Hassliebe: Die Wanze in meiner Tasche

Miriam Meckel, Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement in St. Gallen, twitterte letzte Woche:

“Think of your smartphone as a tracking device that happens to make a call. “

Wir wissen, dass mit Hilfe unsere Mobiltelefone Bewegungsprofile von uns erstellt werden können. Und auch, dass von dem, was wir als Privatsphäre (miss)verstehen nicht viel übrig bleibt, wenn man die Verbindungsdaten und den Datenverkehr zur Auswertung hinzuziehen würde. Wir nehmen das hin. Aber Warum?

Mir gelingt das, weil ich entgegen Meckels Vorschlag eben nicht daran denke. Ich wische meine Überwachungsfantasien wie Fettflecken vom Display, indem ich mir einrede, sie wären übertrieben und psychotisch. Ich halte Orwell und Huxley für Science-Fiction-Autoren, nicht für Propheten. Ich lache über Verschwörungstheorien. In meiner betriebswirtschaftlichen Ausbildung habe ich gelernt, dass Konzerne mein Geld wollen, nicht aber mein Leben. Ich bezweifle, dass der Staat mich kontrollieren will, weil ich mir immer noch einrede, ich sei der Staat. Aber ich finde es zunehmend schwieriger, mir zu glauben.

Am Tweet von Miram Meckel hing ein Link zu einem Artikel der New York Times der aufmerksamkeitsheischend anprangert, dass der Name Smartphone oder Cellphone irreführend ist. Wir sollten die fälschlicherweise damit bezeichneten Geräte künftig besser Tracker, im Deutschen vielleicht Wanze nennen.

Das wäre allein schon deshalb zutreffender, weil Telefonieren laut einer Umfrage von O2 (UK) inzwischen auf Platz 5 der Aktivitäten abgerutscht ist, für die wir unsere elektronischen Handschmeichler verwenden. “Smartphones übernehmen die Aufgaben, die Laptops, Kameras, Kreditkarten und Uhren einst für uns bewältigten.”, heißt es in der Pressemeldung.

Weil sie nichts für sich behalten, ist diese Zentralisierung von Informationen. Dein Smartphone weiß:

  • wo du wann bist
  • wohin du reist
  • welches Verkehrsmittel du dafür nutzt (das alles sogar, wenn du den GPS-Empfänger deaktiviert hast)
  • was du tust (weil das eng damit verknüpft ist, wo du bist)
  • wen du kennst, wen du magst und wen du liebst
  • was du dir mit wem schreibst
  • welche Websites du aufrufst
  • wonach du suchst und wofür du dich interessierst
  • welche Termine du wann, wo und mit wem hast
  • welche Musik du magst
  • wann du aufstehst und schlafen gehst
  • was du siehst und
  • woran du dich erinnern willst.

Das alles ohne, dass du dafür auch nur eine einzige App installieren musst. Durch Apps kannst du diese Informationen aber bis ins Pornografische ergänzen. Beispielsweise darum,

  • welchen Sport du magst, wann du ihn treibst und wie gut du darin bist
  • was du kaufst
  • was du liest
  • welche Filme du magst
  • was du gern isst und wo am liebsten
  • und je nachdem wie intensiv du soziale Netzwerke oder die Notizfunktion benutzt auch: was du denkst.

Das ist mehr als nötig. Malte Spitz, Mitglied des Bundesvorstandes der Grünen, zwang seinen Mobilfunkanbieter Deutsche Telekom unter Einsatz seiner Anwälte dazu, die über ihn in einem Zeitraum von sechs Monaten gespeicherten Daten herauszugeben. Zusammen mit Zeit Online und OpenDataCity visualisierte er die 35.830 Zeilen Text, die ihm nach monatelangem Streit auf einer CD zugegangen waren. Nachdem die Positions- und Verbindungsdaten um frei im Netz zugängliche Informationen wie Tweets, Blogposts ergänzt wurden, entstand ein atemberaubend detailliertes Protokoll von Malte Spitz’ Leben. Auch Blogger, Koch und Nerd Mr. Schtief stellt seine Bewegungsdaten seit September 2009 öffentlich bereit. Warum erklärt er hier.

Das ist keine Science-Fiction. Es ist möglich und es passiert. Wenn derzeit auch nicht mehr oder noch nicht wieder in Deutschland. Im Februar 2006 beschloss der Rat der Europäischen Union, dass alle EU-Länder, den Rahmenbeschluss zur Vorratsspeicherung von Telekommunikationsdaten in nationales Recht umsetzen müssen. Man wolle den Strafverfolgungsbehörden so zeitgemäße Ermittlungsmethoden zur Aufklärung und Vermeidung von Verbrechen an die Hand geben.

  • Bulgarien,
  • Frankreich,
  • die Niederlande,
  • Schweden,
  • Ungarn,
  • Rumänien,
  • Tschechien und
  • Großbritannien

haben die Vorratsdatenspeicherung bereits eingeführt. Österreich ist nach Androhung einer Millionenstrafe im Mai letzten Jahres ebenfalls eingeknickt. In Deutschland werden nach einigem Hin und Her derzeit offiziell keine Vorratsdaten gespeichert, weshalb die EU-Kommission im Mai 2012 Klage beim Europäischen Gerichtshof einreichte.

In einem Video, das TED letzte Woche bereitstellte, spricht Malte Spitz über die Auswirkungen, die eine regelmäßige Speicherung dieser Daten haben könnte. Er zieht beispielsweise in Zweifel, dass die friedliche Revolution, wie sie 1989 in der DDR stattfand, heute noch möglich sei. Wenn die Demonstranten in Leipzig und Berlin Smartphones bei sich getragen hätten, wären sie viel zu leicht identifizierbar und angreifbar gewesen. Heute wäre es ein Leichtes, Handydaten auszuwerten und miteinander zu verknüpfen. Wer mit wem wo Proteste organisiert und Plakate malt, wäre so kein Mysterium mehr. Kommt die Vorratsdatenspeicherung in geplanter Form, ist die lückenlose Aufzeichnung unser aller Leben lediglich eine Frage der Leistungsfähigkeit unserer Rechner. Wird das euphemistisch als “Forschungsprojekt” bezeichnete INDECT in die Praxis umgesetzt, haben wir den Überwachungsstaat.

Stasi 2.0: 1984 is now

Ja, ich komme mir ein bisschen hysterisch vor, dass zu schreiben. Aber nein, ich übertreibe nicht. Denn selbst, wenn wir es schaffen, beide Vorhaben zu kippen, haben wir immer noch Google, Apple, Microsoft, Facebook und Twitter, die sich sehr engagiert ums Profiling kümmern. Weil wir es ihnen erlauben. Aber warum?

Weil wir uns nicht vorstellen können, wie viel unsere Daten über unsere Privatestes preisgeben?
Weil wir nicht glauben, dass sich unsere Daten eines Tages gegen uns wenden können?
Weil die meisten von uns Freiheit nur wachsen, nie aber schrumpfen sahen?
Weil wir nichts zu verbergen haben?

Ich glaube: Wir verdrängen. Wir sehen, dass es alle tun und schlussfolgern, dass es okay ist. Wir hoffen, im Zweifel in der Masse unterzugehen. Und wir erleben Smartphones als gut. Sie helfen uns, unser Leben zu organisieren. Sie offerieren Möglichkeiten, von denen wir geträumt haben, seitdem wir die erste “Star Trek” –Folge unseres Lebens sahen. Sie geben uns das Gefühl der Sicherheit. Sie befriedigen unseren Spieltrieb. Sie sind schön.

Aber sehr teuer. Wir bezahlen sie mit unserer Privatsphäre. Ich bin mir nicht sicher, ob wir verstanden haben, was diese Binsenweisheit wirklich bedeutet. Was also ist zu tun?

Wir sollten Sabine Leutheusser-Schnarrenberger Blumen schicken.
Wir sollten uns jenen anschließen, die gegen die Einführung der Vorratsdatenspeicherung kämpfen.
Wir sollten die unterstützen, die die Konzerne zur Einhaltung der deutschen Datenschutzbestimmungen zwingen wollen.
Und wir sollten uns bis dahin gelegentlich daran erinnern, dass ein Leben ohne Smartphone möglich ist.

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3 Antworten auf Hassliebe: Die Wanze in meiner Tasche

  1. leelah sagt:

    Irgendwas in deinem Text löst bei mir Abwehr aus, aber es fällt mir extrem, schwer das in Worte zu fassen.
    Vielleicht ist es das “Wir”. Ich habe immer Probleme mit texten, die mich in ein diffuses “Wir” mit einbeziehen und schon damit einen Widerspruch provozieren. Ich möchte imemr gleich “Nein ich bin aber gar nicht so!” brüllen.
    Tue ich natürlich nicht.

    Aber vielleicht bin ich doch mehr Spacko als mir lieb ist. Ich denke sehr wohl darüber nach wie viel ich von mir preis geben und was das über mich sagt.
    Lustig ist ja, dass ich im Gegensatz zu dir gar kein Smartphone besitze, viel verschlüsselt kommuniziere, noch ein par andere Dinge, die ich gerade vergesse. Ich verdränge das nicht, aber seltsamerweise macht es mir dann doch weniger Angst, als dir, anscheinend. Ja, ich gebe meinen Daten _freiwillig_ und genau das ist der Punkt und genau das ist der Unterschied zu 1984 und das ist der Unterschied zwischen Vorratsdatenspeicherung und Facebooknutzung.
    Aber ich glaube sehr wohl auch, dass sich diese Daten missbrauchen lassen, und ich würde und werde immer weiter dafür kämpfen dafür ein Bewusstsein zu schaffen und zu verhindern, was irgendwo in irgendwelchen Hinterzimmern beschlossen wird.
    Bewusstsein ist besser als Angst. Angst habe ich schon genug.

  2. Ron sagt:

    Über das „Wir“ habe ich beim Schreiben auch viel nachgedacht. Ich vermeide das ansonsten sehr bewusst. Weil es bei mir eben auch oft diese Abwehrreaktion auslöst. Diesmal habe ich aber ebenso bewusst „ich“, „du“ und „wir“ verwendet. Mein Plan war, dass der Text den Leser direkt anspricht. Ich fand das nötig, weil ich an mir selbst erlebe, wie gut die Verdrängung funktioniert, gerade bei diesem Thema. Deswegen wollte ich ein bisschen pieksen.

    Den Unterschied zwischen freiwillig und gezwungen, den du aufzeigst, sehe ich auch. Aber ich bezweifle allmählich, dass das, was ich bewusst über mich preis gebe, in Summe nicht vielleicht doch mehr über mich sagt. Per heute hast Du 10.290 Tweets geschrieben. Ein Grund dafür, warum ich angefangen habe dir zu folgen war, dass ich einen Menschen hinter ihnen gespürt habe. Was würde rauskommen, wenn man anhand deiner Tweets versuchen würde, deine Persönlichkeit zu analysieren? Nur das, was du bereit bist öffentlich preiszugeben? Vielleicht ist das so. Wir werden es nicht herausfinden, weil dich Twitter ja gar nicht mehr alle Tweets lesen lässt. Wir kontrollieren das nicht mehr. Ich will aber, dass wir das können. So gesehen, bin ich vielleicht doch mehr Aluhut als mir lieb ist.

    Ich bin gespalten, auch damit hast du Recht. Genau genommen, besitze ich nicht nur ein Smartphone, sondern sogar zwei. Weil sie trotz aller Gefahren großartige Geräte sind. Weil ich sie liebe. Vielleicht ist Bewusstsein schaffen in letzter Konsequenz wirklich des Rätsels Lösung. Wenn mehr Menschen bewusst darauf achten würden, was sie wem preisgeben, hätten wir vielleicht einen sorgfältigeren Umgang mit insgesamt weniger persönlichen Daten.

  3. Pingback: Warum ich sehr wohl etwas zu verbergen habe | Kopfkompass

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