Kann es sein, dass wir gerade im ICE nebeneinander sitzen?

Wann immer ich in einem Fernzug platz nehme – und ich tue dies regelmäßiger, als mir lieb ist – zücke ich das Handy und starte Tweetdeck. Dieser sehr funktionale Twitter-Aggregator versorgt mich mit den neuesten Nachrichten meiner Freunde, den aktuellsten Updates der Menschen und Institutionen, denen ich auf Twitter folge und immer neuen Links zu Artikeln, die mich interessieren. Man muss die wenigen Minuten die der Zug noch im Bahnhof steht nutzen um so viele Informationen wie möglich abzurufen, in Wirklichkeit ist das mobile Internet so mobil nämlich nicht.

Als ich neulich also in geübter Nerd-Pose (Kopf auf die Brust, Smartphone auf den Bauch) im Zugsessel vor mich hin updatete, setzte sich eine junge Frau neben mich. Ich bemerkte sie nur deshalb, weil sie auf der Suche nach der Steckdose zwischen den Sitzen mit ihrer Hand meinen Oberschenkel berührte. Einige Minuten später – der Zug fuhr, ich wartete auf das mobile Internet – folgte mein Blickt dem Kabel des Ladegerätes, dass sie angeschlossen hatte bis zu ihrem Handy. Sie verwendete Tweetdeck. Ich musste kichern, war aber nicht laut genug, um sie aus ihrer Timeline zu reißen.

Mir war schon vor längerer Zeit klar geworden, dass unsere kleinen digitalen Begleiter den zwischenmenschlichen Kontakt mit Unbekannten auf eine unangenehm transzendente ebene hieven. Anstatt den Blick zu heben und der Person, der man gegenüber sitzt ein Lächeln zu schenken, senken wir lieber den Kopf und drücken “Gefällt mir”. Bisher habe ich mir immer recht überzeugend einreden können, dass uns Bücher und Zeitungen schon seit Ewigkeiten vom Beieinandersein in öffentlichen Verkehrsmitteln abgehalten haben und Handys & Co. dies allerhöchstens ein kleines bisschen verschärft haben. Die Situation jetzt war aber so skuril, dass ich sie nicht aushalten konnte.

Was aber tun? Den Kopf heben und lächeln? Dafür war ich nicht mutig genug. Abgesehen davon, war sie viel zu vertieft in Tweets und Retweets, als das sie mein Lächeln hätte bemerken können. Sie ansprechen? Um wenigstens eine kleine Chance auf Erfolg zu haben, hätte ich ihr hierfür zuerst die Stöpsel aus den Ohren angeln müssen. Ihre Musik war ziemlich laut. Aber gut. Ich kannte die Band.

Also suchte ich – eine klassische Übersprungshandlung – nach Updates über die Band bei Twitter. Und fand:

_susaramsch: I am listening to Epica http://bit.ly/i5IPWS @GetGlue #Epica

Hatte sie das geschrieben? Direkt neben mir? Vor einer Minute? Wie wahrscheinlich war es, dass irgendwo irgendjemand auch gerate Epica hört und darüber twittert? Ich musste es herausfinden und schrieb:

kopfkompass: @_susaramsch ein bisschen riskant aber vielleicht witzig: Kann es sein, dass wir gerade im ICE nebeneinander sitzen? 😉

Die folgende Minute verbrachte ich breit grinsend. Ich konnte den Blick nicht vom Handybildschirm abwenden. Und zwar von ihrem. Tatsächlich: Ein kleiner gelber Punkt meldete einen neuen Tweet an sie.
Sie nahm die Stöpsel aus den Ohren, hob den Kopf und lächelte mich an.

Den Rest der Fahrt verbrachten wir in einem sehr angeregten Gespräch. Wir unterhielten uns einfach. Über alles mögliche. Wahrscheinlich so ähnlich, wie sich Menschen vor der Erfindung von Smartphones, iPods, Walkmans und sogar des Buchdrucks unterhalten haben. Es war sehr angenehm.

Seither folgen wir einander auf Twitter.

Ist mir auch noch nicht passiert. Lustig war’s aber. http://bit.ly/fJ2Lys

wundert sich. Heute über: Jogger

Ich kann das mittlerweile unumwunden zugeben: Das Konzept Sport ist mir von Grund auf suspekt. Viele Jahre habe ich das verborgen, damit ja nicht der Eindruck entsteht, ich sei faul und träge. (Was ich – auch daraus muss ich keinen Hehl mehr machen – zweifellos bin.) Dann habe ich einige Dinge begriffen.

Erstens: Mein Fahrrad. Es bringt mich zuverlässig, unabhängig und sehr preiswert von A nach B plus obendrein gelegentlich ziemlich aus der Puste. Aus Verlegenheit behaupte ich manchmal, Fahrradfahren sei mein Sport. In Wirklichkeit ist es lediglich meine präferierte Art der Fortbewegung aus Gründen.

Zweitens: Meine Hündin. Wenn ich die von der Leine mache, wird selbst dem wenig ambitionierten Beobachter schnell klar, dass Milda keineswegs ziellos umherstreunt. Sie erkundet das Revier, markiert dessen Grenzen und jagt. Zurück in der Wohnung verfällt sie in eine Art Standby-Modus der sich meist in einer etwas modifizierten Form der stabilen Seitenlage abspielt, die über Stunden hinweg reglos gehalten werden kann.

Neulich habe ich (es könnte in einem Prospekt für Rückentraining gewesen sein) gelesen, dass der Mensch in Wirklichkeit ein Läufer ist. Demzufolge sei es alles andere als überraschend, dass wir wegen unseres ewigen Rumgesitzes Rückenschmerzen bekämen und fett würden.

Vor einigen Minuten nun kam mir ein halbnackter, knackebrauner, stränchenblondierter Mann auf der Straße entgegengejoggt, der sich wahrscheinlich nur deshalb erlaubt hat, so ungeniert zu keuchen, weil die Knöpfe in seinem Ohr seine Atemgeräusche mit dem taufrischsten Pop übertönt haben.

Ich könnte den jungen Mann nun dafür bewundern, dass er seiner Natur gerecht wird, in dem er seine Stadt im Laufschritt erobert. Tatsächlich: Er war weder fett, noch würde ich ihm Rückenschmerzen zutrauen. Ich kann mich aber ebenso begründet darüber wundern, dass er sich diese völlig willkürlichen Energieverschwendung ohne Not zumutet.

Ich kenne zahlreiche joggende Menschen. Ich habe jeden einzelnen gefragt, warum er das tut. Gern wird die Tortur mit dem guten Gefühl danach begründet. Selbiges hat sich im mehrfachen Selbstversuch bei mir zwar nicht eingestellt, wurde von Personen meines Vertrauens jedoch glaubhaft versichert.

Mir kommt das trotzdem komisch vor. Ich finde, wir sollten Wege erledigen. Dinge besorgen. Freunde besuchen. Wir sollten unser Revier erkunden, meinetwegen auch markieren. Ich finde, wir sollten jagen. Gute, gesunde Lebensmittel. Und zwar zu Fuß. Oder mit dem Rad. Von mir aus.

Es kann doch nicht angehen, dass die selbst ernannte Krone der Schöpfung die Energie einer Haupmahlzeit damit verbrennt, kilometerweit im Kreis zu rennen, um sich ein gutes Gefühl danach zu bescheren.