Tropfender Schlips und platzender Kragen

Obwohl ich fror, zog ich es vor meine Morgenrituale heute in Unterhosen zu verrichten. Ich habe mich erst 6 Uhr 25 angekleidet. Fünf Minuten, bevor ich das Haus verließ. Ich mag keine Anzüge. Auch diesen nicht. Dabei habe ich ihn erst letzte Woche gekauft. Als Schnäppchen. Im SSV. Nur so konnte ich es überhaupt vertreten.

Ich versuche ihn als Kostüm zu betrachten. Als Verkleidung. Verkleidungen dürfen unpraktisch sein und unbequem und furchtbar heiß und nicht waschbar. Wie bei Batman, Catwoman oder Samson aus der Sesamstraße. Das kann ich akzeptieren. Was ich nicht so gut akzeptieren kann, ist der ganzjährige Fasching, der in Bankkreisen mit diesen Anzugkostümen gefeiert wird. Gar nicht akzeptieren kann ich das Zusammentreffen von Bankanzugfasching und Hochsommer.

Ich gestehe es offen und ohne Scham ein: Ich transpiriere stark. Auch ohne Anzug. Erst gestern hat mir meine Chefin – die mich nur zum Vorstellungsgespräch im Supermankostüm der Branche gesehen hat – vorgeschlagen, doch künftig Wechselwäsche im Büro zu deponieren. Sie sei besorgt, dass ich mich in der guten halben Stunde, die die herzförmigen, pizzatellergroßen Schweißflecken auf Brust und Rücken meines T-Shirts zum Trocknen brauchen, nicht erkälte. Ich weiß nicht genau, ob sie tatsächlich um meine Gesundheit schert. Vielleicht schiebt sie ihre Sorge nur vor, damit der tiefe Ekel den sie in Wirklichkeit empfindet nicht ungefiltert aus ihr herausbricht. Und ich will, dass mir das egal ist. Ich weigere mich, jeglichen Hinweis auf die Natürlichkeit meines Körpers zu leugnen, auch wenn das gerade schwer im Trend liegt. Zur Natürlichkeit meines Körpers zähle ich neben meinen stachligen Waden auch meine unversiegelten Haare und meinen Schweiß. Immerhin: Ich stinke nicht. Ich schwitze – ja – aber ich bin sehr gut und mehrfach deodoriert. Und das reicht ja wohl als Kompromiss.

So gesehen sind meine Schweißflecke ein politisches Statement. Meine Chefin sitzt mir gegenüber und sieht mich, sobald sie Ihren Blick von Computerbildschirm abwendet. Sie hindert schon ihre Körperbehaarung durch Rasur daran, sie ans Menschsein zu erinnern. Und ihrer Körperform gebietet sie durch stundenlanges Training auf dem Stepper nach Feierabend, ihre pathologische Abhängigkeit von Süßigkeiten zu ignorieren. Dann ist es doch geradezu meine Pflicht, ihr als lebendiger Denkzettel sofort ins Auge zu springen, wenn es die Diagramme und Tabellen, die sie den ganzen Tag anstarrt mal für zwei Sekunden freigegeben haben.

Meine Schweißflecken entstehen auf dem Weg zur Arbeit. Den bestreite ich mit dem Fahrrad. Und das ist anstrengend. Seit mich ein Kollege neulich darauf hinwies, dass ich feuchter als jedes ihm bekannte Biotop sei, stören mich die Flecken auch. Nur weiß ich nicht, wie ich sie verhindern soll. Nicht mehr zur Arbeit zu radeln, kommt nicht in Frage. Die Veranlassung jeden Tag gute 10 km Rad zu fahren, ist eines der wesentlichsten Argumente dafür, diesen Job nicht auf der Stelle hinzuschmeißen. Dreißig Minuten im Hof zu warten, und das Büro erst zu betreten, nachdem meine Kleidung auf meinem Körper getrocknet ist kommt auch nicht in Frage. Der Gedanke an die nützlichen Dinge, die ich in dieser Zeit erledigen könnte würde mich wahnsinnig machen. So gesehen wäre Wechselwäsche keine schlechte Idee. Aber was mache ich mit dem nassen Hemd? Ich kann es doch nicht über den Heizkörper hängen. Oder auf einen Bügel an die Garderobe. Oder über meine Stuhllehne. Das macht alles noch schlimmer. Ich kann es aber auch nicht tropfnass wie es nun einmal ist in meinen Rucksack stopfen. Da würde ich mich dann ekeln.

Heute nun musste ich für einen Auswärtstermin, der einen eigenen Eintrag verdient hat, einen kompletten Anzug anziehen. Mit einem langärmligen Hemd, das aus so weichem Stoff gefertigt ist, dass ich unbedingt ein Unterhemd darunter tragen muss, wenn ich nicht den ganzen Tag zur Natürlichkeit meiner Brustwarzen stehen möchte. Und mit Krawatte, inklusive der goldenen Krawattennadel mit der niedlicher Froschfigur zum Schmunzeln. Und mit dem unbequemsten Paar Schuhe das ich besitze, weil es gleichzeitig das einzige schwarze und seriöse ist.

Der Mietwagen hatte eine Klimaanlage, deren Kühlleistung mir wichtiger war als der Beitrag, den sie zur globalen Erwärmung der Außenwelt leistete. Letztere traf mich beim Verlassen des Fahrzeuges allerdings wie eine Keule. Noch bevor ich den ersten Schritt in die Filiale gesetzt hatte rollte mir der erste Schweißtropfen die Wirbelsäule hinab. Bis dahin hatte ich ungefähr 50 Schritte im Freien gemacht.

Die Gebäudetechniker der Filiale hatten ökologischer gedacht als ich, und auf den Einbau einer Klimaanlage verzichtet. Ich hatte drei einstündige Gespräche zu führen. Spätestens in der Mitte des zweiten Gespräches erlag ich der Überzeugung, dass ich es nicht mit Menschen, sondern mit verblüffend natürlich anmutenden Robotern zu tun hatte, deren einziges Manko es war, nicht zu transpirieren. Während des dritten und wichtigsten Gespräches fühlte ich mich, als säße ich in einer fachmännisch geheizten Finnsauna. Beim mir gegenübersitzenden Filialleiter zeigte sich jedoch nicht einmal die Idee eines Schweißtropfens. Nicht auf der Stirn. Nicht unter der Nase. Nirgends. Das machte mich wütend, da ich inzwischen meine ganze Konzentration darauf verwandte, die Wärmeregulierung meines Körpers zu gewährleisten. In dem ich unter dem Tisch halb aus den Schuhen schlüpfte, damit die Pfützen darin verdunsten konnten, zum Beispiel. Oder indem ich meine Arme locker am Stuhl hinunter hängen ließ um unauffällig die Finger spreizen zu können, innerlich flehend, dass die dazwischen zirkulierende Luft nun mein Blut kühlen würde.

Als der Mann schließlich seinen Arm streckte um einen Ordner zu greifen, wobei sein Jackett den Blick auf seine pudertrockene Achselhöhle freigab, platzte mir der Kragen. Der Mann war wesentlich korpulenter als ich und weigerte sich dennoch trotzig, den Gesetzen der Physik zu folgen und gefälligst stärker zu schwitzen als ich. Der Mann gestikulierte fröhlich Jahrmärkte in die Luft, während ich schon vor einer Stunde jegliche Bewegung eingestellt hatte, um die drohende Gerinnung der Eiweiße in meinem Körper abzuwenden. Diese furztrockene Achselhöhle brachte mein Schweißfass zum Überlaufen. „Herr Bachmann!“, unterbrach ich ihn, „Herr Bachmann, wenn Sie möchten, dass ich Ihnen konzentriert zuhöre, und ich denke, dass möchten Sie, dann muss ich auf der Stelle vier Dinge tun.“ Er hob die Brauen. „Ich muss dieses Jackett ausziehen, und diese Krawatte, und meine Schuhe. Und dann muss ich mir die Ärmel hochkrempeln. Andernfalls vergehe ich.“ Jetzt war ihm jegliche Mimik abhanden gekommen. „Ist Ihnen nicht gut? Brauchen Sie ein Glas Wasser? Wollen Sie sich hinlegen?“, rief er als sei es ein einziges Wort. „Nein, Danke. Mir ist nur heiß.“ „Heiß“, sagte er. Und es war keine Frage und kein Unverständnis. Es war eher als würde er laut darüber nachdenken, was dieses Wort noch gleich bedeutete. Dann fiel es ihm ein. Nachdem er seine Stirn vielsagend runzelte, erklärte er: „Es ist Sommer.“ Und nach einer weiteren Pause, die ich nicht mit einer Antwort füllen konnte, weil es mir mein Temperament nicht erlaubt hätte, sie in Zimmerlautstärke zu äußern: „Dann mach ich mal die Tür zu.“ Auch das musste ich unkommentiert lassen, diesmal, weil ich seiner Logik nicht folgen konnte. Als er sich wieder setzte öffnete er beiläufig die beiden Knöpfe seines Jacketts. Dann fragte er mich, wo wir stehen geblieben seien.

Eine Pappkrone für Volker Kauder!

Auch der Vorsitzende der CDU/CSU Bundestagsfraktion hat eine nebulös-morastige Meinung zum Thema, deren Äußerung er sich nicht verkneifen kann:

“Es gibt auch andere wissenschaftliche Erkenntnisse. Volles Adoptionsrecht für Schwule und Lesben widerspricht den Interessen von Kindern.”

Nun ist es keine Neuigkeit, dass der Beleg fast jeder auch noch so hanenbüchenen Meinung zuerst davon abhängt, ob man das nötige Kleingeld dafür hat, die Studie in Auftrag zu geben, die sie belegt. So muss sich auch die von Bundesjustizministerin Zypries in Auftrag gegebene Studie diesen Vorwurf gefallen lassen. Robin Alexander von Der Welt zum Beispiel findet nämlich, dass Sie wie die meisten Studien zum Adoptionsrecht für Homosexuelle die “Kein-Unterschied-Doktrin” verfolgt, obwohl es freilich sehr gravierende Unterschiede zwischen homo- und heterosexuellen Eltern gäbe. Was, soweit ich die Debatte verfolgt habe übrigens auch niemand bestreitet.


Was hingegen durchaus streitbar bleibt, ist die Frage auf welche Studien sich Herr Kauder denn bezieht und welche “anderen wissenschaftlichen Erkenntnisse” es sind, die mir bisher vorenthalten blieben. Selbstverständlich habe ich diese Frage Herrn Kauder persönlich gestellt und ebenso selbstverständlich wird die Antwort hier erscheinen. So sie denn kommt. Und die Links zu den entsprechenden Studien. So es diese denn gibt.

Damit die Diskussion nicht einschläft, war der 50-jährige Rottweil-Tuttlinger so freundlich, uns die Kernerkenntnis seiner sicher tiefschürfenden wissenschaftlichen Recherche knackig zusammenzufassen:

“Es geht bei dem Vorschlag allein um die Selbstverwirklichung von Lesben und Schwulen und nicht um das Wohl der Kinder.”

Aha. Wieder was gelernt.

Wer es schafft, mir drei nachvollziehbare Argumente zu liefern, die mir erklären, warum der Adoptionswunsch eines heterosexuellen Paares, das auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen weniger der Selbstverwirklichung desselben dient, als der Wunsch eines homosexuellen Paares, das auf natürlichem Wege eben auch keine Kinder bekommen kann, gewinnt eine von mir eine liebevoll selbst gebastelte Pappkrone, und wird von mir für den Rest seines Lebens nur noch mit: “Sehr wohl, eure unangefochtene Majestät der Meinungswissenschaft.” angesprochen.

Na, Herr Kauder? Schreiben Sie mir schon?

Frau Haderthauer für ein modernes Deutschland!

Offener Brief an Christine Haderthauer, Bayerische Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen bezüglich Ihrer Äußerung zum Adoptionsrecht für Homosexuelle auf dem CSU Parteitag am 18. und 19. Juli 2009:

Sehr geehrte Frau Haderthauer,
mit großer Begeisterung habe ich Ihre Äußerungen am Rande des CSU-Parteitages am letzten Wochenende zum Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare vernommen. Sie sagten wörtlich:

“Bei den homosexuellen Partnern habe ich persönlich die Auffassung, dass es wichtig ist, dass Kinder Vater und Mutter als Erziehungspersönlichkeiten erleben und das ist in dem Fall eben nicht gegeben, und deswegen bin ich eher kritisch dieser Frage gegenüber und würde momentan das Adoptionsrecht nicht befürworten.”

Ich freue mich sehr, dass endlich eine Politikerin den Mut hat, für die unbedingte Notwendigkeit der Anwesenheit beider Elternteile bei der Kindererziehung einzustehen. Ich schreibe Ihnen, weil ich sie ermutigen möchte den Gedanken konsequent zu Ende zu denken.

Es kann doch nicht sein, dass rund 2,8 Millionen Kinder in Deutschland bei Alleinerziehenden Müttern oder Vätern aufwachsen müssen und ihnen so eine Erziehungspersönlichkeit vorenthalten bleibt! Deshalb bitte ich Sie, sich auch endlich dafür stark zu machen, dass all diese Kinder schnellstens zur Zwangsadoption freigegeben werden und schon bald ihr volles Potential in einer freundlichen und intakten Pflegefamilie mit neuer Mutter und neuem Vater entfalten können.

Ich wünsche Ihnen auch weiterhin viel Kraft im Kampf für ein offenes, modernes Deutschland!

Eine eventuelle Antwort von Frau Haderthauer wird hier umgehend veröffentlicht.