Starnbergs Spulwurmprinzessin

Heute war ich in Starnberg. Das ist deshalb besonders, weil es das erste und letzte Mal in meinem Leben war. Wenn es das Wort "spießig" noch nicht gäbe würde ich es freimütig für Starnberg stiften.

Dass die mannshohen Zäune um die Ufergrundstücke von parallel dazu verlaufenden Koniferenhecken noch überragt, und die mit Stahlspitzen versehenen Automatikrolltore mit mindestens zwei Kameras permanent auf Unversehrtheit überprüft werden, kann ich hinnehmen.

Aber das es hier nicht möglich ist, sich einmal im Kreis zu drehen, ohne von einem Verbotsschild unterbrochen zu werden nicht. Hier zeigt sich die Kreativität der Einwohner: Von "Hunde sind an der Leine zu führen!" über "Radfahren verboten!" bis hin zu "Betreten in Badebekleidung nich gestattet!" ist alles zu finden, was das Herz des Kuriositätensammlers begehrt.

Mein persönlicher Spitzenreiter ist eine in dreierlei Schriftgraden gesetzte Verbotstafel zum Thema Hundekot, die ich innerhalb meines einstündigen Rundganges ohne Mühe drei Mal entdeckte. Darauf wird das Mitbringen von Hunden ausdrücklich verboten, weil Hunde in öffentlichen Anlagen wortwörtlich nichts zu suchen haben. Schließlich hätten internationale Studien bewiesen, dass der Kot von bis zu 90 Prozent der Hunde mit Spulwürmern und deren Larven verseucht seien, die nicht nur für Asthma, Sehstörungen, Durchfall und Erbrechen sondern sogar für Epilepsie verantwortlich seien, weshalb Hunde insgesamt eine Zumutung für alle Mitmenschen seien.

Ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus: Erst wunderte ich mich über die offenbar verhaltensgestörten Starnberger Kinder, die offenbar vorzugsweise mit Hundeexkrementen spielten, um sich dabei mit Spulwürmern anzustecken, dann über die wahrscheinlich katastrophale medizinische Versorgung in der Gegend, in der die andernorts sowohl für Hunde wie für Menschen verfügbaren Tabletten gegen Parasiten wohl noch nicht bekannt sind und anschließend darüber, wie es die Starnberger wohl geschafft haben, den Kot von streunenden Katzen, wilden Füchsen, Mardern und Igeln, Möwen, Raben, Spatzen und anderem Getier keimfrei zu bekommen.

Gerade darüber hinweg gekommen irritierte mich das zum ersten Mal in meinem Leben aufkeimende aber überaus intensive Bedürfnis mitten auf dem Hauptplatz eines sehr gepflegten Stadtparkes einen riesigen Haufen Scheiße zu hinterlassen.

Ich widerstand, nahm meine fröhlich schwanzwedelnde Hündin aus Angst vor vegifteten Ködern oder Tretminen auf den Rasenflächen an die Leine und kürte sie an einen Baum pinkelnd zu Starnbergs diesjähriger Spulwurmprinzessin.

Gratulation!

Zeit ist Gnade

Es würde sich lohnen, an dieser Stelle über Produktdesign zu debattieren. Oder vielleicht doch nicht: Das vorliegende Beispiel erhebt den Zeigefinger so weit, dass man nach dem ersten Schreck aufhören kann, ihn ernst zu nehmen. Jedes weitere Wort darüber wäre Zuckerguss auf Fettglasur.

Deswegen direkt zur Botschaft: “Zeit ist Gnade.” Man kann sich den Kopf darüber zerbrechen so lange man mag: Es passt kein fehler zwischen diese drei worte. Obwohl viel in und zwischen ihnen steckt. Von “Carpe diem!” über “Die Zeit heilt alle Wunden.” bis hin zu “Gut Ding will Weile haben.”

Und da stößt mir gleich die nächste Binsenweisheit auf: “Zeit hat man nicht, man muss sie sich nehmen.” Und obwohl es so einfach ist, ist es so einfach eben nicht. Wie wir wohl alle wissen.

Aber Zeitmanagement ist eine Goldgrube. Das spüren selbst die, die es darin noch nicht zur Meisterschaft gebracht haben, wie ich. Ein erster aber entscheidender Schritt zu selbiger kann das Vermeiden von sinnlosem Medienkonsum sein. Seit drei Tagen nun habe ich mich von Werbeplakaten und Wanderkarten abgesehen keinerlei Medien ausgesetzt.

Der Gedanke, das Hurrican Gustav mittlerweile 100.000 Menschen getötet haben könnte ist beunruhigend. Aber er entlarvt, dass meine bloße Kenntnis davon daran nicht das Mindeste ändern würde und also entbehrlich ist. Gleiches gilt für die jüngsten Parolen aus dem US-Wahlkampf und die aktuellen Entwicklungen im “Marienhof”.

Es ist verblüffend, beinahe beunruhigend daran erinnert zu werden, welches Potential in 24 Stunden steckt, wenn man die Freiheit und den Mut hat, sie nicht zu verbringen, sondern zu erleben.

Der Chauffeur

Es ist wahrhaft ein feiner Zug des Lebens, eine freundliche Geste, ein nützlicher Dienst. Weil unsere Sprache aber hier hapert, neigen wir dazu keinen Gebrauch davon zu machen und uns hier anzustrengen statt auszuruhen.

Wir meinen, im Urlaub oder am Wochenende oder in der Frühstückspause zu uns kommen zu müssen, dabei ist es viel einfacher: wir werden gebracht.

Ich sitze keine 10 Minuten in diesem Stuhl und muss nicht in mich gehen: es zieht mich dahin.

Es stimmt: Eingangs ist es nicht viel mehr als watteweiche Weltschmerz-Sentimentalität, in die ich mich fallen lasse, aber weich ist gut, dann fürchtet man sich nicht vor der Tiefe.

Man muss sich bekannt machen mit ihr, sie kennen und schätzen lernen, denn ihr zu vertrauen bedeutet, das Richtige zu tun.

Ich höre keine innere Stimme, lese keine Wahrheiten in Karten- oder Sternbildern und brauche keinen Reiseführer zum inneren Schamanen in 14 Tagen.

Es ist viel einfacher. Ich sitze hier und lass mich fallen. Ich lese kein Buch, keine Zeitschrift, keine e-Mail. Ich lass den Fernseher aus und das Radio und meinen MP3-Player. Ich verabrede mich nicht und stell das Telefon lautlos. Und ich glaube dem irritierenden Eindruck, dass das was ich erlebe alles andere als Stille ist.

Es ist so einfach: Ich sitze hier und tue nichts. Genau das Richtige.