Herbst

toter schmetterling-pola

Heute Nachmittag am Wannsee fiel ein Schmetterling tot vom Himmel und landete mit einem leisen Klick  auf meiner Schulter, von der aus er so langsam meine Brust hinunter trudelte, dass ich seinen Fall sachte mit meiner Hand aufhalten – nein: unterbrechen – konnte.

Offenbar war er schon länger tot, denn unter seinen Flügeln hatte bereits eine Ameisengesandtschaft mit der sorgfältigen Demontage begonnen. Es war es der Wind, der den schillernden Leichnam noch einmal hatte schweben lassen. Und ich war es, der ihn nun in eine kleine Kuhle im Waldboden legte damit die Ameisen aus ihm einen neuen Frühling bauen können.

be water 2

Naja, so richtig erklären kann ich das immer noch nicht. Das heißt, ich trau mich nicht. Und natürlich habe ich meinen Rechner nur angeschaltet, um es doch zu tun. Um mich doch zu trauen. Also gut.

Buddhismus sagt, wir sind alle Teil einer großen Weltseele, und Nirvana bedeutet zu dieser Weltseele zurückzukehren. Wieder mit ihr zu verschmelzen. Wie ein Wassertropfen, der von der Flut an den Strand geschwemmt wurde, und bei der nächsten Woge vom Ozean heim geholt wird. Und während unseres Strandaufenthaltes, den 70 oder 80 Jahren Orientierungslosigkeit also, bleiben wir doch immer verbunden mit unserem Ozean. Wir bestehen letztlich aus Ozean. Wir beinhalten alle seine Bestandteile. Wir haben Erinnerung an ihn. Wir sind ein Ozean im kleinen. Wenn es uns nun gelänge, diese Erinnerung zu beleben, uns darauf zu besinnen, dass wir als Wassertropfen eben nicht dazu verdammt sind im Sande zu versickern oder in der Sonne zu verdunsten, wenn es uns nun gelänge, ebenso zu fließen, wie der Ozean fließt, und nicht im Sande versickert und nicht in der Sonne verdunstet, wenn wir diese Erinnerung erwecken könnten, wären wir geheilt.

Wir müssen fließen lernen. Wir müssen begreifen, dass wir Hindernisse und Probleme, dass wir Sandkörner umfließen oder in uns aufnehmen können. Wir müssen begreifen, dass wir an der Feuchtigkeit anderer Tropfen wachsen können, und das wir von unserer Feuchtigkeit abgeben müssen, wenn wir fließen wollen. Es macht keinen Sinn, sich auf seine Hülle zu konzentrieren, und darauf zu achten alle seine Moleküle beieinander zu halten. Das macht uns klein und schwach und träge. Es gibt keine Stabilität. Es kann keine Planung gebebn, weil der Sand nicht stabil ist, auf dem wir liegen. Weil der Wind sein Spiel mit ihm treibt. Und es gibt keine Vergangenheit, weil wir keine Spuren hinterlassen im Sand, weil der Wind sein Spiel mit ihm treibt. Wir aber müssen fließen. Wie alles fließt. Und unsere Richtung ist immer klar: zurück zum Meer.

be water my friend

Da ist so mein merkwürdiges Gefühl gewesen, das mich in den letzten Tagen begleitet hat. So ein Gefühl, eine Ahnung. Wie ein Gewitter, kurz vor seinem Entstehen. Wie eine Idee, Sekunden vor ihrer Geburt.

Nun, ich weiß jetzt, dass es wohl keine große Erkenntnis war, keine, die obigen Trommelwirbel rechtfertigen würde. Aber immerhin eine, die es mir wert ist sie niederzuschreiben, wenn auch nur, um sie später nachschlagen zu können:
Vor Jahren ist mir mal ein Ausspruch von Bruce Lee begegnet. Damals klang er schön. Ich habe ihn aufgeschrieben. Heute habe ich ihn wiedergefunden. Heute habe ich ihn verstanden:

„I said: empty your mind, be formless, be shapeless, like water. And you put water into a cup it becomes the cup. You put water into a bottle it becomes the bottle, you put it into a teapot it becomes the teapot. Now water can flow or it can crash. Be water my friend!“

Ich weiß nicht, wie plausibel das ist. Ich weiß nicht, wie deutlich für andere. Für mich hat das viel mit Tao zu tun. Mit Fließen-lassen. Mit Sich-hingeben. Damit, frei von Erwartungen und Ängsten aufs Leben zu zugehen. Aber wie das bei allen Dingen ist: Eine Erkenntnis wird nicht durch ihr bloßes Erfahren wertvoll, sondern erst durch ihr Erleben. Es genügt nicht, das höchste Wissen zu wissen, man muss es auch (und vor allem) fühlen.

Und was ich gerade fühle ist diese merkwüdige Flüchtigkeit. Ich weiß nicht, ob die mich auszeichnet oder ein kollektives Phänomen ist. Dieses Theoretisch-alles-sein-können. Dieses Eigentlich-nichts-sein. Zu wissen, dass es ich eigentlich nicht gibt. Weil es jeden Tag anders ist. Weil jeden Tag Vergangenheit verloren geht und die Zukunft dazu kommt. Weil ich so stark von meiner Umgebung abhänge. Weil ich anderswo jemand anders wäre. Vielleicht kann ich das morgen erklären.