Aber dalli: Wählen gehen!

Raus aus den Federn und ab zur Urne, aber zack zack! Auf dem Rückweg kann ja wer will ja frische Brötchen von der Tanke mitbringen. Gefrühstückt wird nämlich nach der Wahl.

Wählen ist erste Bürgerpflicht. Und nach dem erhobenen Zeigefinger von Herrn Ramelow wird ja wohl keiner mehr Widerworte wagen, oder? Würde ich auch nicht empfehlen. Sonst gibt’s ne gepfefferte Backpfeife! Und Herrn Ramelows Handgelenk scheint mir heute besonders locker.

Und wie es nach der Wahl weitergeht, wenn jeder sein Kreuz an der Stelle gemacht hat, an der es Herr Ramelow befielt wurde beim gestrigen Wahlkampfabschluss in Erfurt sehr plastisch aber nicht minder poetisch symbolisiert:

1 2

3 4

Herr Ramelow, wer auch immer Sie in PR-Fragen zum Wahlkampf beraten hat, kann sie überhaupt nicht leiden. Wer immer es ist, möchte mit allen Mitteln verhindern, dass Sie in den nächsten Jahren politisch irgend etwas mitzuentscheiden haben.

Erhobene Zeigefinger gehören in wilhelminische Kinderheime, Backpfeifenhände auf Wahlplakaten ins Kuriositätenkabinett und Politiker, die auf Nagelbrettern stehen unter denen Menschen liegen schlichtweg verboten.

Jeden Tag eine gute Tat…

Technorati-Tags: ,,

Manchmal ist es ganz einfach, sein Karma-Konto um einige Punkte aufzubessern.

Heute zum Beispiel brauchte ich nur meinen Fingernagel dazu. Um ein kleines “b” von einem Wahlplakat zu kratzen:

Kostet das eigentlich Punkte, wenn man sich anschließend öffentlich für seine Heldentaten rühmt?

Bestimmt…..

Mist.

Und ich dachte, ihr Farbigen seit wenigstens ein bisschen naturverbunden!

Es ist heiß in der S-Bahn. Was doppelt nervt, weil ich mal wieder in meinem Karnevalskostüm aus feinstem italienischem Tuch unterwegs bin, dass mir dabei hilft, für den Konsumentenkreditspezialisten gehalten zu werden, den ich heute verkörpere. Die Schuhe reiben mir die Fersen blutig, das Sakko erhöht meine Körpertemperatur in fiebrige Bereiche und meine Krawatte kommt mir wie das Geschenkband vor, das meiner Masochistenrolle den letzten Schliff gibt. Ich fühle mich unsicher und ein bisschen wie ein Clown.

Weil ich gern möchte, dass die Binsenweisheit “Gleich und gleich gesellt sich gern” stimmt, suche ich mir einen Platz aus, der verlangt, dass ich in meinem Aufzug durch den ganzen Wagon wanken muss. Mir gegenüber sitzt nun nämlich ein etwa gleich großer etwa gleich alter Mann, dessen Schädel genauso rasiert ist wie meiner, und dessen Brille ebenso transparent wie meine ist. Im Gegensatz zu mir ist der Mann schwarz. Und im Gegensatz zu meinem Deutsche-Bank-blauen Anzug ist sein Kostüm orange, aus Seide und über und über mit Blütenmotiven bestickt. Er sieht darin aber genauso verkleidet aus wie ich. Meine Meinung.

Ich frage mich, wo er hinfährt und warum er so angezogen ist. Während ich darauf herum denke, fällt mir auf, dass meine Rolle im Gegensatz zu seiner definiert und legitimiert ist. Ich mach heute den Konsumentenkreditspezialisten. Keiner wundert sich. Außer mir, als ich feststelle, dass ich mich in seinem prächtigen Overall nicht verkleideter fühlen würde, als in meinem muffligen Bänkerzwirn. Obwohl er doch den Exoten macht hier. So weit ich das an seiner Mimik ablesen konnte fühlt er sich aber im Gegensatz zu mir gut. Zumindest okay.

Auf den Platz neben ihn setzt sich eine junge Frau. Die finde ich sehr schön in ihrem schwarzen halblangen Baumwollkleid mit den breiten Trägern. Ihre Haut ist nicht braun, sondern eher golden und ihre Formen rund und propper aber eben nicht dick. Im Gegensatz zu mir, findet sie keinen Grund mich zu bemerken oder gar anzustarren. Was mich nicht überrascht. Ich unterstelle ihr, dass sie mich verachtet, weil ich sie eher dem linken, wenigstens aber dem Öko-Spektrum zuschreibe und sie mich wegen meiner Verkleidung sicher dem konservativen wenn nicht gar wirtschaftsliberalen.

Auf meinem linken Knie landet eine dicke Fliege. Sie krabbelt eine S-Form meinen Oberschenkel hoch, hält kurz inne und krabbelt ein Fragezeichen zurück. Nicht, dass ich Fliegen besonders mögen würde, besonders nachts nicht, besonders nicht in meinem Schlafzimmer. Aber ich bin doch sehr fasziniert von dem Gedanken, dass in diesen winzigen Beinchen Muskeln untergebracht sein sollen, und auch von der Frage, wie es wohl so ist, die Welt durch Facettenaugen wahrzunehmen.

Ich war noch mitten im Studium, als sich die Fliege erhob eine kleine Spirale durch die Luft drehte um sich dann auf dem Sitz neben mir niederzulassen. Zum letzten Mal in ihrem Leben. Denn schon während die Fliege mein Knie erkundet, nimmt sie der Mann, der mir gegenübersitzt ins Visier. Das merke ich aber erst als er anfängt, merkwürdig den Kopf zu bewegen während die Fliege ihre letzten Kreise zieht um ihrem Flug zu folgen. Jetzt, da sie still und nichtsahnend auf dem Platz neben mir sitzt zieht er die Augenbrauen zusammen und hebt ganz langsam die Hand, um sie in einem Moment höchster Konzentration blitzschnell und mit einem lauten Knall auf das Insekt niederfahren zu lassen. Die schöne Frau neben ihm erschrickt und macht ein empörtes Gesicht. Dann erstarrt die Situation für einige Sekunden. Jetzt lüftet der Mann seine Hand und gibt den Blick auf das tote Tier frei. Mit Daumen und Zeigefinger packt er es an einem Flügel und befördert es geräuschvoll in den kleinen metallenen Abfallbehälter unter dem Fenster.  Jetzt bewegt sich auch die Frau wieder.

“Warum haben Sie das gemacht?”, ruft sie und reißt die Augen dabei so weit auf, dass ich daran erinnert werde, dass menschliche Augäpfel tatsächlich Kugeln sind.

“Das Vieh hat genervt!”, antwortet der Mann in so einem ausgeprägten Hamburger Dialekt, dass mir die Mundwinkel entgleisen.

“Ja aber doch nicht sie, sondern ihn!” Sie hat mich also doch bemerkt!

“Mich hat sie nicht genervt.”, sage ich kleinlaut.

“Aber mich.”, sagt er.

“Und ich dachte, ihr Farbigen seit wenigstens ein bisschen naturverbunden!”, zischt sie.

“Ihr Farbigen!”, äfft er sie nach. “Welche Farbigen denn? Die aus dem Fernsehen, denen die Fliegen in Nase und Ohren krabbeln?”

“Keine Ahnung. Ihr Afrikaner eben!”

“Ich bin Deutscher.”, singt er lächelnd. Dann aber ernster: “Und deshalb weiß ich auch, dass ihr Weißen nicht im Stande dazu seit Insektensprays zu erfinden, die wirklich funktionieren.”

“Ich würde eh’ kein Insektenspray benutzen!”, sagt sie. Und begründet: “Jedes Lebewesen ist Teil der Schöpfung!”

Er rollt die Augen: “Ich bin auch Teil der Schöpfung. Und ich erschlage Fliegen, wenn sie nerven.”

“Ja, super.”, zickt sie.

“Super, echt!”, legt sie nochmal nach.

Dann bleibt die Zeit für drei Stationen stehen.

Dann steht er auf.

Er beugt sich zu hier herunter, verwandelt sich mimisch in Indiana Jones und sagt: “Das Leben ist ein Dschungel, Baby.”

Dann steigt er aus.

Sie schnalzt mit der Zunge und wendet sich entnervt ab.

Mir entgleisen die Mundwinkel.

 

Caster – Der Ausgezeichnete?

 

Der Vorname Caster ist eine Spielart des aus dem griechischen Stammenden Kastor, was soviel bedeutet wie: Der Ausgezeichnete. Der mythologische Kastor war Sohn des Zeus, und Zwillingsbruder des Pollux. Und er war nicht: Weiblich.

Wer das nun aber als klares Indiz dafür wertet, dass die im Moment wegen ihres Geschlechts und nicht etwa wegen ihrer außerordentlichen sportlichen Leistungen ins Rampenlicht gezerrte Südafrikanerin Caster Semenya cleverer Kopf einer fiesen Gender-Sportbetrüger-Bande ist, der ja zumindest noch ihre Mutter und ihr Trainer angehören müssten, sollte sich vorsehen. Niemand würde Herrn Herbst oder Herrn Brandauer unterstellen, sie hätten permanent die Brüste hochgebunden, nur weil einer Ihrer Vornamen Maria ist.

Aber von vorn: Die gerade einmal 18 Jahre alte Sportlerin aus dem Südafrikanischen Dorf Fairlie lief das 800 Meter Finale der Frauen bei der diesjährigen Leichtathletik WM in nur 1:55,45 Minuten und stellte damit eine neue Weltjahresbestzeit auf. Dies verblüffte einerseits, weil der Name Semyana vor drei Wochen in der Leichtathletik-Szene noch ein völlig unbekannter war, und anderseits weil ihr Sieg alles andere als knapp war:

 

 

Naürlich sorgte das für Skepsis. Wer ist dieses Ausnahmetalent? Woher kommt sie plötzlich? Und: Kann da alles mit rechten Dingen zugehen? Auf Veranlassung des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF wird nun das Geschlecht der Sportlerin geprüft. Und auch wenn sich einige Journaillen die bräsige Geschmacklosigkeit nicht verkneifen können: So ein Test ist eben nicht damit erledigt, dass die betreffende Person mal eben die Hosen runter lässt.

In fast jedem Artikel über die Angelegenheit ist zu lesen, dass sie offenbar häufiger für einen Mann gehalten wird. Gern wird dann das Beispiel von der südafrikanischen Autobahnraststätte angeführt, auf der man Semenya den Zugang zur Damentoilette verwehren wollte. Sie habe hier mit der Bemerkung gekontert, dass sie gern ihre Hosen runter lassen könnte um zu beweisen, dass sei eine Frau sei.

Fakt ist aber ganz offensichtlich: Caster Semenya definiert sich als Frau und hat keinerlei Zweifel an ihrer Weiblichkeit. Sie wurde als Mädchen erzogen und von ihrem persönlichen Umfeld als Frau behandelt. Was höchstwahrscheinlich im Vorhandensein weiblicher Genitalien begründet liegt. Und Sogar IAAF Verbandsprecher Nick Davie sieht ein:  "Wenn die Athletin ihr Leben lang davon ausgegangen ist, dass sie eine Frau ist, kann man nicht behaupten, dass sie betrügen wollte."

Aus meiner Sicht haben wir es hier mit allen Möglichen Problemen zu tun, nur nicht mit dem einer Betrügerin aufgesessen zu sein.

1. Sport als Massenevent funktioniert über Rekorde. Und selbstverständlich über Geld. Die Leichtathletik-WM würde dem ZDF nicht sogar noch gegen Ende Marktanteile um die 25% bescheren, wenn nicht Abend für Abend mit neuen Rekorden zu rechnen wäre.

Dass diese Rekorde aber 2. auch mit dem härtesten Training und dem stärksten Talent längst nicht mehr aufzustellen sind dämmert uns zwar allmählich wird aber nach wie vor mit großem Aufwand verdrängt. Ich will die Sportler nicht unter Doping-Generalverdacht stellen, bin aber überzeugt davon, dass die Wahl des richtigen Aufbaupräperats und des erfahrensten Arztes mittlerweile mindestens genauso ausschlaggebend ist wie Disziplin, Ausdauer und Training. Die Frage ist heute vielfach nicht mehr, ob man etwas einnimmt sondern lediglich was. Die Liste der verbotenen Dopingsubstanzen wird ständig erweitert und wann immer ein bis dato legale Substanz auf den Index gerät weichen die Sportler auf andere Substanzen aus.

Wenn dem so ist, dürfen wir alle uns aber 3. dann nicht wundern, wenn wir es plötzlich mit Athletinnen zu tun haben, deren Bizeps selbst Bulli aus dem Fitnessstudio um die Ecke wie einen Schuljungen aussehen lässt.

4. Ist es keine Neuigkeit, dass Aufbaupräperate und Wachstumshormone, die Leistungssportler wohlgemerkt vor allem beim heimischen Training und nicht unmittelbar vor Wettkämpfen zu sich nehmen teils schwerwiegende Auswirkungen auf den Hormonhaushalt der Athleten haben. Mit allen phänotypischen Konsequenzen. Prominentestes Beispiel ist wohl die ehemalige DDR-Kugelstoßerin Heidi Krieger, die 1986 erstmals mit männlichen Geschlechtshormonen gedopt wurde und sich als letzte Konsequenz 1997 einer Geschlechtsumwandlung unterzog um fortan als Andreas Krieger zu leben.  Selbstverständlich ist diese Entscheidung nicht direkt auf die verabreichten Hormone zurückzuführen. Krieger sagt aber selbst, dass die Vermännlichung ihres Äußeren sehr stark dazu beigetragen habe.

5. Leben wir nach wie vor in einer Gesellschaft, in der es zwischen männlich (Bulli aus dem Fitnessstudio) und weiblich (Gabi aus dem Nagelstudio) nichts geben darf. 

Ist damit eigentlich irgend wer zufrieden?

Die flinken Kenianer entlarvt von den cleveren Deutschen

Wer sich die erschreckend-amüsante und dringend empfehlenswerte Lektüre von Noah Sows Buch “Deutschland Schwarz Weiß” gegönnt hat, weiß, dass bei der On- wie der Offline-Publikation des Spiegel mit der einen oder anderen rassistischen Entgleisung zu rechnen ist.  Wie schnell passiert es doch, dass aus 1,3 Milliarden Chinesen gelbe Spione werden. Wie schnell übersieht man die unerträgliche Lächerlichkeit des Versuches wissenschaftlich zu belegen, dass Schwarze stärker zur Nikotinsucht tendieren. Und dass aus schwarzen Deutschen bei Redaktionsschluss Afrikaner, Schwarzafrikaner, Ausländer oder wenigstens Farbige werden, kann man offenbar auch nicht verhindern.

Was ich vorgestern aber bei der von mir hochgeschätzten Zeit Online entdeckt habe hat mich so aufgeregt, dass ich erst heute darüber schreiben kann. (Zugegebenermaßen hatte ich gehofft, es handele sich hierbei um einen niederträchtigen Angriff hohler rassistischer Hackerwitzbolde, aber der Umstand, dass der Artikel heute immer noch Online steht, spricht deutlich dagegen.)

Die Schlagzeile lautet allen Ernstes: “Kenianer benötigen weniger Sauerstoff zum Rennen”. Deswegen sind es nämlich gerade die Kenianer, die allen anderen Nationen bei der Leichtathletik-WM davon laufen. Und diese wissenschaftlich belegte Erkenntnis lassen wir uns auch nicht dadurch kaputt machen, dass Ausnahmeläufer Usain Bolt seinen Weg zur Legende nicht in Kenia sondern im nur 12.500 km entfernten Jamaica begonnen hat. Herr Bolt ist ja schließlich auch Schwarz, also farbig, und damit ist er irgendwie ja auch Afrikaner, wie die Kenianer eben auch. Das passt schon.

Wie auch immer. Bei den Kenianern ist es nämlich so, dass die Muskelgruppen, die beim Laufen nicht benötigt werden, auch überhaupt keinen Sauerstoff verbrauchen. Und das ist doch prima.

Drei kleine Fragen vielleicht hierzu:

1. Wie nur gelingt  es der Natur,  in ihren evolutionären Entwicklungen die Landesgrenzen von Kenia zu beachten?

2. Wie ist es wissenschaftlich vertretbar, nach der Untersuchung von 10 (!) kenianischen Läufern (!) ernsthaft auf den Genotyp eines ganzen Volkes zu schließen? Und last but not least

3. Wer entdeckt hier eine Muskelgruppe, die nicht benötigt wird?

Naja, vielleicht bin ich auch zu pingelig. Es weißt doch nun wirklich jedes Kind, dass alle Afrikaner wahnsinnig schnell  flitzen, ein urstes Gefühl für Rhythmus, ganz, ganz tolle Stimmen und riesige Genitalien haben. Entschuldigung.

Der Steinmeier-Effekt

Eines vorweg: Bisher habe ich in meinem Leben genau zwei Mal SPD gewählt. Einmal, weil ich den örtlichen Oberbürgermeister, der sich erneut zur Wahl stellte kannte und mochte. Und einmal, weil ich zwischen der charmanten wenn auch eitlen Dynamik eines Gerhard Schröder und der behäbigen wenn auch soliden Dümpelei eines Helmut Kohl zu entscheiden hatte. Vielleicht sind wir hier schon am Kern des Problems: Ich habe in beiden Fällen Personen gewählt, keine Parteien.

Ganz offensichtlich ist das keine meiner persönlichen Unarten sondern durchaus ein allgemein-gesellschaftliches, zumindest aber deutsches Phänomen. Ich kenne keine Prognose, die irgend einen Zweifel daran ließe, das Angela Merkel die kommende Bundestagswahl haushoch gewinnen werde. Nicht die CDU. Sondern ihre Vorsitzende. Die Kanzlerin. Angie. Die Deutschen mögen sie. Und wollen, dass sie bleibt.

Frank-Walter Steinmeier ist furchtbar unsympathisch. Finde ich. Und damit scheine ich nicht allein zu sein. Abgesehen von der Wahl ihres Kanzlerkandidaten hat die SPD nämlich alles richtig gemacht:

In ihrem67-seitigen Deutschland-Plan formuliert sie klare Visionen. Natürlich: Die Hoffnung auf Vollbeschäftigung in Deutschland ist keine hehre Vision, auch kein verführerisches Wahlkampfversprechen sondern schlichtweg albern. Davon abgesehen aber, durchaus respektable Ziele: Staatsinvestitionen wann immer möglich in ökologisch verträgliche, wenn nicht gar regenerative Projekte. Klare Regulierung der Finanzmärkte. Konkrete Zielmarken zur Gleichbehandlung von Frauen. Ein evidentes Konzept zur Breitbandversorgung von ganz Deutschland bis 2010 usw. usf.

Die CDU hingegen bleibt – und das ist auch überall zu lesen – schwammig und ungefähr. Ihr Regierungsprogramm ist dermaßen konsensfähig, dass ich persönlich große Mühe habe, mir ein beherztes Gähnen zu verkneifen. Keine konkreten Zahlen, keine genauen Termine, keine Fakten anhand derer man in vier Jahren prüfen könnte, wie viel die Versprechungen wert waren. Und das zügig zusammengeflickschusterte Konzept von Shooting-Star zu Guttenberg, das als prompte Reaktion auf Steinmeiers Plan gespielt werden sollte, wurde jetzt kurz vor knapp zurückgezogen.

Davon abgesehen spielt die Kanzlerin das alte Spiel, das keine so gut beherrscht wie sie: Aussitzen und Abwarten. Sie lässt sich auf keinerlei unangenehme Konfrontation ein, ignoriert den politischen Gegner anstatt mit ihm zu streiten und tut so, als sei überhaupt gar kein Wahlkampf. Vielleicht nicht die schlechteste Strategie. Spannend ist aber, das man dieses Verhalten einer Angela Merkel als ruhige Hand, Konzentration auf wesentliche tagespolitische Aufgaben oder sicheres Fortschreiten des eingeschlagenen Führungskurses auslegt, während man einem Frank-Walter Steinmeier an ihrer Stelle Feigheit, Konzeptlosigkeit oder Farblosigkeit unterstellen würde.

Hier sind wir schon wieder am Kern des Problems: Frank-Walter Steinmeier ist furchtbar unsympathisch. Und langweilig. So sehr, dass sein Townhall-Meeting nur von halb so vielen Zuschauern verfolgt wird, wie das der Kanzlerin vor einigen Wochen. Und sogar so sehr, dass dem Medienjournalisten Niggemeier, den die ganze Angelegenheit ja nun von Berufswegen interessieren sollte, der Kopf im plötzlich einsetzenden Tiefschlaf auf die Tischplatte zu schlagen droht.

Selbstverständlich hat die SPD Fehler gemacht. Kurt Beck zum Beispiel. Oder Matthias Platzeck. Oder die Reanimierung von Müntefering inklusive der lächerlichen Umzugskisten-Entgleisung und dem Märchen von den egalen Arbeitslosen. Trotz allem ist mir schleierhaft, warum sie vom Wähler dafür so hart bestraft wird. “Mit der Agenda 2010 hat sie ihre Klientel verprellt.”, lautet eine gern gewählte Standard-Antwort. Na schön. Mag sein. Aber ebenso gut hätten die Grünen ihre Klientel mit dem Ja zum Afghanistan-Einsatz vor einigen Jahren oder dem rassistisch-sexistischen Wahlplakat-Totalausfall von neulich  in die Flucht schlagen können, der zwar heute zurückgenommen wurde, aber eben nicht ungeschehen gemacht werden kann. Ist aber nicht passiert.

Der Umgang mit der SPD ist ungerecht. Das liegt an Steinmeier, an der stillen, aber  transmedialen Übereinkunft dass die SPD nunmal dieses Jahr das Opfer ist und daran, dass niemand 67-seitige Programme lesen möchte, wenn er sich aus Erfahrung ohnehin nicht mehr daran zu glauben traut.

Aktion Kinder in Gefahr

Anfangs war ich der festen Überzeugung, es mit einer kongenialen Satire zu tun zu haben. Und ein Teil von mir glaubt das offen gestanden immer noch.

Denn es stimmt einfach alles: Ein Mann mittleren Alters mit messerscharfem Scheitel, altmodischer Brille, schlecht sitzendem Schlips, dem Gesichtsausdruck desjenigen, der in Sportstunden nicht mal als letzter in die Fußballmannschaft gewählt wurde  und einer Rhetorik, die einem Logopäden über mehrere Jahre hinweg ein sicheres Auskommen garantieren würde, werden vor einem Potpourri überquellender Postkisten in einem Büroraum, in dem 1987 die Zeit stehen geblieben ist Sätze verlesen, wie der folgende.

“Wir dürfen nicht zu lassen, dass die Linken eine Stasi im Kopf gegen Christen errichten.”

Schön, oder? Eine Stasi im Kopf. Klingt doch, als hätte sich das jemand an einem sehr geselligen Abend mit der einen Hand auf einen Bierdeckel gekritzelt, während er sich mit der anderen den Bauch hielt. Offenbar war es aber nicht so. Und wie sich nach kurzer Recherche herausstellt, ist dieser schrullige Typ keine grimmepreisverdächtige Parodie sondern bittere, sehr bittere Realität. Die mit bürgerlichem Namen Mathias von Gersdorff heißt.  Kostprobe? Bitte sehr:

 

Schon 8873 Unterschriften für Petition gegen Homo-Adoption

 

Mathias von Gersdorff ist Mitglied der Deutschen Vereinigung für eine Christliche Kultur (DVCK) e.V., einem Verein der sich “der sich u.a. für die Förderung der abendländischen christlichen Kultur basierend auf den grundlegenden Prinzipien des christlichen Glaubens, und insbesondere für den Schutz von christlichen Werten einsetzt.” Sagt jedenfalls die Webseite.

Meiner persönlichen Meinung nach hat Mathias von Gersdorff panische Angst vor “Omosexellen” – wie er gleichgeschlechtlich Liebende nennt – und ist der festen Überzeugung, dass sie Ursache allen Übels wenigstens auf diesem Planeten, wenn nicht gar im Universum insgesamt sind.

Nicht umsonst hat sein Verein die Aktion Kinder in Gefahr ins Leben gerufen der er vorsitzt, und auf deren YouTube-Kanal selbst Hartgesottene das Fürchten lernen können.

Ich gebe unumwunden zu, dass die Vermeidung hochgradig beleidigender Schimpfwörter und Flüche ein überaus hartes Selbstbeherrschungstraining für mich darstellt, wenn Herr Hofschulte die “Eindämmung der Einflüsse der Homo-Lobby” mit der Gefährdung von Kindern zusammenbringt. Das liegt daran, dass ich mich dadurch an eine Zeit erinnert fühle, in der zwischen Pädophilie und Homosexualität noch nicht unterschieden wurde, und in der homosexuelle Gedanken oder Sehnsüchte noch als Königsdisziplin des Teufelswerks galten. Selbst nach eingehender Auseinandersetzung kann ich mich aber nicht des Eindruckes erwehren, dass Herr Hofschulte noch genau in dieser Zeit lebt. Möglicherweise befand er sich just in dem Moment in dieser ominösen Poststelle, als dort die Uhren aufhörten zu ticken.

Als Beweis für das bravouröse Absolvieren meiner Selbsbeherrschungs-Herausforderung erlaube ich mir das E-Mail zu veröffentlichen, dass ich Herrn Hofschulte heute schrieb:

Sehr geehrter Herr von Gersdorff,

in Ihren Videos sprechen Sie von „den Homosexuellen und deren Lobby”, nie aber vom einzelnen gleichgeschlechtlich Liebenden. Mir scheint, als hätten Sie sich mit diesem nie persönlich auseinandergesetzt.

Gern möchte ich Sie daher auf eine Tasse Kaffee einladen um Ihnen bereitwillig Auskunft über den oft harten Weg zum Coming Out zu geben und auch über die sehr alltägliche gesellschaftliche Repressionen danach.

Falls Sie sich vor einer solchen Begegnung aber fürchten wovon ich offen gestanden ausgehe empfehle ich Ihnen, sich mit einem beliebigen wissenschaftlichen Text zum Thema zu konfrontieren. Sie werden hier lernen, dass Homosexualität im von Perversion und Verderbtheit freien Tierreich ebenso häufig vorkommt, wie beim Menschen. Vielleicht kann Ihnen das die Augen für den Fakt öffnen, dass Homosexualität keine persönliche Entscheidung sondern eine Spielart der Natur ist.

Sobald mir eine Antwort zugehen sollte, landet sie selbstverständlich hier.

Mich ärgert sehr, dass es in dieser Angelegenheit so schwierig ist sachlich zu bleiben, wie die zahlreichen Kommentare unter den Videos bei YouTube.  Herr von Gersdorff gibt sich dabei große Mühe und weicht sicherheitshalber keinen Millimeter von seine vorgefertigten Reden ab.  In seinem neuesten Video führt er aus, dass wir es mittlerweile keineswegs mehr mit einer Diskriminierung von Homosexuellen zu tun haben, sondern im Gegenteil mit einer Religionsverfolgung. Homosexuelle seien mittlerweise quasi nicht mehr kritisierbar, ohne sich dem Vorwurf der Intoleranz oder gar Diskriminierung auszusetzen. Dies widerspreche den Grundsätzen der freien Meinungsäußerung, die ja auch ihm als konservativem Christen erlaubt sein muss.

Ich würde mich gern argumentativ mit diesem Einwand auseinandersetzen. Aber ich kann nicht, weil sich meine Hände beim Tippen zu Fäusten ballen. Vielleicht morgen. Nachdem ich zwei Stunden über Rosa Luxemburg meditiert habe: Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.

Effizienzprogramm

Am Anfang war das wie Versteckte Kamera. Ich war der Lockvogel. Ich hatte mir eine lustige Verkleidung angezogen, in der man mich nicht erkennen konnte und meine Aufgabe war es nun, den armen Opfern etwas weißzumachen, dass ziemlich absurd, ziemlich unerhört und auch ein bisschen lächerlich war. Im Unterschied zur Versteckten Kamera gab es bei mir aber keine Kamera und auch keine Auflösung. Und witzig war es auch nur kurz.

Das Situation ist folgende: Ich verdiene mein Geld in einer Bank. Ich mach das nur Teilzeit und nur, um das, wofür ich eigentlich lebe finanzieren zu können. Und ich halte das nur aus, weil ich an Tagen wie diesem auch in Flip-Flops und kurzen Hosen da hingehen darf und die Kollegen einander Witze erzählen und wann immer jemand Geburtstag hat dessen Arbeitsplatz so aufwändig und liebevoll dekorieren, dass zum Arbeiten eigentlich kein Platz mehr ist.

Einige meiner Freunde wundern sich, wie ich das mache und auch warum, weil mein Job nun mal in einer Inkasso-Abteilung situiert ist, in der es zuweilen durchaus hart und kalt und unangenehm zugeht. Sie finden, ich verschwende mein Potential und riskiere abzustumpfen und in jenem gefürchteten Hamsterrad zu landen, aus dem man nie wieder rauskommt. Andere Freunde wiederum, klagen mir nach Feierabend (meinem!) ihr Leid darüber, dass es wahnsinnig schwierig ist, sich seinen Tag zu organisieren, wenn man nichts muss, und dass man von dem bisschen Almosen, das einem der Staat zur Verfügung stellt unmöglich leben kann. Sie finden, ich habe es wirklich gut getroffen, mit meiner vorgegebenen Tagesstruktur und meinem gesicherten Ein- oder Auskommen. Ich finde beide haben recht und kann mich nicht entscheiden.

Letzte Woche nun war ich zum ersten Mal auf Tour. In einer Filiale. „Draußen“, wie es im Bankdeutsch heißt. Meine Aufgabe war, Kundenbetreuerinnen, die seit 30 Jahren im Finanzvertrieb tätig sind zu erklären, wie genau sie unsere Kredite verkaufen müssen und dass es künftig bitte dringend mehr sein müssen als bisher, ohne mir anmerken zu lassen, dass ich eine ahnungslose Teilzeitkraft bin, die in den Job nur reingerutscht ist, weil sie zur falschen Zeit im falschen Call-Center gearbeitet hat und übermütig war. Und die sich in Wirklichkeit weder für Kredite, noch für Kreditkarten, noch für Geld, nicht mal für Zahlen insgesamt interessiert.

Ich mag Herausforderungen. Diesen Satz Bankdeutsch habe ich so verinnerlicht, dass ich ihn mir mittlerweile selbst glaube. Außerdem hatte ich letzte Woche im SSV einen modernen Anzug für nur 60 € ergattert, der mir bei der Anprobe für eine Freundin das zweifelhafte Kompliment „fieser Bürohengst“ bescherte. Zu guter Letzt gelang es mir, das Auswendiglernen jeder einzelnen Präsentationsseite in diesem bibeldicken Vorbereitungsordner als geistigen Fitnesstest zu begreifen, den ich mit Bravour bestand. Dementsprechend war ich voll auf der Überholspur in meinem gemieteten schwarzen Ford Focus mit abgedunkelten Scheiben und Heckspoiler.

Trotzdem ging es irgendwie schief. Und ich wusste, dass es schief gehen würde, in der Minute, in der sich der solariumbraune, perlweißlächelnde Filialleiter mit seiner goldberingten Hand durch sein Haar fuhr, als wolle er mir zeigen, dass die spitzen Enden seiner gegelten Locken als formidable Waffen in einem eventuellen Zweikampf taugen würden. Eskaliert ist es aber erst beim Gespräch mit den Privatkundenbetreuerinnen. Und zwar in jedem einzelnen der drei Gespräche, die ich zu führen hatte.

Die erste kommentierte die Anmoderation ihres Filialleiters, dass ich nun Zeit für sie hätte mit: „Ich aber nicht für ihn.“, ohne ihren Blick vom Computerbildschirm abzuwenden. Im Gespräch, dass dann dennoch stattfand, fiel ihr Kopf zur Seite, ihre Augen fast zu, ihre Arme von der Stuhllehne und der Satz „Mich interessieren nicht die Bedingungen der Restschuldversicherung sondern welchen Ertrag sie mir bringt.“, aus ihrem Mund.

Die zweite gab in der einen Stunde, die ich Zeit für Sie hatte ein und denselben abgelehnten Kreditantrag insgesamt sieben Mal unverändert zur Überprüfung, in der Hoffnung, dass er irgendwann genehmigt werde, während ich ununterbrochen damit beschäftigt war ihr zu erklären, dass dies nicht passieren wird, solange sie den Antrag nicht ändert. Nachdem wir den Antrag vor dem achten Mal gemeinsam geändert haben, woraufhin er genehmigt wurde, ballte sie eine Hand kämpferisch zur Faust, steckte mir den Zeigefinger der anderen zwischen die Schlüsselbeine und rief: „Sehen Sie! Man muss einfach hartnäckig sein, irgend wann klappt’s.“

Die dritte schließlich brach nach der ersten für sie neuen Erkenntnis zum Kreditthema, die sie ungefähr zwei Minuten nach Gesprächsbeginn erlangt, augenblicklich in Tränen aus und kriegte sich bis zum Ende des Gespräches auch nicht mehr ein. Zwischen Schluchzen und Schnäuzen versuchte sie immer wieder mir in Satzfragmenten zu erklären, dass sie drohe wahnsinnig darüber zu werden, dass hier jeder was anderes erzählt, alle behaupten nun aber definitiv recht zu haben, und niemand einsehe, dass es hier ein unbestreitbares Kommunikationsproblem gibt, das seriöses Arbeiten ad absurdum führt.

Ich hab das eingesehen. Erst recht, als mir die Halbtagskraft vom Schalter, die das Glück hatte, die Filiale genauso zeitig zu verlassen wie ich bei einem Kaffee auf einer Bank in der Fußgängerzone erklärte, dass vor vier Wochen eine der Filialbetreuerin im Rahmen eines so genannten „Effizienzprogrammes“ rausgeschmissen wurde und die verbleibenden vier nun eben jeweils 1.500 statt vorher 1.200 Kunden haben mit denen sie selbstverständlich nun auch 20 Prozent mehr Ertrag erwirtschaften müssten. Dies sei jedoch schon allein deshalb völlig unmöglich, weil die Filiale erstens nun mal nur 12 Stunden am Tag geöffnet sei und zweitens sämtliche Vertriebsprogramme nach einer Softwareumstellung vor einigen Monaten nur noch sporadisch funktionierten.

„Wie halten Sie das aus?“, fragte ich.
„Ich halte das nicht aus.“, antwortete sie. „In zwei Monaten ist mein Haus abbezahlt, dann kündige ich.“
„Um was zu tun?“, fragte ich.
„Um nicht den Verstand zu verlieren.“, antwortete sie. „Und nicht meine Lebensfreude.“

Zum Schießen: Peace, Brüder!

Im Grunde kann ich das ja nachvollziehen. Fast jeder Homosexuelle hat das in seinen jungen Jahren erlebt und wer es nicht erlebt hat oder vergessen oder verdrängt hat kann sich bei Timm daran erinnern lassen, wann immer den ansonsten ja sehr ambitionierten Damen und Herren dort das Material für ihr schwullesbisches Vollprogramm ausgeht:

CSD-Paraden sind oft erschreckend. Erschreckend besoffen, erschreckend prollig, nackt, unpolitisch und kommerzialisiert. Und wenn ich morgens zum Wachwerden den Fernseher einschalte, und mir als erstes bildschirmfüllend der entblößte Popo eines Lederdaddies präsentiert wird, der aussieht, als würde er „im echten Leben“ als Sachbearbeiter im Controlling eines Lebensversicherungskonzernes sitzen und nur heute, für den CSD und die Kamera mal richtig die Sau rauslassen, weiß ich, das wird ein stressiger Tag, dessen erste Herausforderung das sofortige Auffinden der Fernbedienung darstellt.

Ich bin doch selbst jahrelang mitgelaufen – also getaumelt. Richtige Tourneen hab ich gemacht: Berlin, Köln, Leipzig, Düsseldorf und Dresden in einem Sommer. Bis mir irgendwann in einer nüchternen Minute aufgefallen ist, dass das alles keine Demonstrationen mehr sind, sondern Straßenfeste, Kontaktbörsen und Freiluftdiskotheken. Bis mir schlagartig klar wurde, dass man die Diskriminierung von Homosexuellen, die ja nach wie vor stattfindet, dort nicht bekämpfen kann.

Nur, damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin sehr für Spaß. Ich finde, Spaß muss unbedingt sein! Und bin damit – Achtung: geschickte Überleitung! – ganz und gar auf einer Linie mit den skurrilen Ulknudeln der Piusbrudergemeinschaft, die ja immer mal wieder für einen wirklich geistreichen Kracherlacher sorgen und so freundlich sind, zwei unbedingt sehenswerte Kostproben ihres Humorverständnisses auf Ihrer Internetseite zum Besten zu geben, auf die mich mein lieber Freund Zaubererbruder hinwies:

1. Ein Sketch voll schreiender Situationskomik hier. Und
2. Ein satirisch-kabarettistischer Textbeitrag, der so genial geschrieben ist, dass ich ihn für eine Sekunde tatsächlich ernst genommen habe hier.

Junge, Junge, dass auch Herr Adenauer so eine schenkelklopferballernde Stimmungskanone war, wusste ich nicht. Ich hatte den bisher für bierernst und sterbenslangweilig seriös gehalten. Respekt!

Homoparty in Jerusalem

Da könnte ich mich doch glatt in meinen knackigen, entblößten Arsch beißen, dass ich es jetzt nicht mehr schaffen werde, beim diesjährigen CSD in Stuttgart mitzugrölen, weil selbiger in diesen Minuten bereits in vollem Gange ist. Andererseits habe ich gerade eruiert, dass die Organisatoren offenbar in ihrer Hysterie verschwitzt haben, die Homebase der Piusbrüder als wichtige Station in ihrer Parade aufzunehmen. Wenn mich einer fragt, ist das augenblicklich die beste Homopartylocation dieses Landes! Politisch, schockierend und richtig, richtig eng.

Wer? Gerechtigkeit?

Wann immer ich irgend wo aufschnappe, dass mal wieder ein Junger Mann den Mut, die Nerven und das nötige Kleingeld hat, die himmelschreiende Ungerechtigkeit der deutschen Wehrpflicht gerichtlich verhandeln zu lassen, meditiere ich noch am gleichen Abend eine Stunde lang darüber, um dem heroischen Pazifisten universelle Kraft zu schicken und Justitia endlich zur Vernunft zu bringen.

Jedes Mal denke ich, diesmal stehen die Chancen prima. Und der Mond. Und die Sterne. Mir persönlich fällt ja schon seit Jahren kein einziges Argument mehr ein, mit dem man die Wehrpflicht in ihrer jetzigen Form ernsthaft rechtfertigen könnte. Und außerdem fühlt sich das Versenden universeller Energie wahnsinnig gut und intensiv an, so gut, dass ich meine, dass eigentlich gar nichts mehr schief gehen kann.

Jedes Mal allerdings, werde ich eines Besseren belehrt. Universelle Energie nützt gar nichts. Die kann man nicht einmal in der Pfeife rauchen. Aber Vernunft hilft offenbar auch nur wenig.

In der Klage, die ja nun gestern vom Bundesverfassungsgericht abgeschmettert wurde, ging es ja leider gar nicht um Sinn und Unsinn der Wehrpflicht an sich, sondern nur darum, dass es der inzwischen 20-jährige Kläger nicht einsehen konnte, dass der Kelch der Einberufung an vier seiner Kumpels vorübergeht, und ausgerechnet er nun neun Monate lang daraus trinken soll, nur weil er der 5. ist. Kater garantiert.

Offenbar war die Klageschrift aber schlampig formuliert, weil dieses Verhältnis auch Zivildienstleistende und Wehruntaugliche mit einbezieht, die in dieser Berechnung aber nichts zu suchen haben, weil sie – Zackig! Zackig! – in die Krankenhäuser gehören, um dort Nachtschichten auf der Pflegestation zu schieben, oder gezwungen werden, ihre Jugend auf einem Rasenmähertraktor zu vergeuden, mit dem sie garantieren, dass die Ferienlager unserer Republik schön ordentlich bleiben.

Dabei muss man gar nicht lange recherchieren, um die Pflicht zum Dienst an der Waffe oder an den schlecht bezahlten Rändern der Gesellschaft als skandalös diskriminierend zu entlarven. Im Artikel 3 Absatz 2 unseres gern zitierten Grundgesetzes heißt es nämlich:

Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.

Artikel 12 Absatz 2 erklärt weiterhin:

Niemand darf zu einer bestimmten Arbeit gezwungen werden, außer im Rahmen einer herkömmlichen allgemeinen, für alle gleichen öffentlichen Dienstleistungspflicht.

Im Artikel 12a Absatz 4 steht dann jedoch plötzlich:

Kann im Verteidigungsfalle der Bedarf an zivilen Dienstleistungen im zivilen Sanitäts- und Heilwesen sowie in der ortsfesten militärischen Lazarettorganisation nicht auf freiwilliger Grundlage gedeckt werden, so können Frauen vom vollendeten achtzehnten bis zum vollendeten fünfundfünfzigsten Lebensjahr durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes zu derartigen Dienstleistungen herangezogen werden. Sie dürfen auf keinen Fall zum Dienst mit der Waffe verpflichtet werden.

Was ist also falsch im folgenden Bild?

Das riecht mir doch nach einer 1A-Gelegenheit ein neues Preisausschreiben auszuloben:
Wer es schafft, mir auch nur ein schlüssiges Argument dafür zu liefern, warum es fair sein könnte, dass unser Staat nach wie vor willkürlich junge Männer dazu zwingen kann neun Monate ihres Lebens mit einem zweifelhaften Pflichtdienst zu vergeuden, der ihre persönliche Lebensplanung knallhart unterbricht, während Frauen in dieser Zeit völlig frei ihre Karriere, Selbstfindung oder Familienplanung vorantreiben können, dem backe ich einen spitzenmäßigen Guglupfhelm mit Rumrosinen und Zitronenglasur.