Bildkritik: Über die Vorstellungen von Erfolg

Weil sie mit einem ausgeklügelten Schneeballsystem Tausende Anleger um ihr Geld gebracht haben sollen, sitzen die Gründer der Frankfurter S&K Gruppe, Stephan Schäfer und Jonas Köller seit letztem Dienstag in Untersuchungshaft. Der Fall an sich interessiert mich nicht besonders, aber ein offenbar privates Foto, das dazu auf welt.de veröffentlicht wurde, geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

Stephan Schäfer zeigt auf mich im elegant geschnittenen schwarzen Anzug vor einer blassgelben Neubauvilla posierend, flankiert von jungen Frauen in dunkler Unterwäsche, von denen sich fünf in zwei blitzblanken Sportwagen räkeln, zwei weitere Laufsteg-Posen vorführen und sich eine achte mit einer Flasche Champagner den Oberschenkel kühlt.

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Peta: Why too much sex can be a bad thing

Angekündigt war es schon lange, nun ist es soweit: Peta hat die Webseite peta.xxx live geschalten und unterhält damit eine eigene Präsenz im für Hardcore-Pornografie reservierten Kreis der Top-Level-Domains. Aufmacher der Seite sind Videos, in denen sich drei Ausnahmepornosternchen  halbnackt in Fotoshootings für Peta-Kampagnen räkeln (von denen ich eine schon an anderer Stelle besprochen habe). Dazwischen gibt’s Interviewsequenzen, in denen sie für die Kastration von Hunden und Katzen aussprechen. Begründet wird das mit folgender Gedankenkette:

  • Nicht kastrierte Haustiere vermehren sich unkontrolliert
  • überflüssige Haustiere werden ausgesetzt
  • ausgesetzte Haustiere werden entweder von Wildtieren getötet oder müssen eingeschläfert werden
  • dieses Leid kann nur verhindert werden, in dem man Hunde und Katzen kastriert

Kurios finde ich, dass die Haltung von Haustieren grundsätzlich nicht in Frage gestellt wird, obwohl Peta das ansonsten tut. Stattdessen wird in einem Video sogar mit einer lebenden Schildkröte posiert, die ängstlich zu fliehen versucht. Ebenso wenig wird in Betracht gezogen, dass die Kastration auch leidvoll für ein Tier sein kann (wie ich hier herausgefunden habe). Stattdessen argumentiert Ron Jeremy eher mittelmäßig wissenschaftlich:

  • Hunde zu kastrieren macht sie kein bisschen weniger männlich.
  • Kastrierte Männer wären aber sehr wohl weniger männlich als unkastrierte.
  • Männer, die männliche Hunde wollen, sind wahrscheinlich klein und fahren große Autos. (Jawohl, allen Ernstes.)

Sehr amüsant finde ich, wie Peta auf der übrigen Seite mit gängigen Pornografie-Klischees kokettiert. In der Rubrik Sexy Photos finden sich Bilder von Demonstrationen halbnackter Aktivistinnen sortiert in die Bereiche In Public, In Showers, In Cages, und With Food. Im Kapitel Hardcore Videos zeigt Peta schockierende Filme aus Tierfabriken, Schlachthöfen und Versuchslaboren. Und auf der Seite Sex Tips wird über die aphrodisierende Wirkung veganer Lebensmittel schwadroniert. Vieles ist aus anderen Kampagnen recycelt, weshalb die Seite ein bisschen zusammen geschustert wirkt.

Begründeter Sexismus

Neu ist, dass Peta ausführlich darauf eingeht, warum sie auch auf sexistische Propaganda zurückgreift, um für Tierschutz und Tierrechte zu sensibilisieren. “Jeder sollte die Freiheit haben seinen Kopf und seinen Körper als politisches Instrument zu verwenden.”, heißt es. Daher will sie ausdrücklich jeden Kanal nutzen um die eigene Botschaft zu verbreiten. Außerdem erklärt Peta, dass sie (anders als ihre industriellen Gegner) nicht über die finanziellen Mittel verfügt, um mit politisch korrekter Werbung die entsprechende Aufmerksamkeit zu erzielen. Deshalb sei sie auf die virale Verbreitung der oft günstig produzierten Spots angewiesen. Die ist durch die zuverlässig aufbrausende Welle der Empörung nach jedem sexistischen Tiefschlag garantiert. Nach wie vor gilt: Sex sells. Was auch dadurch bewiesen ist, dass ich diesen Beitrag schreibe und Du ihn liest.

Erwartungsgemäß fehlt der Seite jegliche kritische Auseinandersetzung mit Pornografie. Diese ist aber gerade bei den Protagonisten der Seite durchaus angebracht bitternötig.

Sasha Grey drehte zwischen ihrem 18 und 21 Lebensjahr einhundertneunundachtzig Hardcore-Pornofilme, die sich allesamt dadurch auszeichnen, dass sie neue Maßstäbe in Sachen sexueller Erniedrigung und Brutalität setzen. Angezogen kann man Grey in einer Aufzeichnung der Tyra-Banks-Talkshow erleben, die meiner Meinung nach Bände über ihren psychischen Zustand spricht.

Jenna Jameson wurde im alter von 16 Jahren von vier betrunkenen Männern mit Steinen niedergeschlagen und vergewaltigt und darüber hinaus von ihrem Onkel sexuell missbraucht. Sie und ihre Therapeuten finden, dass das mit ihrer Pornofilmkarriere rein gar nichts zu tun hat.

Ron Jeremy hält mit eintausendsiebendhundertfünfzig Sexfilmen den offiziellen Guinness-Rekord für die größte Anzahl an Auftritten in Pornos. In seiner Karriere hat er mit über 4.000 Frauen geschlafen, darunter eine 87-jährige Seniorin. In seiner Autobiografie und zahlreichen Interviews gibt er an, sehr darunter zu leiden, von aller Welt nur auf seinen 24,5 cm langen Penis reduziert und von niemandem ernst genommen zu werden.

Und die Tiere?

Ich behaupte, dass alle drei Akteure sehr erhebliche seelische Verwundungen erlitten haben. Wenn ich sie sprechen höre, empfinde ich mehr Mitgefühl für sie als für die geschundenen Tiere, deren Leid sie zu mildern versuchen. Alle drei führen geradezu auf, wie kaputt Pornografie ihre Akteure macht. Wenn sie dann den pseudosexiesten aller Schlafzimmerblicke aufsetzen und “Sometimes, too much sex can be a bad thing.” hauchen, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken.

Der mit Tierleid rein gar nichts zu tun hat.

Der unsichtbare Tiefgang

„Frage mich kurz, warum ich aber auch jeden weiteren Dominik Graf-Film gucke.“, twitterte  miss_leelah gestern Abend eine Sekunde, bevor ich es tun wollte direkt aus meinem Herzen.

Arte zeigte „Das unsichtbare Mädchen“, den neuesten Krimi des gefeierten Regisseurs, den er anhand des für ihn maßgeschneiderten Drehbuchs von Friedrich Ani und Ina Jung inszenierte. Ich hatte eingeschaltet, weil ich Ronald Zehrfeld, Silke Bodenbender und auf eine merkwürdige Art auch Ulrich Noethen gern sehe, und sich die Programmzeitschriften verlagsübergreifend darauf geeinigt hatten, den Film als TV-Event des Abends zu hypen.

In allen Besprechungen zum Film heißt es, er würde auf dem Fall der 2001 im echten Leben entführten Peggy K. basieren. In Wirklichkeit jedoch basiert der Film – wie alle Filme Grafs, mit denen ich bisher meine Lebenszeit vergeudete – auf dessen brutaler Aversion gegen Frauen, seinem irgendwo zwischen Mephisto und Old Shatterhand eingemauerten Männerbild und seinen tiefen Zweifeln gegenüber jeglicher Form menschlicher Kultiviertheit.
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Ein Radiointerview über Veganismus, Sexismus & PR. Richtig! Über PETA.

Tom Bond, Radiomacher bei  Corax – dem freien Radio im Raum Halle – hat sich über PETA’s jüngste „Veganer sind brutale Lustmolche“-Kampagne wohl genauso geärgert wie ich. Auf der Suche nach weiteren Informationen und Meinungen zum Spot und der dazugehörigen Website ist er auf einen Blogbeitrag von mir gestoßen. Darin veröffentliche ich die Stellungnahme, die mir PETA auf meine Fragen zur Kampagne und meinen Protest dagegen zur verfügunggestellt hat.

Tom bat mich daraufhin um ein Interview für’s Radio. Nachdem sich meine anfängliche Panik gelegt hatte und ich mich darauf besann, dass sich Menschen wie Hather de Lisle schließlich sogar in Fernsehtalkshows als Expertin betiteln lassen, fasste ich mir ein Herz.

My boyfriend went vegan – und hat sich in eine brutale Sexmaschine verwandelt

Einmal mehr greift PeTA mit beiden Händen ellenbogentief in die Jauchegrube des Sexismus, um mit beeindruckender Treffsicherheit neben dem stinkensten Klumpen heterosexueller Normativität diesmal auch einen widerwärtigen Batzen sexueller Gewalt zu Tage zu fördern. Keine besonders objektive Anmoderation, das sehe ich ein, aber nachdem folgender Clip seit 14. Februar bald 3 Millionen mal gesehen wurde – und damit zweifellos zu einem Renner im Netz geworden ist – seien mir drastische einführende Widerworte gestattet.

Weil ich aber einsehe, dass das Schimpfen auf meinem Blog allein wenig bewegen wird, habe ich mich per E-Mail mit PeTA in Verbindung gesetzt und mitgeteilt, dass ich als Fördermitglied des Vereines nicht bereit bin, „dieses Maß an Sexismus, Zementierung überkommener Rollenklischees und Verharmlosung sexueller Gewalt länger mitzutragen oder gar zu finanzieren.“

PeTAs Antwort kam binnen weniger Stunden in Form eines sicherlich tausendfach versandten, daher aber nicht minder lesenswerten Textbausteines.

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