Ich trau mich. Ich frage.

Es liegt sicherlich an mir. Du hast ganz Recht. Ich bin selbst Schuld. Wenn ich öfter rausgehen würde, um mich mit Freunden zu treffen oder mit Fremden, oder wenn ich mal tanzen gehen würde, nachts, und wenn ich mal was Trinken gehen würde, vielleicht auch mal zu viel, würde es mir sicher besser gehen.

Aber darin bin ich nicht gut.

Ich sitze zu oft allein zu Haus, eigentlich immer, und ich verschwinde zu oft in meinem Arbeitszimmer, eigentlich immer, hinter meinen Monitoren und werde digital und löse mich auf. Das kann nicht gut gehen. Ich weiß. Aber ich bin wirklich nicht gut im fröhlich sein. Ich grüble zu viel. Ich denke zu viel und zu ernsthaft. Und im Gegenzug lebe ich zu wenig.

Das zu erkennen war gar nicht so schwierig. Mein schwerer Kopf sagt es die ganze Zeit und meine verspannten Schultern und auch die vom Sitzen verkürzten Bänder in meinen Beinen, gelegentlich. Aber damit aufzuhören ist sehr schwer. Das Denken mal weg zu lassen für eine Weile, einen Tag, ein paar Stunden. Sich keine Sorgen zu machen. Nicht zu fragen. Und deshalb nicht zu fragen, weil man eingesehen hat, dass es keine Antworten gibt.

Das Problem ist, dass es nichts Falsches an den Fragen zu entdecken gibt. Obwohl es mir manchmal peinlich ist sie auszusprechen, weil ich fürchte mein Gegenüber könnte denken, dass ich mit 25 wirklich zu alt für solche Fragen bin. Obwohl ich weiß, dass sich diese Fragen schon Millionen andere vor mir gestellt haben und die von ihnen konstruierten Antworten nicht nur Bücher sondern ganze Bibliotheken füllen.

Ich trau mich heute. Ich frage laut, weil mich die Antworten nicht satt machen: Warum das alles? Warum bin ich hier und warum du? Was ist der Plan? Wo soll es hingehen?

Ich lausche schon eine Weile, aber es kommt nichts. Nichts außer Plattitüden wie: Wir sind alle hier um glücklich zu sein. Oder: Wir sind alle hier, weil unsere Seelen etwas lernen wollen. Oder: Gottes Wege sind unergründlich.

Und wenn ich mich umsehe, draußen, komme ich auch nicht zur Ruhe. Ich sehe Menschen, die leben, um Geld zu verdienen und es wieder auszugeben. Ich sehe Menschen, die beschlossen haben, dafür zu leben sich fortzupflanzen und ihre offenen Fragen an ihre Kinder weiterzugeben. Und ich sehe Menschen, die einen Zweck für sich gefunden haben und danach streben ihn zu erfüllen. Religion. Aufopferung für andere. Unterhaltung.

Keines dieser Rezepte funktioniert für mich.
Ich bin aber so hungrig.

Leben und Arbeiten

Es ist bizarr: ich werde jeden morgen von Handwerken geweckt, die in der Wohnung unter mir dem Geräusch nach alle Wände einreißen um mit den freigewordenen Steinen Percussion-Performances auf dem übriggebliebenen Boden der Wohnung einzustudieren. Bei mir tanzt dann der Tee in der Tasse und die Gläser im Regal. Das heute schon ab sieben.

Nein, nein ich find das schon in Ordnung zeitig aufzustehen. Ich mag es den ganzen langen Tag vor mir zu haben. Ich mag den Gedanken ihn womit ich will füllen zu können. Normalerweise.

Im Moment aber lasse ich die Tage verstreichen. Ich höre den Männern unter mir beim fleißig sein zu. Ich koche ausgiebig. Ich teste Napster und verliere mich in neuer Musik. Meine Arbeit lasse ich liegen. Meine Ideen lasse ich verstauben. Meine Wohnungstür abgeschlossen. Von innen.

Ich habe überhaupt keinen Grund zu jammern. Jeder der Handwerker unter mir würde sicherlich gern einen Tag mit mir tauschen. Und ich mit einem von ihnen. Sie haben im Gegensatz zu mir: eine klare Aufgabe, ein konkretes Ziel und produzieren ein nachprüfbares Ergebnis.

Ich bin Künstler und muss mich mit Ermunterungen wie: „Du kannst nun mal nicht jeden Tag kreativ sein.“ oder: „Dein Kopf arbeitet immer und du wirst sehen, plötzlich küsst dich die Muse und es fließt wieder“ zufrieden geben. Was schwer fällt. Denn nur weil Phasen der Passivität normal sind muss ich nicht damit leben können.