Warum ich sehr wohl etwas zu verbergen habe

„Ich habe doch nichts zu verbergen.“

Dieser Bereich wird videoüberwacht.

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Dieser Satz begleitet mich treu. Er fällt in Diskussionen über Onlinedurchsuchung und Bundestrojaner. Er fällt in Debatten über die Vorratsdatenspeicherung. Wenn es um INDECT geht. Um Fingerabdrücke im Pass und biometrische Fotos. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit in einer Wohnanlage der DDR-Volksarmee.

Er fällt immer am Ende des Gesprächs, jedenfalls am Ende des vernünftigen Teils. Ab hier wird’s grundsätzlich, anstrengend und erfahrungsgemäß sowieso nichts mehr. Ich stehe auf, rufe „Bullshit-Bingo!“ und wechsle Thema oder Gesprächspartner. Das ist arrogant und destruktiv. Ich fürchte mich vor schlechtem Karma. Zur Selbstkasteiung werde ich jetzt in ruhigem Ton zu erklären versuchen, warum ich sehr wohl etwas zu verbergen habe.

1. Informationelle Selbstbestimmung ist ein Grundbedürfnis.

„Ich habe doch nichts zu verbergen.“ bedeutet auch: Wenn Du nicht bereitwillig alles von dir preisgibst, bist du zwielichtig. Das stimmt, wenn zwielichtig heißt, dass ich in unterschiedlichen Kontexten unterschiedliche Menschen verkörpere. In Emails an meine beste Freundin schimpfe ich in schrillen Tönen über meinen Chef, gegenüber Kollegen fällt die Kritik milder und sachlicher aus. In Chats mit meiner Schwester erkläre ich bestehende Defizite mit alten Kindheitstraumata, in Bewerbungsgesprächen verschweige ich das Bestehen jeglicher Defizite. Manchmal starte ich eine private Session in meinem Browser. Meine Mutter muss davon nichts wissen. Niemand sieht das ganze Bild. Ganz natürlich nicht. Ich  möchte weiterhin entscheiden, mit wem ich was teile. Nur so kann ich meine Würde sichern.

2.  Nur keine Daten sind sichere Daten.

Und mit wem würde ich denn mein Leben teilen? Mit dem Staat? Wer oder was ist das genau? Die Summe seiner Bürger jedenfalls nicht. Manchen ist es egal, aber niemand, den ich kenne, will die Vorratsdatenspeicherung oder INDECT. Beides würde zum großen Teil von privaten Firmen erledigt. Ob meine Daten bei denen sicher sind, brauche ich nicht zu bezweifeln. Ich weiß, sie sind es nicht. Und dass man staatlichen Institutionen nicht leichtfertig vertrauen sollte, hat mir die Behörde gewordene Ermittlungspanne Verfassungsschutz im Zuge des NSU-Terrors überaus eindrucksvoll bewiesen. Das Gebot der Datensparsamkeit wirkt altmodisch und aluhutig. Es stimmt aber: Nur persönliche Daten, die nirgends  gespeichert sind, sind vor Missbrauch geschützt.

3. Meine Profile wissen mehr über mich als ich.

Niemand sieht das ganze Bild. Auch ich nicht. Ich bin mir meiner selbst nicht bis ins Letzte bewusst. Manchmal wird mir das klar. Beim Lesen alter Tagebücher. Oder beim Durchsehen alter Bilder. Nicht alles, was mir vor Jahren hätte klar sein können, war mir klar. Kein Witz: Ich habe neulich erst begriffen, dass ich aller drei Jahre zehn Kilo abnehme um sie in den darauffolgenden Jahren wieder zuzulegen. Das Profil, das man aus meinen E-Mails, meinen Kontoauszügen oder Bewegungsdaten von mir erstellen könnte, hätte dies lange gewusst. Es hätte mir vorhersagen können, dass ich dieses Jahr wieder schrumpfe. Aber auch meiner Krankenkasse, dass ich wieder zulegen werde. Google und Facebook arbeiten bereits daran, anhand der Profildaten aus der Vergangenheit vorherzusagen, was der Nutzer als nächstes tun wird. Ich möchte nicht, dass jemand mehr über mich weiß, als ich selbst.

4. Alles, was sich missbrauchen lässt wird missbraucht.

Bisher hat niemand meine Daten gegen mich verwendet. Ich habe die Freiheit in meinem Leben nur wachsen sehen. Ein Blick in andere Länder erinnert mich daran, dass das nicht selbstverständlich ist. Seit diesem Jahr dürfen Homosexuelle in Russland nicht mehr Hand in Hand spazieren gehen oder öffentlich über ihre Beziehungen sprechen. Dergleichen ist in Deutschland undenkbar, aber wir exportieren gern. Gäbe es INDECT in Russland, könnte man dieses Gesetz gnadenlos durchsetzen. Wir gebrauchen Feuer nicht nur zum Heizen, Messer nicht nur zum Zerkleinern von Lebensmitteln und die Kernspaltung nicht nur zur Energiegewinnung. Wir können nicht hocheffiziente Werkzeuge zur Überwachung der Bevölkerung entwickeln und uns dann darüber wundern, dass sie benutzt werden. Und zwar, um unsere Freiheit einzuschränken.

5. Beobachtetes Verhalten ist gehemmtes Verhalten

Das Bewusstsein, dass jeder Schritt und jeder Klick aufgezeichnet wird, erzeugt einen Konformitätsdruck. Bei mir jedenfalls. Aufzufallen wird riskant, insbesondere, wenn Systeme wie INDECT schon das längere Warten an einem Ort als auffällig einstufen. Ich würde vorsichtiger werden, wenn das System benutzt würde. Ich würde mich an mehr Verbote halten, weil ich die Gefahr größer einschätzen würde, erwischt zu werden. Ich würde nachts nicht mehr über Zäune in Industriebrachen oder Freibäder klettern, nicht mehr in leer stehende Häuser einsteigen um vom Dach aus den Blick über die Stadt zu genießen, nicht mehr wild zelten und vielleicht nie mehr bei Rot über die Kreuzung laufen. Ich verstehe Verbote. Wir brauchen sie, um unser Zusammenleben zu organisieren. Und Versicherungsrisiken. Mir ist klar, dass ich den Eigentümer des Abbruchhauses nicht für meinen verknacksten Knöchel verantwortlich machen kann und ich finde es gut, dass es sich beim Berliner Tiergarten nicht um trendigsten Campingplatz des Landes handelt. Aber ich glaube auch, dass Freiheit nötig ist, wenn wir Kreativität wollen. Und dass Experimente nötig sind, damit was wird. Und sei es nur man selbst. Verbote bremsen. Und garantiert sanktionierte Verbote machen vieles unmöglich.

Und nein: Es würde nicht sicherer.

Deshalb glaube ich aber noch lange nicht, dass sich durch vollständige Überwachung oder Überwachbarkeit Straftaten vermeiden lassen. Wer ein Verbrechen begehen will, muss sich besser vorbereiten, das ist alles. Vielleicht lassen sich Verbrechen leichter aufklären. Aber bevor ich meine Freiheit opfere, nehme ich lieber mehr Verbrechen in Kauf. Ja, auch schlimme.

Meine kriminelle Energie ist unterentwickelt und mein Privatleben könnte gern aufregender sein. Ich fahre jeden Tag brav ins Büro und fördere die Wirtschaft, in dem ich so viel Geld  ausgebe, wie ich kann. Dennoch habe ich etwas zu verbergen. Trotzdem befürchte ich etwas. Je lückenloser mein Handeln aufgezeichnet werden kann umso kleiner wird meine Freiheit. Wie ein Neoprenanzug legen sich ihre Grenzen eng ums Alltägliche. Ich kriege Platzangst.

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4 Antworten auf Warum ich sehr wohl etwas zu verbergen habe

  1. Ron sagt:

    Absolut!
    Danke, Smilla.

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