Können Deutschlandfähnchen jemals unpolitisch sein?

Die gnadenlose Beflaggung von Gegenständen und Personen anlässlich beliebiger Fußball-Turniere wuchert. In diesem Jahr habe ich erstmals schwarz-rot-goldenes Augen-Make-up und nationalfarbene Dessous wahr genommen. Ich wundere mich.

In meiner Kindheit waren die Straßen zum ersten Mai mit Landesfahnen geschmückt. Am Tag der Arbeit hatte jeder seiner Liebe und Treue zum Arbeiter-und Bauernstaat Ausdruck zu verleihen. Das war oft unauthentisch, aber immer politisch. Sehe ich heute eine Deutschlandfahne im öffentlichen Raum, denke ich zuerst an: Fußball.

An den UEFA-Fußball, in dem es in erster Linie um Geld geht. Um Lizenzverträge für Sammelbildchen, um Millionen für Fernsehrechte und um dreifache Bandenwerbung im Stadion, die flackert und blinkt. Alles ist käuflich: Das Turnier, die Trikots und sogar die Spieler. Mir ist rätselhaft, wie Menschen diese Maschine übersehen können. Oder mögen. Und wieso sie sie weiter befeuern, in dem sie ihr Geld für die Produktion und den Import von deutschfarbigem Ramsch ausgeben. Was wollen sie damit sagen?

Dass sie hinter einer bestimmten Mannschaft stehen? Dass sie Fans sind und Fußball lieben? Dass es für sie eine großartige Erfahrung ist, mit wildfremden Menschen zu fiebern, zu feiern oder sich weinend in den Armen zu liegen? Okay.

Nur: Können Deutschlandfähnchen zwischen Balkongeranien jemals unpolitisch sein? Und wollen sie das? Mir rufen die Fähnchen zu: Liebe dein Land! Patriotismus ist gut! Patriotismus verspricht Dir:

  • Du gehörst zu einer Gemeinschaft.
  • Diese ist eine Gemeinschaft der Sieger Gewinner.
  • Sie ist toll.
  • Du darfst stolz darauf sein. (Und, naja, auf Dich auch.)

Und dann rempeln sie mich an und sagen: Wir wollen doch nur feiern. Es geht doch nur um Sport. Lass es uns bitte nicht kompliziert machen, ja? Es ist aber kompliziert.

Denn natürlich ist diese Gemeinschaft eine Illusion. Wie Volk eine Konstruktion ist und  Staat nicht mehr als ein Verwaltungsgebilde. Was also feiern wir, wenn wir Deutschsein feiern?

Ganz aktuell den Europameister im Waffenexport, die Vergemeinschaftung von Spekulationsverlusten und eine altmodische, repressive Familienpolitik. Generell feiern wir Behördenbürokratie, Ballspielverbote auf Rasenflächen und Steuererklärungen.

Von mir aus feiern wir auch unsere Wälder und manche tolle Stadt. Und dass es im Sommer richtig heiß wird und im Winter richtig kalt. Bratwurst und Bier. Meinetwegen auch Kunst und Kultur. Ich könnte feiern, dass ich mich frei genug fühle, um glücklich zu sein.

Wenn wir Deutschsein feiern, feiern wir aber auch die deutsche Geschichte. Die ist immer da. Auch und gerade wenn sich dessen nicht jeder bewusst ist. Und sie hat gezeigt, dass es vom immer rosarot bebrillten Patriotismus (dem bierlaunigen im Speziellen) nicht weit bis zum Nationalismus ist. Den zu feiern mit beim besten Willen kein Grund einfällt.

Mit Fußball hat das alles nichts zu tun? Eben. Schwarzrotgold bedeutet mehr als Fußball. Das lässt sich nicht wegdekorieren. Und weggrölen schon gar nicht.


Weiterführend:

8 Gedanken zu „Können Deutschlandfähnchen jemals unpolitisch sein?“

  1. Ich lese Ihre Beiträge immer sehr gerne, nur hier würde ich gerne widersprechen. Die Nationalflagge wird in dem Moment unpolitisch, wenn sie von dem Tragenden als Identifikationsmerkmal mit der Fußballmannschaft getragen wird. Das ist und bleibe auch bitte jedem selbst überlassen. Dem Tragenden Fan rosabebrillten Patriotismus oder gar Nationalismus zu unterstellen finde ich vorschnell.
    Vielleicht hätte ich mir hier eine differenziertere Sichtweise gewünscht.
    Danke trotzdem.

  2. Vielen Dank für Ihre Treue, D.T.

    Sie treffen ziemlich genau den Kern dessen, was mir in den letzten Tagen durch den Kopf ging. Die Frage nämlich, ob die Nationalfarben umgedeutet werden können. Ob sie ihre politische Relevanz (vorübergehend) verlieren, wenn man behauptet, sie ohne politische Intention zu tragen. Eine schwierige Frage, finde ich. Offenbar fällt Ihre Antwort hier anderes aus, als meine.

    Genau wie Sie denke ich aber nicht, dass jeder geschmückte Fußballfan nationalistisch oder zumindest patriotisch ist. Ich glaube nur, dass der Weg dorthin nicht weit ist und dass der Patriotismus in dem der Fan-Taumel münden kann ein bierlauniger und oberflächlicher sein würde.

  3. Das verstehe ich.
    Im nächsten Schritt würde mich mal interessieren wie Sie zu den Aktionen derjenigen Gruppen stehen, die eben solchen Fanschmuck von anderen an sich nehmen und die Beute sogar zur Schau stellen.
    Danke

  4. Diebstahl bleibt Diebstahl und Sachbeschädigung bleibt Sachbeschädigung. Dass jeder seine Meinung äußern darf, ist eine großartige Errungenschaft. Sie ist gefährdet, wenn man unliebsame Äußerungen (hier: Fähnchen) einfach entfernt.

    Und außerdem: Was soll das bringen außer den Zorn und die Aversion der Ent-dekorierten? Ich find’s offengestanden sogar ein bisschen pubertär-rebellisch.

  5. Ehrlich gesagt möchte ich diesem Artikel auch widersprechen. Wie auch diversen Bildern mit Sprüchen darauf, die in diese Richtung gehen. Vor allem dieses oben verlinkte Bild (“Ich habe Ihre Nationalfahne entfernt” bei Damax) ist, sorry für die Ausdrucksweise, der größte Schwachsinn, den ich je gelesen habe.
    Ich finde es verwerflich, Menschen, die sich eine Deutschlandflagge ins Gesicht malen oder ans Auto hängen, mehr oder weniger als Nationalsozialisten hinzustellen. Klar, man sollte die Deutsche Geschichte nicht vergessen. Aber man sollte sie ruhen lassen, nicht ständig wieder aufwühlen und nicht in Zusammenhang mit Fußballspielen oder anderen Sportarten (Schwimmen, Handball etc.) bringen. In dem Falle würde ich nur das Wort Patriotismus stehen und gelten lassen. Dass es leider immer wieder Menschen gibt, die vom Patriotismus in den Nationalismus fallen, kann man nicht wegdiskutieren. Aber das gibt es ausnahmslos in jeder sozialen Schicht, in jedem Land, in jedem Staat…
    Ich weiß auch nicht, was so schlimm daran ist, mit einer Mannschaft oder einem Sportler des eigenen Landes mitzufiebern, sich zu freuen, wenn etwas gelingt, oder traurig zu sein, wenn nicht.

  6. Ich muss D.T. und HyaeneLeipzig widersprechen. D.T., Sie schreiben, die deutsche Flagge werde unpolitisch, wenn sie von dem/der Tragenden/sie Anbringende_n als Identifikationsmerkmal mit einer Mannschaft und nicht mehr als Identifikationsmerkmal mit einem Staat/der “Volksgemeinschaft”/etc. verwendet werde.

    Diesen Gedanken halte ich für falsch. Zunächst mal, weil ich nicht der Ansicht bin, dass eine Flagge je “unpolitisch” sein kann. Im Gegenteil denke ich, dass GERADE eine Nationalflagge der Inbegriff einer politischen Aussage ist: sie war immer ein politisches Symbol und sie wird wohl auch immer eines bleiben.

    Was ist die Flagge eigentlich? Ein Zeichen für: “Wir gehören zusammen”, “Wir teilen gleiche Ziele”, “Wir wollen eine Einheit bilden, die sich von anderen abgrenzt” und nicht zuletzt – ja, auch das steckt ziemlich tief in Nationalflaggen – “Wir sind stolz auf unser Land/unsere Gemeinschaft”. Was bitte ist daran unpolitisch? Das steckt in jeder Flagge, die irgendwo getragen oder aufgestellt wird und das ist theoretisch auch jedem_r, der/die sie verwendet geläufig. Ebenso wie die unauflösliche Verbundenheit dieses Symbols mit der Geschichte.

    Dass jemandem diese Konnotation, die schwarz-rot-gold hat, nicht bewusst ist, entpolitisiert nicht das Symbol. Es zeigt höchstens (wenn mensch nun wirklich davon ausgeht, dass das Tragen einer Flagge möglich ist, ohne ihre Symbolik wenigstens unbewusst zu transportieren und zu unterstützen) ein erschreckendes Maß an Unreflektiertheit und mangelnden (Problem-)Bewusstseins, wenn Menschen ein solch aufgeladenes Symbol benutzen, ohne es mit Nationalismus in Verbindung zu bringen. Aber es entpolitisiert nicht. Schon allein deshalb, weil die Bedeutung der Flagge eine tief verwurzelte ist und die meisten Menschen sie mit der Konnotation sehen, die sie hat: ihre Außenwirkung ist also völlig unabhängig vom Bewusstsein der_des Tragenden.

    Abgesehen davon denke ich wie Ron (wenn ich Dich da richtig verstanden habe), dass es von der (fähnchenschwenkenden) Über-Identifikation mit einer Fußball(NATIONAL)mannschaft zur fähnchenschwenkenden Identifikation mit der Nation ein Katzensprung ist – gerade weil beidem ein recht unreflektierter Umgang mit Identifikation und “Gemeinschaft” gemein ist.

    Das ist auch die Antwort auf die zuletzt gestellte Frage von HyaeneLeipzig: Das ist das Problem mit dem “Mitfiebern” mit einer Mannschaft. Dass es häufig sehr unreflektiert geschieht, ohne mitzukriegen, was an insbesondere NATIONAL-Mannschaften so alles dranhängt. Dass es sehr häufig ohne Bewusstsein darüber geschieht, warum es immer ein bisschen gefährlich ist, sich mit einer Gemeinschaft zu sehr zu identifizieren. Dass es so häufig geschieht, ohne nachzudenken.

    Ganz klar kann mensch (Mannschafts-)Sport mögen und sich gern ein Fußball-/Handball-/Basketball-/Was-auch-immer-Spiel ansehen, ohne irgendwie nationalistisch dabei zu sein. Aber nur, wenn mensch sich irgendwann mal Gedanken über dieses Gemeinschaftsgefühl und alle damit einhergehenden Ausdrucksweisen desselben gemacht und das Ganze mal kritisch reflektiert hat. Das soll es geben und dann ist ja auch die Sportbegeisterung überhaupt kein Problem, nur: Ich behaupte mal, ein Mensch, der das so handhabt, klebt sich dann auch kein Fähnchen ans Auto, malt sich keines auf’s Gesicht und grölt vielleicht auch nicht beim Einlaufen der Mannschaft die (völlig unpolitische, versteht sich) Deutsche Nationalhymne mit…

  7. Na ja, alles klar.Bin über die Schmähung des DVCK auf diese Seite gekommen, 1 Minute reicht um durchzublicken.Schwulsein ist jetzt total hip (gerade ist es-Mai 2013- das Zentrum der staatlichen und medialen Familienpolitik ist.Ja sicher, das Recht auf Adoption wird jetzt die drängenden demographischen Probleme lösen, nee, is`klar).Dann:deutsche Fahnen bei Fußballgroßveranstaltungen.Frage: Was hält die Menschen hier im Land, die sich mit schwarz-rot-gold so schwer tun? Es soll sogar Menschen geben (also, nichtdeutsche Menschen resp. Ausländer) die unbedingt in das Land wollen, dessen Menschen bei Fußballgroßveranstaltungen die Landesfarben zeigen.In der Türkei ist das dufte, in Frankreich, in den USA, in China, also eigentlich überall auf der Welt.Nur in Deutschland gibt`s ein paar Schreibtischtäter, denen das Magenschmerzen bereitet.Die zergrübeln sich das Hirn über die weit und weiterreichenden FolgInnen des bedenkenlosen Fahnengebrauchs.Ja, das Denken kann, im ungeübten Zustand, schon mal Verdruss bereiten.Also, besser die Finger davon lassen.Oder auswandern.Kann man sowas wie die DDR nicht wieder einrichten? Wie wäre es, wenn man 400 Quadratkilometer Saudi-Arabien im Tausch gegen ein paar Kampfpanzerattrappen erwirbt, und die sichdort austoben?Baukräne hamm die ja selber; kann der Deutsche also hier kein Geschäft mehr mit machen, aber immerhin.
    Es ist schon tragikomisch; soviel Leute die zu simpel und zu besessen von ihrer Gutmenschlichkeit sind, daß Sie nicht merken, daß Extremismus wie die Wurst aufgebaut ist: In der Mitte und links und rechts zwei Enden.Aber während die Wurst irgendwann aufhört wird Extremismus immer schlimmer.
    Diesmal halt von links.Und alle machen wieder mit.Wie schon mal.Du bist Deutschland; ein Joseph Goebbels wäre vor Neid erblasst über die Raffinesse und Infamie dieser Propaganda.
    Ach ja, 2014, Fußball-WM.Wenn einer von euch DeutschlandfahnenphobikerInnen ein Auto mit Flagge sieht- besser gleich mal abfackeln; könnte sein daß ich es bin.

    Behüt`euch Gott !

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