Neues Airbrush-Verfahren enthüllt: Fremdenfeindlichkeit in Deutschland!

Günter Wallraffs neuester Coup: Ein Jahr lang erlebt er braun angesprüht und mit Afro-Perücke den Alltag eines Somaliers in Deutschland. Wie alltäglich ist es aber für Schwarze, dass ihr Jahr nur 6 Wochen Tage dauert und sie währenddessen permanent von einem Filmteam und einem Fotografen begleitet werden?

Den ansonsten sehr respektabel arbeitenden Damen und Herren vom ZEIT-Magazin ist dieser “Alltag” offenbar noch investigativ genug, um ihm ein Doppelcover und sechs Heftseiten zu widmen. Wer anschließend immer noch Schmink-Tipps braucht oder generell sehr für Karneval ist, kann sich alles nochmal en detail im Kino bei “Schwarz auf Weiß – eine Reise durch Deutschland” erklären lassen. Oder er kauft sich mit “Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere” das Buch zur Story. Vielleicht reicht aber auch schon das Video hier um zu begreifen, wie borniert Wallraff selbst ist: Der Trailer zu seinem Film zeigt nicht etwa die Ausgrenzung die er in seiner Verkleidung erfahren hat sondern wie Wallraff in der Maske zurechtgemacht wird. Mit einem echten Schwarzen auf dem Sofa, der sich am Ende dem direkten Vergleich unterziehen muss. Wow! Ein echter Schwarzer! In Deutschland!

Zweifellos leben wir in einem Land, in dem die Ausgrenzung anders Aussehender zur Tagesordnung gehört. Viele Deutsche kriegen davon leider nichts mit, weil es in ihrem sozialen Umfeld  keinen anders Aussehenden gibt. (Herrje: Ist das etwa ein Indiz?) Schon um wieder einmal daran erinnert zu werden wie dreist, wie ignorant und wie himmelschreiend dumm viele unserer deutschen Mitbürger sind, lohnt sich die Lektüre von Wallraffs Artikel. Dennoch bleiben alle Erlebnisse Wallraffs zotige Anekdoten, und ähnlich wie bei den bis zum Erbrechen rezitierten Entgleisungen von Thilo Sarrazin, die der Intellektuellen-Postille Lettre International die Auflage Ihres Lebens beschert haben dürften, steht die Eitelkeit, Sensationsgier und das Aufmerksamkeitsbedürfnis der Autoren einer ernsthaften gesellschaftlichen Debatte im Weg. War es in Sarrazins Fall vor allem die messerscharf-zynische Kopftuchmädchen-Metaphorik die den Blick auf  die durchaus angebrachte Kritik an der verfehlten Integrationsleistung aller Beteiligten vernebelte, so ist es bei Wallraff die vor die Kamera gezerrte Kuriosität des Airbrush-Verfahrens und die ewige Betroffenheits-Romantik, die der ernsthaften Auseinandersetzung mit subtilem wie offensiven Rassismus schon im Ersten Absatz den Garaus macht.

Wallraff schreib selbst:

Der alltägliche Rassismus dagegen schafft es nur selten in die Zeitungen, was nicht bedeutet, dass er seltener ist. Er schafft es nicht über die Wahrnehmungsschwelle, er gehört zum deutschen Alltag […]

Danach aber vergisst er sich darüber zu wundern, auf welch schülerzeitungshafte Art und Weise er diese Wahrnehmungsschwelle durchbricht. Was er erlebt ist für mehr als 300.000 Menschen in diesem Land tägliche Realität. An 52 Wochen im Jahr. Auch ohne Perücke.  Wofür braucht es also diese alberne Undercover-Inszenierung? 300.000 Leute in diesem Land sind auch ohne Airbrush schwarz. Mit ein paar von Ihnen (gern vermittle ich hier Kontakte) hätte er sich lediglich unterhalten brauchen um ihnen ein öffentliches Forum zu verschaffen. Oder geht es Wallraff etwa vielmehr um sein Forum?

Jede meiner Rollen ist auf eine bestimmte Art anmaßend – aber ohne diesen Schritt auf fremdes Terrain würde ich viel weniger über die Lebenswirklichkeit der Menschen erfahren, in deren Haut ich schlüpfe.

Genau so ist es. Dieses Gebaren ist nicht nur anmaßend es ist vor allem eitel. Und hat mit Lebenswirklichkeit – weder mit schwarzer noch mit weißer – rein gar nichts zu tun. Sonst würde ja auch keiner drüber schreiben, oder?

Dabei scheint Wallraff durchaus recherchiert und auch nachgedacht zu haben:

Nach einer Untersuchung des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer pflegt rund ein Drittel der Deutschen rassistische Vorurteile. Wie viele Menschen in Deutschland hingegen aggressiv rassistisch sind, ist umstritten. Fest steht, dass nicht unerhebliche Teile der Gesellschaft den Rassismus als ideologisches Klebemittel brauchen, um sich ihrer nationalen Identität zu versichern. [..] Fremdenfurcht, genau wie Antisemitismus, hat ja auch nichts mit realen Erfahrungen zu tun, tritt sogar umso häufiger auf, je seltener Menschen Fremden begegnen.

Tiefer dringt er nicht in die Materie ein. Dabei geht der ernsthafte Diskurs frühestens hier los: Die Angst vor dem Fremden ist eine tiefe, fast archaische Urangst des Menschen. Leichter als sie zu überwinden ist es, den Fremden zum Freund zu machen. Vor dem, der nicht fremd ist fürchtet man sich auch nicht. Fremdheit überwindet man mit Begegnung. Womit der Kreis zur verfehlten Integrationspolitik mit schönem Gruß an Thilo Sarrazin geschlossen wäre.

Caster – Die Ausgestellte

Das ist doch spitzenmäßig, dass die subversiven, investigativen Top-Journalisten des australischen Daily Telegraph derartig gut vernetzt sind, dass sie der ins Zentrum der aktuellen Genderdebatte gezerrten  (kopfkompass berichtete) südafrikanischen Sportlerin Caster Semenya die Resultate ihres von der IAAF angeordneten Geschlechtstestes hübsch aufbereitet in der Morgenausgabe des Blattes präsentieren kann. Et voila!

Vielleicht ist es ein klitzekleines bisschen problematisch, dass Semenya den australischen Telegraph höchstwahrscheinlich nicht abonniert hat, da er leider, leider auf einem anderen Kontinent erscheint. Und vielleicht ist es auch ein klein wenig schade, dass die Ergebnisse weder offiziell noch bestätigt sind, da eben noch nicht alle Testergebnisse vorliegen. Und etwas unglücklich ist wohl auch, dass Semenya von diesen Ergebnissen im Vorfeld der nun doch sehr öffentlichen Veröffentlichungen nichts wusste. Bei allem Gutmenschsein, wünscht man dem anonymen, nicht genannten weil nicht genannt werden wollenden Informanten dann doch, dass auch er eines Tages aus der internationalen Farbbild-Presse erfährt, dass sich unter seinem Bierbauch nicht nur ein hoffnungslos überdehnter Magen sondern auch zwei prächtige Eierstöcke befinden.

Die sehr gut funktionierenden Netzwerke haben jedenfalls ans gleißende Tageslicht gebracht, das Semenya tatsächlich weder Mann noch Frau ist. Wer Lust auf biologische, hormonelle und organische Details hat, kann diese hier befriedigen, und sich dann kopfüber in das morastige Und-wie-jetzt-weiter? stürzen, das sich nach der Lektüre auftut.

Es wird beispielsweise allen ernstes darüber nachgedacht Semenya ihre Goldmedaille abzuerkennen, weil sie über dreimal soviel Testosteron wie normale Frauen verfügt. Allein schon bei diesem einzelnen Gedanken wird mir ganz schummrig zumute, ob all der umherschwirrenden Fragezeichen. Lassen wir den spannenden Exkurs darüber, was normale Frauen sind der Einfachheit halber mal beiseite. Wer kann aber ernsthaft davon ausgehen, dass es sich bei irgendeiner der beim 800m-Lauf der Berliner Leichtathletik-WM gestarteten Läuferinnen um eine “normale Frau” handelte? Ich verwette mutig mein Y-Chromosom (hoppla, hab ich überhaupt eines?) darauf, dass ausnahmslos jede von denen einen erhöhten Testosteron-Spiegel hatte, weil das im Leistungssport unserer Tage wohl einfach zum guten Ton, zumindest aber zu den Voraussetzungen für eine minimale Siegchance gehört. Und dann wüsste ich noch gern, seit wann genau eben dieser Testosteron-Spiegel bei Leistungssportlerinnen gemessen wird. Ach, das wird gar nicht generell gemacht sondern nur in Ausnahmefällen? Konkret wurde das eigentlich nur bei Semenya gemacht? Oha. Soso. Ob das wohl zu den obskuren Rassismus- und Sexismus-Vorwürfen geführt hat? Hm.

Vom wahrscheinlich sehr schmerzhaften öffentlichen Planieren der intimsten Privatsphäre mal abgesehen, scheinen mir solche generellen Tests allerdings als durchaus sinnvoll. Jedenfalls solange, bis im Leistungssport begriffen wurde, dass es natürlich die verlässlichen und heimeligen Pole männlich und weiblich gibt, in deren vertrauten Schein wir uns gern wärmen, dass sich dazwischen aber ein weites und spannendes Feld auftut, in dem echte Menschen mit echten Gefühlen, Familien Biographien und so weiter leben. Und mit dem echten und eigentlich selbstverständlichen Recht auf persönliche Würde.

Semenya selbst sagt laut Spiegel:

„Ich halte das für einen Witz, das regt mich nicht auf. Gott hat mich so erschaffen, wie ich bin, und ich akzeptiere mich.“

und ich hoffe sehr, dass es sich für sie auch wirklich so anfühlt. Glauben kann ich es nicht. Erst recht nicht, wenn ich mir die ziemlich angestrengten Modefotos des südafrikanischen You Magazine ansehe.

Caster – Der Ausgezeichnete?

 

Der Vorname Caster ist eine Spielart des aus dem griechischen Stammenden Kastor, was soviel bedeutet wie: Der Ausgezeichnete. Der mythologische Kastor war Sohn des Zeus, und Zwillingsbruder des Pollux. Und er war nicht: Weiblich.

Wer das nun aber als klares Indiz dafür wertet, dass die im Moment wegen ihres Geschlechts und nicht etwa wegen ihrer außerordentlichen sportlichen Leistungen ins Rampenlicht gezerrte Südafrikanerin Caster Semenya cleverer Kopf einer fiesen Gender-Sportbetrüger-Bande ist, der ja zumindest noch ihre Mutter und ihr Trainer angehören müssten, sollte sich vorsehen. Niemand würde Herrn Herbst oder Herrn Brandauer unterstellen, sie hätten permanent die Brüste hochgebunden, nur weil einer Ihrer Vornamen Maria ist.

Aber von vorn: Die gerade einmal 18 Jahre alte Sportlerin aus dem Südafrikanischen Dorf Fairlie lief das 800 Meter Finale der Frauen bei der diesjährigen Leichtathletik WM in nur 1:55,45 Minuten und stellte damit eine neue Weltjahresbestzeit auf. Dies verblüffte einerseits, weil der Name Semyana vor drei Wochen in der Leichtathletik-Szene noch ein völlig unbekannter war, und anderseits weil ihr Sieg alles andere als knapp war:

 

 

Naürlich sorgte das für Skepsis. Wer ist dieses Ausnahmetalent? Woher kommt sie plötzlich? Und: Kann da alles mit rechten Dingen zugehen? Auf Veranlassung des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF wird nun das Geschlecht der Sportlerin geprüft. Und auch wenn sich einige Journaillen die bräsige Geschmacklosigkeit nicht verkneifen können: So ein Test ist eben nicht damit erledigt, dass die betreffende Person mal eben die Hosen runter lässt.

In fast jedem Artikel über die Angelegenheit ist zu lesen, dass sie offenbar häufiger für einen Mann gehalten wird. Gern wird dann das Beispiel von der südafrikanischen Autobahnraststätte angeführt, auf der man Semenya den Zugang zur Damentoilette verwehren wollte. Sie habe hier mit der Bemerkung gekontert, dass sie gern ihre Hosen runter lassen könnte um zu beweisen, dass sei eine Frau sei.

Fakt ist aber ganz offensichtlich: Caster Semenya definiert sich als Frau und hat keinerlei Zweifel an ihrer Weiblichkeit. Sie wurde als Mädchen erzogen und von ihrem persönlichen Umfeld als Frau behandelt. Was höchstwahrscheinlich im Vorhandensein weiblicher Genitalien begründet liegt. Und Sogar IAAF Verbandsprecher Nick Davie sieht ein:  "Wenn die Athletin ihr Leben lang davon ausgegangen ist, dass sie eine Frau ist, kann man nicht behaupten, dass sie betrügen wollte."

Aus meiner Sicht haben wir es hier mit allen Möglichen Problemen zu tun, nur nicht mit dem einer Betrügerin aufgesessen zu sein.

1. Sport als Massenevent funktioniert über Rekorde. Und selbstverständlich über Geld. Die Leichtathletik-WM würde dem ZDF nicht sogar noch gegen Ende Marktanteile um die 25% bescheren, wenn nicht Abend für Abend mit neuen Rekorden zu rechnen wäre.

Dass diese Rekorde aber 2. auch mit dem härtesten Training und dem stärksten Talent längst nicht mehr aufzustellen sind dämmert uns zwar allmählich wird aber nach wie vor mit großem Aufwand verdrängt. Ich will die Sportler nicht unter Doping-Generalverdacht stellen, bin aber überzeugt davon, dass die Wahl des richtigen Aufbaupräperats und des erfahrensten Arztes mittlerweile mindestens genauso ausschlaggebend ist wie Disziplin, Ausdauer und Training. Die Frage ist heute vielfach nicht mehr, ob man etwas einnimmt sondern lediglich was. Die Liste der verbotenen Dopingsubstanzen wird ständig erweitert und wann immer ein bis dato legale Substanz auf den Index gerät weichen die Sportler auf andere Substanzen aus.

Wenn dem so ist, dürfen wir alle uns aber 3. dann nicht wundern, wenn wir es plötzlich mit Athletinnen zu tun haben, deren Bizeps selbst Bulli aus dem Fitnessstudio um die Ecke wie einen Schuljungen aussehen lässt.

4. Ist es keine Neuigkeit, dass Aufbaupräperate und Wachstumshormone, die Leistungssportler wohlgemerkt vor allem beim heimischen Training und nicht unmittelbar vor Wettkämpfen zu sich nehmen teils schwerwiegende Auswirkungen auf den Hormonhaushalt der Athleten haben. Mit allen phänotypischen Konsequenzen. Prominentestes Beispiel ist wohl die ehemalige DDR-Kugelstoßerin Heidi Krieger, die 1986 erstmals mit männlichen Geschlechtshormonen gedopt wurde und sich als letzte Konsequenz 1997 einer Geschlechtsumwandlung unterzog um fortan als Andreas Krieger zu leben.  Selbstverständlich ist diese Entscheidung nicht direkt auf die verabreichten Hormone zurückzuführen. Krieger sagt aber selbst, dass die Vermännlichung ihres Äußeren sehr stark dazu beigetragen habe.

5. Leben wir nach wie vor in einer Gesellschaft, in der es zwischen männlich (Bulli aus dem Fitnessstudio) und weiblich (Gabi aus dem Nagelstudio) nichts geben darf. 

Ist damit eigentlich irgend wer zufrieden?

MEIN Leben?

Ich weiß nicht, ob dieses hier mein Leben ist.
Vielleicht bin ich wer anders.
Bestimmt zu etwas anderem als diesem hier.
Fehlgeleitet. Abgedriftet. Widrig.
Ich bin in all das hier nur so reingeschlittert.
Habe mich verlaufen, quasi.
Bin verirrt.
Falsch abgebogen.
Falsch.

Habe getrieft.
Den entscheidenden Moment verschlafen.
Zu lange gewartet.
Zu lange gehofft.
Zu lange untätig.

Kein heller Stern mehr,
keine Gunst der Stunde,
nicht zur rechten Zeit am rechten Ort
sondern zur falschen Zeit nirgendwo.
Kein glücklicher Zufall,
keine guten Beziehungen,
nicht von irgend wem in jungen Jahren entdeckt zu irgend etwas.

Hab mir die Zeit mit Büchern vertrieben.
Mit hoffen und träumen und denken und reden.

Und in der Tat:
Mit den Jahren sickert
Tropfen für Tropfen
wie Regenwasser durch Samttapeten
die Erkenntnis in mein Jetzt,
dass ich ebenso

normal

bin, wie die, denen ich es zeigen wollte.

Nicht ohne Talent zwar, aber kein Genie.
Nicht ohne Liebe, aber kein Heiliger.
Nicht ohne Mut und doch kein Krieger.

Fein gemacht.
Was erkannt.
Was gelernt.
Was begriffen.

Und nun?
Bürojob, 8 Stunden, 1.200 Euro?
Sozialarbeiter, 12 Stunden, 800 Euro?
Künstler, 24 Stunden, 0 Euro?
Religiös werden?
Depressiv werden?
Oder Verrückt?

Nein, nein.
Wie gesagt: Ich habe mir die Zeit mit Büchern vertrieben.
Und jedes, jedes einzelne antwortet:

Akzeptieren.
Annehmen.
Sich fügen.
Erkennen, dass genau dieses hier:
jetzt:
dieser Augenblick unter dem Licht meines hellen Sternes stattfindet.

Begreifen, das genau in diesem Moment:
jetzt:
in diesem Atemzug
die Gunst der Stunde liegt,
und dass es jetzt exakt die richtige Zeit
und hier genau der richtige Ort für mich ist.

Gott macht keine Fehler.
Ach,
doch religiös geworden unterwegs?
Na bitte.