Pixelzombies

Ich bekenne mich. Ich spiele Egoshooter. Ballerspiele. Killergames. Mit Blut und Leichen und dergleichen. Ich erschieße Computerzombies und manchmal erschlage ich sie auch mit der Rohrzange. Ich mach das zum ersten Mal in meinem Leben. Und finde es so mittel.

Mich hat die Story interessiert: In Bioshock ballert man sich durch ein schlechtgewordenes Utopia, das hier “Rapture” also Verzückung heißt, und einst der Ort großer Visionen war. Die Menschen, die sich hierher zurückgezogen haben wollten weder Gott dienen, noch einem Staatspräsidenten. Sie wollten ihr Streben nach Reichtum keinem sozialen Umverteilungsmodell unterordnen und die Wissenschaft nicht der Moral. Das ist natürlich schiefgegangen. Was unser Held nun mit rauchenden Colts ausbaden muss.

Ich will überhaupt nicht leugnen, dass das Spiel dreimal brutaler ist, als es zum erzählen der Geschichte nötig wäre. Ebenso bestreite ich nicht, dass man sich im Spielverlauf an diese Brutalität gewöhnt und selbst dazu übergeht sofort direkt auf die Köpfe der Pixel-Zombies zu zielen. Ich widerspreche auch nicht der These, dass die Hemmschwelle für Gewalt gegen echte Menschen dadurch sinkt obwohl ich das an mir noch nicht beobachtet habe.

Computerspiele bieten eine Möglichkeit kurzzeitig aus dem Alltag auszusteigen. Aber Bioshock erinnert mich auch daran, dass irgend was mit meinem Alltag nicht stimmen kann, wenn ich ihn so dringend hinter mir lassen muss. Indem es schonungslos und überzogen die Perversion vorführt, in die Idealismus umschlagen kann, wenn er ungebremst bleibt. Indem es mutierte Roboter auf mich loslässt, die frappierende Ähnlichkeit mit den größenwahnsinnigen, und verblendeten Halbstarken haben, die ich am Samstag bei DSDS bestaunen konnte. Und mit Lautsprecherdurchsagen wie: “Andrew Ryan stellt eine einfache Frage: Sind Sie ein Mensch oder ein Sklave?”

Konzentration

Es ist schwierig mich zu konzentrieren. Manchmal so schwierig, dass ich meiner Erinnerung misstraue, die mit trotzig verschränkten Armen behauptet, dass ich das früher sehr gut konnte: Eins sein mit dem, was ich gerade tue. Ganz und gar bei einer Sache oder einem Menschen sein. Einen Gedanken bis zu Ende verfolgen. Nicht flattern.

Heute glaube ich manchmal, “sich konzentrieren” ist wie “mit sich im Reinen sein” oder “sich selbst lieben”. Es klingt erstrebenswert, essentiell wichtig, fast einfach und ist dabei hoffnungslos unerreichbar um nicht zu sagen illusorisch.
Ich weiß nicht, wann das anfing. Aber jetzt ist es so: Ich flattere. Immer. Ständig arbeite ich mindestens an zwei Dingen gleichzeitig, während ich eine dritte Sache auf meine innere Zu-erledigen-Liste schreibe und mir eine vierte einfällt, die ich heute ebenfalls unbedingt noch abhaken möchte. Unterm Strich mach ich dann alles irgendwie schnell schnell. Abends hab ich Muskelkater im Oberschenkel, weil ich den ganzen Tag unterm Schreibtisch mit dem Bein gewackelt habe.

Das ist unbefriedigend und kommt mir nicht gesund vor. Natürlich ist mein Leben stressig, aber deins auch. Natürlich habe ich viele Dinge zu erledigen, aber du auch. Mir ist klar, dass alles Jammern nichts nützt. Was hingegen nützlich sein könnte ist, die gewonnene Erkenntnis in die Tat umzusetzen und Konzentration quasi neu zu erlernen.

Das klappt nicht. Das ist zu endgültig formuliert. Es wird deshalb zurückgenommen und ersetzt durch: Das ist mir bisher nicht gelungen. Es ist leicht und bequem sich das einzureden. Aber verantwortlich für dieses permanente Überall-und-Nirgends –sein sind durchaus nicht nur äußere Störfaktoren wie mein verflixtes Telefon, dieses Dingdong, dass mich über den Eingang einer neuen E-Mail informiert oder H., der seinen Kopf zur Tür hereinsteckt um zu klären, ober mittags Bohnen oder Rotkohl als Beilage servieren soll. Es ist viel schlimmer: Dafür verantwortlich ist nämlich eine innere Rastlosigkeit, eine interne Zerstreutheit, ein persönliches von Neugierde getrieben sein.

Beim E-Mail-Lesen (auch bei den Persönlichen) läuft das Radio, neben der Recherche für den neuen Film die Tagesschau, und beim Filmschnitt der Messenger. Das Internet ist nie zu Ende, die MP3-Sammlung nie durchgehört, nie ist die neueste Kurznachricht beantwortet und niemals der letzte Freund zurückgerufen.

Was zu tun ist, ist klar und einfach: Keine dieser Ablenkungen ist gottgegeben, die allermeisten von ihnen lassen sich im wahrsten Sinne des Wortes abschalten. Schwierig und verzwickt hingegen ist es, dieses Offline-Sein auch durchzuhalten. Zu verlockend ist die noch ungehörte Platte einer deiner Lieblingsbands, zu quälend die Frage nach dem Online-Status der engsten Freunde bei Myspace, und zu groß das schlechte Gewissen, als dass man die dritte SMS eines Bekannten noch länger unbeantwortet lassen könnte.

Gelingen kann dies wohl nur, wenn man (ich) endlich begreift, dass man weder effizienter noch glücklicher ist durch diese Mehrgleisigkeit. Man ist auch nicht schneller. Nicht mal besser informiert.

Ich bin multitaskingfähig. Aber ich will es nicht länger sein.