Everybody will know you name

Ich brauche mehr als zwei Stunden vom Flughafen bis zur Fondation Cartier. Paris gibt sich größte Mühe jeden Hauch ihres Charmes vor mir zu verbergen. Paris ist heiß, dreckig, laut und langsam. Vor der Fondation wartet Heiko. Er ist mit dem Zug gekommen. Er wartet mit einem Ausdruck mit dem er auch am Rheinbacher Bahnhof auf mich warten würde.Noch während wir uns begrüßen nähert sich uns eine ausgesprochen schöne Frau. „You must be Ronald Gerber, right?“

Es ist Danielle. Wir hatten Emailkontakt. Sie umarmt mich. Ich habe Angst, dass ihre Hand mitten in dem großen Schweißfleck landen könnte, der sich zweifellos auf meinem Rücken gebildet haben muss.

Sie führt uns in die Fondation und spricht. Ich höre nicht zu, weil mich dieses Gebäude verschluckt hat. Selbst an den Fahrstühlen, zu denen Danielle uns führt kann ich noch nicht genau sagen, ob wir uns innerhalb oder außerhalb des Gebäudes befinden. Alles um uns ist Glas, Stahl oder Beton und trotzdem wachsen überall Bäume und Gras.

Mit dem Fahrstuhl fahren wir in die Verwaltungsetagen. „Everybody is in love with you.“, sagt Danielle. Ich nehme den Satz als übertriebene Höflichkeit. Ich grinse nur. Heiko auch. Danielle merkt, dass wir sie ihr nicht glauben. „Really! Everybody here will know your name.“

In den nächsten 20 Minuten werde ich müde wie ich bin und hungrig ungefähr einem Dutzend Menschen vorgestellt. Und in der Tat: Alle kennen meinen Namen, während ich den Namen der mir Vorgestellten wieder vergessen habe, noch bevor ich „Enchante!“ und „It’s a pleasure to meet you.“, sagen kann. Ich bin zu aufgeregt. Die Leute versichern mir, wie sehr sie meine Bilder berührt haben und wie großartig mein Video ist. Ich freue mich, ehrlich, aber ich weiß keine andere Reaktion außer rot zu werden und immer wieder „Thanks.“, „Thank you.“, und „Thank you very very much.“, zu sagen. Die Buchhalterin erzählt mir in einer Runde, dass sie von mir geträumt habe, nach meinem Video. Ich hätte mitten in der Ausstellung in einer Duschkabine gestanden und geduscht. Ich will die Situation entkrampfen. Also sage ich, dass laut Freud Wasser in Träumen immer für Gefühle steht. Das entkrampft überhaupt nichts. Und ich hätte es wissen können, wenn ich vorher eine Sekunde darüber nachgedacht hätte. Danielle ist professioneller. Sie erklärt mir alle Formalitäten, gibt mir Restaurant-Schecks, U-Bahn-Tickets für die ganze Woche, einen genauen Plan mit allen Presseterminen und einen für die Stadt.

Wir fahren wieder nach unten. Danielle will mir den Ort zeigen, an dem meine Bilder hängen werden. Ich freue mich, als sie 0 im Lift drückt und nicht -1. In den Keller hätte ich ungern gewollt. Ich mag kein künstliches Licht auf meinen Bildern. Aber ich weiß, dass ich mich klaglos damit abgefunden hätte, wenn man meine Kabine im Keller geplant hätte. Ich wäre zu feige gewesen und zu höflich. Wer bin ich denn?

Heiko und ich fahren zum Quartier.
Ich bin überwältigt.
Heiko will wissen, was gesagt wurde, während er daneben stand und freundlich lächelte. Ich kann mich nur schwer erinnern. Heiko sagt, dass er alle Menschen, die wir getroffen haben wirklich sympathisch fand. Ich nicke nur.

Ich versuche mich an die Furcht zu erinnern, die ich heute Morgen beim Aufstehen empfunden habe. Von hier aus wirkt sie seltsam blutleer und künstlich.
„Die hofieren dich wie einen Superstar.“, grinst Heiko.
Ich finde das auch. Und ich weiß, dass sich die blutleere Furcht an dem Gedanken nähren könnte, dass mit dieser Hochachtung Erwartungen verbunden sein könnten, den ich nicht gewachsen bin.
Ich beschließe, die Furcht verhungern zu lassen und diesen Gedanken nicht zu denken.
Die Furcht langweilt mich.
Bis jetzt hat sie noch nie recht gehabt.