Es wurde einfach zu viel Reklame für das Leben gemacht

Ich hatte noch keine Gelegenheit es in diesem Blog einer theoretischen Öffentlichkeit kund zu tun, aber: Ich habe ein Problem. Und nur weil dieses Blog hier trotz seiner theoretischen Öffentlichkeit einigermaßen anonym ist, traue ich mich, es so klar zu sagen, wie es sich anfühlt: Mir fehlt eine Aufgabe. Eine große. Eine Lebensaufgabe.

Es ist nicht so, dass ich mich langweile. Meine Tage sind gefüllt mit allerlei Aufgaben und Verpflichtungen, auch mit schönen Hobbys, einerPartnerschaft und der Freundschaft einer bezaubernden Hündin. Aber mir reicht das nicht. Ich brauche etwas Größeres. Dass heißt: Ich meine,etwas Größeres zu brauchen. Etwas Öffentlicheres, Wichtigeres, Schicksalhafteres.

In den 90ern habe ich einen objektiv betrachtet mittelmäßigen Roman gelesen, der mich dennoch sehr beeindruckt hat. Weil er nämlich von der Mittelmäßigkeit der Autorin handelt, die meiner eigenen Mittelmäßigkeit verdächtig ähnlich sieht. Das Buch heißt übrigens “Chemische Reinigung” und ist von Silvia Szymanski. Weil ich weiß, dass es auf meine Empfehlung hin ohnehin niemand lesen wird, habe ich keine Skrupel den wichtigsten Satz hier gleich im drittan Absatz breitzulatschen: “Es wurde einfach zu viel Reklame für das Leben gemacht.” Meine Rede. Amen. So ist es.

Eben beim Blumengießen dachte ich: So gern wäre ich Schauspieler geworden oder Sänger, oder Designer für neue Süßigkeiten, Schriftsteller oder Psychologe. So gern würde ich als Komiker auf der Bühne stehen oder als Moderator vor der Kamera. Eine Traurigkeit machte sich breit in mir, weil das leider alles Träume geblieben sind. Du hättest eben nicht auf ein Wunder warten dürfen, dachte ich dann. Du hättest dafür kämpfen müssen, dass dein Leben so aufregend wird wie das eines Stars oder wenigstens eines Sternchens. Oh! Dann viel mir ein, dass ich Künstler bin. Und dass sich das zunächst einmal genauso interessant anhört wie Süßigkeitendesigner oder Achriftsteller.

Ist es aber leider nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn man zu den 97% der Künstler gehört, deren Kunst a.) weitgehend ohne Anteilnahme der Öffentlichkeit stattfindet, und b.) kein Einkommen generiert sondern nur Ausgaben verursacht. Meine Stimmung hellte sich ein kleines bisschen auf, als ich feststellte, dass das für 97% der Schriftsteller oder Schauspieler ebenso gilt, um sich ebenso zügig wieder zu verdunkeln, bei dem Gedanken, dass durchaus auch solidere Positionen auf meiner Wunschliste standen, die ich wegen meines enormen persönlichen Geltungsbedürfnisses leider ausgeschlagen habe.

Es wurde einfach zu viel Reklame für das Leben gemacht. Deshalb denke ich, ich müsste in meinem Leben Großes erreichen, am besten im grellen Spotlight der Öffentlichkeit. Deshalb denke ich, ich bin zu irgend etwas höherem bestimmt, das mich in allernächster Zukunft entdecken und ganz nach oben tragen wird. Deshalb belächle ich das was ich habe als kleines Glück.

Das sind alles keine neuen Gedanken für mich. Im Gegenteil. Sie begleiten mich schon so lange, dass sie beginnen mich zu langweilen. Glauben Sie mir, ich habe mich in masochistischer Hingabe in ihnen gesuhlt und viele wertvolle Erkenntnisse erlangt. Zum Beispiel die, dass ich, meine Person, mein Ego genauso besonders ist, wie alle anderen Personen und Egos auf diesem Planeten. Leider nicht besonderer. Oder
die, dass die Realität eben nicht von Rosamunde Pilcher verfasst wurde, und man demzufolge von Sehnsucht und Idealismus allein nicht leben kann. Oder die, dass ich objektiv betrachtet lebe wie der märchenhafte Hans im Glück.

Der Pferdefuß dieser Erkenntnisse ist folgender: Sie überzeugen mich nicht. Es will ihnen nicht gelingen, den Kind gebliebenen Narzisten in mir das Maul zu stopfen, obwohl sie sich durchaus einen prominenten Platz in meinem Kopf und auch in meinem Herzen erkämpfen konnten. Es ist, als wäre ich klug, aber nicht klug genug.

Ich muss mich konzentrieren.

Das Weihnachtskind

Dieses Mal war es besonders. Zwar gab es Kartoffelsalat wie immer, und wie immer viel zu viel davon. Auch gab es die selben Lieder wie jedes Jahr, die gleichen Bastelstunden und leider auch die gewohnten Flüche beim Transport des Baumes.

Neu war meine Sentimentalität im Vorfeld. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich nach einer Familie gesehnt. Und zwar nach einer, deren Vater ich bin. Nicht nach dieser Eltern-Großeltern- und Tanten-Ersatzfamilie, der man widerwillig aber dennoch jährlich für drei Tage beitritt. Noch genauer hingesehen habe ich mich nach einem Kind gesehnt. Nach einem eigenen. Wenig exklusiv, ich weiß. Wann sehnt man sich nach einem Kind, wenn nicht an Weihnachten? Weihnachten feiert die Ankunft eines Kindes. Der bittere Nachgeschmack an meiner Sehnsucht ist ihr purer Eigennutz: Ich glaube, man kann Weihnachten in den und durch die Augen eines Kindes am intensivsten erleben. Die Vorfreude, die Begeisterung, die Euphorie. Den Zauber.

Aller Voraussicht nach werde ich aber keine Kinder haben. Was mir in den restlichen zwölf Monaten des Jahres auch keine Schwierigkeiten bereitet. Davon abgesehen ist es wohl richtiger zu versuchen, selbst wieder Kind werden in dieser besonderen Zeit. Sich zu freuen, sich auf Kleinigkeiten einzulassen und zu glauben.

Und nach meinem Empfinden ist es auch richtiger – ehrlicher vielleicht – statt der Eltern-, Großeltern-und-Tantenbagage die Leute um sich zu versammeln, die man mag und schätzt und liebt, obwohl sie weder den eigenen Nachnamen tragen, noch den eigenen Stammbaum teilen.

Hinter mir liegt ein wunderschöner Abend mit Freunden. Einer, an dem es mir kindliche Freude bereitet hat zu schenken und beschenkt zu werden und an dem ich mich gefühlt habe, als wär’ ich zu haus.

Ich übertreibe. Natürlich. Noch vor drei Monaten lag ich mit eben diesen Freunden im Streit, und keiner weiß ob es in drei Monaten womöglich wieder so sein wird. Aber Streit kommt in den besten Familien vor. Haha. Sie wird immer ein Phänomen bleiben für mich: die Familie. Die gegebene wie die gesuchte.

Verbrannter Zucker

Gestern war mein letzter Arbeitstag. Für dieses Jahr. Im Lift auf dem Weg in die Tiefgarage schrieb ich Listen im Kopf: Noch zu versendende Weihnachtskarten, noch zu besorgende Geschenke, noch zu erledigende Einkäufe und auch, wie ich im nächsten Jahr dem Weihnachtskaufrausch entkommen könnte.

Vom Lift bis zum Fahrradraum sind es vielleicht 50 Meter, zwei Brandschutztüren, ein Sicherheitsschloss. Schon als sich die Fahrstühltüren öffneten hatte ich diesen Geruch in der Nase und im nächsten Augenblick die passende Erinnerung im Kopf: Meine Mutter steht in der überheizten Küche am Herd und brät Karamellbonbons. Der schmelzende Zucker in der Pfanne füllt die Luft. Noch einen Augenblick später lief mir das Wasser im Mund zusammen. Ich fing an in meiner Erinnerung nach dem Rezept zu kramen.

Schlagartig wurde mir allerdings klar, dass niemand Karamellbonbons in einem Tiefgaragentreppenhaus brät. Dieser Geruch wahr falsch hier.

Ich erschrak. Gleich hinter der ersten Brandschutztür hockten drei Jugendliche. Zwei Jungs im Skater-Klamotten und ein Mädchen im gewollten Punker-Outfit. Die drei erschraken ebenso. Plötzlich war ich falsch hier. Mein Blick blieb an dem schmalen Streifen nackten Fleisches hängen, der sich zwischen dem Minirock und der Netzstrumpfhose des Mädchens auftat. Mit offenem Mund starrte mich das Mädchen an, während sie sich routiniert die Nadel aus dem Fleisch zog. Es blutete. Erst als ich den Esslöffel in der Hand des einen Jungens bemerkte, begriff ich, was hier gerade passierte. Das Mädchen hatte sich gerade einen Schuss gesetzt. Das war kein geschmolzener Zucker. Das war Heroin.

Der andere Junge stürzte auf mich zu. Er holte Luft als wollte er einen Satz beginnen, der höchstwahrscheinlich mit “Ey Alter!” angefangen hätte. Weil ich aber wie angewurzelt stehen blieb und ihm gerade so tief ins Auge sah, wie es meine plötzlich aufgekommene Angst zuließ, blieb er stumm und berührte mich nicht.

Dieser Blick bekam eine Qualität die mich überwältigte: er war intim. Ich konnte mich nicht abwenden. Obwohl ich fürchtete, dass er jeden Moment ein Messer ziehen könnte, um es mir in den Bauch zu rammen oder mich wenigstens auszurauben. Vielleicht ist es überheblich, aber es fühlt sich auch mit etwas Abstand so an: Ich habe diesen Jungen gesehen. Hinter seiner Skater-Coolness. Und er hat mich getroffen. Ohne Messer.

Diese Traurigkeit in seinen Augen, diese Wut, diese Aggression, dieser Hunger.
“Warum?” wollte ich wissen. “Wohin soll das führen?”, wollte ich fragen. Aber ich traute mich nicht. Soviel Naivität hätte wahrscheinlich alle drei in schallendes Gelächter ausbrechen lassen. Soviel Unbedarftheit hätte mich als das ahnungslose, reiche, satte und vor allem geliebte Weichei geoutet dass ich bin. Es war mir peinlich da zu sein.

Ich lief schneller als sonst zu meinem Fahrrad. Ich rannte fast. Und ich war die Ausfahrt schneller hochgefahren, als sich das Rolltor öffnen konnte. Ich wusste ja wohin. Zuhause dampfte das Essen auf dem Tisch.

Wahr ist aber auch

Ich habe den Job angenommen. Freitag Mittag, 12 Uhr. Weil es sich richtig angefühlt hat nach dem Aufstehen, nach der altbewährten drübergeschlafenen Nacht.

Mittlerweile haben sich natürlich Zweifel eingestellt. Ich habe den Job für 30 Stunden zugesagt und nicht für 39 wie ursprünglich ausgemacht. Aber auch 30 Stunden sind viel. Zu viel wie ich fürchte. Meine Angst ist, dass man „die Kunst“ tatsächlich nicht nebenbei macht. Schließlich soll sie eben nicht nur ein Hobby sein sondern viel viel mehr als dass. Und schließlich ist auch fraglich wie viel Inspiration und Muse denn übrig bleibt, wenn man jeden Tag sechs Stunden Kreditkartenhai spielt. Am Wochenende Fernbeziehung und dann und wann der Hund.

Hinzu kommt außerdem, dass sich Kreativität und künstlerisches Arbeiten ja nicht planen lässt. Man muss darauf warten. Ich jedenfalls. Ich muss warten, bis es mich überkommt. Ich muss hinhören, lauschen. Ich fürchte, ich werde viel zu abgelenkt sein um mich konzentrieren zu können.

Wahr ist aber auch, dass ich das Geld brauche, um über die Runden zu kommen. Mein Auto ist zehn Jahre alt, seit drei Jahren war nicht im Urlaub und über Themen wie Vermögensaufbau oder Altersvorsorge habe ich mir bisher nur beruflich, nicht aber privat Gedanken gemacht.

So sehr ich die Kunst liebe, seit ich sie kennen gelernt habe steht sie auf der Ausgabenseite der Bilanz. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich das ändert, aber ih persönlich kenne ich bisher niemanden, der sich darüber freuen konnte. Und meine künstlerischen Arbeiten sind schon wegen des Mediums Video nicht gerade zum Verkaufsschlager prädestiniert.

Wahr ist aber auch, dass man an seinen Träumen dran bleiben muss, dass man kämpfen muss und sich verbeißen. Kann man dass, wenn man 30 Stunden seiner Woche verkauft hat? Kann ich das?

Ich will es.
Künstler sein bedeutet ganz ausdrücklich, seinen Weg finden zu müssen. Und nur, weil der durch ein Bankbüro führt, werfe ich doch nicht das Handtuch.

Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass es sehr albern ist, zu fürchten, man könne die Kunst wegen widriger äußerer Umstände verlieren. Wenn ich sie brauche und liebe wird sie auch bleiben. Meine Zweifel können sie betäuben. Meine angelernten Filter und inneren Kritiker können ihr schaden. Eine Bank kann es nicht.

Ich werde es beweisen.

Es funktioniert: Weihnachtsvorfreude durch Konsum!

Ich weiß, dass es (Achtung: Reizwort:) normal ist, dass die Vorfreude auf Weihnachten umgekehrt proportionale zum Lebensalter ist. Außer man sorgt für Nachwuchs. Weihnachtsvorfreude ist kindlich. An Stelle dieser kindliche Vorfreude tritt mit den Jahren neben der schwer auszuhaltenden Enttäuschung, dass der Weihnachtsmann nicht durch den Schornstein sondern aus dem Kostümverleih kommt, der nervtötende Druck, jedem seiner Lieben ein möglichst persönliches und möglichst originelles Geschenk überreichen zu können, dass auf gar keinen Fall nach industrieller Massenproduktion , geistloser Ressourcenverschwendung oder 20% Rabatt riechen darf.

Man selbst wünscht sich entweder gar nichts sondern lässt sich von der Kreativität seiner Mitmenschen überraschen, was meistens in der feierlichen Übergabe von Rasiersets, Romanen oder aber tatsächlich Socken mündet, oder aber man wünscht sich nützliche Dinge wie Bücher für’s Studium, eine 50er Spindel DVD-Rohlinge oder eine vernünftige Backform. Und das alles nur, weil man den ganzen Werbefuzzis, die einen den ganzen Tag über einreden wollen, dass sinnfreier Konsum glücklich machen würde, den Stinkefinger zeigen will.

Wie albern! Also ob die Werbefuzzis eine Flasche Sekt -äh Champagner köpfen würden, nur weil ich meinen Stolz verliere.

Dieses Jahr habe ich es so gemacht, wie ich es als Kind gemacht habe: Ich habe mir ein Spielzeug gewünscht. Ein Ding also, dass weder nützlich, noch sinnvoll, noch idealistisch wertvoll ist. Ein Ding, dessen einzige Bestimmung es ist mich zu unterhalten, mir Spaß zu machen, und meine Zeit zu vergeuden.


(Foto: davemee bei flickr.)

Dieses Ding heißt Nabaztag. Das ist armenisch und bedeutet: (Trommelwirbel, Tusch, Feuerwerk:) Hase. Es handelt sich hierbei um eine 20cm hohen Plastikhasen, den die freundlichen Kollegen vom Ice-Blog völlig zurecht als Tamagotchi 2.0 bezeichnen. Das Häschen wählt sich über WLAN ins Internet ein, surft dort fröhlich vor sich hin und liest dann und wann vor, was ihm so vors Näschen kommt. Es kann E-Mails checken, den Wetterbericht ansagen und auf Kommando eines anderen Anwenders auf der anderen Seite des Erdballes suuuperputzig mit den Ohren wackeln.

Mein Schatz wird es mir zu Weihnachten schenken.

Ich freu mich wie ein kleiner Junge und zähle die Tage.

"Vom Idealismus alleine wirste nich satt!"

Stellen Sie sich vor, Sie hätten als 18-jähriger eine Bankausbildung begonnen und schon bald erkannt, dass Sie das erstens nicht interessiert und Ihnen zweitens deshalb keinen Spaß macht.
Sie hätten diese Ausbildung aber trotzdem zu Ende gebracht, weil Sie danach erzogen wurden alles zu Ende zu bringen, was sie angefangen haben. Stellen Sie sich vor, Sie hätten nach der Ausbildung als Finanzberater angeheuert, und es schlussendlich trotz der Bombenbezahlung nicht mehr mit Ihrem Gewissen vereinbaren können, Rentnern Investments in Technologiefonds aufzuschwatzen, obwohl diese sich diese Rentner vor Computern fürchten und nicht wissen, was das Internet eigentlich ist. Daraufhin hätten Sie schließlich gekündigt und ihren kopfschüttelnden Familienmitgliedern zum Hohn ein Kunststudium begonnen.

Nehmen wir nun an, sie würden gegen Ende dieses Kunststudiums erkennen, dass der ganze ästhetische Philosophiezauber Ihrem Geist und Ihrer Seele zwar sehr gut tut, Ihrer Brieftasche und Ihrem Bankkonto aber außerordentlich missfällt. Nehmen wir an, sie wären mittlerweile von zahlreichen treuen Freunden umgeben, die die 30 allesamt längst überschritten hätten und ähnlich wie Tarzan von Liane zu Liane, von Monat zu Monat und von unwürdigem Job zu Ausbeute hangeln würden, ohne ihren Dispo dabei jemals zu verlassen, und auch ohne zu gefeierten Kunst-Superstars aufzusteigen. Konkretisieren wir mit der Annahme, dass Sie selbst in den zurückliegenden fünf Jahren insgesamt 7.500 € mit Ihren Kunstwerken eingenommen haben. Also angenommene 1.500 € pro Jahr.

Gehen wir obendrein davon aus, dass Sie vor einem Jahr einen Nebenjob begonnen hätten. Sagen wir mal in einem Call-Center einer Bank. Ihnen lag nichts an diesem Job, an der monatlichen Gutschrift war Ihnen hingegen sehr gelegen. Gehen wir davon aus, Sie hätten sich in diesem Call-Center nun doch sehr engagiert und eingebracht, weil sie den Laden andernfalls  eines Tages aus purer Langeweile hätten anzünden müssen. In unserem Gedankenexperiement hat ihr Engament früchte getragen und Sie schließlich zu folgender finalen Situation geführt:

Ihnen wird ein Job angeboten. Ein richtiger. Ein spannender. Nicht in einem Call-Center, sondern wieder in einer Bank. 39 Stunden pro Woche, 30 Tage Urlaub pro Jahr und 32.000 € Jahreseinkommen. Als Einstiegsgehalt.

Wie würden Sie reagieren?

Ich werde mich bis morgen 12:00 Uhr entschieden haben.

Familenhilfe mit Herz!

Da braucht es schon die dicke Susan von “Familienhilfe mit Herz”, damit ich an Tagen wie diesem mal kurz aus dem Unterschichtenfernsehen-Vollrausch aufhorche und betrübt feststelle, dass sich mein Leben gar nicht so sehr von dem der hier am Nachmittag freiwillig öffentlich Bloßgestellten unterscheidet, auf deren Leben ich für gewöhnlich angewidert amüsiert herabschaue: Ein junger Mann sucht verzweifelt den Kontakt zu seiner leiblichen Mutter, die ihn im dritten Lebensjahr wegen akuter Überforderung im Rosenkrieg mit seinem Vater bei eben diesem zurückließ. Wenn ich die Mutter durch einen Vater ersetze bin ich schneller als mir lieb ist mitten in meinem Leben.

Der Sprecher aus dem Off weist nicht umsonst wenigstens dreimal pro Sendung darauf hin, dass Susan eine ausgebildete Diplom-Psychologin (sic! – Soweit ich weiß, sind alle Diplom-Psychologinnen ausgebildet, da man diesen Titel weder erben noch kaufen kann. Aber das ist Haarspalterei.) ist, die hier Handwerk versteht und deshalb alle Protagonisten völlig mühelos durch ein mit gelben Moderationskarten gepflastertes tiefes Tal der Tränen zum Happy-End – der Familienzusammenführung nämlich – führt.

Ich habe es ohne Susann probiert und bin irgendwo im Tal der Tränen offenbar falsch abgebogen. In Richtung Resignation und Zynismus nämlich. Ich finde es zwar merkwürdig aber erträglich wo ich jetzt bin. Meine Freunde behaupten jedoch, ich hätte mein Zelt in einer kalten, unwirtlichen Mondlandschaft aufgeschlagen und müsse dringend umsiedeln. Aber wohin?

Nicht nur, dass mein Vater lebt. Er tut es sogar in der gleichen Stadt wie ich. Ich habe seine Adresse und ich habe sie schon benutzt. Unglaublich: Wir haben uns getroffen. Entgegen dem jungen Mann im Fernsehen war ich bei diesem Treffen aber nicht von beinahe romantischer
Sehnsucht und kindlichem Hoffen erfüllt sondern von distanzierter Neugierde und tollpatschiger Verlegenheit. Und mein Vater – wenn ich mir eine weitere anmaßende Äußerung erlauben darf – war von Nichts und Niemandem erfüllt, und zwar – soweit ich das überblicke – noch nie in
seinem Leben.

Dementsprechend verlief der Nachmittag dann auch. Ich schwärmteschillernd von meinen Träumen, unter denen ich vorher verbal eintragfähiges Netz aus Vernunft und Realismus gespannt hatte, nur für denFall, dass mein Vater versuchen würde, sie zu stürzen. Er schimpfte
schallend über alle Missstände, die ihm einfielen, und zwar auch überdie, die nur in den Schlagzeilen der Bild-Zeitung, aber ganz und garnicht in seinem Leben existierten. Wer mit zwei Wagen in der Einfahrt im Eigenheim sitzt, sollte nicht die Sozialismuskeule schwingen. Meine
Meinung. Das Einzige, was mir an diesem Mann bewundernswert schien, war die Ausdauer und Wortgewalt, mit der er sich beklagte. Letztere war auch deshalb so beeindruckend, weil sie offenbar nicht die geringste Leidenschaft benötigte, sondern sich lediglich aus der Gewohnheit
speiste. Die Augen dieses Mannes blieben stumpf. Und würde sein Mund meinem nicht so ähnlich sehen, hätte ich gar keinen Grund gefunden, ihm ins Gesicht zu schauen. Wahrscheinlich war das Treffen für uns beide so unangenehm, dass wir uns nicht für ein zweites engagierten.

In den vergangenen zwei Jahren habe ich meinem Vater neun Briefe und eine Postkarte geschrieben. Die Postkarte war ein Reisegruß ausFrankreich, mit Informationen über Wetter, Unterkunft und Verköstigung. Vier Briefe betrafen Behörden, Formulare oder Unterlagen. Fünf Briefe allerdings betrafen – Achtung: Es sträubt sich alles! – uns. Sie hatten alle den gleichen Wortlaut und wurden mal per e-Mail, mal per Fax und einige Male selbstverständlich auch per Briefpost zugestellt. In diesen Briefen fragte ich, wie sich den mein Vater unser weiteres Verhältnis vorstelle, weil ich ratlos sei. Ob ihm dieses Postkarten- und Behördenpost-Beisammensein ausreiche, weil ich es komisch finde. Ich öffnete und entblößte mich, um das, was von meiner Seite aus zwischen uns stand auszuräumen, und bat ihn, es mir gleich zu tun. Ich bekundete unverholen, dass mich der momentane Zustand sehr irritiere, und ich auch
nicht wisse, wo es eigentlich hingehen soll. Mein Vater schwieg und schweigt bis heute.

Mich beruhigt, dass ich es versucht habe. Und dass ich alt genug bin um nicht nur zu ahnen, sondern wirklich zu wissen, dass man a.) verlorene Zeit nicht nachholen kann, und dass man b.) keinen Vater mehr gewinnen wird, wenn man straff auf die 30 zu geht. Was mich allerdings beunruhigt ist der Fakt, dass ich meinem Vater theoretisch morgen im Döner-Laden treffen könnte, ohne zu wissen, wie ich diese Situation nach dem “Hallo” retten könnte. Wir hatten und haben nichts zu teilen, nichts nachzuholen und leider nicht mal etwas zu besprechen.

Jetzt erklärt sich, warum die Bewerberhotline von Susann kostenlos ist und man sogar etwas gewinnen kann: Die meisten Tragödien sind deshalb so tragisch, weil die romantische Sehnsucht und das kindliche Hoffen längst im Netz von Vernunft und Realismus zu Fall gekommen sind. Pathos hin oder her: Gute Nacht!

Allem Anfang wohnt ein Zauber inne.

Okay, das ist Hesse und damit nicht jedermanns Geschmack. Okay, das ist pathetisch, besonders dann, wenn man der Tatsache ins Auge blickt, dass es außer diesem hier noch geschätzte 500 Millionen anderer Blogs gibt und die meisten davon schon mehrere Jahre. Okay, mein Leben ist nicht interessanter als Deines.

Das es dieses Blog gibt, hat mir zu tun. Ich denke so viel nach. Und wenn sich meine Gedanken verknoten, hilft ein Text sie zu entwirren. Und nur weil ich diese ab sofort ins Netz stellen werde, heißt das noch lange nicht, dass du oder irgendwer sie lesen muss. Wenn du sie aber liest, und wenn du sie obendrein magst hat sich der ganze Aufwand doch gelohnt.
Und ich hätte mich überhaupt nicht rechtfertigen müssen.