens für ein paar Minuten mit liebevollem Blick betrachten. Zur Zeit aber habe ich ganz schön Angst.

Ich weiß, dass ich Asthma habe. Immer schon. Seit ich denken kann. Allerdings merke ich davon nicht viel. Ich konnte mich mit der Krankheit arrangieren. Habe gelernt Anfälle zu veratmen und keine Angst mehr davor zu haben. Habe gelernt, mich gerade so stark zu strapazieren, dass die eigene Grenze berührt aber eben nicht überschritten wird. Zur Zeit ist das alles leeres Geschwätz.

Seit gut einer Woche bekomme ich jeden Tag Anfälle. Aller paar Stunden. Nix mit veratmen. Atmen wie durch einen Strohalm. Und Medizin nehmen. Aller drei Stunden. Keine Treppen. Keine schnellen Schritte. Wie ein alter Mann. Und dann feststellen, dass du die Dosis immer mehr erhöhen musst um halbwegs atmen zu können. Und dann nachts aufwachen mit Atemnot und sich wünschen, dass seit dem letzten Aufwachen möglichst viel Zeit vergangen ist. Dass es bald morgen ist. Aufrecht geht’s immer etwas besser.

Seit gestern nun habe ich ein neues Spray. Ein sehr sehr starkes, sehr, sehr teures. Dagegen ist ja auch überhaupt nichts einzuwenden. Das hilft wie Sau. Nur fünf Minuten nachdem ich das genommen habe, kann ich mir kaum noch vorstellen, jemals Asthma gehabt zu haben. Das Problem ist nur, das Kortison im Spray ist. Kortison ist der beste bekannte Entzündungshemmer. Kortison beeinträchtigt aber auch die Funktion der Nebenniere, treibt die Blutzuckerwerte in die Höhe und entkalkt und verweichlicht die Knochen.

Dieser neue Freund ist also ein sehr guter Geschäftsmann. Und mir gefallen seine Preise nicht.

Guten Morgen, Vordiplom!

War eine lange Nacht, würde ich sagen. Von Ende März bis Mitte Juli. Ich weiß nicht, ich bin nicht ausgeschlafen. Aber ich bin in diesen Minuten so voll, so prall, so geil aufs Leben, dass ich es nicht länger ausgehalten habe in meinem Bett.

Dieser Drang vibriert in mir, drängelt, kann den Morgen nicht erwarten, zerrt mich mit halb offenen Augen in den neuen Tag. Wie gesagt, eigentlich bin ich total kaputt. Hinter mir liegt eine arbeitsreiche Zeit mit Vordiplom, Ausstellung und allem was dazu gehört. Eigentlich wäre es glaube ich ganz gut für mich, wenn ich ein paar Stunden ins Bett käme. Aber so ist es eben nicht. Ich sehne mich nur so lange nach Ruhe, bis ich sie haben könnte. Dann wird sie uninteressant. Langweilig. Fad.

Mein Vordiplom war gut. Eigentlich sollte ich es hier verlinken, aber es steht noch nicht online. Wie immer ging einiges schief, wie immer wurde die Zeit gegen Ende ganz schön knapp und wie immer ist die Arbeit nicht perfekt und ich nicht zufrieden. Aber dennoch war es gut. Ich hatte schon das Gefühl besser organisiert zu sein diesmal. Klarer strukturiert. Linearer. Effektiver. Das ganze Arbeiten hat sich professioneller angefühlt. Geregelter. Und ich hatte nicht permantent das Gefühl was suuuperverrücktes und suuuperschickes zu machen, dass im Grunde aber nichts mit mir zu tun hat. Dass im Grunde nur eine Maske ist, eine Rolle.

Auch die Verteidigung war gut. Natürlich war ich aufgeregt. Wie man vor einer Prüfung eben aufgeregt ist. Andererseits – und das erschreckte mich fast – war ich vor keiner Prüfung in meinem Leben so gelassen wie dort. Ich meine, das war immerhin mein Vordiplom. Ganz ehrlich: meine mündliche Geo-Prüfung zum Abi hat sich schlimmer angefühlt. Deutlich schlimmer. Aber dieses Vordiplom war so sehr meins! Das war mein Thema. Das habe ich mir gesucht. Daran habe ich ein ganzes Semester lang gearbeitet. Jeden Tag. Es ging hier nicht um die Wiedergabe auswändig gelernter Fakten. Es ging nicht um das korrekte Anwenden einer Formel. Es ging um mich. Wie soll ich das nach vier Monaten Vorbereitungszeit nicht verteidigen können? Beinahe hat es Spaß gemacht. Ich glaube, so soll es sein.

Und dann die Ausstellung jetzt. Das lief alles so reibungslos. Ich konnte einen wundervollen Galerieraum mit Schaufenster besorgen, ganz umsonst. Und obwohl wir weder in der Zeitung noch in sonst irgendeinem Veranstaltungskalender verzeichnet waren hatten wir mehr als 150 Besucher. Zwei neue Arbeitsweisen haben wir probiert: die Rauminstallation und ein tagebuchähnliches Wandtablot. Einige Besucher waren total ergriffen und sagten Dinge wie: Wundervoll, dass ihr auf der Welt seit. Einige haben sich so verstanden gefühlt. Einige waren so beeindruckt. Natürlich kann ich das alles erst im Nachhinhein so positiv bewerten. Während die Ausstellung lief, habe ich mich sehr schwach gefühlt. So etwas kann man ja eigentlich auch nicht machen.

Zielstrebig über eine lange Zeit auf eine Prüfung hinarbeiten, um direkt nach selbiger eine Ausstellung aufzubauen, in der man dann jeden Tag sitzt und seine Arbeit erklärt, anstatt mal in die Wanne zu gehen und sich dann richtig auszuschlafen. Ich stand sehr unter Druck, habe mich sehr gefangen gefühlt und hatte dementsprechend fast täglich Atemnot. Mal ganz zu schweigen von einer massiven Unlust und einer für meine Verhältnisse starken Sympathie zum Alkohol…

Ich habe viel gelernt durch die Ausstellung. Das ganze Thema von wegen für sich und seine Arbeit einstehen können. Da lernt man ja nie aus. Aber viel wichtiger für mich ist, dass im Zuge der Ausstellung zwei alte Freundschaften wiederbelebt wurden, die mir unterwegs abhanden gekommen waren. Die zu Marco und die zu Andreas nämlich. Beide kenne ich aus Schulzeiten und zu beiden habe ich nach der Schule den Kontakt abgebrochen, weil ich der Meinung war, als Schwuler, als Paradiesvogel, als Sonderling nicht mehr in meinen alten Freundeskreis zu passen. Naja, so ganz falsch lag ich damit wohl gar nicht, denn in der Tat hatten einige meiner früheren Freunde, wie ich kürzlich erfuhr, Probleme mit meinem „neuen Leben“. Und die Entscheidung die sterbenslangweilige, wenn auch solide Deutsche Bank zu verlassen, um ein wenig solides aber dafür umso spannenderes Kunststudium zu beginnen hat bei den meisten wohl auch wenig gepunktet. Aber schon beim Klassentreffen Ende Mai wurde mir klar, dass ich wohl doch ganz schön übertrieben hatte mit meinem Kahlschlag. Denn in Anwesenheit von Marco und Andreas wurde mir bewusst, wie sehr ich die beiden eigentlich vermisst hatte.

Ich weiß nicht. Natürlich ist es nicht so, dass wir zwangsläufig miteinander zu tun haben müssen, damit sich mein Leben vollständig anfühlt. Uns trennen immerhin knappe fünf Jahre unseres Weges, und was uns vorher verband, war Teenagerfreundschaft, die wichtig und prägend ist, aber eben doch allgemeiner, leichter, vielleicht austauschbarer. Und doch hat es etwas mit Verwurzelung zu tun jetzt wieder Zeit mit den beiden zu Verbringen. Marco ist Programmierer geworden. Er hat mit Kunst nichts zu tun, wie er mit vielen Dingen, die in meinem Leben von Belang sind nichts zu tun hat. Aber ich habe bei ihm so sehr das Gefühl einem guten, lieben, liebenswürdigen Menschen gegenüberzustehen, dass ich seine Anwesenheit sehr genieße. Andreas studiert Psychologie und wird nächstes Jahr fertig. Da hat man ja schon ein gemeinsames Thema mit dem man auch auf einer einsamen Insel einige Monate ganz unterhaltsam über die Runden kommen würde. Und tatsächlich ist sehr spannend wenn sein schulpsychologischer Wissenswust auf mein derbe spirituelles Weltbild trifft.

Ich werde in jedem Fall versuchen beide Kontakte aufrecht zu erhalten.

Meine Güte, was bin ich zufrieden in diesen Minuten. Es scheint ein fantastischer Tag werden zu wollen. Vielleicht lege ich mich noch mal ein paar Minuten zu meinem duftenden, warmen Mann und genieße seinen Atem.

Danke für deine Aufmerksamkeit.

Herr Heißhunger

Er ist stärker als ich. Ist von vornherein klar. Er hat keine Muckis. Aber dafür Grips. Er überwältigt mich. Kein Wunder an diesem Ort. Kein Wunder, nach meinem wegen akuter Faulheit ausgefallenen Mittagessen. Ich kann das Ende dieser Regalreihe nicht erkennen, ich weiß nur, dass sie mehr als doppelt so hoch ist wie ich. Und knackevoll mit „Süßwaren“. „Snickers, Mars, Bounty, M&Ms, Ritter Sport Vollmilch, Geleebananen, Milka Weiße Crisp!“, schreit er. „Jetzt! In dieser Reihenfolge!“ Ein Überfall aus dem Hinterhalt in der Höhle des Löwen. Ein Schelm, wer hier überrascht ist. Ein Blödmann, wer sich Chancen ausrechnet.

Ich beschließe die Flucht. Ich denke an was Schlimmes: an Sportunterricht, an die nahende Strandsaison und daran, dass die Zeiten, in denen mir H&M-XL-Hemden ein klein wenig spannten über dem Bauchnabel noch nicht zu lange hinter mir liegen. Ich stelle mir vor, wie ich bis unters Zahnfleisch bepackt mit Einkaufstüten und Körpermasse aus einer Big&Tall-Filiale krabble. Geschafft! Der Korb ist leer.

Ich stehe in der Obstabteilung. Keuchend. Mein Blick schweift. 3 Polaroids: „Kundenkontrollwaage“, „Wiegecenter“ und „Fettkiller Ananas“. Hier bin ich richtig, denke ich. Und als ich die Frau ansehe, die vor dem „Fettkiller Ananas“ – Schild steht und ein Gesicht macht, als hätte sie gerade eine Karibik-Kreuzfahrt für zwei gewonnen; und als ich die Figur-Drinks in ihrem Wagen sehe aus Molkepulver plus künstlichem Aroma plus 7 chemischen Zusatzstoffen Ihrer Wahl; und als ich die scharfe Kante erkenne, die ihr Cappuccino-Make-up auf ihrer Weichkäse-Haut zieht unterm Kinn, denke ich: Hier bin ich falsch. Da fällt mir ein, dass ich mir fest vorgenommen hatte, nie wieder so schlecht über Menschen zu denken, dass ich mir fest vorgenommen habe allen Menschen mit Liebe zu begegnen. Es ist zu spät für eine Entschuldigung. Nächstes Mal, denke ich. Denn ich weiß: Jeder schlechte Gedanke kommt zu mir zurück. Jeder einzele.

Die Öko-Abteilung. Ich frage mich, ob ich ihn vielleicht abgehängt habe, den verhassten Herrn Heißunger. In diesem Moment krabbelt er aus der Schokoreiswaffel-Packung und brüllt: „Denken Sie jetzt auf keinen Fall an einen rosa Elefanten! Verloren! Denken Sie auf keine Fall an Schokolade! Wieder verloren!“ Dann lacht er wie Rumpelstilzchen. Und dann lache ich wie Rumpelstilzchen. Ich habe es nämlich geschafft, meinen Blick abzuwenden. Und dann lacht er wieder, weil er weiß, dass ich niemals niemals niemals in meinem Leben einen Sauerkraut-Brot-Drink zu mir nehmen werde oder Sellerie-Brühwürfel oder ungesüßte Dinkelkekse mit extra Kalzium. Jedenfalls nicht mit Genuss. Und nicht ohne an ihn zu denken, den dekadenten Zuckerpsycho.

Ich renne durch den Supermarkt. Er hängt an meinen Waden.

Als ich an der Kasse stehe wähne ich mich als Gewinner. Kurz.
Lächelnd tritt er hinter mich, legt mir die Hand auf die Schulter und weist mich freundlich zwar, aber nicht ohne Spott darauf hin, dass drei meiner vier Low-Fat Joghurts leckere Schoko-Splitter haben. Und im Moment sogar 25 Prozent mehr als sonst. Ich drehe mich kurz um, nur um sicherzugehen, dass die Fettkiller-Ananas-Frau nicht in der nähe ist. Die würde mich auslachen jetzt. Zu Recht.

Und weil ich einsehe, dass ich den Kampf verloren habe – wenn auch knapp, wenn auch tapfer – und weil ich in der Eile nicht darauf geachtet habe an einer süßwarenfreien Elternkasse einzuchecken, kaufe ich auch noch ein Überraschungs-Ei. Die Schokolade ist hier ja nur Verpackung denke ich. Und glaube mir nicht.

Und dann denke ich: Du musst dir und anderen mit Liebe begegnen. Nächstes Mal. Dann fehlt dir keine Süße im Leben. Dann brauchst du keine Schokolade.

Lauthals über mich lachend verlassen er und ich Hand in Hand den Supermarkt.

Fliegende Holländer

Es steht auf jeder zweiten Urlaubskarte und ist meistens einfach schlecht beobachtet: „Die Menschen sind ganz anders hier. Viel freundlicher, viel offener, viel freier.“ Aber ich komme auch nach intensiven Hinsehen nicht umhin, genau das von Amsterdam zu behaupten.

Es ist diese fröhliche Freiheit, die hier in jedem Gesicht steht. Sicher, ich weiß: Es ist Frühling, ich bin im Urlaub und außerdem sind andere Städte, besonders die in anderen Ländern immer spannend, immer faszinieren und viel schöner als Zuhause. Aber die fröhliche Freiheit hier ist echt.

Ich glaube nicht, dass es eine holländische Leichtigkeit ist. Oder anders: dass es deutsch ist, was mich schwer macht zu hause. Wahrscheinlich ist sie hausgemacht, diese Schwere, diese Verkrampftheit, diese subtile Angst. Dieses kurze „Bin-ich-schick-genug?“ bevor ich ein neues Cafe betrete. Diese steinerne Mine, wenn auf der Straße jemand zu nah an mir vorbeigeht. Aber auch: Dieses „Dankeundschöntagnoch.“ dass nicht mich meint, sondern einen fiktiven Punkt der Deckenverkleidung im Aldi. Die Menschen sind hier anders. Heute morgen in der Straßenbahn wollte ich ein Ticket kaufen. Dabei benutzte ich die Formulierung „two people“ was den Straßenbahnfahrer dazu veranlasste über das Straßenbahnmikrofon Paul McCartneys „Too many people living underground“ anzustimmen und mich zum mitsingen einzuladen. Das ist Amsterdam. So sind die Menschen hier. Manchmal fangen sie einfach auf der Straße zu singen an. Wer zu ernst kuckt wird einfach angesprochen und gefragt, ob alles in Ordnung ist. Wer vor einem Laden unsicher auf und ab geht, wird freundlich hereingebeten. Man muss sich ganz schön anstrengend, hier verkrampft zu sein. Schlechte Laune kostet hier viel Mühe. Auch, wenn es regnet. Auch, wenn man nicht im Coffee-Shop war.

Das ist sehr befreiend.

Coffee-Shopping

Es ist passiert heute. Natürlich ist es passiert heute. Wir waren in einem Coffee-Shop. Wir haben gekifft. Wir haben heute mal was verrücktes gemacht. Hey.

The Grashopper. Nettes Wortspiel. Gute Idee fürs Interieur. Dunkel, wie alle Coffee-Shops. Nur grüner. In einer dunklen Ecke eine Art Fahrkartenschalter. Mit Glastrennscheibe, einem Verkäufer dahinter und einem Münztablett. Joints der Hausmarke im 3er-Pack, 15 Euro. Gekauft.

Die ersten Züge beißen im Hals. Heiko, obwohl der Mal Raucher war, und mich erst recht. Aber Husten darf man nicht. Nicht in einem Coffee-Shop. Nicht bei dem Publikum. Husten im Coffee-Shop wäre wie Blähungen in der Oper.

Die ersten Züge fühlen sich an wie Schnaps. Es dreht ein wenig, tanzt auf der Grenze zwischen angenehmen und unangenehmen. Aber dieser Zustand hält nich lange an. Dieser Zustand wächst. Heiko erkennt das und hört auf. Ich erkenne das und mache weiter.

Ich kann das Blut in meinen Adern fließen fühlen. Überall. Ich kann fühlen, wie sich die Geschwindigkeit meiner Gedanken erhöht. Das meine Gedanken, weiter schießen als sonst, größere Kreise ziehen, tiefer werden. Ich verliere den Bezug zu meiner Körperlichkeit, treibe weg von der Außenwelt, treibe nach innen. Erst wird Sprechen anstrengend, dann zuhören. Ich habe das Gefühl zu schweben. Räumlich und geistig. Bin nirgends mehr. Bin niemand mehr. Bin nichts mehr. Nur glücklich. Nur ein Moment.

Aber dieser Zustand hält nicht lange an. Dieser Zustand kippt. Ich höre Heiko rufen, dass ich blass würde, dass meine Lippen völlig ohne Blut wären, dass ich wegtreten würde. Und ich glaube ihm, denn einen Augenblick später schwebe ich nicht mehr, sondern spüre mich fallen. Schnell. Schnell verlassen wir den Shop. Frische Luft wäre gut. Frische Luft bringe wieder Farbe ins Gesicht. Tut sie. Aber nicht schnell genug um die Kellnerin davon abzuhalten nach draußen zu rennen und sich zu versichern, dass ich keinen Arzt bräuchte. Ich war mir nicht sicher, tat aber so. (Die Blähungen in der Oper.)

Ein paar Minuten später spüre ich mich wieder. Ein wenig jedenfalls.

Die Zigarette liegt vor mir auf dem Tisch. Links von ihr der Aschenbecher. Rechts von ihr die schützende Hülle. Ich will schlafen.

Amsterdam

Kurzurlaub in Amsterdam. Drei Tage, weil wir drei Jahre zusammen sind. Eine gute Idee. Weil man über Amsterdam ja soviel gutes hört. Und weil sich Vorfreude ja so gut anfühlt. Besonders dann, wenn sie sich nicht in erster Linie auf ein besonderes Ereignis, sondern das Ausbleiben besonderer Ereignisse – dem Denken spezieller Gedanken nämlich – bezieht. So eine Reise lenkt ab. Auch die Vorfreude auf sie.

Eine weniger gute Idee ist es hingegen, diese Vorfreude mit anderen zu teilen. Das jedenfalls ist meine Erfahrung. Die erste Reaktion auf das Wort Amsterdam ist nämlich in der Regel das Wort Coffee-Shop. Und dieses Wort war wie ein Virus, der vom Mund meines Gegenüber in mein Ohr kletterte und sich dort einnistete, um von Zeit zu Zeit widerzuhallen. An jeder Ecke hier gibt es Coffee-Shops. An jeder einzelnen Ecke. Und ob man nun diesen Virus im Ohr hat oder nicht: Die erwachte Neugier nimmt den Kampf gegen die Vernunft auf. Und letztere hat nicht viel Rückenhalt: Kiffen ist legal hier. Der Geruch gehört zum Stadtbild. Weed rauchen zum guten Ton.

Ach ja, die Stadt. Diese Stadt! Unglaublich. Ich fürchte, zum Sightseeing werden wir nicht kommen. Die exostischsten Geschäfte bilden endlose wunderschöne Gassen, zahllose Kanäle gaukeln dennoch Weite vor, gemütliche Cafes versüßen ohnehin zuckersüße Stunden und freundliche, hilfsbereite Menschen bevölkern das Ganze mit lockerem, leichtem Leben. Selten hat mich eine Stadt so fasziniert, so in ihren Bann gezogen, so schnell so mein Herz erfüllt, wie diese hier. Selten habe ich mich auf Anhieb so wohl gefühlt irgend wo, so kräftig und froh.

Nur die Coffee-Shops machen mir Angst. Mal sehen, wie lange noch.