Zu Tode rationalisiert

Am späten Nachmittag des letzten Freitags öffnet die 32-jährige Stephanie, Mitarbeiterin der Mahnabteilung von France Télécom, das Fenster an ihrem Arbeitsplatz im 4. Stock des Bürogebäudes in der Pariser Rue Médéric und stürzt sich vor den Augen ihrer Kollegin auf die Straße. Einige schreckten erst auf, als sie den Aufprall des Körpers auf der Straße hörten. Stephanie ist nicht sofort tot – eine Kollegin versucht sie mit einer Decke zu wärmen und bei Bewusstsein zu halten – zwei Stunden später erliegt die junge Frau jedoch im Krankenhaus ihren schweren Verletzungen.

Am letzten Mittwoch holt ein Störungstechniker im südwestlich von Paris gelegenen Troyes während einer Konferenz  mit anderen Mitarbeitern des Unternehmens ein Messer aus der Tasche und rammt es sich in den Bauch. Er überlebte schwer verletzt.

Vorgestern Abend wurde eine weitere Angestellte der Firma in ihrem Haus in Metz nahe der Deutschen Grenze von Angehörigen bewusstlos aufgefunden, nachdem Sie eine Überdosis Schlafmittel eingenommen hatte. Auch sie hat überlebt.

Insgesamt haben sich in den letzen anderthalb Jahren 23 Mitarbeiter von France Télécom das Leben genommen. 12 weitere überlebten ihre Suizidversuche.

Als Reaktion setzte der französische Arbeitsminister Darcos am Dienstag einen Behördenvertreter zur Überwachung der Gesundheitssituation bei dem Telekommunikationskonzern ein und traf sich heute mit France Télécom-Chef Didier Lombard um nötige Maßnahmen zu besprechen. Psychisch labile Mitarbeiter sollen nun Zugang zu betrieblich organisierter psychologischer Betreuung erhalten – per Telefonhotline. Weiterhin sollen 100 Personalreferenten eingestellt werden, die die angespannte Lage im Unternehmen analysieren und entspannen sollen. Außerdem soll der massive Umbau des Unternehmens bis Ende Oktober auf Eis gelegt werden. Das alles kann man hier, hier oder hier nachlesen.

Selbstverständlich versucht die Konzernleitung die Situation herunterzuspielen, in dem sie beispielsweise darauf hinweist, dass sich die unternehmensinterne Selbstmordrate statistisch gesehen im normalen Bereich bewegen würde. Außerdem heißt es, dass es sich bei den tragischen Todesfällen grundsätzlich zuerst um persönliche und nicht um betriebliche Dramen handele. Stephanie zum Beispiel, habe psychische Probleme gehabt, wie Personalchef Olivier Barberot dem “Journal du Dimanche” erklärte. "Sie hat 2008 nur 58 Tage gearbeitet und hat in diesem Jahr an 61 Tagen gefehlt. Wir haben reagiert, indem wir ihre Arbeitsbelastung reduziert haben." In den Tod sprang sie allerdings, nachdem sie erfahren hat, dass sie einen neuen Vorgesetzten bekommen soll.

Der Störungstechniker habe ebenfalls überreagiert. Seine Stelle sei zwar weggefallen, ihm sei aber eine vergleichbare Position an anderer Stelle im Unternehmen angeboten worden.

Eine andere Sprache sprechen die Abschiedsbriefe, die einige Mitarbeiter hinterlassen haben. In einem heißt es, dass die mit der Versetzung in einen Vorort von Straßburg verbundene Ferne zu Heimat und Familie unerträglich sei. Ein anderer beschreibt, dass die neue Technik am Arbeitsplatz einfach nicht unter Kontrolle zu bringen wäre. In einem dritten öffentlich gewordenen Brief heißt es wörtlich:

Ich habe mich wegen meiner Arbeit bei France Télécom umgebracht. Das ist der einzige Grund.
Dauernde Dringlichkeit, überlastet von der Arbeit, das Fehlen von Ausbildung, die totale Desorganisation des Unternehmens. Ein Management, das über Terror funktioniert.
Das hat mich selbst völlig durcheinandergebracht und verstört. Ich bin zum Wrack geworden, es ist besser, dem ein Ende zu setzen.

"Es handelt sich nicht nur um persönliche Dramen", sagte der Vorsitzende der Arbeitnehmerorganisation CFDT, François Chérèque am Montag. "Wir haben hier ein Unternehmen, dessen einziges Ziel es ist, Cash und Knete anzuhäufen, und dabei verlangt man von den Beschäftigten immer mehr Rentabilität".

Tatsächlich werden enorme Anstrengungen unternommen, den ehemaligen Staatskonzern fit für den internationalen Wettbewerb zu machen. So wurden in den vergangenen Jahren 22.000 Stellen abgebaut, weitere 7.000 Mitarbeiter wurden versetzt, weil das Unternehmen zahlreiche kleinere Niederlassungen geschlossen hat und immer noch schließt um sie in größeren zu bündeln. Dieser Stellenab und –umbau ist offenbar noch längst nicht beendet: "Alle Angestellten erhalten regelmäßig per Mail Angebote, das Unternehmen zu verlassen", sagt Philippe Meric von der Gewerkschaft SUD. "Die Manager haben Vorgaben, die Mitarbeiter zu ermuntern, zu gehen."  Erreichen sie dieses Ziel, erhalten sie eine entsprechende finanzielle Belohnung.

Dementsprechend überrascht es niemanden, dass die Krankheitsquote im Unternehmen im letzten Jahr um sieben Prozent gestiegen ist.

Letzten Donnerstag nun demonstrierten zahlreiche Angestellte gegen die in ihren Augen unerträglichen Arbeitsbedingungen. Auf Transparenten bezeichneten sie diese als “terreur” und forderten: "Stoppt das Leiden bei der Arbeit".

France Télécom ist sicher das deutlichste, längst aber nicht das einzige Beispiel für regelrechte Selbstmordwellen in französischen Unternehmen. Vor zwei Jahren, gab es in den Entwicklungsabteilungen der Autokonzerne Renault und PSA ebenso eine Reihe von Suizidfällen binnen kurzer Zeit.

Mich macht das betroffen und sehr ratlos. Ich selbst arbeite für eine international agierende Bank und weiß, dass die Maschine Erwerbsarbeit gierig ist und man sich sehr gut an seinen privaten, moralischen, ideellen Wurzeln festhalten muss um nicht im sich selbst immer weiter rationalisierenden Räderwerk verloren zu gehen. Oft liest man vom “Kapitalismusbergwerk” oder vom “Hamsterrad”. Psychische Erkrankungen nehmen auch hierzulande zu, das Burn-Out wird zur neuen Volkskrankheit. Und ich verstehe nicht ganz, warum.

Natürlich: Arbeitspensum und –komplexität steigen immer weiter, die Globalisierung und vielleicht auch die Gier zwingt Unternehmen Prozesse immer effizienter und rationeller zu arbeiten, und noch immer Leben wir in einer Gesellschaft, in der sozialer Status direkt von der Teilnahme am oder dem Ausgeschlossensein vom Erwerbsleben abhängt.

Fraglich ist doch aber, wie hoch der Druck, wie stark der “terreur” und wie aufgerieben und ausgebrannt das Nervenkostüm eines Menschen sein muss, damit er direkt durchs offene Fenster am Arbeitsplatz in den Tod springt. Welchen Stellenwert hat die berufliche Stellung für so einen Menschen? Und wie konnte sie so bedeutungsvoll, so wichtig werden, dass sie über Leben und Tod entscheidet?

Hätte die einer Kündigung folgende Arbeitslosigkeit wirklich das Ende aller Möglichkeiten bedeutet? Hätte es nicht die Möglichkeit gegeben, sich einen anderen Arbeitgeber zu suchen?

Selbstverständlich kann ich mir kein Urteil über die 23 Verstorbenen erlauben. Aber an diesem Beispiel wird so deutlich wie selten, dass das Konzept von Erwerbsarbeit als Sinnstifter, als Lebensinhalt, als Maßstab für Erfolg oder Misserfolg eines Menschenlebens nie angemessen war und sich selbst überholt hat. Die Frage die jetzt kommt ist noch schwieriger:

Wofür leben wir eigentlich?

Wenn es nun aber so ist, dass die Erwerbsarbeit zum Lebensinhalt vieler geworden ist, was ja nicht zuletzt auch darin begründet liegt, dass sie vielerorts den Löwenanteil der Lebenszeit und –energie beansprucht, dann muss man fragen, was aus ihr geworden ist bzw. was aus ihr wird: Wenn die Arbeit verlangt, dass sich der einzelne über sie definiert, muss sie ihn auch wertschätzen.

 

Quellen: Nouvel Obs, Le Point, Die Welt, Telepolis

Es wurde einfach zu viel Reklame für das Leben gemacht

Ich hatte noch keine Gelegenheit es in diesem Blog einer theoretischen Öffentlichkeit kund zu tun, aber: Ich habe ein Problem. Und nur weil dieses Blog hier trotz seiner theoretischen Öffentlichkeit einigermaßen anonym ist, traue ich mich, es so klar zu sagen, wie es sich anfühlt: Mir fehlt eine Aufgabe. Eine große. Eine Lebensaufgabe.

Es ist nicht so, dass ich mich langweile. Meine Tage sind gefüllt mit allerlei Aufgaben und Verpflichtungen, auch mit schönen Hobbys, einerPartnerschaft und der Freundschaft einer bezaubernden Hündin. Aber mir reicht das nicht. Ich brauche etwas Größeres. Dass heißt: Ich meine,etwas Größeres zu brauchen. Etwas Öffentlicheres, Wichtigeres, Schicksalhafteres.

In den 90ern habe ich einen objektiv betrachtet mittelmäßigen Roman gelesen, der mich dennoch sehr beeindruckt hat. Weil er nämlich von der Mittelmäßigkeit der Autorin handelt, die meiner eigenen Mittelmäßigkeit verdächtig ähnlich sieht. Das Buch heißt übrigens „Chemische Reinigung“ und ist von Silvia Szymanski. Weil ich weiß, dass es auf meine Empfehlung hin ohnehin niemand lesen wird, habe ich keine Skrupel den wichtigsten Satz hier gleich im drittan Absatz breitzulatschen: „Es wurde einfach zu viel Reklame für das Leben gemacht.“ Meine Rede. Amen. So ist es.

Eben beim Blumengießen dachte ich: So gern wäre ich Schauspieler geworden oder Sänger, oder Designer für neue Süßigkeiten, Schriftsteller oder Psychologe. So gern würde ich als Komiker auf der Bühne stehen oder als Moderator vor der Kamera. Eine Traurigkeit machte sich breit in mir, weil das leider alles Träume geblieben sind. Du hättest eben nicht auf ein Wunder warten dürfen, dachte ich dann. Du hättest dafür kämpfen müssen, dass dein Leben so aufregend wird wie das eines Stars oder wenigstens eines Sternchens. Oh! Dann viel mir ein, dass ich Künstler bin. Und dass sich das zunächst einmal genauso interessant anhört wie Süßigkeitendesigner oder Achriftsteller.

Ist es aber leider nicht. Jedenfalls dann nicht, wenn man zu den 97% der Künstler gehört, deren Kunst a.) weitgehend ohne Anteilnahme der Öffentlichkeit stattfindet, und b.) kein Einkommen generiert sondern nur Ausgaben verursacht. Meine Stimmung hellte sich ein kleines bisschen auf, als ich feststellte, dass das für 97% der Schriftsteller oder Schauspieler ebenso gilt, um sich ebenso zügig wieder zu verdunkeln, bei dem Gedanken, dass durchaus auch solidere Positionen auf meiner Wunschliste standen, die ich wegen meines enormen persönlichen Geltungsbedürfnisses leider ausgeschlagen habe.

Es wurde einfach zu viel Reklame für das Leben gemacht. Deshalb denke ich, ich müsste in meinem Leben Großes erreichen, am besten im grellen Spotlight der Öffentlichkeit. Deshalb denke ich, ich bin zu irgend etwas höherem bestimmt, das mich in allernächster Zukunft entdecken und ganz nach oben tragen wird. Deshalb belächle ich das was ich habe als kleines Glück.

Das sind alles keine neuen Gedanken für mich. Im Gegenteil. Sie begleiten mich schon so lange, dass sie beginnen mich zu langweilen. Glauben Sie mir, ich habe mich in masochistischer Hingabe in ihnen gesuhlt und viele wertvolle Erkenntnisse erlangt. Zum Beispiel die, dass ich, meine Person, mein Ego genauso besonders ist, wie alle anderen Personen und Egos auf diesem Planeten. Leider nicht besonderer. Oder
die, dass die Realität eben nicht von Rosamunde Pilcher verfasst wurde, und man demzufolge von Sehnsucht und Idealismus allein nicht leben kann. Oder die, dass ich objektiv betrachtet lebe wie der märchenhafte Hans im Glück.

Der Pferdefuß dieser Erkenntnisse ist folgender: Sie überzeugen mich nicht. Es will ihnen nicht gelingen, den Kind gebliebenen Narzisten in mir das Maul zu stopfen, obwohl sie sich durchaus einen prominenten Platz in meinem Kopf und auch in meinem Herzen erkämpfen konnten. Es ist, als wäre ich klug, aber nicht klug genug.

Ich muss mich konzentrieren.

Verbrannter Zucker

Gestern war mein letzter Arbeitstag. Für dieses Jahr. Im Lift auf dem Weg in die Tiefgarage schrieb ich Listen im Kopf: Noch zu versendende Weihnachtskarten, noch zu besorgende Geschenke, noch zu erledigende Einkäufe und auch, wie ich im nächsten Jahr dem Weihnachtskaufrausch entkommen könnte.

Vom Lift bis zum Fahrradraum sind es vielleicht 50 Meter, zwei Brandschutztüren, ein Sicherheitsschloss. Schon als sich die Fahrstühltüren öffneten hatte ich diesen Geruch in der Nase und im nächsten Augenblick die passende Erinnerung im Kopf: Meine Mutter steht in der überheizten Küche am Herd und brät Karamellbonbons. Der schmelzende Zucker in der Pfanne füllt die Luft. Noch einen Augenblick später lief mir das Wasser im Mund zusammen. Ich fing an in meiner Erinnerung nach dem Rezept zu kramen.

Schlagartig wurde mir allerdings klar, dass niemand Karamellbonbons in einem Tiefgaragentreppenhaus brät. Dieser Geruch wahr falsch hier.

Ich erschrak. Gleich hinter der ersten Brandschutztür hockten drei Jugendliche. Zwei Jungs im Skater-Klamotten und ein Mädchen im gewollten Punker-Outfit. Die drei erschraken ebenso. Plötzlich war ich falsch hier. Mein Blick blieb an dem schmalen Streifen nackten Fleisches hängen, der sich zwischen dem Minirock und der Netzstrumpfhose des Mädchens auftat. Mit offenem Mund starrte mich das Mädchen an, während sie sich routiniert die Nadel aus dem Fleisch zog. Es blutete. Erst als ich den Esslöffel in der Hand des einen Jungens bemerkte, begriff ich, was hier gerade passierte. Das Mädchen hatte sich gerade einen Schuss gesetzt. Das war kein geschmolzener Zucker. Das war Heroin.

Der andere Junge stürzte auf mich zu. Er holte Luft als wollte er einen Satz beginnen, der höchstwahrscheinlich mit „Ey Alter!“ angefangen hätte. Weil ich aber wie angewurzelt stehen blieb und ihm gerade so tief ins Auge sah, wie es meine plötzlich aufgekommene Angst zuließ, blieb er stumm und berührte mich nicht.

Dieser Blick bekam eine Qualität die mich überwältigte: er war intim. Ich konnte mich nicht abwenden. Obwohl ich fürchtete, dass er jeden Moment ein Messer ziehen könnte, um es mir in den Bauch zu rammen oder mich wenigstens auszurauben. Vielleicht ist es überheblich, aber es fühlt sich auch mit etwas Abstand so an: Ich habe diesen Jungen gesehen. Hinter seiner Skater-Coolness. Und er hat mich getroffen. Ohne Messer.

Diese Traurigkeit in seinen Augen, diese Wut, diese Aggression, dieser Hunger.
„Warum?“ wollte ich wissen. „Wohin soll das führen?“, wollte ich fragen. Aber ich traute mich nicht. Soviel Naivität hätte wahrscheinlich alle drei in schallendes Gelächter ausbrechen lassen. Soviel Unbedarftheit hätte mich als das ahnungslose, reiche, satte und vor allem geliebte Weichei geoutet dass ich bin. Es war mir peinlich da zu sein.

Ich lief schneller als sonst zu meinem Fahrrad. Ich rannte fast. Und ich war die Ausfahrt schneller hochgefahren, als sich das Rolltor öffnen konnte. Ich wusste ja wohin. Zuhause dampfte das Essen auf dem Tisch.