Böller statt Moralapostelei

Nichts nervt mich zwischen den Jahren so sehr, wie dieses ewige XY-statt-Böller-Moralapostelei: Brot für die Welt findet, ich sollte lieber Geld spenden, als davon Böller zu kaufen; das Tierheim aus dem ich meinen Hund habe will, dass ich Katzenfutter davon bezahle und der Online-Lebensmittelversand meiner Wahl schlägt vor, gleichermaßen Menschen und Tiere zu unterstützen, aber um Himmels willen doch bitte nicht zu knallen.

Ich möchte aber Böller kaufen.

Ich liebe es, an Silvester Raketen in den Himmel steigen zu lassen. Und wenn es die Raketen nur in einer Sammelpackung mit Böllern gibt, dann zünde ich auch die. Mit Freuden. Und aus Gründen.
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Von einer Bronchitis lernen

Soweit ich das beurteilen kann, ist die gemeine Bronchitis und auch ihre dickere Schwester die Tracheobronchitis zumindest in ihren akuten Ausprägungen weder besonders selten noch besonders fürchterlich noch ohne Ende. Eigentlich ist sie nicht der Rede wert. Mich aber bringt sie gerade dazu, ernsthaft über Leben und Tod nachzudenken. Wofür ich mich freilich ein bisschen schäme.

Von früheren Krankheiten weiß ich bereits, dass ich zu den besonders wehleidigen Patienten gehöre. Während andere mit Stolz und Würde abwinken, wenn die Sprache auf ihre, wegen der wie eine auslaufende Duschbadflasche sekretierenden Nase unübersehbare Erkältung fällt, zwingt mich bereits eine leichte Bronchitis dazu, den gesamten Tag im Bett zu verbringen und jede Bewegung (Drehen im Bett, Griff zur Fernbedienung, Gang zur Toilette) mit einem lauten Ächzen in ihrer Beschwerlichkeit zu unterstreichen. Jedes Mal versuche ich mich zusammenzureißen in der festen Überzeugung, dass meine Genesung sehr direkt von meiner psychischen Verfassung abhängt, deren beste Freundin Selbstmitleid und theatralisches Gestöhne nun eben nicht sind. Jedes Mal aber scheitere ich. Meine Glieder täuschen vor, während eines 50 km Cross-Bike-Trials aufs Übelste malträtiert worden zu sein, mein Kopf fährt das beliebte Übungsmanöver “Denken, nach einer Kollision mit einem Linienbus” und Hals und Lunge feiern Barbecue. Ich MUSS ächzen.

Meine Schwester, die sich gestern telefonisch nach meinem Befinden erkundigte, half mir aus der Patsche. Ich bat sie, mir zu erklären, was ich für eines der größten Mysterien der Menschheit halte: Wie um alles in der Welt können Frauen die Schmerzen einer Geburt ertragen? Damit kennt sich meine Schwester aus, erst vor acht Wochen hat sie ein Kind geboren. Ihr drittes. Sie erklärte mir, dass eine Geburt im Prinzip ganz ähnlich wie Erbrechen funktioniere. Nur an anderer Stelle. Wer seinen Körper beim Erbrechen nicht machen lasse, riskiere unschöne geplatzte Äderchen im Auge. Der Trick bei einer Geburt sei, sich ganz und gar hinzugeben. Im festen Vertrauen darauf dass die Natur das schon regele. Und die Hebamme helfe, falls nicht. In diesem Zusammenhang riet sie mir beinahe fürsorglich, zu ächzen und zu stöhnen soviel ich will. Schließlich verschaffe mir das Erleichterung. Ebenso wie eine Geburt deswegen freilich noch lange kein Kindergeburtstag sei – worin ich sie korrigieren musste – werde eine Bronchitis deswegen natürlich kein Spaziergang. Aber sie bekäme die Aufmerksamkeit die sie fordere und würde entsprechend schnell verschwinden.

Von Schnelligkeit weigere ich mich in diesem Zusammenhang allerdings zu sprechen: Ich liege seit Dienstag im Bett und langweile mich. Versuche ich zu lesen oder Radioreportagen zu hören, fühle ich mich überfordert, was mir Angst macht. Sehe ich fern oder surfe ich im Netz, kann ich mich des überwältigenden Eindruckes nicht erwehren, meine Zeit zu verschwenden. Denn eigentlich ist sie doch wertvoll: Die Zeit mit mir. Oder?

Im Grunde meines Herzens war ich bis heute der zugegeben esoterischen Überzeugung erlegen, dass mich eine Krankheit zwingen soll inne zu halten, um das Hamsterrad für zwei, drei Runden zu verlassen, durchzuatmen und zu prüfen, ob ich wirklich zurück will. Und falls ich das nicht will, bietet eine Krankheit den Raum zu prüfen, ob es nicht einen Weg gibt, auf dem ich im Gegensatz zum Hamsterrad tatsächlich vorwärtskomme. Derartige Reflexionen liegen mir, können aber dazu führen, alle zwei, drei Jahre etwas völlig anderes zu tun, und so zu riskieren, es nirgendwo jemals zu etwas zu bringen. Deswegen, und weil ich außerdem der Überzeugung bin, dass jedem Menschen nicht nur ein Weg zum geglückten Leben offensteht, hatte ich mir vorgenommen, allzu voreilige Richtungswechsel künftig zu unterlassen und irgend einen Weg einfach mal für eine Weile zu probieren. Diesen zum Beispiel.

Wie ich heute endlich verstanden habe, kann einer Krankheit wie dieser garstigen Bronchitis, die gerade in mir haust diese bedeutende Funktion aber unmöglich zukommen. Vom vielen Ächzen bin ich so abgelenkt, dass ich keinen klaren Gedanken fassen kann und tunlichst davon absehen sollte, Entscheidungen zu treffen die über “Cornflakes oder Haferflocken zum Frühstück?” hinausgehen.

Einen sehr wertvollen Zweck hat sie dennoch, diese verhasste Keuche. Einen Zweck, der allerdings erfordert alle Scheu vor Kitsch und Binsenweisheiten abzulegen und auch die Furcht davor, einen hoffnungsvollen Text mit dem letzten Satz zu zerstören: Diese Bronchitis erinnert mich an das Wunder der Gesundheit, dass ich allzu oft für eine Selbstverständlichkeit halte.

23. November 1986

Ich war sechs und es war Totensonntag. Das bedeutete: Trotz nasskalten Wetters wurde ich zeitig geweckt um an der Hand meiner Mutter in wechselnden Straßenbahnen kreuz und quer durch die Stadt zu fahren und mich zwei Stunden später am Ende der Welt auf einem riesigen Friedhof wiederzufinden, auf dem sehr viele schwarzgekleidete Menschen über Gräber gebeugt Gartenarbeit verrichteten. Mir hat das Angst gemacht. Alle sahen so emsig aus. Mir kam das vor, als müsse man die Toten an diesem Tag beschwichtigen, damit sie nicht aus ihren Gräbern steigen um ihre Hinterbliebenen heimzusuchen. Das hatte ich heimlich in einem Film gesehen.

Wie mir meine Mutter erklärte, war auch ich bereits Hinterbliebener. Und zwar der meines Opas, dessen Existenz dieses kleine Foto bewies, das auf einer Silvesterparty aufgenommen worden sei. Meine Mutter erklärte mir, dieses Foto sei vier Silvester her. Es zeigte mich lachend auf seinem Schoß sitzend mit einem viel zu großen spitzen Hut auf dem Kopf und einer Flasche Bier in der Hand. Er sei der einzige gewesen, der sich neben mir dafür eingesetzt hätte, dass ich auch so eine Bierflasche halten dürfe. Wenn auch eine leere. Mutter versicherte, dass ich meinen Opa sehr gemocht habe.

Das machte mir Angst: Ich konnte mich nicht erinnern. Weder an die Abfolge der Straßenbahnen, noch an die Haltestellen an denen wir umsteigen mussten, noch an den Weg von der Friedhofspforte zum Grab meines Opas, noch an meinen Opa selbst. Für letzteres schämte ich mich sehr. Mein Opa habe mich nämlich auch sehr gemocht. Er sei regelrecht stolz auf mich gewesen. Deshalb versuchte ich, meine Erinnerungslücke so gut wie möglich vor meiner Mutter zu verbergen. Was freilich misslang.

Ich fragte meine Mutter, wie es sein könne, dass ich auf diesem Foto sei, aber dieses Foto nicht in meiner Erinnerung, woraufhin mit meine Mutter erklärte, dass sehr junge und sehr alte Menschen Dinge vergessen würden. Ich fragte sie, ob sie sich ganz sicher sein könne, dass mit meinem Kopf alles in Ordnung sei. Sie erwiderte, dass jeder Mensch Dinge vergesse, und dass das völlig normal sei.

Ich war froh, dass meine Mutter mir nicht übel nahm, dass ich fror und mich ein bisschen langweilte während sie mit gefalteten Händen in Gedenken an ihren Vater weinend vor dem Grab meines Opas stand für einige Minuten schweigend. Wir gingen.

Auch auf dem Rückweg zur Straßenbahn weinte sie noch. Jetzt aber weil sie es so traurig fände, dass sie sich nur noch an so wenige Erlebnisse aus ihrer Kindheit erinnern könne. Aber so sei das eben.

Mir machte das Angst. Was wird denn aus den Vergessenen Dingen? Tagen? Menschen? Wohin verschwinden die? Sind die nicht wichtig? Müssen die nicht irgendwo bleiben? In Grabsteinen? In Fotos?

Also: Wenn ich heute vergesse, hat es heute dann gegeben?

Den 23. November 1986 hat es gegeben. Ich kann mich erinnern.

Zu Tode rationalisiert

Am späten Nachmittag des letzten Freitags öffnet die 32-jährige Stephanie, Mitarbeiterin der Mahnabteilung von France Télécom, das Fenster an ihrem Arbeitsplatz im 4. Stock des Bürogebäudes in der Pariser Rue Médéric und stürzt sich vor den Augen ihrer Kollegin auf die Straße. Einige schreckten erst auf, als sie den Aufprall des Körpers auf der Straße hörten. Stephanie ist nicht sofort tot – eine Kollegin versucht sie mit einer Decke zu wärmen und bei Bewusstsein zu halten – zwei Stunden später erliegt die junge Frau jedoch im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen.

Am letzten Mittwoch holt ein Störungstechniker im südwestlich von Paris gelegenen Troyes während einer Konferenz  mit anderen Mitarbeitern des Unternehmens ein Messer aus der Tasche und rammt es sich in den Bauch. Er überlebte schwer verletzt.

Vorgestern Abend wurde eine weitere Angestellte der Firma in ihrem Haus in Metz nahe der Deutschen Grenze von Angehörigen bewusstlos aufgefunden, nachdem Sie eine Überdosis Schlafmittel eingenommen hatte. Auch sie hat überlebt.

Insgesamt haben sich in den letzen anderthalb Jahren 23 Mitarbeiter von France Télécom das Leben genommen. 12 weitere überlebten ihre Suizidversuche.

Als Reaktion setzte der französische Arbeitsminister Darcos am Dienstag einen Behördenvertreter zur Überwachung der Gesundheitssituation bei dem Telekommunikationskonzern ein und traf sich heute mit France Télécom-Chef Didier Lombard um nötige Maßnahmen zu besprechen. Psychisch labile Mitarbeiter sollen nun Zugang zu betrieblich organisierter psychologischer Betreuung erhalten – per Telefonhotline. Weiterhin sollen 100 Personalreferenten eingestellt werden, die die angespannte Lage im Unternehmen analysieren und entspannen sollen. Außerdem soll der massive Umbau des Unternehmens bis Ende Oktober auf Eis gelegt werden. Das alles kann man hier, hier oder hier nachlesen.

Selbstverständlich versucht die Konzernleitung die Situation herunterzuspielen, in dem sie beispielsweise darauf hinweist, dass sich die unternehmensinterne Selbstmordrate statistisch gesehen im normalen Bereich bewegen würde. Außerdem heißt es, dass es sich bei den tragischen Todesfällen grundsätzlich zuerst um persönliche und nicht um betriebliche Dramen handele. Stephanie zum Beispiel, habe psychische Probleme gehabt, wie Personalchef Olivier Barberot dem “Journal du Dimanche” erklärte. "Sie hat 2008 nur 58 Tage gearbeitet und hat in diesem Jahr an 61 Tagen gefehlt. Wir haben reagiert, indem wir ihre Arbeitsbelastung reduziert haben." In den Tod sprang sie allerdings, nachdem sie erfahren hat, dass sie einen neuen Vorgesetzten bekommen soll.

Der Störungstechniker habe ebenfalls überreagiert. Seine Stelle sei zwar weggefallen, ihm sei aber eine vergleichbare Position an anderer Stelle im Unternehmen angeboten worden.

Eine andere Sprache sprechen die Abschiedsbriefe, die einige Mitarbeiter hinterlassen haben. In einem heißt es, dass die mit der Versetzung in einen Vorort von Straßburg verbundene Ferne zu Heimat und Familie unerträglich sei. Ein anderer beschreibt, dass die neue Technik am Arbeitsplatz einfach nicht unter Kontrolle zu bringen wäre. In einem dritten öffentlich gewordenen Brief heißt es wörtlich:

Ich habe mich wegen meiner Arbeit bei France Télécom umgebracht. Das ist der einzige Grund.
Dauernde Dringlichkeit, überlastet von der Arbeit, das Fehlen von Ausbildung, die totale Desorganisation des Unternehmens. Ein Management, das über Terror funktioniert.
Das hat mich selbst völlig durcheinandergebracht und verstört. Ich bin zum Wrack geworden, es ist besser, dem ein Ende zu setzen.

"Es handelt sich nicht nur um persönliche Dramen", sagte der Vorsitzende der Arbeitnehmerorganisation CFDT, François Chérèque am Montag. "Wir haben hier ein Unternehmen, dessen einziges Ziel es ist, Cash und Knete anzuhäufen, und dabei verlangt man von den Beschäftigten immer mehr Rentabilität".

Tatsächlich werden enorme Anstrengungen unternommen, den ehemaligen Staatskonzern fit für den internationalen Wettbewerb zu machen. So wurden in den vergangenen Jahren 22.000 Stellen abgebaut, weitere 7.000 Mitarbeiter wurden versetzt, weil das Unternehmen zahlreiche kleinere Niederlassungen geschlossen hat und immer noch schließt um sie in größeren zu bündeln. Dieser Stellenab und –umbau ist offenbar noch längst nicht beendet: "Alle Angestellten erhalten regelmäßig per Mail Angebote, das Unternehmen zu verlassen", sagt Philippe Meric von der Gewerkschaft SUD. "Die Manager haben Vorgaben, die Mitarbeiter zu ermuntern, zu gehen."  Erreichen sie dieses Ziel, erhalten sie eine entsprechende finanzielle Belohnung.

Dementsprechend überrascht es niemanden, dass die Krankheitsquote im Unternehmen im letzten Jahr um sieben Prozent gestiegen ist.

Letzten Donnerstag nun demonstrierten zahlreiche Angestellte gegen die in ihren Augen unerträglichen Arbeitsbedingungen. Auf Transparenten bezeichneten sie diese als “terreur” und forderten: "Stoppt das Leiden bei der Arbeit".

France Télécom ist sicher das deutlichste, längst aber nicht das einzige Beispiel für regelrechte Selbstmordwellen in französischen Unternehmen. Vor zwei Jahren, gab es in den Entwicklungsabteilungen der Autokonzerne Renault und PSA ebenso eine Reihe von Suizidfällen binnen kurzer Zeit.

Mich macht das betroffen und sehr ratlos. Ich selbst arbeite für eine international agierende Bank und weiß, dass die Maschine Erwerbsarbeit gierig ist und man sich sehr gut an seinen privaten, moralischen, ideellen Wurzeln festhalten muss um nicht im sich selbst immer weiter rationalisierenden Räderwerk verloren zu gehen. Oft liest man vom “Kapitalismusbergwerk” oder vom “Hamsterrad”. Psychische Erkrankungen nehmen auch hierzulande zu, das Burn-Out wird zur neuen Volkskrankheit. Und ich verstehe nicht ganz, warum.

Natürlich: Arbeitspensum und –komplexität steigen immer weiter, die Globalisierung und vielleicht auch die Gier zwingt Unternehmen Prozesse immer effizienter und rationeller zu arbeiten, und noch immer Leben wir in einer Gesellschaft, in der sozialer Status direkt von der Teilnahme am oder dem Ausgeschlossensein vom Erwerbsleben abhängt.

Fraglich ist doch aber, wie hoch der Druck, wie stark der “terreur” und wie aufgerieben und ausgebrannt das Nervenkostüm eines Menschen sein muss, damit er direkt durchs offene Fenster am Arbeitsplatz in den Tod springt. Welchen Stellenwert hat die berufliche Stellung für so einen Menschen? Und wie konnte sie so bedeutungsvoll, so wichtig werden, dass sie über Leben und Tod entscheidet?

Hätte die einer Kündigung folgende Arbeitslosigkeit wirklich das Ende aller Möglichkeiten bedeutet? Hätte es nicht die Möglichkeit gegeben, sich einen anderen Arbeitgeber zu suchen?

Selbstverständlich kann ich mir kein Urteil über die 23 Verstorbenen erlauben. Aber an diesem Beispiel wird so deutlich wie selten, dass das Konzept von Erwerbsarbeit als Sinnstifter, als Lebensinhalt, als Maßstab für Erfolg oder Misserfolg eines Menschenlebens nie angemessen war und sich selbst überholt hat. Die Frage die jetzt kommt ist noch schwieriger:

Wofür leben wir eigentlich?

Wenn es nun aber so ist, dass die Erwerbsarbeit zum Lebensinhalt vieler geworden ist, was ja nicht zuletzt auch darin begründet liegt, dass sie vielerorts den Löwenanteil der Lebenszeit und –energie beansprucht, dann muss man fragen, was aus ihr geworden ist bzw. was aus ihr wird: Wenn die Arbeit verlangt, dass sich der einzelne über sie definiert, muss sie ihn auch wertschätzen.

 

Quellen: Nouvel Obs, Le Point, Die Welt, Telepolis

Die perfekte Natur

Ich glaube nicht an das Märchen von der perfekten Natur. Egal ob man mir Darwins Theorie oder den Mythos der Schöpfung weismachen will. Ich glaube nicht daran. Denn zumindest ich habe einen ganz wesentlichen Konstruktionsfehler. Und auch wenn ich versuche zu vermeiden von mir auf andere zu schließen – an Projektion glaube ich nämlich – bin ich mir sicher, mit diesem Fehler nicht allein zu sein.

Die Symptomatik passt in einen Satz: Ich kann mich fragen, warum ich hier bin.

Wie die allermeisten anderen die ich kenne, habe ich den unumkehrbaren Fehler begangen, das auch zu tun. Was mir nicht klar war: Hier ist es das Gleiche wie mit Schokolade, Zigaretten oder dem Sammeln von jeglichem. Wer einmal damit angefangen hat, kommt nicht mehr los davon. Nie wieder. Im Unterschied zu Schokolade, Zigaretten und dem Sammeln fehlt der Mutter aller Warum-Fragen aber die Fähigkeit, ausreichenden Konsum mit einem wenigstens kurzen Befriedigungsgefühl zu belohnen. Was die Angelegenheit ungerecht aber spannend macht: Warum erliegt man seinen Lastern, wenn sie einen nicht belohnen?

Ich habe es ausgiebig in allen Lebenslagen und von allen Seiten versucht, die mir einfielen: Es gibt keine Befriedigung hier. Es gibt hier beliebig viele Stunden zarter Melancholie, tiefer Traurigkeit und angestrengten Grübelns. Das Thema taugt um Mitmenschen in ausweg- vor allem endlose Diskussionen zu verwickeln, sich wettkampfartig wachzuhalten oder zu betrinken. Aber die Frage wird nie – niemals – auch nur den Anschein einer Antwort preisgeben.

Jedenfalls keiner plausiblen. Weshalb sich die Menschheit in ihrer Verzweiflung eigene Antworten gebastelt haben. Die sind zwar in aller Regel unplausibel, oder wenigstens nicht wissenschaftlich haltbar, dafür jedoch kuschlig-persönlich und perfekt auf das eigene Weltbild abgestimmt. Was durchaus nicht immer von Vorteil ist, dann nämlich nicht, wenn das eigene Weltbild ohnehin schon in düsteren Farben gemalt ist. Ich gestehe, diese Trennung von Weltbild und Sinnfrage funktioniert nur rhetorisch. Oft genug bildet ja die individuelle Antwort auf die Sinnfrage Kern und Keimzelle eines Weltbildes, weshalb sie unmöglich im Gegensatz dazu stehen kann.
Mir will es seit Jahren nicht gelingen, eine Antwort zu finden, an die ich glauben kann. Dabei war ich nicht faul. Ich habe Buddhismus, Christentum, Esoterik und Agnostik probiert und mich überall sehr wohl aber nirgends zu Hause gefühlt. Im Augenblick versuche ich Kapitalismus. Aber wie die Existenz dieses Textes beweist, funktioniert der auch nicht. Mein Weltbild ist quasi kernlos. Und das ist der Konstruktionsfehler vom Anfang.

Ich beneide meine Hündin. Wann immer wir spazieren gehen und sie mit wedelndem Schwanz und halb geschlossenen Augen ihrer Nase folgt, beneide ich sie. Sie fragt nicht. Sie ist. Sie denkt auch nicht, nicht in unseren Kategorien jedenfalls. Und was am schwersten wiegt: Sie will nichts werden. Sie ist. Und in meinen Augen sogar glücklich. Wenn ich sie lange genug beobachte und ihr lange genug ohne Worte hinterhertrotte, verstehe ich manchmal kurz, wie es sein könnte, wenn es mir auch gelänge ohne Fragen zu sein.

Zeit ist Gnade

Es würde sich lohnen, an dieser Stelle über Produktdesign zu debattieren. Oder vielleicht doch nicht: Das vorliegende Beispiel erhebt den Zeigefinger so weit, dass man nach dem ersten Schreck aufhören kann, ihn ernst zu nehmen. Jedes weitere Wort darüber wäre Zuckerguss auf Fettglasur.

Deswegen direkt zur Botschaft: „Zeit ist Gnade.“ Man kann sich den Kopf darüber zerbrechen so lange man mag: Es passt kein fehler zwischen diese drei worte. Obwohl viel in und zwischen ihnen steckt. Von „Carpe diem!“ über „Die Zeit heilt alle Wunden.“ bis hin zu „Gut Ding will Weile haben.“

Und da stößt mir gleich die nächste Binsenweisheit auf: „Zeit hat man nicht, man muss sie sich nehmen.“ Und obwohl es so einfach ist, ist es so einfach eben nicht. Wie wir wohl alle wissen.

Aber Zeitmanagement ist eine Goldgrube. Das spüren selbst die, die es darin noch nicht zur Meisterschaft gebracht haben, wie ich. Ein erster aber entscheidender Schritt zu selbiger kann das Vermeiden von sinnlosem Medienkonsum sein. Seit drei Tagen nun habe ich mich von Werbeplakaten und Wanderkarten abgesehen keinerlei Medien ausgesetzt.

Der Gedanke, das Hurrican Gustav mittlerweile 100.000 Menschen getötet haben könnte ist beunruhigend. Aber er entlarvt, dass meine bloße Kenntnis davon daran nicht das Mindeste ändern würde und also entbehrlich ist. Gleiches gilt für die jüngsten Parolen aus dem US-Wahlkampf und die aktuellen Entwicklungen im „Marienhof“.

Es ist verblüffend, beinahe beunruhigend daran erinnert zu werden, welches Potential in 24 Stunden steckt, wenn man die Freiheit und den Mut hat, sie nicht zu verbringen, sondern zu erleben.

Der Chauffeur

Es ist wahrhaft ein feiner Zug des Lebens, eine freundliche Geste, ein nützlicher Dienst. Weil unsere Sprache aber hier hapert, neigen wir dazu keinen Gebrauch davon zu machen und uns hier anzustrengen statt auszuruhen.

Wir meinen, im Urlaub oder am Wochenende oder in der Frühstückspause zu uns kommen zu müssen, dabei ist es viel einfacher: wir werden gebracht.

Ich sitze keine 10 Minuten in diesem Stuhl und muss nicht in mich gehen: es zieht mich dahin.

Es stimmt: Eingangs ist es nicht viel mehr als watteweiche Weltschmerz-Sentimentalität, in die ich mich fallen lasse, aber weich ist gut, dann fürchtet man sich nicht vor der Tiefe.

Man muss sich bekannt machen mit ihr, sie kennen und schätzen lernen, denn ihr zu vertrauen bedeutet, das Richtige zu tun.

Ich höre keine innere Stimme, lese keine Wahrheiten in Karten- oder Sternbildern und brauche keinen Reiseführer zum inneren Schamanen in 14 Tagen.

Es ist viel einfacher. Ich sitze hier und lass mich fallen. Ich lese kein Buch, keine Zeitschrift, keine e-Mail. Ich lass den Fernseher aus und das Radio und meinen MP3-Player. Ich verabrede mich nicht und stell das Telefon lautlos. Und ich glaube dem irritierenden Eindruck, dass das was ich erlebe alles andere als Stille ist.

Es ist so einfach: Ich sitze hier und tue nichts. Genau das Richtige.

Das Vergehen der Zeit

Ich bin kein Physiker oder Chemiker. Ich bin Romantiker. Und zwar ein hoffnungsloser. Einer, dem es nicht gelingt, eine zugegeben ziemlich altbackene und müßige Frage der menschlichen Existenz bei Seite zu schieben. Die der Zeit nämlich.

Heute ist der 14. Januar 2008. Zweitausendundacht! Nach meinem persönlichen Zeitgefühl dürften wir maximal am Anfang des Jahres 2003 stehen. Und wenn ich es mir wünschen dürfte, bitte noch knapp vor der Jahrtausendwende. Immer wieder erlebe ich kurze Momente des Schocks bei der Konfrontation mit dem akuellen Datum. Durch die Datumsleiste der Tagesschau zum Beispiel, durch die Vorahnung, dass ich dieses Jahr 28 werde, oder plastischer durch die Erkenntnis, dass Grönemeyers „Bleibt alles anders“ heuer zehn Jahre her ist.

Jedem, den ich zwinge 10 Minuten über Zeit nachzudenken wird auffallen, dass die Tage unserer Kindheit scheinbar wesentlich langsamer vergangen sind als heute. Jeder kann sich daran erinnern, wie der Schulranzen am letzten Schultag vor den Sommerferien in der hintersten Ecke des Schrankes verschwandt. Acht Wochen Schulferien waren ziemlich nah dran an nie wieder in die Schule müssen. Nach meiner höchstwahrscheinlich völlig verschobenen Erinnerung hat ein Wochenende damals so lange gedauert wie 14 Tage Urlaub heute.

Ich kenne die populärwissenschaftlichen Erklärungsversuche: Ein Tag dauert in der Kindheit scheinbar länger, weil er einen größeren Anteil an der Gesamtzeit unseres Lebens einimmt. Kinder haben weniger Verpflichtungen und einfachere, klarere Tagesstrukturen. Hierdurch entsteht mehr Platz um das Vergehen der Zeit zu erleben. Kinder erleben aber auch täglich neues, weshalb jeder Tag ein herausragender ist, der klarer erinnert wird.

Das mag alles stimmen. Welche Möglichkeiten habe ich aber heute, an diesen Punkt zurückzukehren? Keine wahrscheinlich. Weil ich ja immer weiter vorwärts muss. Erwartet mich eine Phase ähnlich langsamen erlebens in meiner Zukunft? Im Alter vielleicht? Ich werde es herausfinden. Gefühlt wahrscheinlich schon übermorgen.

Es wurde einfach zu viel Reklame für das Leben gemacht

Ich hatte noch keine Gelegenheit es in diesem Blog einer theoretischen Öffentlichkeit kund zu tun, aber: Ich habe ein Problem. Und nur weil dieses Blog hier trotz seiner theoretischen Öffentlichkeit einigermaßen anonym ist, traue ich mich, es so klar zu sagen, wie es sich anfühlt: Mir fehlt eine Aufgabe. Eine große. Eine Lebensaufgabe.

Es ist nicht so, dass ich mich langweile. Meine Tage sind gefüllt mit allerlei Aufgaben und Verpflichtungen, auch mit schönen Hobbys, einerPartnerschaft und der Freundschaft einer bezaubernden Hündin. Aber mir reicht das nicht. Ich brauche etwas Größeres. Dass heißt: Ich meine,etwas Größeres zu brauchen. Etwas Öffentlicheres, Wichtigeres, Schicksalhafteres.

In den 90ern habe ich einen objektiv betrachtet mittelmäßigen Roman gelesen, der mich dennoch sehr beeindruckt hat. Weil er nämlich von der Mittelmäßigkeit der Autorin handelt, die meiner eigenen Mittelmäßigkeit verdächtig ähnlich sieht. Das Buch heißt übrigens „Chemische Reinigung“ und ist von Silvia Szymanski. Weil ich weiß, dass es auf meine Empfehlung hin ohnehin niemand lesen wird, habe ich keine Skrupel den wichtigsten Satz hier gleich im drittan Absatz breitzulatschen: „Es wurde einfach zu viel Reklame für das Leben gemacht.“ Meine Rede. Amen. So ist es.

Eben beim Blumengießen dachte ich: So gern wäre ich Schauspieler geworden oder Sänger, oder Designer für neue Süßigkeiten, Schriftsteller oder Psychologe. So gern würde ich als Komiker auf der Bühne stehen oder als Moderator vor der Kamera. Eine Traurigkeit machte sich breit in mir, weil das leider alles Träume geblieben sind. Du hättest eben nicht auf ein Wunder warten dürfen, dachte ich dann. Du hättest dafür kämpfen müssen, dass dein Leben so aufregend wird wie das eines Stars oder wenigstens eines Sternchens. Oh! Dann viel mir ein, dass ich Künstler bin. Und dass sich das zunächst einmal genauso interessant anhört wie Süßigkeitendesigner oder Achriftsteller.

Ist es aber leider nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn man zu den 97% der Künstler gehört, deren Kunst a.) weitgehend ohne Anteilnahme der Öffentlichkeit stattfindet, und b.) kein Einkommen generiert sondern nur Ausgaben verursacht. Meine Stimmung hellte sich ein kleines bisschen auf, als ich feststellte, dass das für 97% der Schriftsteller oder Schauspieler ebenso gilt, um sich ebenso zügig wieder zu verdunkeln, bei dem Gedanken, dass durchaus auch solidere Positionen auf meiner Wunschliste standen, die ich wegen meines enormen persönlichen Geltungsbedürfnisses leider ausgeschlagen habe.

Es wurde einfach zu viel Reklame für das Leben gemacht. Deshalb denke ich, ich müsste in meinem Leben Großes erreichen, am besten im grellen Spotlight der Öffentlichkeit. Deshalb denke ich, ich bin zu irgend etwas höherem bestimmt, das mich in allernächster Zukunft entdecken und ganz nach oben tragen wird. Deshalb belächle ich das was ich habe als kleines Glück.

Das sind alles keine neuen Gedanken für mich. Im Gegenteil. Sie begleiten mich schon so lange, dass sie beginnen mich zu langweilen. Glauben Sie mir, ich habe mich in masochistischer Hingabe in ihnen gesuhlt und viele wertvolle Erkenntnisse erlangt. Zum Beispiel die, dass ich, meine Person, mein Ego genauso besonders ist, wie alle anderen Personen und Egos auf diesem Planeten. Leider nicht besonderer. Oder
die, dass die Realität eben nicht von Rosamunde Pilcher verfasst wurde, und man demzufolge von Sehnsucht und Idealismus allein nicht leben kann. Oder die, dass ich objektiv betrachtet lebe wie der märchenhafte Hans im Glück.

Der Pferdefuß dieser Erkenntnisse ist folgender: Sie überzeugen mich nicht. Es will ihnen nicht gelingen, den Kind gebliebenen Narzisten in mir das Maul zu stopfen, obwohl sie sich durchaus einen prominenten Platz in meinem Kopf und auch in meinem Herzen erkämpfen konnten. Es ist, als wäre ich klug, aber nicht klug genug.

Ich muss mich konzentrieren.

Verbrannter Zucker

Gestern war mein letzter Arbeitstag. Für dieses Jahr. Im Lift auf dem Weg in die Tiefgarage schrieb ich Listen im Kopf: Noch zu versendende Weihnachtskarten, noch zu besorgende Geschenke, noch zu erledigende Einkäufe und auch, wie ich im nächsten Jahr dem Weihnachtskaufrausch entkommen könnte.

Vom Lift bis zum Fahrradraum sind es vielleicht 50 Meter, zwei Brandschutztüren, ein Sicherheitsschloss. Schon als sich die Fahrstühltüren öffneten hatte ich diesen Geruch in der Nase und im nächsten Augenblick die passende Erinnerung im Kopf: Meine Mutter steht in der überheizten Küche am Herd und brät Karamellbonbons. Der schmelzende Zucker in der Pfanne füllt die Luft. Noch einen Augenblick später lief mir das Wasser im Mund zusammen. Ich fing an in meiner Erinnerung nach dem Rezept zu kramen.

Schlagartig wurde mir allerdings klar, dass niemand Karamellbonbons in einem Tiefgaragentreppenhaus brät. Dieser Geruch wahr falsch hier.

Ich erschrak. Gleich hinter der ersten Brandschutztür hockten drei Jugendliche. Zwei Jungs im Skater-Klamotten und ein Mädchen im gewollten Punker-Outfit. Die drei erschraken ebenso. Plötzlich war ich falsch hier. Mein Blick blieb an dem schmalen Streifen nackten Fleisches hängen, der sich zwischen dem Minirock und der Netzstrumpfhose des Mädchens auftat. Mit offenem Mund starrte mich das Mädchen an, während sie sich routiniert die Nadel aus dem Fleisch zog. Es blutete. Erst als ich den Esslöffel in der Hand des einen Jungens bemerkte, begriff ich, was hier gerade passierte. Das Mädchen hatte sich gerade einen Schuss gesetzt. Das war kein geschmolzener Zucker. Das war Heroin.

Der andere Junge stürzte auf mich zu. Er holte Luft als wollte er einen Satz beginnen, der höchstwahrscheinlich mit „Ey Alter!“ angefangen hätte. Weil ich aber wie angewurzelt stehen blieb und ihm gerade so tief ins Auge sah, wie es meine plötzlich aufgekommene Angst zuließ, blieb er stumm und berührte mich nicht.

Dieser Blick bekam eine Qualität die mich überwältigte: er war intim. Ich konnte mich nicht abwenden. Obwohl ich fürchtete, dass er jeden Moment ein Messer ziehen könnte, um es mir in den Bauch zu rammen oder mich wenigstens auszurauben. Vielleicht ist es überheblich, aber es fühlt sich auch mit etwas Abstand so an: Ich habe diesen Jungen gesehen. Hinter seiner Skater-Coolness. Und er hat mich getroffen. Ohne Messer.

Diese Traurigkeit in seinen Augen, diese Wut, diese Aggression, dieser Hunger.
„Warum?“ wollte ich wissen. „Wohin soll das führen?“, wollte ich fragen. Aber ich traute mich nicht. Soviel Naivität hätte wahrscheinlich alle drei in schallendes Gelächter ausbrechen lassen. Soviel Unbedarftheit hätte mich als das ahnungslose, reiche, satte und vor allem geliebte Weichei geoutet dass ich bin. Es war mir peinlich da zu sein.

Ich lief schneller als sonst zu meinem Fahrrad. Ich rannte fast. Und ich war die Ausfahrt schneller hochgefahren, als sich das Rolltor öffnen konnte. Ich wusste ja wohin. Zuhause dampfte das Essen auf dem Tisch.