Gestern las ich einen Artikel im Wirtschaftsteil der Zeit vom 27. Januar 2011 mit dem schönen Titel: Angriff auf Google. Darin wurde beschrieben, wie Google mittlerweile zum unflexiblen und ideenlosen Schwergewicht geworden ist, welches sich Innovationen durch Firmenübernahmen einverleibt und oftmals aus strategischen Gründen verkümmern lässt.
Monat: Januar 2011
Hoffnung auf weniger Hoffnung
Die Hoffnung ist ein trügerisches Kind. Eine Hoffnung tritt ins Leben, wie wir Menschen das Licht dieser Welt erblicken – schutzlos und hilfsbedürftig. Sie schreit nach Aufmerksamkeit und Fürsorge. Danach wächst die Hoffnung mit jedem Tag, die sie unserer Brust innewohnt. Wir durchleben rebellische Phasen, in denen es uns schwer fällt sie aufrechtzuerhalten. Trotzdem halten wir daran fest, denn die Hoffnung ist bereits ein Teil von uns geworden und wir lieben sie.
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10 Sätze zu meinen Waffeninvestments
Das peinliche ist: Ich bin vom Fach und der Mann, der mir meine Altersvorsorge verkauft hat ebenso. Obendrein ist er mein Freund. Wir hatten keine Ahnung, aber den rührend naiven Gedanken, dass eine Altersvorsorge beim ausgezeichneten Testsieger DWS eine gute Idee sei. Wie mir heute die freundlichen Damen und Herren vom Deutschlandfunk geduldig erklärten, ist dem nachweislich nicht so:
Mit meinen piefigen Beiträgen zur Riesterrente investiere ich nämlich in den DWS Vorsorge Dachfonds, der davon Anteile des Global Equity Alpha Fonds der Axa Rosenberg kauft, der wiederum ein dickes Aktienpaket an der Firma L-3 Communications hält, die zu den Top-Drei-Herstellern von Streumunition und Streubomben gehört.
Verkürzt formuliert sichere ich mir also eine sorgenfreie Zukunft, in dem ich die Zukunft anderer Menschen, beispielsweise jene achtlos spielender Kinder im Libanon, durch das Zerfetzen unterschiedlicher Gliedmaßen ruiniere, oder abhängig von der Größe der jeweiligen Explosion ganz und gar streiche.
Die mir zustehenden staatlichen Zulagen, für deren Bereitstellung ich auch Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser meinen herzlichen Dank ausdrücken möchte, investiere ich ebenfalls in diese Firma. So kann ich mir die Spitzenrendite sichern die ich brauche, damit mir auch im Alter genügend Geld zur Verfügung steht, beispielsweise um weiterhin für gemeinnützige Organisationen wie Handicap International spenden zu können.
Oder um damit eines Tages eine Stiftung zu gründen, die sich der Therapie schwerwiegender Persönlichkeitsstörungen bei Fondsmanagern widmet.
Seelenlose Idioten!
10 Sätze zum Wert von Kiwis
Um unser Begrüßungsgeld abzuholen, waren wir wie Sardinen in eine Dose in ein enges Zugabteil gequetscht nach Hof gefahren. In der Gemüseabteilung eines dortigen Supermarktes machte ich eine faszinierende Entdeckung: “Guck mal Mama. hier gibt es Kartoffeln mit Haaren!” Obwohl auch meine Mutter noch nie zuvor in ihrem Leben eine Kiwi gesehen hatte, erklärte sie mir gespielt fachkundig verstohlen das kleine Etikett lesend, dass ich offensichtlich falsch lag. Dann nahm sie mich an die Hand und wir verließen schnellen Schrittes die Frischeabteilung, in der sich einige Kunden köstlich über meinen Ausruf amüsierten. Da ich die seltsame Frucht an der Kasse noch immer in der Hand hielt, hat meine Mutter sie mir gekauft und ich habe sie den ganzen Tag in meiner Jackentasche mit mir herum getragen, um wann immer Zeit war das süßlich-exotische Aroma zu inhalieren, das sie verströmte.
Am Abend – wir waren gegen elf völlig erschöpft wieder zuhause angekommen – holte ich sie hervor und bat meine Mutter, sie mit chirurgischer Genauigkeit in vier gleich große Teile zu zerschneiden, damit jeder etwas davon habe. Andächtig und in völliger Stille saßen wir am Esstisch und löffelten langsam das grüne Fleisch, bevor wir – kaum war das letzte Fitzelchen genossen – wild durcheinander plappernd versuchten, unseren Geschmackseindrücken Ausdruck zu verleihen. In der festen Überzeugung, nie wieder in meinem Leben nach Hof zu kommen, versuchte ich, aus den winzigen schwarzen Kernen kleine Kiwipflanzen zu ziehen – vergeblich.
Heute habe ich eine Sechserpackung Kiwis weggeworfen. Die war letze Woche sehr günstig im Angebot und ich dachte, vielleicht würde ich Appetit auf Kiwis bekommen, bevor sie allesamt verschimmelt wären.
10 Sätze zum Thema: Oldies
Ich erinnere mich, wie ich eines Abends vom Schluchzen meiner Mutter geweckt wurde. Zum ersten mal in meinem Leben war ich vorm Fernseher eingeschlafen, also einem Phänomen erlegen, das mir bis dato völlig rätselhaft gewesen war. Meiner Mutter rollten dicke Tränen über die Wangen. “Ach, das ist so schön!”, rief sie und meinte ein Duett von Frank Schöbel und Chris Doerk, das hinter hautfarbener 70er-Jahre-Patina über den Fernseher flimmerte. “Das ist total Panne!”, entgegnete ich laut prustend, nachdem ich die hölzerne Choreografie aufmerksam aber erfolglos auf Spuren von Schönheit geprüft hatte. “Das war meine Zeit.”, erklärte mir meine Mutter. “Zu diesem Lied habe ich zum ersten Mal mit deinem Vater getanzt.” Heute, etwas mehr als 15 Jahre später hat mich der Zufallsalgoritmus meines Rechners mit Marushas “Somewhere over the rainbow” konfrontiert, das offensichtlich bis heute in einer entlegenen Ecke meines digitalen Musikarchives auf diesen Tag gelauert haben muss. Dieses Lied lief, als ich zum ersten Mal ein Mädchen küsste. Ich schäme mich für meinen indiskutablen Musikgeschmak und das ignorante Verlachen der pompösen Sentimentalität meiner Mutter.
10 Sätze zum Thema: Gute Vorsätze
Mir sind sie mittlerweile zu guten Freunden geworden, meine Vorsätze. Ich begegne ihnen nur einmal im Jahr, aber immer ist diese Begegnung intensiv und vielversprechend. Sie zeigen mir Bilder von einem besseren Leben und Karten, die den Weg dorthin weisen. Sie verhehlen nicht, dass der Weg bergauf führt.
Aber sie schwärmen von der fantastischen Aussicht, die man vom Ziel hätte. Jedes Jahr mache ich mich begeistert auf den Weg. Jedes Jahr gelingt es mir, für ein paar Tage zu verdrängen, wie oft ich schon aufgebrochen bin, und dass ich mich noch jedes Mal verirrt habe. Und jedes Jahr verirre ich mich erneut, und verliere die Vorsätze und den Pfad, den sie wiesen im Schneesturm der Alltäglichkeiten aus dem Blick.
Außer im letzten Jahr. Einer Fährte folge ich noch immer. Und heute wage ich es, eine zweite aufzunehmen.