Herr Heißhunger

Er ist stärker als ich. Ist von vornherein klar. Er hat keine Muckis. Aber dafür Grips. Er überwältigt mich. Kein Wunder an diesem Ort. Kein Wunder, nach meinem wegen akuter Faulheit ausgefallenen Mittagessen. Ich kann das Ende dieser Regalreihe nicht erkennen, ich weiß nur, dass sie mehr als doppelt so hoch ist wie ich. Und knackevoll mit „Süßwaren“. „Snickers, Mars, Bounty, M&Ms, Ritter Sport Vollmilch, Geleebananen, Milka Weiße Crisp!“, schreit er. „Jetzt! In dieser Reihenfolge!“ Ein Überfall aus dem Hinterhalt in der Höhle des Löwen. Ein Schelm, wer hier überrascht ist. Ein Blödmann, wer sich Chancen ausrechnet.

Ich beschließe die Flucht. Ich denke an was Schlimmes: an Sportunterricht, an die nahende Strandsaison und daran, dass die Zeiten, in denen mir H&M-XL-Hemden ein klein wenig spannten über dem Bauchnabel noch nicht zu lange hinter mir liegen. Ich stelle mir vor, wie ich bis unters Zahnfleisch bepackt mit Einkaufstüten und Körpermasse aus einer Big&Tall-Filiale krabble. Geschafft! Der Korb ist leer.

Ich stehe in der Obstabteilung. Keuchend. Mein Blick schweift. 3 Polaroids: „Kundenkontrollwaage“, „Wiegecenter“ und „Fettkiller Ananas“. Hier bin ich richtig, denke ich. Und als ich die Frau ansehe, die vor dem „Fettkiller Ananas“ – Schild steht und ein Gesicht macht, als hätte sie gerade eine Karibik-Kreuzfahrt für zwei gewonnen; und als ich die Figur-Drinks in ihrem Wagen sehe aus Molkepulver plus künstlichem Aroma plus 7 chemischen Zusatzstoffen Ihrer Wahl; und als ich die scharfe Kante erkenne, die ihr Cappuccino-Make-up auf ihrer Weichkäse-Haut zieht unterm Kinn, denke ich: Hier bin ich falsch. Da fällt mir ein, dass ich mir fest vorgenommen hatte, nie wieder so schlecht über Menschen zu denken, dass ich mir fest vorgenommen habe allen Menschen mit Liebe zu begegnen. Es ist zu spät für eine Entschuldigung. Nächstes Mal, denke ich. Denn ich weiß: Jeder schlechte Gedanke kommt zu mir zurück. Jeder einzele.

Die Öko-Abteilung. Ich frage mich, ob ich ihn vielleicht abgehängt habe, den verhassten Herrn Heißunger. In diesem Moment krabbelt er aus der Schokoreiswaffel-Packung und brüllt: „Denken Sie jetzt auf keinen Fall an einen rosa Elefanten! Verloren! Denken Sie auf keine Fall an Schokolade! Wieder verloren!“ Dann lacht er wie Rumpelstilzchen. Und dann lache ich wie Rumpelstilzchen. Ich habe es nämlich geschafft, meinen Blick abzuwenden. Und dann lacht er wieder, weil er weiß, dass ich niemals niemals niemals in meinem Leben einen Sauerkraut-Brot-Drink zu mir nehmen werde oder Sellerie-Brühwürfel oder ungesüßte Dinkelkekse mit extra Kalzium. Jedenfalls nicht mit Genuss. Und nicht ohne an ihn zu denken, den dekadenten Zuckerpsycho.

Ich renne durch den Supermarkt. Er hängt an meinen Waden.

Als ich an der Kasse stehe wähne ich mich als Gewinner. Kurz.
Lächelnd tritt er hinter mich, legt mir die Hand auf die Schulter und weist mich freundlich zwar, aber nicht ohne Spott darauf hin, dass drei meiner vier Low-Fat Joghurts leckere Schoko-Splitter haben. Und im Moment sogar 25 Prozent mehr als sonst. Ich drehe mich kurz um, nur um sicherzugehen, dass die Fettkiller-Ananas-Frau nicht in der nähe ist. Die würde mich auslachen jetzt. Zu Recht.

Und weil ich einsehe, dass ich den Kampf verloren habe – wenn auch knapp, wenn auch tapfer – und weil ich in der Eile nicht darauf geachtet habe an einer süßwarenfreien Elternkasse einzuchecken, kaufe ich auch noch ein Überraschungs-Ei. Die Schokolade ist hier ja nur Verpackung denke ich. Und glaube mir nicht.

Und dann denke ich: Du musst dir und anderen mit Liebe begegnen. Nächstes Mal. Dann fehlt dir keine Süße im Leben. Dann brauchst du keine Schokolade.

Lauthals über mich lachend verlassen er und ich Hand in Hand den Supermarkt.