Gehabt, nun gut. Mein Verhältnis zu den Dingen.

Ab morgen werde ich versuchen, jeden Tag einen Gegenstand wegzugeben. Ich werde diesen Gegenstand vorher fotografieren und ihm ein paar Zeilen widmen. Wer möchte, kann das auf gehabtnungut.tumblr.com mitverfolgen.

Oder ausführlicher: Das Verhältnis zwischen den Dingen und mir ist schwierig. Ich habe ziemlich jung ziemlich viel geerbt. Kein Geld zwar, aber Besitz. Nein, keine Ländereien, keine Immobilien, sondern einen Hausstand. Geschirr, Geschirrhandtücher, Handtücher, Tücher, Tischwäsche, Bettwäsche, Vasen, Sektgläser, Weingläser, Schnapsgläser, Biergläser, Saftgläser und solche, von denen ich bis heute nicht weiß, womit sie gefüllt werden wollen. Ich habe mehr Bücher geerbt, als in meine Wohnung passen und mehr Kerzen als ich in diesem Leben verbrauchen werde. Ich bin seit mehr als einem Jahrzehnt damit beschäftigt, Dinge zu verbrauchen.

Vielleicht klingt es wie ein Segen, sich solche langweiligen Dinge niemals kaufen zu müssen. Ich empfinde es als Fluch. Unter den Dingen waren viele, die für mich Zuhause bedeuteten, Kindheit und Geborgenheit. Der Hausstand, den ich erbte war der meiner Mutter. Er stammte aus der Wohnung, in der ich aufgewachsen bin. Dort gehört er hin, aber doch nicht auf meinen Rücken. Für viele Menschen bleibt die Wohnung ihrer Eltern bis weit in ihre 30er eine Art Ressort, das sie mit ihrer Vergangenheit verbindet. Der Ort, an dem es riecht wie früher und an dem all die Dinge rumstehen, die hässlich und überflüssig sind, aber schon immer da waren und Heimat machen. Der Ort, an dem man Dinge, von denen man sich trennen möchte aber doch nicht trennt, in alten Koffern auf dem Dachboden unterbringen kann, wenn nötig für immer. Für mich brach dieser Ort weg, als ich 19 war. Ich musste diese Sachen wirklich mitnehmen oder mich wirklich von ihnen trennen. Über Jahre fühlte ich mich wie eine Schnecke, die droht, von ihrem eigenen Haus zerdrückt zu werden. Ich hatte keinen Platz. Ich hing an den Dingen, aber die Dinge hingen auch an mir. (Everything you own, ends up owning you.)

Irgendwann gegen Ende irgendeines Jahres warfen Idioten einen Böller in den Keller der WG-Wohnung, in die ich gezogen war. Es brannte. Aber nur ein bisschen; leider. Der Brand war gelöscht, bevor ich von ihm erfuhr. Mir kam er deshalb nicht wie eine Bedrohung vor. Vielmehr wie eine Gnade. Dem Feuer ist egal, was es frisst, Hauptsache, es knistert. Und mir – das begriff ich damals – war egal, was ich verlor, Hauptsache, ich besaß anschließend weniger.

Natürlich habe ich auch darüber nachgedacht, Dinge an Hilfswerke zu geben. Ich habe das auch getan: Kleidung, Schuhe, Bettwäsche, Tischdecken. Für meine Mutter aber, die in ihrem Leben mehrfach Zeiten materieller Entbehrung aushalten musste, bedeutete Besitz Sicherheit. Ich bin ihr Sohn. Ich verwalte ihren Nachlass. Ich fühl(t)e mich verpflichtet zu ehren, was sie angeschafft hat.

Mir kommt es so vor, als würde mehr Besitz immer auch mehr Verantwortung bedeuten. Ich will kein Auto; ich will nicht über Winterreifen, Versicherungstarife, Durchsichten und Wiederverkaufspreise nachdenken müssen; ich fahre lieber Rad, auch wenn’s regnet. Ich liebe Mietwohnungen; ich liebe es, eine Hotline anrufen zu können, wenn mein Waschbecken verstopft ist, und dass dann jemand kommt, der das repariert und mich dann in Ruhe lässt; eine eigene Immobilie wäre ein Albtraum für mich. Ich will nicht einmal eine größere Wohnung, die zwar teurer wäre, aber auch mehr Dinge beherbergen könnte. Die Freiheit, stattdessen einen tolleren Job annehmen zu können, auch wenn er schlechter bezahlt wäre, ist mir mehr wert. Es stresst mich, wenn Dinge in der Schublade liegen, die ich nicht oder nicht mehr benutze. In meinem Freundeskreis kursieren zwei Smartphones, ein Laptop, eine Spiegelreflexkamera und ein Camcorder von mir. Verschenken finde ich super; alle freuen sich, außer die Händler, aber manchmal sogar die, leider kaufe ich auch gerne.

Einige der Armutsphasen meiner Mutter fanden in meiner Kindheit statt und weckten in mir eben gerade nicht den Impuls, Dinge zu horten. Meine Mutter hat es geschafft, dass ich es aufregend aber nicht bedrohlich fand, wenn wir Kräuter sammeln gingen um sie mit Margarine und Salz vermischt als Kräuterbutter zu bezeichnen, weil wir keinen anderen Brotaufstrich hatten. Sie hat mir so einleuchtend erklärt, das Markenklamotten für Idioten sind, weil nur Idioten große Konzerne teuer dafür bezahlen würden, Werbung für sie laufen zu dürfen, dass ich nie welche wollte und mit Labels bedruckte Kleidung heute noch skurril bis bescheuert finde.

Weil aber vieles von dem, was ich besaß und besitze so durchtränkt ist vom Geist meiner Kindheit (auch von den weniger günstigen Einflüssen) und vor allem, weil ich einfach zu viel besaß und besitze, bedeutet Besitz für mich in erster Linie Ballast und Abwesenheit von Freiheit.

Zudem neige ich dazu, eine emotionale Beziehung zu Gegenständen aufzubauen. Geschenke, auch wenn ich sie in kontextfreier Umgebung außerordentlich hässlich oder überflüssig finden würde, verknüpfe ich mit der Person, die sie mir schenkte. Dadurch werden sie schön, bleiben aber überflüssig. Die Gegenstände wegzugeben fühlt sich für mich immer ein bisschen wie die Abwertung dieser Person an, manchmal sogar wie Verrat. Sie aber zu behalten und ihnen zu erlauben, meine Wohnung zu verstopfen, kommt mir autoaggressiv vor.

Des Weiteren habe ich einen Hang zur Glorifizierung der Vergangenheit. Gegenstände, meistens Kleidungsstücke, die ich in einer bestimmten Phase meines Lebens getragen habe, kann ich schlecht weggeben, selbst, wenn sie völlig kaputt sind oder mir nur am anderen Ende meines 15-Kilo-Gewichts-Korridors passen würden. Die Phase meines Lebens muss für diese Schwierigkeit nicht besonders schön gewesen sein. Auch Oberhemden aus beschissenen Zeiten hängen noch als textile Mahnmale in meinem Schrank.

Es nervt mich, wie die Dinge mich beherrschen. Aber nur an wirklich schlechten Tagen kann ich ihnen gefährlich werden. Wenn ich mich eingeengt und ferngesteuert fühle, sei es, weil der Job gerade sehr vereinnahmend ist, die Beziehung zu heiß oder zu kalt, das Leben so anders, als ich es mir vorgestellt habe, greife ich zur Rolle mit den großen, blauen Müllsäcken; mit den ganz großen. Dann laufe ich durch meine Wohnung und mache den Sack voll; ganz voll. Dann geht es mir besser. Selbstermächtigung durch Schaffung von Freiräumen. Oder einfach ein Rappel. Was mir daran nicht gefällt: Alles landet im Müll. Und immer wieder sammelt sich danach neues Zeug an.

Ich hätte das gern etwas geordneter.

  1. Ich würde gern weniger Dinge besitzen. Der Gedanke, dass alles was ich besitze auf 45m² passt und trotzdem noch Platz zum Leben ist, kommt mir wie sonniges, frisches, freies Utopia vor.
  2. Ich würde gern ein Gespür dafür entwickeln, welche Dinge ich von vornherein nicht in mein Leben lassen möchte. Ich dulde keinen Schmutz in meinem Utopia! Nur Dinge, die ich nicht habe, muss ich auch nicht loswerden.
  3. Ich würde gern für mich akzeptable Wege erschließen, Dinge loszuwerden. Das klingt einfacher, als es ist, denn ich hasse eBay und niemand aus meinem Freundeskreis möchte beispielsweise: Sammeltassen. Oder ein Aquarium, inkl. Aquaristik-Fachbücher der 1980er Jahre. (Meldet euch! Es ist auch ein Buch über die Haltung von Seepferdchen dabei!)

Der Blog zwingt mich dazu, an diesen drei Vorhaben wirklich zu arbeiten, denn er ist öffentlich. Außerdem bin ich durch ihn genötigt über alles, was ich weggebe noch einmal nachzudenken. Ich bin gespannt, wie weit ich komme. Besitze ich 365 überflüssige Dinge, um ein ganzes Jahr durchzuhalten? Selbst wenn nicht, wird eine hübsche Ahnengalerie des Zuviel entstehen. Dieser werden auch Dinge angehören, die ich einst unbedingt wollte, von denen ich aber – als ich sie dann hatte – einsehen musste, dass sie mich täuschten. Oder ich mich. Oder die Werbung. Oder der Glaube, eine bessere Zukunft durch Konsum zur Gegenwart machen zu können. Auch über die Dinge, die ich nicht weggebe, werde ich nachdenken. Ich will herausfinden, was ich wirklich brauche und benutze. Den Rest will ich nicht mehr.

Das Schrumpfen meines Besitzes dokumentiere ich auf geborgten Servern, das habe ich mir gut überlegt: Tumblr wird zum Dachboden meiner Eltern. Ich besitze die Dinge im Tumblelog nicht mehr, aber weil ich ihnen ein Foto und einen Text gewidmet habe, sind sie auch nicht wirklich weg. Eines Tages wirft hoffentlich jemand einen Böller rein.

15 Gedanken zu „Gehabt, nun gut. Mein Verhältnis zu den Dingen.“

  1. Meine Schwester und ich haben 99,5% des Erbes meiner Mutter weggegeben/-worfen. Wir mussten uns viel dazu anhören, dass es grausam gewesen sei und dass wir alles noch brauchen könnten bla… Letztendlich war es aber eine sehr gute Entscheidung, wo hätten wir mit dem ganzen Kram hinsollen? Wozu brauche ich noch 20 Teller?
    Im Moment sortiere ich bei mir zu Hause auch gerade aus, ich habe fast ein ganzes Regel Bücher aussortiert, ganz viele Gläßer und Geschwirr weggetan und und und…. Es wird besser, aber es ist noch nicht gut.
    Ich hab bei Alex von 1337core letztens dazu auch einen schönen Artikel gelesen.
    http://www.1337core.de/ueber-minimalismus-ruhe-und-staerke/

    In den Tumblr werde ich mit freuden auch mal reingucken. Viel Erfolg bei deinem Vorhaben.

  2. Wunderbarer Text und gerade zur richtigen Zeit!! Einer meiner 2014-Pläne ist, in meiner 45-m²-Wohnung die Schränke, Kommoden und Möbel mit einer sichtverdeckenden Tür, von dem Chaos zu befreien, das sie befallen hat, seit ich vor fast zwei Jahren eingezogen bin. Ich habe die Angewohnheit, all die Dinge, die Du so beschrieben hast (Geschenke, Erbstücke, zugelaufene Gegenstände, Fehlkäufe,…), in diese Möbelstücke mit Holztüren zu stopfen, weil es dann im Rest der Wohnung ordentlich und leer aussieht, und mich dann nicht mehr damit zu beschäftigen (das, was auf dem Dachboden läge, wenn ich einen hätte). Jetzt sind die Schränke und Schubladen aber voll und irgendwas muss geschehen: Entweder ich muss neue Möbel kaufen und sie an die Decke hängen, oder ich trenne mich. Ich werde sehr gespannt Deinen Trennungsprozess verfolgen und ihn vielleicht für mein persönliches Sammelsurium übernehmen. Oder ich kriege noch den Januar-Rappel…

  3. Super Sache. Schade dass du es bei tumblr machst… ich möchte mich nicht registrieren und RSS klappt dort ja nicht. Naja, ich kann ja „manuell“ ab und zu reinschauen 🙂

  4. die schale ist für tee gedacht, vielleicht auch für kleinigkeiten.
    das material ist und bleibt serpentin, das kannst du der neuen besitzerin mitteilen.
    ich bin gespannt, was wann von wem auf dem blog noch zu finden sein wird.
    gruß
    /meg

  5. Schön geschrieben! Ich bin auch gerade am ausmisten, u.a. Fand ich 400 Teelichte, damit könnte man schon fast ein Konzert ausleuchten, und andere kuriose Dinge die man eigentlich nicht braucht, aber oft geschenkt bekommt gegen seinen Wunsch. Mach weiter, es lebt sich ohne den Kram viel besser.

  6. Ich hatte mal das Glück, ein ganzes Haus voll mit Plunder zu erben, da fiel die Wahl allerdings nicht so schwer. Denn ich konnte nur eine Handvoll davon wirklich behalten, und so habe ich nch emotionalem Wert ausgewählt, den Teil, der etwas Wert ist, verkauft, und den, der zwar noch taugt, aber kein Geld bringt, verschenkt. Das Haus zu vermieten war dann etwas mehr Aufwand, aber zum Glück gibt es auch da Hilfestellungen für Laien. Anyway. Gibt es bei euch vielleicht Trödelhändler? Das kann nämlich durchaus eine Lösung sein, oder aber „Umsonst-Läden“ für arme Menschen. Denn durch wegwerfen spielt man in der Tat der Konsumgesellschaft in die Arme, das tut mir immer weh.

  7. vielleicht etwas spät, aber: bei uns im viertel werden dinge, die noch gut sind, man aber nicht mehr benötigt in Kartons mit der Aufschrift ‚zu verschenken‘ einfach auf die Straße gestellt. is‘ ne gute Sache, denn die Leute, die sie gebrauchen können, können sie sich einfach mitnehmen…
    ansonsten: gefällt mir, die ganze Sache mit dem ‚entrümpeln‘. ich habe von meinem Vater 40 kosten voller Bücher geerbt…da fällt mir allerdings das weggeben sehr schwer…

  8. Habe letzte Woche beim Stöbern diesen Artikel gefunden und mir natürlich gleich „gehabt, nun gut“ angesehen. Um ehrlich zu sein: ich habe nach dem „Pokal für Schlagfertigkeit“ gesucht ;).
    Als ich heute wieder nachschaute, dachte ich mir beim Scrollen des heutigen Bildes: „kommt Dir irgendwie bekannt vor“. Als ich die Bildunterschrift las, musste ich Schmunzeln.
    Geniales Vorhaben übrigens !!
    Viel Glück weiterhin.

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