Männer wie wir?

Mein Freund Klemens Ketelhut, wies mich neulich auf die Foto-Ausstellung „Männer wie wir“ hin, die die deutsche Aids Hilfe im Rahmen ihrer Kampagne „ICH WEISS WAS ICH TU“ seit 2009 durch die Lande ziehen lässt. Warum wir uns über die Bilder erst sehr amüsiert und dann sehr geärgert haben, formuliert Klemens in einem offenen Brief, der heute an kampagne@iwwit.de versandt wurde:

Liebe Leute von IWWIT,

„ICH WEISS WAS ICH TU unterscheidet sich bildlich und textlich stark von bisherigen Kampagnen. Die Motive verzichten auf Sexualisierung mittels durchtrainierter Körper, die sonst vielfach die Bildsprache in Medien für schwule Männer prägen.“

Diese Selbstbeschreibung findet sich in dem Überblick zur IWWIT-Kampagne. Ein erfreuliches Signal. Eine Kampagne, die mit Menschen agiert. Die alltägliche Körper, Personen und deren Leben in den Blick nimmt. Wo es Leute im Rollstuhl, Leute jenseits der 25 und solche mit nicht-normierten Körpern gibt. Diversity sozusagen. Wie schön. Und lebensnah. Und mit einem hohen Identifikationspotential ausgestattet.

Und dann? Dann kommt die Foto-Wander-Ausstellung „Männer wie wir„. 60 Bilder russischer Männer. HIV-Status und sexuelle Orientierung treten in den Hintergrund. Es geht scheinbar um Menschen. Aber: präsentiert werden mir 60 Körper, die nahezu alle idealisiert sind. Jung, muskulös, schlank, durchtrainiert.
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NEU: Alle Richtungen

Obwohl es die Anzahl der Kommentare nicht vermuten lässt, erfreut sich dieser Blog einer hartnäckigen Stammleserschaft, die sogar in Durstrecken ohne neue Beiträge nicht das Interesse verliert sondern Ermutigungsmails schreibt: Weiter! Öfter! Schneller! Mehr!

Das Interesse dieser Menschen – Ihr Interesse! – ist wertvoll und ich will es pflegen.

Ab sofort gibt es außer mir, Ron, zwei weitere Autoren, die auf kopfkompass.de veröffentlichen: Alex und Klemens. Beide sind enge Freunde von mir, mit denen ich viel über die Themen diskutiere, die ich bisher hier besprochen habe. Diese Themen sollen – wie hoffentlich viele neue – auch weiterhin hier besprochen werden. Aber eben nicht länger nur von mir. Was ist ein Kompass wert, der nur in Richtung zeigt?

Willkommen an Bord. Und: Vorwärts! In alle Richtungen.

Schlampige Recherche bei Spiegel Online?

Sicher ist es naiv. Aber ich bin bisher immer davon ausgegangen, dass das was ich in etablierten Publikationen wie dem Spiegel, der Süddeutschen Zeitung oder der Financial Times Deutschland lese zumindest zum Großteil der Wahrheit entspricht. Der am 08. April auf Spiegel Online erschienene Artikel über die Noa Bank jedoch stellt diese Vermutung verblüffend in Frage. In dem Artikel, um den bereits die letzen beiden Beiträge meines Blogs kreisen, behauptet Autor Günter Heismann über die gerade in die Noa Bank eingegliederte Quorum AG:

Im „Deutschen Factoring-Portal“ schildern Blogger, wie das Unternehmen Kunden über den Tisch gezogen haben soll.

Auf der Website des Deutschen Factoring Portals heißt es dazu bereits einen Tag später:

Die Behauptungen des Artikels bei Spiegel-Online oder anderen Blogs und Informationen, der sich auf das Deutsche Factoring-Portal bezieht, wurde von dem jeweiligen Autor definitiv falsch recherchiert. Es wurde auf dem Deutschen Factoring-Portal NOCH NIE etwas, und schon gar nicht negatives, über die Noa Bank oder die Quorum AG behauptet und diskutiert. Dies wird auch in Zukunft so bleiben. Schon gar nicht, wie behauptet, von anderen Bloggern.Das Deutsche Factoring-Portal dient einzig und allein dafür über Factoring zu informieren und direkte Kontakte zu hier gelisteten Factoring-Unternehmen herzustellen. Nicht mehr und nicht weniger.

Für Spiegel Online ist das peinlich und rufschädigend, weil es die Recherchemethoden des Autors in Frage stellt. Denn dieser hat laut Noa Bank auch anderen Stellen seines Beitrages einige Tatsachen verdreht, wie die Veröffentlichung des kompletten E-Mail Interviews im Blog der noa bank im Vergleich zum veröffentlichten Artikel beweist.

Umso verstörender ist es, dass sowohl die Financial Times Deutschland als auch die Süddeutsche Zeitung in den letzten Tagen ganz ähnliche Artikel veröffentlichten. Verblüffend ähnliche Artikel. Artikel, die offensichtlich auf denselben vermeintlich unsauber recherchierten Behauptungen von Günter Heismann basieren, wie sich unschwer an denselben unwahren Fakten belegen lässt, die sie zitieren.

Womit haben wir es hier zu tun?

Mit einem neuen Effizienzprogramm der Medienindustrie, dass darin besteht, ein- und denselben Artikel dürftig umformuliert in mehreren Publikationen erscheinen zu lassen?

Davon wüsste ich dann als Leser bitte gerne. Wenn auch nur, um mich für eine Zeitung zu entscheiden, die a.) sauber recherchiert und b.) die (hoffentlich) versehentliche Verbreitung von Falschinformationen zügig richtigstellt.

Banken-Elefanten vs. Noa-Mücke?

Auf Deutschlands reichweitenstärkstem Nachrichtenportal Spiegel Online erschien heute ein Artikel der in vielerlei Hinsicht sehr aufschlussreich ist, mich am Ende aller Überlegungen aber sehr verwirrt zurücklässt.

Der Journalist Günter Heismann stellt die erst seit November 2009 am deutschen Markt agierende noa bank unter der Überschrift: “Grüne Bank mit dubiosen Gründern” ins Zwielicht. Im Wesentlichen stellt er die Kredibilität der jungen Bank, die verspricht, sich weder an Spekulationsgeschäften noch Investmentbanking zu beteiligen und zudem die Kunden entscheiden lässt, in welchem Bereich seine Spareinlagen investiert werden in drei Punkten in Frage:

1. Die nach außen überaus erfrischend grün auftretende Bank wäre in Wirklichkeit lediglich ein wahr gewordener Refinanzierungstraum für die vermeintlich angeschlagene Factoring-Firma Quorum AG, an der Vorzeigegesicht und Gründer der noa bank Francois Jozic ebenfalls beteiligt ist.

2. Eben jene Quorum AG würde, wie auch die Unternehmensberatung Targas AG, in deren Vorstand sich Jozic ebenfalls engagiert, durchaus dubiose Geschäftspraktiken an den Tag legen, die sich am Rande der Legalität bewegten.

3. Die noa bank würde nur einen Bruchteil der Kundeneinlagen wie versprochen als Kredite an geeignete Firmen herauslegen und weitaus größeren Teil, der nicht zur Finanzierung von Quorum benötigt wird, bei der Bundesbank bzw. bei anderen Geschäftsbanken parken.

Verblüffend ist, dass die noa bank selbst zur Verbreitung dieses nicht gerade Vertrauen erweckenden Artikels beiträgt, indem sie Beiträge wie diesen in ihrem Facebook-Profil veröffentlicht:

noabank

Folgt man dem Link in diesem Beitrag landet man auf einem Artikel des Blogs “Social Banking 2.0”, das von dem Journalisten und Buchautor Lothar Lochmaier geführt wird. Lochmaier echauffiert sich darin über die einseitige Berichterstattung und die Recherchemethoden von Spiegel Online, ist dabei selbst aber ebenfalls alles andere als unparteiisch. In diesem wie auch in früheren Beiträgen steht er der (auch mir zugegebenermaßen sehr sympathischen noa bank) derart unkritisch gegenüber, dass man geneigt ist, seine Objektivität in Zweifel zu ziehen. Im Gegensatz zu mir bezeichnet sich Herr Lochmaier jedoch als Journalist und nicht als Blogger.

Lochmaiers Beitrag wiederum verweist auf einen Artikel, der in einem Blog das von der noa bank selbst geführt wird erschienen ist, und den vielsagenden Titel „Verteidigt Günter Heismann das Establishment vor der noa bank?” trägt und interessanterweise bereits zwei Tage vor dem Erscheinen des Textes in Spiegel Online ins Netz gestellt wurde. Francois Jozic selbst geht hier auf Heismans Vorwürfe ein. Er macht alle Fragen die ihm der Journalist gestellt hat öffentlich zugänglich, freilich nebst den entsprechenden Antworten.

Genau jene fehlen mir aber nach der schwindelerregenden Achterbahnfahrt durch diese bunte Dreieckskonstellation.

Welches Interesse hat der SPON-Journalist Heismann an der Dekonstruktion der noa bank und warum würdigt er viele der auf Fakten basierenden Antworten von deren Chef keines Wortes in seinem Artikel?

Warum inszeniert sich noa bank-Chef Jozic in seinem Blog auf mitleiderregende Art und Weise als David der deutschen Bankenlandschaft, der vom Goliath des Establishments auf übelste attackiert wird?

Hat das Establishment deutscher Banken überhaupt Zeit und Nerven sich mit einer wüsten Schmutzkampagne gegen eine Bank zu wenden, die mit ihren 9.000 Privatkunden eigentlich noch ein Bänkchen ist?

Mal lustig ins Baue hinein gemutmaßt: Heismann will eine Story verkaufen, Lochmaier sein im nächsten Monat erscheinendes Buch und Jozic über die Vision der weißwestigen Rebellenbank nichts anderes Tagesgeldkonten auf der einen und Kredite auf der anderen Seite.

Ganz ehrlich? Mir ist das alles überhaupt nicht konservativ genug. Von dem einen Journalisten erwarte ich saubere Recherchen. Vom anderen unabhängige Berichterstattung. Und von der Bank der ich meine Ersparnisse anvertraue, erwarte ich neben der ungewohnten aber angenehmen Transparenz und einem altruistischen Anstrich nach wie vor ans Langweilige grenzende Seriosität, Diskretion und solides Wirtschaften.

Von einer Bronchitis lernen

Soweit ich das beurteilen kann, ist die gemeine Bronchitis und auch ihre dickere Schwester die Tracheobronchitis zumindest in ihren akuten Ausprägungen weder besonders selten noch besonders fürchterlich noch ohne Ende. Eigentlich ist sie nicht der Rede wert. Mich aber bringt sie gerade dazu, ernsthaft über Leben und Tod nachzudenken. Wofür ich mich freilich ein bisschen schäme.

Von früheren Krankheiten weiß ich bereits, dass ich zu den besonders wehleidigen Patienten gehöre. Während andere mit Stolz und Würde abwinken, wenn die Sprache auf ihre, wegen der wie eine auslaufende Duschbadflasche sekretierenden Nase unübersehbare Erkältung fällt, zwingt mich bereits eine leichte Bronchitis dazu, den gesamten Tag im Bett zu verbringen und jede Bewegung (Drehen im Bett, Griff zur Fernbedienung, Gang zur Toilette) mit einem lauten Ächzen in ihrer Beschwerlichkeit zu unterstreichen. Jedes Mal versuche ich mich zusammenzureißen in der festen Überzeugung, dass meine Genesung sehr direkt von meiner psychischen Verfassung abhängt, deren beste Freundin Selbstmitleid und theatralisches Gestöhne nun eben nicht sind. Jedes Mal aber scheitere ich. Meine Glieder täuschen vor, während eines 50 km Cross-Bike-Trials aufs Übelste malträtiert worden zu sein, mein Kopf fährt das beliebte Übungsmanöver “Denken, nach einer Kollision mit einem Linienbus” und Hals und Lunge feiern Barbecue. Ich MUSS ächzen.

Meine Schwester, die sich gestern telefonisch nach meinem Befinden erkundigte, half mir aus der Patsche. Ich bat sie, mir zu erklären, was ich für eines der größten Mysterien der Menschheit halte: Wie um alles in der Welt können Frauen die Schmerzen einer Geburt ertragen? Damit kennt sich meine Schwester aus, erst vor acht Wochen hat sie ein Kind geboren. Ihr drittes. Sie erklärte mir, dass eine Geburt im Prinzip ganz ähnlich wie Erbrechen funktioniere. Nur an anderer Stelle. Wer seinen Körper beim Erbrechen nicht machen lasse, riskiere unschöne geplatzte Äderchen im Auge. Der Trick bei einer Geburt sei, sich ganz und gar hinzugeben. Im festen Vertrauen darauf dass die Natur das schon regele. Und die Hebamme helfe, falls nicht. In diesem Zusammenhang riet sie mir beinahe fürsorglich, zu ächzen und zu stöhnen soviel ich will. Schließlich verschaffe mir das Erleichterung. Ebenso wie eine Geburt deswegen freilich noch lange kein Kindergeburtstag sei – worin ich sie korrigieren musste – werde eine Bronchitis deswegen natürlich kein Spaziergang. Aber sie bekäme die Aufmerksamkeit die sie fordere und würde entsprechend schnell verschwinden.

Von Schnelligkeit weigere ich mich in diesem Zusammenhang allerdings zu sprechen: Ich liege seit Dienstag im Bett und langweile mich. Versuche ich zu lesen oder Radioreportagen zu hören, fühle ich mich überfordert, was mir Angst macht. Sehe ich fern oder surfe ich im Netz, kann ich mich des überwältigenden Eindruckes nicht erwehren, meine Zeit zu verschwenden. Denn eigentlich ist sie doch wertvoll: Die Zeit mit mir. Oder?

Im Grunde meines Herzens war ich bis heute der zugegeben esoterischen Überzeugung erlegen, dass mich eine Krankheit zwingen soll inne zu halten, um das Hamsterrad für zwei, drei Runden zu verlassen, durchzuatmen und zu prüfen, ob ich wirklich zurück will. Und falls ich das nicht will, bietet eine Krankheit den Raum zu prüfen, ob es nicht einen Weg gibt, auf dem ich im Gegensatz zum Hamsterrad tatsächlich vorwärtskomme. Derartige Reflexionen liegen mir, können aber dazu führen, alle zwei, drei Jahre etwas völlig anderes zu tun, und so zu riskieren, es nirgendwo jemals zu etwas zu bringen. Deswegen, und weil ich außerdem der Überzeugung bin, dass jedem Menschen nicht nur ein Weg zum geglückten Leben offensteht, hatte ich mir vorgenommen, allzu voreilige Richtungswechsel künftig zu unterlassen und irgend einen Weg einfach mal für eine Weile zu probieren. Diesen zum Beispiel.

Wie ich heute endlich verstanden habe, kann einer Krankheit wie dieser garstigen Bronchitis, die gerade in mir haust diese bedeutende Funktion aber unmöglich zukommen. Vom vielen Ächzen bin ich so abgelenkt, dass ich keinen klaren Gedanken fassen kann und tunlichst davon absehen sollte, Entscheidungen zu treffen die über “Cornflakes oder Haferflocken zum Frühstück?” hinausgehen.

Einen sehr wertvollen Zweck hat sie dennoch, diese verhasste Keuche. Einen Zweck, der allerdings erfordert alle Scheu vor Kitsch und Binsenweisheiten abzulegen und auch die Furcht davor, einen hoffnungsvollen Text mit dem letzten Satz zu zerstören: Diese Bronchitis erinnert mich an das Wunder der Gesundheit, dass ich allzu oft für eine Selbstverständlichkeit halte.

Kässmann endlich glaubwürdig

Margot Käßman, Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, wird mit 1,5 Promille Alkohol im Blut nach dem unbeeindruckten Überfahren einer roten Ampel von der Polizei gestoppt. Diese Verfehlung könnte ihr das Amt kosten. Dabei bietet sie die seltene Gelegenheit, die Glaubwürdigkeit moralischer Instanzen neu zu definieren.

Seitdem Käßmann im Oktober letzten Jahres Wolfgang Huber an der Spitze der evangelischen Kirche in Deutschland  ablöste, kommt die Organisation nicht mehr zur Ruhe. Die Tatsache, dass Käßmann a.) eine Frau und b.) obendrein geschieden ist, genügte der russisch-orthodoxen Kirche die Zusammenarbeit mit der evangelischen Kirche Deutschlands unter reichlich moralisch-pikiertem Tschingtarassa abzubrechen. Käßmanns rigorose Ablehnung des Einsatzes deutscher Soldaten in Afghanistan sorgte für politischen Zwist und verschaffte ihr das Image der gnadenlosen Hardlinerin in Sachen Ethik und Moral, die sich einen Dreck um das diplomatisch Notwendige oder politisch Machbare schert. Was mir stets imponierte.

Natürlich kann man ihr leicht vorwerfen, dass ihre stets an ganz grundsätzlichen Idealen entlang argumentierte Auffassung von Recht und Unrecht nur wenig dazu beitragen kann, konkrete Probleme wie beispielsweise die verfahrene und aussichtlose Situation der Bundeswehr in Afghanistan in den Griff zu bekommen. Andererseits ist das auch nicht ihre Aufgabe. Als Vorsitzende der evangelischen Kirche in Deutschland ist sie vielmehr dazu berufen, lautstark für christliche Gebote und Vorstellungen einzutreten und deren Einhaltung auch in politischen Konflikten, auch in gesellschaftlichen Debatten anzumahnen. Und diesen Job macht sie gut. Denn der christlichen Lehre folgend steht das Gebot des absoluten Pazifismus – trotz “Auge um Auge und Zahn um Zahn” – nun mal nicht im Geringsten zur Debatte. Dementsprechend lies auch sie keinen Platz für ein diplomatisch-realpolitisch aufgeweichtes “Ja-aber.”

Die angetrunkene Spritztour am letzten Samstag stellt die von der Welt als “Wächterin strengster moralischer Maßstäbe” titulierte Bischöfin in ein ganz neues Licht – und zwar kein gutes. Man kann es nicht schönreden: 1,5 Promille sind ziemlich viel. Traut man sich Käßmanns Größe und Gewicht großzügig zu schätzen und einen Alkoholrechner mit diesen Werten zu füttern, erfährt man, dass sie mindestens drei große Bier oder etwas mehr als eine Flasche Wein getrunken haben muss. Dass sie danach nicht mehr fahrtüchtig war, kann ihr nicht entgangen sein. Sie ist trotzdem gefahren und hat damit sich und andere in ernsthafte Gefahr gebracht. Ohne Zweifel ist das eine ernsthafte moralische Verfehlung, die geahndet werden soll. Nur wie?

Käßmann ist erwischt worden. Wahrscheinlich ist sie ihren Führerschein los, hat für den Blutalkohol und die rote Ampel empfindliche Bußgelder zu berappen und muss sich in einem Ermittlungsverfahren wegen Trunkenheit am Steuer verantworten, so wie ich es an ihrer Stelle auch müsste. Im Gegensatz zu ihrer wäre meine Trunkenheit jedoch für den Maulwurf innerhalb der Polizei oder den Bildzeitungsjournalisten, der illegal den Polizeifunk abgehört hat, bei Weitem kein so einträgliches Geschäft gewesen.

Und im Gegensatz zu meiner (wohlgemerkt rein hypothetischen) Trunkenheit ist ihre ein öffentliches moralisches Problem. Sie beweist uns, dass auch Margot Käßmann ein Mensch ist. Keine roboterhaft Psalmen zitierende weiße Weste, keine makellose Heilige, kein unfehlbares Orakel. Margot Käßmann macht Fehler, obwohl sie weiß, was richtig ist. Sie tut das Falsche, obwohl sie gebetsmühlenartig dafür eintritt, das Richtige zu tun. Sie erliegt der Verführung, obwohl sie Tugendhaftigkeit predigt. Darf sie trotzdem weiterhin Vorsitzende einer großen Deutschen Kirche sein?

Ich finde jetzt erst recht. Käßmann jetzt ihres Amtes zu entheben würde der Kirche schaden, weil sie damit überführt wäre, noch immer der sehr naiven Illusion verfallen zu sein, irgendjemand sei ohne Sünde und würde ihr Amt daher besser ausfüllen.

Dabei ist es eine Chance: Das Oberhaupt der evangelischen Kirche bereut. Käßmann sei erschrocken darüber, dass sie so einen schlimmen Fehler gemacht habe. In den nächsten Tagen werden sicherlich noch weitere Reuebekundungen folgen. Soll man diesen Glauben schenken? Unbedingt. Glauben muss immer geschenkt werden.

Wie glaubwürdig aber ist eine moralische Instanz aus Fleisch und Blut die allen Ernstes behauptet, stets das Richtige zu tun? Wie kann jemand als lebendiges Vorbild taugen, der sich im Lichte für mich unerreichbarer Unverdorbenheit sonnt? Wem soll ich glauben, er sei frei von Sünde?

Rechtschaffend zu sein ist ein Kampf. Und diesen Kampf gewinnt man nicht jeden Tag. Auch als Kirchenvorsitzende nicht. Umso beeindruckender wäre es, wenn Käßmann sich nach dieser Niederlage erheben würde, um weiterhin mit gewohnter Vehemenz aber hinzugewonnener Menschlichkeit für das Gute und Richtige einzutreten.

Externer Gedächtnisverlust I

Ich bin ein ehrlicher Mensch. Aber ich bin neugierig. Und ich liebe Zeichen.

Als Zeichen definiere ich objektiv betrachtet zufällige Ereignisse, die nicht alltäglich genug sind, um sich nicht über und über mit subjektiver Bedeutung aufladen zu lassen. Zeichen helfen erheblich dabei, sich einen Fetzen Magie ins eigene Leben zu holen, der alles mit einem Hauch Goldflitter überzieht.

Um gleich zum Punkt zu kommen: Ich habe heute eine Festplatte in der S-Bahn gefunden. Ein hübscher kleiner Klotz Aluminium in einem unscheinbaren schwarzen Lederetui. Es lag ausgerechnet auf dem Platz, auf den ich mich setzen wollte. Und dabei gab es so viele freie Plätze; die ganze Bahn war leer. Es fand sich keine Visitenkarte in dem Etui und auch sonst kein Hinweis auf den Besitzer. Mir war sofort klar: Wöllte man sich völlig korrekt verhalten müsste man die Platte augenblicklich beim Fahrer des Zuges abgeben.  Ich wollte mich aber nicht korrekt verhalten. Ich wollte wissen, was auf der Platte ist.

Also habe ich den Zug unauffällig auf Überwachungskameras gescannt. Und mich doch ziemlich darüber gewundert, dass es keine gab, jedenfalls keine, den ich entdecken konnte. Dann habe ich die Platte eingesteckt.

Ich war leider nicht auf direktem Weg nach Hause. Im Gegenteil: Ich hatte einige Wege zu erledigen. Schlitternd, zitternd, vorsichtig: ich wollte nicht stürzen. Festplatten und Erschütterungen sind keine Freundinnen. Die Neugier aber ist wie gesagt meine.

Was wohl auf der Platte ist?

Ein Archiv aller Familien- und Urlaubsfotos der letzten Jahre?

Eine gut sortierte Musiksammlung, darunter meinerseits bisher unentdeckte Popperlen?

Zwei Dutzend raubkopierte Filme, darunter auch solche die ich immer schon sehen wollte?

Konto- und Adressdaten Zehntausender Steuersünder, die mir den frühzeitigen Ruhestand finanzieren würden?

Ein unveröffentlichter Roman?

Eine künstlerische Arbeit?

Geheime Firmendaten?

Bombenbaupläne?

Passwörter?

Pornos?

Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Natürlich nicht. Es war zugegebenermaßen sehr mühsam mir glaubhaft einzureden, dass ich ja schließlich schon allein deshalb auf die Platte würde zugreifen müssen um einen Hinweis darauf zu finden, wem sie gehört. Ich werde sie auf jeden Fall zurückgeben. Nur eben nicht sofort.

Schließlich weiß ich selber, dass der Verlust eines Datenträgers eine ernsthafte persönliche Katastrophe darstellen kann. Genau vor einer Woche ich das Archiv aller meiner (vorbildlich sicheren und damit quasi unmerkbaren) Passwörter dadurch vernichtet, dass ich das Masterpasswort 5 Mal falsch eingegeben habe. Die Daten haben sich wie bei Mission Impossible selbst gelöscht. Der Sonntag war gelaufen.

In der Woche davor ist eine meiner Festplatten ausgegangen. Scheinbar für immer. Licht aus, Lüfter aus, Stille. Darauf meine künstlerischen Arbeiten der letzten zwei Jahre. Von denen ich glücklicherweise eine Sicherheitskopie angefertigt hatte.

Wem immer diese Platte gehört: Er kann froh sein, dass sie ausgerechnet mir in die Hände gefallen ist.

Der Virenscanner scannt noch.

Ich habe derzeit die Adresse des Berliner Fundbüros gegoogelt.

Pornstars for Peta?

Ein bisschen zweifelhaft fand ich Peta schon immer. Während sich die People sehr bildgewaltig for the ethical treatment of animals engagieren scheint ihnen Ethik für Menschen nicht allzu wichtig zu sein. In den Hochglanzkampagnen der Tierschutzorganisation werden ja sehr gern Top-Models verwurstet verwendet, deren unbekleidete (und nach launiger Retusche) makellose Körper “Lieber nackt als im Pelz!” rufen. Besonders einleuchtend fand ich das nie. Sollen die kuschligen Felle etwa weggeworfen werden, nachdem wir das Fleisch der Tiere gegessen, ihre Knochen zu Gummibärchen, ihre Haut zu Schuhen, und ihr Rückenmark zu Haarspülung verarbeitet haben? Welch eine Verschwendung!

Oder anders formuliert: Wer tagsüber Nerzpelz-Omis auf dem Kudamm mit pinken Graffitis versehen will, darf morgens kein Schinkenbrötchen frühstücken. Zweifellos: Es werden Milliarden von Tieren auf diesem Planeten gequält und misshandelt. Aber die allerwenigsten von ihnen wegen ihres Pelzes.

Die neueste Kampagne von Peta treibt das Phänomen der selektiven Wahrnehmung auf die spitze. Sie sieht so aus und ist auf der Seite von Peta in High-Resolution herunterzuladen.

Der Schlafzimmerblick der hübschen jungen Dame ist keine große Leistung sondern ihr Job. Sasha Grey ist Pornostar. Sie ist 21 Jahre alt und hat in den 3 Jahren ihrer Volljährigkeit bereits 189 Hardcore-Pornofilme gedreht. Darunter auch solche mit so klangvollen Titeln wie “Ass Eaters Unanimous”,  “Throat: A Cautionary Tale” oder “Face Invaders”. Sie gilt als Ausnahmeerscheinung in der Pornoszene, weil sie a.) blutjung ist und b.) buchstäblich alles macht, weshalb sich die Produzenten um sie reißen, um mit ihr neue Standards in Sachen Erniedrigung, Brutalität und sexueller Grausamkeit vor der Kamera zu definieren.

Das alles erfährt man – wenn man das angestrengte moralisieren aushält – in einer Ausgabe der Tyra-Banks-Show, in der Sasha Grey im Februar 2007 zu Gast war, um über ihre zumindest finanziell sehr lukrative Blitzkarriere zu sprechen. Und obwohl Talkshows nicht gerade in Verdacht stehen Horte der Authentizität und Aufrichtigkeit zu sein, wird schon nach einigen Minuten überdeutlich: Diese Frau ist völlig kaputt und braucht dringend Hilfe. Vielleicht bin ich anmaßend und arrogant, aber für mich macht diese Interview-Sequenz unmissverständlich klar, das Sasha Greys Verhältnis zu Sexualität ist massiv gestört ist, ihr Selbstwert gebrochen und ihr Blick auf die eigenen Gefühle stumpf.

Sie jetzt mit dieser Schulmädchenweisheit für die Kastration von Hunden und Katzen werben zu lassen finde ich zynisch, unangemessen und sogar ein bisschen pervers. Haustiere werden nicht deshalb schwanger, weil sie nicht kastriert sind sondern weil mensch nicht ausreichend auf sie achtet. Ich glaube nicht, dass es Sasha Greys größtes Problem ist, das Sexualverhalten ihres Hundes zu kontrollieren.

IN-Vitro: Grünes Fleisch

Wer seine Rostbratwurst nach der Vorführung von Meat the truth immer noch genießen kann, nutze die Zeit, die er mit dem Lesen dieses Blogbeitrages verschwenden würde besser dafür, mit seinem Hummer mal eben zum Zigarettenautomaten an der Ecke zu fahren und danach vielleicht noch ein paar Runden um den Blog. Für all jene, die Rostbratwurst immer noch mögen, die aber schon beim Kauen ein schlechtes Gewissen plagt, naht Hilfe. Aus zahlreichen Laboren rings um den Globus.

Forscher der Universtität Utrecht versuchen mit großzügiger finanzieller Unterstützung der niederländischen Regierung Fleisch im Labor zu züchten. An Collagen-Gittern in einer Nährlösung nämlich. Wissenschaftler spendenfinanzierter Konsortien wie die britische Gruppe New Harvest oder The In Vitro Meat Consortium aber natürlich auch kommerzielle Unternehmen wie die norwegische Nofima versuchen ihnen im Wettstreit um die erste künstliche Brühpolnische zuvorzukommen.

Warum?

Bis 2050 wird sich der Fleischkonsum der Menschheit voraussichtlich auf 450 Mrd. Kilo jährlich verdoppeln, inklusive aller negativen Auswirkungen, die die Produktion von Fleisch mit sich bringt. Die hierdurch explosionsartig ansteigenden Emissionen, die fortschreitende Abholzung des Regenwaldes zum Anbau von noch mehr Viehfutter und die weitere Verschlimmerung der Lebens Haltungsbedingungen der Tiere wären einfach nicht vertretbar. (Wer glaubt ernsthaft sie wären es heute?). Der rasant wachsende Appetit auf Schnitzel und Steak lässt dennoch Dollarzeichen in den Augen findiger Geschäftsmänner aufblitzen, besonders wenn diese Aussicht darauf haben, diesen Hunger schon bald sehr günstig künstlich zu stillen. Auch aus Konsumentensicht keine schlechte Idee: Das Fleisch wäre frei von zugefütterten Antibiotika und Hormonen und würde Massentierhaltung, Futteranbau und lange Transportwege obsolet machen.

Nur leider will einem einfach nicht das Wasser im Munde zusammenlaufen, wenn man weiß, dass der duftende Bratling des Burgers in deiner Hand nicht aus der Hüfte eines wilden argentinischen Rinds sondern aus einem in einer Nährlauge vor sich hin wachsenden Kunstfleischklumpens geschnitten wurde.

Zur Herstellung desselben bedient man sich Methoden, die sich schon heute zur Züchtung von Haut- oder Knorpelzellen für medizinische Zwecke bewährt haben. Biologisch betrachtet steht In einer Nährlösung werden tierische Stammzellen (je nach Gusto vom Huhn, Schwein, Rind oder auch Fisch) zu Muskelzellen ausgebildet. Henk Haagsman von der Universität Utrecht dazu:

“Damit die Muskelzellen nicht wie Mus aussehen, sondern ihre typische faserige Konsistenz erhalten, müssen sie wie im lebenden Organismus mehrere Wochen trainiert werden. Dafür wiederum muss das Gerüst beweglich sein, indem es sich beispielsweise durch Temperaturunterschiede ausdehnt und zusammenzieht. Nach der Wachstumsphase werden die dünnen Fleischschichten dann übereinandergestapelt, um dickere Scheiben zu erhalten.”

So ließen sich verhältnismäßig einfach Fleischflocken für Würstchen, Bratlinge und Nuggets herstellen. Als Königsdisziplin gilt jedoch das künstliche Steak.

“Schnitzel oder Steaks brauchen zusätzlich feinste Äderchen, um Blut und Nährstoffe auch zu den innen liegenden Zellen zu transportieren. Das ist aufwendig. Vladimir Mironov von der Universität South Carolina versucht dies beispielsweise mit dünnen essbaren Röhrchen aus Chinin zu erreichen.”

Erste Erfolge gibt es bereits. Schon 2002 züchtete daher Morris Benjaminson vom New Yorker Touro College erfolgreich Muskelgewebe von Goldfischen in einer Nährsubstanz aus Maitake-Pilzen.

Das liest sich alles ein bisschen ekelerregend, ist aber auf den zweiten Blick sogar etwas weniger pervers als die Zustände der heutigen Massentierhaltung. Spannend ist, dass das Laborfleisch neue Lobbys schmiedet und zwar aus Protagonisten, die sich noch bis vor kurzem engagierte Hahnenkämpfe lieferten. Plötzlich ziehen Industrie, Genforscher, Veganer, Lebensmittelchemiker und Umweltaktivisten an einem Strang. Die Tierschutzorganisation PETA hat sogar einen mit einer Million Dollar dotierten Forschungspreis für denjenigen ausgelobt, der er es schafft vor Anbruch des Jahres 2012 ein In-Vitro-Hähnchenschnitzel zu produzieren. Wohl bekomm’s. Es ist genug für alle da. Jason Matheny, einer der führenden Forscher auf dem Gebiet des sogenannten Tissue Engineering glaubt, dass sich so der Hunger der Welt bekämpfen ließe: "Mit einer solchen Zellreihe ließe sich theoretisch die gesamte Menschheit ernähren."

Praktisch ist allerdings fraglich, ob die Menschheit auch so ernährt werden will oder ob das Bœuf Frankenstein, dem einen oder anderen nicht doch sehr schwer im Magen liegen würde.

Pro Elektronikzölibat

Noch bis übermorgen präsentieren die strahlenden Heiligen unserer modernen Elektronik-Religion die neuesten Götzen auf dem Hightech-Kirchentag CES, der Consumer Electronics-Show in Las Vegas. Und während die einschlägigen Blogs  im 10-Minuten-Takt neue Gadget-Evangelien liefern, bei deren Lektüre mir der Sabber aus dem Mund läuft, kam mir heute eine Greenpeace-Pressemitteilung unter die Augen die mir den ganzen Spaß verdorben hat. Als hätte einer das Fenster meiner WLAN-Weihrauch-geschwängerten Kemenate aufgerissen, damit die frostig-frische Luft meine Sinne wieder klärt. Hat funktioniert.

Es geht um den Greenpeace Guide to Greener Electronics, den die Umweltschützer vierteljährlich aktualisieren, um dem verführten Konsumenten einen kleinen ökologischen Reiseführer für seine nächste Tour durch den Mediamarkt an die Hand zu geben, dessen Empfehlungen sich danach richten, wie stark sich die einzelnen Firmen für den Umweltschutz engagieren, ob sie die Verwendung giftiger Substanzen vermeiden und wie energieeffizient sie produzieren. Diesmal sieht er so aus:

Wer jetzt “Oberflächlicher Bunte-Bildchen-Populismus!” rufen will halte ein. Freilich liefert Greenpeace detailliertere Angaben darüber, wie es zu den einzelnen Bewertungen gekommen ist, und gibt auch bekannt wer die größten Gewinner und Verlier der Öko-Hitparade sind.

Auf der CES selbst wird das Thema weitestgehend vermieden. Obwohl auch hier das eine oder andere grün-angemalte Elektronikspielzeug präsentiert wird, bleibt die Suche nach dem solarbetriebenen Killerrechner erfolglos. Kein Wunder.

Denn selbst wenn Sony-Ericsson, Samsung oder LG mit vermeintlichen Ökohandys um die Gunst der Öko-Aktivisten buhlen, haben diese freilich längst kapiert, dass es am besten für die Umwelt ist sich gar kein neues Handy zu kaufen. (Zumal das alte trotz grober Misshandlung einfach nicht kaputt gehen will, sowie bei mir.)

Denn auch das grünste Handy ist eines Tages Elektroschrott, und nur selten liegt dieser Tag länger als zwei Jahre in der Zukunft. Elektroschrott könnte man freilich umweltschonend recyceln. Billiger aber ist es, ihn in Länder der immer noch so genannten Dritten Welt zu verschiffen, zum Beispiel nach Ghana. Die Geräte die noch funktionieren werden verkauft, der Rest auf Deponien unter freiem Himmel geschmissen, wo – gar nichts mit ihm passiert, so dass die in vielen Geräten enthaltenen Schwermetalle und Gifte nach und nach ausgewaschen werden und den Boden dauerhaft verseuchen.

Wenn Elektronikmärkte die Kirchen von heute sind, dann bin ich für Katholizismus. Der predigt ja Enthaltsamkeit für alle seine Priester. Nicht, dass ich jemals ernsthaft ans Zölibat geglaubt hätte. Es ist das Wesen von Idealen, unerreichbar zu sein. Hauptsache, die Richtung stimmt.