Tot sein auf Facebook

Trauer ist eine sehr persönliche Angelegenheit.

Ich habe diese Binsenweisheit nun einige Minuten angestarrt. Vorher noch etwas länger ein Foto in meinen Facebook-Neuigkeiten. Nebenbei habe ich darüber nachgedacht, ob Pietät mit Würde zu tun hat, mit Höflichkeit oder mit gesellschaftlichen Gepflogenheiten. Ich bin unsicher.

Für den Fall, dass ich dereinst sterbe, verfüge ich (u.a.) Folgendes: Tot sein auf Facebook weiterlesen

23. November 1986

Ich war sechs und es war Totensonntag. Das bedeutete: Trotz nasskalten Wetters wurde ich zeitig geweckt um an der Hand meiner Mutter in wechselnden Straßenbahnen kreuz und quer durch die Stadt zu fahren und mich zwei Stunden später am Ende der Welt auf einem riesigen Friedhof wiederzufinden, auf dem sehr viele schwarzgekleidete Menschen über Gräber gebeugt Gartenarbeit verrichteten. Mir hat das Angst gemacht. Alle sahen so emsig aus. Mir kam das vor, als müsse man die Toten an diesem Tag beschwichtigen, damit sie nicht aus ihren Gräbern steigen um ihre Hinterbliebenen heimzusuchen. Das hatte ich heimlich in einem Film gesehen.

Wie mir meine Mutter erklärte, war auch ich bereits Hinterbliebener. Und zwar der meines Opas, dessen Existenz dieses kleine Foto bewies, das auf einer Silvesterparty aufgenommen worden sei. Meine Mutter erklärte mir, dieses Foto sei vier Silvester her. Es zeigte mich lachend auf seinem Schoß sitzend mit einem viel zu großen spitzen Hut auf dem Kopf und einer Flasche Bier in der Hand. Er sei der einzige gewesen, der sich neben mir dafür eingesetzt hätte, dass ich auch so eine Bierflasche halten dürfe. Wenn auch eine leere. Mutter versicherte, dass ich meinen Opa sehr gemocht habe.

Das machte mir Angst: Ich konnte mich nicht erinnern. Weder an die Abfolge der Straßenbahnen, noch an die Haltestellen an denen wir umsteigen mussten, noch an den Weg von der Friedhofspforte zum Grab meines Opas, noch an meinen Opa selbst. Für letzteres schämte ich mich sehr. Mein Opa habe mich nämlich auch sehr gemocht. Er sei regelrecht stolz auf mich gewesen. Deshalb versuchte ich, meine Erinnerungslücke so gut wie möglich vor meiner Mutter zu verbergen. Was freilich misslang.

Ich fragte meine Mutter, wie es sein könne, dass ich auf diesem Foto sei, aber dieses Foto nicht in meiner Erinnerung, woraufhin mit meine Mutter erklärte, dass sehr junge und sehr alte Menschen Dinge vergessen würden. Ich fragte sie, ob sie sich ganz sicher sein könne, dass mit meinem Kopf alles in Ordnung sei. Sie erwiderte, dass jeder Mensch Dinge vergesse, und dass das völlig normal sei.

Ich war froh, dass meine Mutter mir nicht übel nahm, dass ich fror und mich ein bisschen langweilte während sie mit gefalteten Händen in Gedenken an ihren Vater weinend vor dem Grab meines Opas stand für einige Minuten schweigend. Wir gingen.

Auch auf dem Rückweg zur Straßenbahn weinte sie noch. Jetzt aber weil sie es so traurig fände, dass sie sich nur noch an so wenige Erlebnisse aus ihrer Kindheit erinnern könne. Aber so sei das eben.

Mir machte das Angst. Was wird denn aus den Vergessenen Dingen? Tagen? Menschen? Wohin verschwinden die? Sind die nicht wichtig? Müssen die nicht irgendwo bleiben? In Grabsteinen? In Fotos?

Also: Wenn ich heute vergesse, hat es heute dann gegeben?

Den 23. November 1986 hat es gegeben. Ich kann mich erinnern.