Männer wie wir?

Mein Freund Klemens Ketelhut, wies mich neulich auf die Foto-Ausstellung „Männer wie wir“ hin, die die deutsche Aids Hilfe im Rahmen ihrer Kampagne „ICH WEISS WAS ICH TU“ seit 2009 durch die Lande ziehen lässt. Warum wir uns über die Bilder erst sehr amüsiert und dann sehr geärgert haben, formuliert Klemens in einem offenen Brief, der heute an kampagne@iwwit.de versandt wurde:

Liebe Leute von IWWIT,

„ICH WEISS WAS ICH TU unterscheidet sich bildlich und textlich stark von bisherigen Kampagnen. Die Motive verzichten auf Sexualisierung mittels durchtrainierter Körper, die sonst vielfach die Bildsprache in Medien für schwule Männer prägen.“

Diese Selbstbeschreibung findet sich in dem Überblick zur IWWIT-Kampagne. Ein erfreuliches Signal. Eine Kampagne, die mit Menschen agiert. Die alltägliche Körper, Personen und deren Leben in den Blick nimmt. Wo es Leute im Rollstuhl, Leute jenseits der 25 und solche mit nicht-normierten Körpern gibt. Diversity sozusagen. Wie schön. Und lebensnah. Und mit einem hohen Identifikationspotential ausgestattet.

Und dann? Dann kommt die Foto-Wander-Ausstellung „Männer wie wir„. 60 Bilder russischer Männer. HIV-Status und sexuelle Orientierung treten in den Hintergrund. Es geht scheinbar um Menschen. Aber: präsentiert werden mir 60 Körper, die nahezu alle idealisiert sind. Jung, muskulös, schlank, durchtrainiert.
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Neues Airbrush-Verfahren enthüllt: Fremdenfeindlichkeit in Deutschland!

Günter Wallraffs neuester Coup: Ein Jahr lang erlebt er braun angesprüht und mit Afro-Perücke den Alltag eines Somaliers in Deutschland. Wie alltäglich ist es aber für Schwarze, dass ihr Jahr nur 6 Wochen Tage dauert und sie währenddessen permanent von einem Filmteam und einem Fotografen begleitet werden?

Den ansonsten sehr respektabel arbeitenden Damen und Herren vom ZEIT-Magazin ist dieser “Alltag” offenbar noch investigativ genug, um ihm ein Doppelcover und sechs Heftseiten zu widmen. Wer anschließend immer noch Schmink-Tipps braucht oder generell sehr für Karneval ist, kann sich alles nochmal en detail im Kino bei “Schwarz auf Weiß – eine Reise durch Deutschland” erklären lassen. Oder er kauft sich mit “Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere” das Buch zur Story. Vielleicht reicht aber auch schon das Video hier um zu begreifen, wie borniert Wallraff selbst ist: Der Trailer zu seinem Film zeigt nicht etwa die Ausgrenzung die er in seiner Verkleidung erfahren hat sondern wie Wallraff in der Maske zurechtgemacht wird. Mit einem echten Schwarzen auf dem Sofa, der sich am Ende dem direkten Vergleich unterziehen muss. Wow! Ein echter Schwarzer! In Deutschland!

Zweifellos leben wir in einem Land, in dem die Ausgrenzung anders Aussehender zur Tagesordnung gehört. Viele Deutsche kriegen davon leider nichts mit, weil es in ihrem sozialen Umfeld  keinen anders Aussehenden gibt. (Herrje: Ist das etwa ein Indiz?) Schon um wieder einmal daran erinnert zu werden wie dreist, wie ignorant und wie himmelschreiend dumm viele unserer deutschen Mitbürger sind, lohnt sich die Lektüre von Wallraffs Artikel. Dennoch bleiben alle Erlebnisse Wallraffs zotige Anekdoten, und ähnlich wie bei den bis zum Erbrechen rezitierten Entgleisungen von Thilo Sarrazin, die der Intellektuellen-Postille Lettre International die Auflage Ihres Lebens beschert haben dürften, steht die Eitelkeit, Sensationsgier und das Aufmerksamkeitsbedürfnis der Autoren einer ernsthaften gesellschaftlichen Debatte im Weg. War es in Sarrazins Fall vor allem die messerscharf-zynische Kopftuchmädchen-Metaphorik die den Blick auf  die durchaus angebrachte Kritik an der verfehlten Integrationsleistung aller Beteiligten vernebelte, so ist es bei Wallraff die vor die Kamera gezerrte Kuriosität des Airbrush-Verfahrens und die ewige Betroffenheits-Romantik, die der ernsthaften Auseinandersetzung mit subtilem wie offensiven Rassismus schon im Ersten Absatz den Garaus macht.

Wallraff schreib selbst:

Der alltägliche Rassismus dagegen schafft es nur selten in die Zeitungen, was nicht bedeutet, dass er seltener ist. Er schafft es nicht über die Wahrnehmungsschwelle, er gehört zum deutschen Alltag […]

Danach aber vergisst er sich darüber zu wundern, auf welch schülerzeitungshafte Art und Weise er diese Wahrnehmungsschwelle durchbricht. Was er erlebt ist für mehr als 300.000 Menschen in diesem Land tägliche Realität. An 52 Wochen im Jahr. Auch ohne Perücke.  Wofür braucht es also diese alberne Undercover-Inszenierung? 300.000 Leute in diesem Land sind auch ohne Airbrush schwarz. Mit ein paar von Ihnen (gern vermittle ich hier Kontakte) hätte er sich lediglich unterhalten brauchen um ihnen ein öffentliches Forum zu verschaffen. Oder geht es Wallraff etwa vielmehr um sein Forum?

Jede meiner Rollen ist auf eine bestimmte Art anmaßend – aber ohne diesen Schritt auf fremdes Terrain würde ich viel weniger über die Lebenswirklichkeit der Menschen erfahren, in deren Haut ich schlüpfe.

Genau so ist es. Dieses Gebaren ist nicht nur anmaßend es ist vor allem eitel. Und hat mit Lebenswirklichkeit – weder mit schwarzer noch mit weißer – rein gar nichts zu tun. Sonst würde ja auch keiner drüber schreiben, oder?

Dabei scheint Wallraff durchaus recherchiert und auch nachgedacht zu haben:

Nach einer Untersuchung des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer pflegt rund ein Drittel der Deutschen rassistische Vorurteile. Wie viele Menschen in Deutschland hingegen aggressiv rassistisch sind, ist umstritten. Fest steht, dass nicht unerhebliche Teile der Gesellschaft den Rassismus als ideologisches Klebemittel brauchen, um sich ihrer nationalen Identität zu versichern. [..] Fremdenfurcht, genau wie Antisemitismus, hat ja auch nichts mit realen Erfahrungen zu tun, tritt sogar umso häufiger auf, je seltener Menschen Fremden begegnen.

Tiefer dringt er nicht in die Materie ein. Dabei geht der ernsthafte Diskurs frühestens hier los: Die Angst vor dem Fremden ist eine tiefe, fast archaische Urangst des Menschen. Leichter als sie zu überwinden ist es, den Fremden zum Freund zu machen. Vor dem, der nicht fremd ist fürchtet man sich auch nicht. Fremdheit überwindet man mit Begegnung. Womit der Kreis zur verfehlten Integrationspolitik mit schönem Gruß an Thilo Sarrazin geschlossen wäre.

Und ich dachte, ihr Farbigen seit wenigstens ein bisschen naturverbunden!

Es ist heiß in der S-Bahn. Was doppelt nervt, weil ich mal wieder in meinem Karnevalskostüm aus feinstem italienischem Tuch unterwegs bin, dass mir dabei hilft, für den Konsumentenkreditspezialisten gehalten zu werden, den ich heute verkörpere. Die Schuhe reiben mir die Fersen blutig, das Sakko erhöht meine Körpertemperatur in fiebrige Bereiche und meine Krawatte kommt mir wie das Geschenkband vor, das meiner Masochistenrolle den letzten Schliff gibt. Ich fühle mich unsicher und ein bisschen wie ein Clown.

Weil ich gern möchte, dass die Binsenweisheit “Gleich und gleich gesellt sich gern” stimmt, suche ich mir einen Platz aus, der verlangt, dass ich in meinem Aufzug durch den ganzen Wagon wanken muss. Mir gegenüber sitzt nun nämlich ein etwa gleich großer etwa gleich alter Mann, dessen Schädel genauso rasiert ist wie meiner, und dessen Brille ebenso transparent wie meine ist. Im Gegensatz zu mir ist der Mann schwarz. Und im Gegensatz zu meinem Deutsche-Bank-blauen Anzug ist sein Kostüm orange, aus Seide und über und über mit Blütenmotiven bestickt. Er sieht darin aber genauso verkleidet aus wie ich. Meine Meinung.

Ich frage mich, wo er hinfährt und warum er so angezogen ist. Während ich darauf herum denke, fällt mir auf, dass meine Rolle im Gegensatz zu seiner definiert und legitimiert ist. Ich mach heute den Konsumentenkreditspezialisten. Keiner wundert sich. Außer mir, als ich feststelle, dass ich mich in seinem prächtigen Overall nicht verkleideter fühlen würde, als in meinem muffligen Bänkerzwirn. Obwohl er doch den Exoten macht hier. So weit ich das an seiner Mimik ablesen konnte fühlt er sich aber im Gegensatz zu mir gut. Zumindest okay.

Auf den Platz neben ihn setzt sich eine junge Frau. Die finde ich sehr schön in ihrem schwarzen halblangen Baumwollkleid mit den breiten Trägern. Ihre Haut ist nicht braun, sondern eher golden und ihre Formen rund und propper aber eben nicht dick. Im Gegensatz zu mir, findet sie keinen Grund mich zu bemerken oder gar anzustarren. Was mich nicht überrascht. Ich unterstelle ihr, dass sie mich verachtet, weil ich sie eher dem linken, wenigstens aber dem Öko-Spektrum zuschreibe und sie mich wegen meiner Verkleidung sicher dem konservativen wenn nicht gar wirtschaftsliberalen.

Auf meinem linken Knie landet eine dicke Fliege. Sie krabbelt eine S-Form meinen Oberschenkel hoch, hält kurz inne und krabbelt ein Fragezeichen zurück. Nicht, dass ich Fliegen besonders mögen würde, besonders nachts nicht, besonders nicht in meinem Schlafzimmer. Aber ich bin doch sehr fasziniert von dem Gedanken, dass in diesen winzigen Beinchen Muskeln untergebracht sein sollen, und auch von der Frage, wie es wohl so ist, die Welt durch Facettenaugen wahrzunehmen.

Ich war noch mitten im Studium, als sich die Fliege erhob eine kleine Spirale durch die Luft drehte um sich dann auf dem Sitz neben mir niederzulassen. Zum letzten Mal in ihrem Leben. Denn schon während die Fliege mein Knie erkundet, nimmt sie der Mann, der mir gegenübersitzt ins Visier. Das merke ich aber erst als er anfängt, merkwürdig den Kopf zu bewegen während die Fliege ihre letzten Kreise zieht um ihrem Flug zu folgen. Jetzt, da sie still und nichtsahnend auf dem Platz neben mir sitzt zieht er die Augenbrauen zusammen und hebt ganz langsam die Hand, um sie in einem Moment höchster Konzentration blitzschnell und mit einem lauten Knall auf das Insekt niederfahren zu lassen. Die schöne Frau neben ihm erschrickt und macht ein empörtes Gesicht. Dann erstarrt die Situation für einige Sekunden. Jetzt lüftet der Mann seine Hand und gibt den Blick auf das tote Tier frei. Mit Daumen und Zeigefinger packt er es an einem Flügel und befördert es geräuschvoll in den kleinen metallenen Abfallbehälter unter dem Fenster.  Jetzt bewegt sich auch die Frau wieder.

“Warum haben Sie das gemacht?”, ruft sie und reißt die Augen dabei so weit auf, dass ich daran erinnert werde, dass menschliche Augäpfel tatsächlich Kugeln sind.

“Das Vieh hat genervt!”, antwortet der Mann in so einem ausgeprägten Hamburger Dialekt, dass mir die Mundwinkel entgleisen.

“Ja aber doch nicht sie, sondern ihn!” Sie hat mich also doch bemerkt!

“Mich hat sie nicht genervt.”, sage ich kleinlaut.

“Aber mich.”, sagt er.

“Und ich dachte, ihr Farbigen seit wenigstens ein bisschen naturverbunden!”, zischt sie.

“Ihr Farbigen!”, äfft er sie nach. “Welche Farbigen denn? Die aus dem Fernsehen, denen die Fliegen in Nase und Ohren krabbeln?”

“Keine Ahnung. Ihr Afrikaner eben!”

“Ich bin Deutscher.”, singt er lächelnd. Dann aber ernster: “Und deshalb weiß ich auch, dass ihr Weißen nicht im Stande dazu seit Insektensprays zu erfinden, die wirklich funktionieren.”

“Ich würde eh’ kein Insektenspray benutzen!”, sagt sie. Und begründet: “Jedes Lebewesen ist Teil der Schöpfung!”

Er rollt die Augen: “Ich bin auch Teil der Schöpfung. Und ich erschlage Fliegen, wenn sie nerven.”

“Ja, super.”, zickt sie.

“Super, echt!”, legt sie nochmal nach.

Dann bleibt die Zeit für drei Stationen stehen.

Dann steht er auf.

Er beugt sich zu hier herunter, verwandelt sich mimisch in Indiana Jones und sagt: “Das Leben ist ein Dschungel, Baby.”

Dann steigt er aus.

Sie schnalzt mit der Zunge und wendet sich entnervt ab.

Mir entgleisen die Mundwinkel.

 

Die flinken Kenianer entlarvt von den cleveren Deutschen

Wer sich die erschreckend-amüsante und dringend empfehlenswerte Lektüre von Noah Sows Buch “Deutschland Schwarz Weiß” gegönnt hat, weiß, dass bei der On- wie der Offline-Publikation des Spiegel mit der einen oder anderen rassistischen Entgleisung zu rechnen ist.  Wie schnell passiert es doch, dass aus 1,3 Milliarden Chinesen gelbe Spione werden. Wie schnell übersieht man die unerträgliche Lächerlichkeit des Versuches wissenschaftlich zu belegen, dass Schwarze stärker zur Nikotinsucht tendieren. Und dass aus schwarzen Deutschen bei Redaktionsschluss Afrikaner, Schwarzafrikaner, Ausländer oder wenigstens Farbige werden, kann man offenbar auch nicht verhindern.

Was ich vorgestern aber bei der von mir hochgeschätzten Zeit Online entdeckt habe hat mich so aufgeregt, dass ich erst heute darüber schreiben kann. (Zugegebenermaßen hatte ich gehofft, es handele sich hierbei um einen niederträchtigen Angriff hohler rassistischer Hackerwitzbolde, aber der Umstand, dass der Artikel heute immer noch Online steht, spricht deutlich dagegen.)

Die Schlagzeile lautet allen Ernstes: “Kenianer benötigen weniger Sauerstoff zum Rennen”. Deswegen sind es nämlich gerade die Kenianer, die allen anderen Nationen bei der Leichtathletik-WM davon laufen. Und diese wissenschaftlich belegte Erkenntnis lassen wir uns auch nicht dadurch kaputt machen, dass Ausnahmeläufer Usain Bolt seinen Weg zur Legende nicht in Kenia sondern im nur 12.500 km entfernten Jamaica begonnen hat. Herr Bolt ist ja schließlich auch Schwarz, also farbig, und damit ist er irgendwie ja auch Afrikaner, wie die Kenianer eben auch. Das passt schon.

Wie auch immer. Bei den Kenianern ist es nämlich so, dass die Muskelgruppen, die beim Laufen nicht benötigt werden, auch überhaupt keinen Sauerstoff verbrauchen. Und das ist doch prima.

Drei kleine Fragen vielleicht hierzu:

1. Wie nur gelingt  es der Natur,  in ihren evolutionären Entwicklungen die Landesgrenzen von Kenia zu beachten?

2. Wie ist es wissenschaftlich vertretbar, nach der Untersuchung von 10 (!) kenianischen Läufern (!) ernsthaft auf den Genotyp eines ganzen Volkes zu schließen? Und last but not least

3. Wer entdeckt hier eine Muskelgruppe, die nicht benötigt wird?

Naja, vielleicht bin ich auch zu pingelig. Es weißt doch nun wirklich jedes Kind, dass alle Afrikaner wahnsinnig schnell  flitzen, ein urstes Gefühl für Rhythmus, ganz, ganz tolle Stimmen und riesige Genitalien haben. Entschuldigung.

Das Foto eines Künstlers

Ein Foto von mir wollten Sie.
Für Presse und Werbung und Öffentlichkeit.
Ein Porträtfoto von mir für den Katalog.
Für einen Kunstkatalog.

Kein Geheimnis: Das schmeichelt.
Das streichelt meine Eitelkeit.
Das füttert mein Ego.
Und das verschafft große Bewunderung,
wenn es gelingt, die Anfrage mit der überzeugenden Mischung
aus Verlegenheit und Bescheidenheit
im flüchtigen Nebensatz jeglichen Gespräches zu erwähnen.

Aber das fordert auch.

Nicht, dass meine Festplatten nicht eine ganze Bibliothek von Selbstporträts beherbergen würden, deren Meisterwerke der Welt sogar im Internet zum Abruf bereit stehen.
Nicht, dass ich im Umgang mit der Kamera nicht vertraut wäre und mich nicht gut darauf verstünde, ungeliebte Züge meiner Person zu kaschieren und geliebte zu modellieren, selbst dann, wenn ich sie gar nicht habe.
Nicht, dass meine Inszenierung jemals zitterte oder ich jemals um den passenden Gesichtsausdruck gerungen hätte.
Hier aber doch.
Hier strauchelte ich.
Hier haderte ich.

Sie wollten das Foto eines Künstlers.
Das eines jungen Mannes mit Visionen.
Oder eines sympathischen Trottels.
Mit dem geheimnisvollen Sex-Appeal eines Verrückten.

Sie wollten kein Foto von mir.
Keines von jemandem, der seine frühen Nachmittage mit Talk-Shows tötet.
Der Computerspiele mag.
Und Milch-Shakes von Mc Donald’s.

Sie wollten kein Foto von jemandem, der gar kein Künstler ist und nur deshalb so bezeichnet wird, weil niemandem ein passenderes Wort einfällt für das, was er tut.
Ich baute mein Stativ auf und versuchte wie ein Künstler auszusehen.
Orientierungslos aber intelligent.
Verzweifelt aber kämpferisch.
Traurig aber weise.
Sexy.

Das funktionierte nicht.
Das funktionierte ganz und gar nicht.
Das war überhaupt nicht auszuhalten.
Natürlich nicht.
Ich begriff das nach 3 Stunden und 2 randvollen Speicherkarten.

Ich hörte mich über die zwingende Notwendigkeit von Authentizität reden.
Ich rekapitulierte energische Plädoyers über die ungeheuerliche Stärke die der Fähigkeit zur Konfrontation mit der eigenen Schwäche innewohnt.

Ich erinnerte mich an Diskussionen über das zwangsläufige Scheitern jeglichen Versuches, vermeintliche Wahrheiten aus hölzernen Rollenklischees zu zitieren.
Vor allem aber staunte ich über die prächtigen Blüten die die meine Vorstellungen eines Künstlers trieben.

Ich zog meine Hose von baggy auf die Höhe, in der ich sie normalerweise trage, nahm meine Intellektuellenbrille ab und tauschte mein Paradiesvogelhemd gegen eines, das mich wieder zu dem machte, was ich eigentlich bin: ein Sperling, wenn auch ein aparter.

Die Kamera am ausgestreckten Arm schoss ich ein Foto von mir.
Direkter Blick.
Ernstes Gesicht.
Ich.

Mit Hautschuppen auf der Nase,
einem Mitesser auf der Stirn
und einer leichten Rötung rechts über meiner Oberlippe aus der sich zwei Tage später eine beachtliche Herpesblase entwickeln sollte.

Das ist nicht uneitel.
Das ist das Gegenteil davon:
Einen Moment lang zog ich in Erwägung meine Augen ein wenig blauer und meine Lippen ein wenig röter zu färben am Computer.