Die Schwierigkeiten auf dem Weg zur Wahrheit

Das achte Gebot lautet: „Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ (2. Buch Moses, Kapitel 20 Vers 16 nach Lutherbibel 1912). Und so einfach dieser Satz auch klingen mag, so schwierig ist doch dessen Umsetzung. Denn letztendlich bedeutet dies eine Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit. Nun mag dies im ersten Moment kein wirkliches Problem darstellen und gern werden Kinder an dieses Gebot erinnert. Und wesentliche Bereiche unsere Gesellschaft sind scheinbar durchdrungen mit diesem normativen Ansatz: Das Rechtssystem befindet sich auf Wahrheitssuche genauso wie die Wissenschaft. Politiker fürchten die Journalisten im Wesentlichen deshalb, weil diese mit der Veröffentlichung unangenehmen Wahrheiten drohen können. Die Wahrheit ist ein mächtiges Schwert in unserer Gesellschaft! Aber was bedeutet Wahrheit eigentlich? Die Schwierigkeiten auf dem Weg zur Wahrheit weiterlesen

Fußball lehrt uns mehr als nur das Spiel mit dem Ball!

In der Halbzeit des Fußballspiels Deutschland gegen Australien kommentierte Kathrin Müller-Hohenstein das Tor von Miroslav Klose mit den Worten: „Und für Miroslav Klose: ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst, dass der heute hier trifft“ (Youtube, Der Spiegel, n-tv.de). Ich selbst war entsetzt und konnte nicht wirklich glauben, was ich da gerade gehört hatte. Mir kamen aber auch sofort einige Zweifel, weil mir die Redensart nicht vollkommen neu war. Deshalb habe ich ein wenig zum Begriff recherchiert. Fußball lehrt uns mehr als nur das Spiel mit dem Ball! weiterlesen

Auszuräuchern: News-Parasiten im Web-Kommunismus

Auf dem gerade zu Ende gegangenem Monaco Media Forum wurde allerlei spekuliert über die Zukunft des Journalismus, die – glaubt man dem Gezeter der meisten Verantwortlichen – wohl vor allem davon abhängen wird, wer künftig für Nachrichten bezahlt.

Augenblicklich stehen sich zwei Modelle gegenüber: Nach dem traditionellen Modell bezahlen die Nutzer für den Zugang zu Nachrichten, in dem Sie beispielsweise eine Zeitung am Kiosk bezahlen, oder brav ihre GEZ-Gebühren überweisen, bevor sie die Tagesschau einschalten. Dem gegenüber steht ein neues Modell, nachdem Inhalte durch Werbung finanziert sind. Zugegeben, so neu ist das nun auch wieder nicht, wie ein Blick in eine Zeitung Ihrer Wahl beweisen kann. Neu ist nicht einmal, Inhalte ausschließlich über Werbung zu finanzieren. Das belegt Ihnen die deutsche Privatfernsehlandschaft lautstark, und vielleicht sogar noch etwas eindrucksvoller Google.

Neu ist auch nicht das Internet, in dem wir uns daran gewöhnt haben, das jede Art von Information kostenlos bereit steht. Das einzige Neue an der ganzen Diskussion ist, dass einige einflussreiche Leute der Medienbranche der Meinung sind, hier müsse dringend etwas geändert werden.

Allen voran Rupert Murdoch, bei dem man angesichts seiner gigantischen global agierenden Medienfabrik News Corp, die neben “The New York Times” und “Fox News” auch das soziale Netzwerk “MySpace” herstellt, beim besten Willen nicht um den Gebrauch des Unwortes Medienmogul herumkommt. Weil seine Fabrik im letzten Jahr fast 3,4 Milliarden Dollar Verlust gemacht hat  steht er nun freilich unter Zugzwang. Seiner Meinung nach ist es die Kostenlos-Mentalität im Internet, die seiner Firma so zu schaffen macht. Allen voran kritisiert er Google aber auch all die anderen “Kleptomanen und Parasiten”, die – im Volksmund auch Blogger genannt – alles Aufsammeln und Remixen und zu ihrem machen. Damit sei jetzt Schluss, konstatiert Murdoch. Das Herstellen von Nachrichten sei schließlich teuer: Auslandskorrespondenten, Fotografen, Experten, Redakteure, Layouter, Drucker Fahrer und Verkäufer wollen schließlich ebenso bezahlt werden wie Programmierer und Administratoren. Das zu leisten sei der weltweite Werbemarkt einfach nicht groß genug. Bei Murdochs Wall Street Journal gibt es deshalb nur noch den ersten Absatz eines jeden Artikels gratis, der Rest bleibt angemeldeten – zahlenden – Nutzern vorbehalten.

Murdochs deutscher Kollege Mathias Döpfner, seit 2002 Vorstandsvorsitzender der Axel Springer AG ist offenbar beeindruckt von dessen klaren Worten, selbst aber nicht ganz so mutig. Er traut sich zwar vorerst noch nicht, ganze Zeitungsportale mit einem Eingabefeld für die Kreditkartennummer abzuzäunen, wohl aber deren mobile Ableger. Die BZ, Die Welt und die Bild wird gibt es auf dem iPhone in einigen Wochen nur noch über eine eigens dafür programmierte App, bei der nicht nur Anschaffungskosten sondern auch monatliche Gebühren anfallen sollen. “Die kostenpflichtige App wird bald die einzige Möglichkeit sein, die Medienmarken aus dem Hause Springer auf dem iPhone zu nutzen.” Auch für die Angebote im normalen Internet sollen die Nutzer bald löhnen.

Allerdings sieht Döpfner selber ein, dass es ihm nicht gelingen wird, die Medienkonsumenten – also Sie! – umzuerziehen. “Konsumenten sollen nicht umerzogen werden sondern verführt.”, sagte Döpfner am Donnerstag im Rahmen einer Podiumsdiskussion die sich, wer ausreichend Erdnussflips zur Hand hat hier in voller Länge ansehen kann:

 

Die Verführung sei gar nicht so schwer. Menschenkenner Döpfner analysierte nämlich messerscharf, dass es genau sechs Dinge gäbe, für die sich der gemeine Konsument interessiert. Dies seien:

  • Sex
  • Verbrechen
  • Sport
  • Spiele
  • das persönliche lokale Umfeld
  • Geld und macht
  • und das Wetter

Wesentlich wären aber nur die ersten beiden: Sex and Crime. Und für Intellektuelle eben Eros und Thanatos. Für Informationen zu diesen beiden zahlen die Menschen seit Griechenland. Er sehe keinen Grund, warum sich das im digitalen Zeitalter ändern sollte. Liebe und Hass müssten lediglich hübsch verpackt und exklusiv aufbereitet werden und dann würde der Rubel schon ins Rollen kommen. Glaubt Döpfner.

Grundsätzlich sei er aber auch ein großer Fan von nutzergenerierten Inhalten. So sei es beispielsweise ja die Bildzeitung gewesen, die durch das Abdrucken von Presseausweisen zum Selbstausschneiden den  Nebenberuf des Leser-Reporters etabliert habe und deren “großartiges Material”  nun regelmäßig gegen Bezahlung veröffentlichte. Die pseudo-investigativen Amateur-Paparazzi mit engagierten Bloggern in einen Topf zu schmeißen, die sich wie Pitbulls in Geschichten verbeißen, die nicht immer Sensationen sein müssen ist zwar gewagt, passt aber zum Rest von Döpfners Ausführungen:

"Es ist einfach falsch zu denken, im Web müsse alles kostenlos sein. Die Theorie, dass es einen freien Zugang zu Informationen geben soll, gehört zum Absurdesten, was ich jemals gehört habe. […] Dies ist ein spätes ideologisches Ergebnis von Webkommunisten: Nur wenn alles kostenlos ist, ist es demokratisch." (Golem)

Döpfners Ausführungen gipfelten in einem Vergleich mit bestechender Logik: Bier im Supermarkt sei schließlich auch nicht gratis. Wie er auf diese Metapher kam, erklärte er nicht, wohl aber, was er damit meine: Wenn im Internet die Zukunft der Informationsverbreitung läge, wovon er ausginge, dann muss es auch dort Qualität geben. Diese aber sei nur möglich, wenn jemand bereit sei in die Herstellung dieser Qualität auch Geld zu investieren. Diese Bereitschaft wiederum setze die Aussicht auf Rendite voraus. Informationsportale im Netz brauchen demnach ein klares Geschäftsmodell das sicherstellt, dass sich diese Informationen auch auszahlen. Ohne diesen Geschäftsmodell würde nicht nur die journalistische Qualität sinken, sondern sich der Medienmarkt insgesamt erheblich verkleinern, was wiederum zulasten der Vielfalt ginge. Diese Theorie lässt sich durchaus bereits mit Fakten belegen: In Amerika ist bereits vom großen Zeitgungssterben die Rede und auch in Europa stellen die ersten Blätter ihr Erscheinen ein. Die Publikationen die bleiben müssen sparen wo es nur geht, und dies leider viel zu oft zuerst bei den Auslandskorrespondenten, auch hierzulande.

Die Herstellung von Nachrichten ist teuer. Und Döpfner hat wohl recht, wenn er warnt, dass Blogger und Suchmaschinen nichts zu verwerten, zu verbreiten oder zu remixen hätten, wenn niemand mehr qualitativ hochwertigen Content einstellt. Allerdings vergisst er, dass eben dieser Content, und zwar durchaus auch hochwertiger auch von Bloggern bereitgestellt werden kann. Dies hat sich nicht zum ersten Mal beim Aufstand im Iran vor einigen Monaten gezeigt. Das herrschende Regime konnte westliche Reporter zwar des Landes verweisen, und deren Berichterstattung so erheblich erschweren, es hatte aber vergessen, dass das Internet auch vor seinen Landesgrenzen nicht halt gemacht hat. Die Aufständigen organisierten sich über Facebook, Twitter & Co. und im Zuge der Berichterstattung schafften es YouTube-Videos von Amateuren sogar bis in die Tagesschau.

Spätestens hier zeigt sich, dass Blogger den traditionellen Journalismus erheblich bereichern können. Sie können ihn nicht ersetzen – nutzergenerierter Content muss redaktionell geprüft, editiert und aufbereitet werden. Aber das was Regierungen und Medienkonzernen der Öffentlichkeit als Wahrheit verkaufen, bedarf gelegentlich dringend einer Revision. Das kann man gerade am Beispiel von Murdochs Sender Fox News sehr schön nachvollziehen.

Obendrein sorgen Blogger und Suchmaschinen für einen erheblichen Besucherzuwachs auf einschlägigen Nachrichtenseiten, in dem sie Beiträge andere in ihrem Angebot verlinken. Das wiederum wirkt sich positiv auf die Werbeeinnahmen der Inhaltsanbieter aus.

Auch das kann ein Geschäftsmodell sein. In den USA sorgt derzeit eine Plattform namens Huffington Post für Aufsehen. Hierbei handelt es sich nicht, wie der Name vermuten lassen könnte um eine weitere gedruckte Tageszeitung sondern vielmehr um einen Zusammenschluss von ca.. 2.000 Bloggern, die über alles mögliche, was ihnen bemerkenswert erscheint schreiben. Wohlgemerkt unentgeltlich. Das Portal hat im letzen Jahr seine Reichweite vervierfacht und glänzt mit 8,1 Mio. Seitenaufrufen monatlich. Dieser Erfolg ist unter anderem der Tatsache zu verdanken, dass den Bloggern regelmäßig Exklusivmeldungen gelingen, nach denen sich traditionelle Medien alle zehn Finger lecken.Von den Werbeeinnahmen können 80 Angestellte bezahlt werden. Laut Mitbegründerin Arianna Huffington gingen mittlerweile mehrere Hundert E-Mails täglich ein, in denen Inhaltsanbieter darum bitten, dass auch ihre Beiträge in der “HuffPo” besprochen würden.

Klar ist trotzdem: Die Einnahmen reichen nicht dafür aus auch die Blogger für ihre durchaus respektable Arbeit zu entlohnen. Im Gegenteil, auch Online-Community Projekte renommierter Zeitungen seien teuer und würden letztlich hauptsächlich aus den Verkaufseinnahmen der Papierexemplare finanziert. Brechen deren Absatzzahlen jedoch ein müssen neue Einnahmequellen erschlossen werden. Darüber wird auch im von mir wärmstens empfohlenen Crossover-Projekt der Freitag eifrig diskutiert.  Freitag Verleger Jakob Augstein äußerte sich unlängst auch in der 3sat Kulturzeit zum Thema paid content, und wurde dafür von seiner eigenen Community heftig kritisiert. Diese nämlich fühlte sich für ihren Beitrag zum Reiz des gesamten Projektes zurecht nicht wertgeschätzt.

Lauscht man Arianna Huffington klingt die Lösung des Problems einfach.

Ambiguity is the new exclusivity.

Wer für die durch ihn zur Verfügung gestellten Inhalte bezahlt werden wolle, solle sich vor allem darum kümmern diese an so vielen Orten im Netz wie möglich verfügbar zu machen und vor allem auf die Finanzierung durch Werbung zu setzen.

Döpfners Prognose, dass es in 10 Jahren von der Grundversorgung mit Nachrichten abgesehen nur noch kostenpflichtige Inhalte geben werde, wies sie humorvoll aber energisch zurück.

Solange Sie keine bizarre Pornografie anbieten oder sehr spezifische Information für Anleger, werden sie keinen Erfolg damit haben Ihre Inhalte einzumauern. […]

und weiter:

I am sorry to say, that even though you are incredibly convincing, you will be proven incredibly wrong.

Hoffentlich behält sie recht.

Neues Airbrush-Verfahren enthüllt: Fremdenfeindlichkeit in Deutschland!

Günter Wallraffs neuester Coup: Ein Jahr lang erlebt er braun angesprüht und mit Afro-Perücke den Alltag eines Somaliers in Deutschland. Wie alltäglich ist es aber für Schwarze, dass ihr Jahr nur 6 Wochen Tage dauert und sie währenddessen permanent von einem Filmteam und einem Fotografen begleitet werden?

Den ansonsten sehr respektabel arbeitenden Damen und Herren vom ZEIT-Magazin ist dieser “Alltag” offenbar noch investigativ genug, um ihm ein Doppelcover und sechs Heftseiten zu widmen. Wer anschließend immer noch Schmink-Tipps braucht oder generell sehr für Karneval ist, kann sich alles nochmal en detail im Kino bei “Schwarz auf Weiß – eine Reise durch Deutschland” erklären lassen. Oder er kauft sich mit “Aus der schönen neuen Welt. Expeditionen ins Landesinnere” das Buch zur Story. Vielleicht reicht aber auch schon das Video hier um zu begreifen, wie borniert Wallraff selbst ist: Der Trailer zu seinem Film zeigt nicht etwa die Ausgrenzung die er in seiner Verkleidung erfahren hat sondern wie Wallraff in der Maske zurechtgemacht wird. Mit einem echten Schwarzen auf dem Sofa, der sich am Ende dem direkten Vergleich unterziehen muss. Wow! Ein echter Schwarzer! In Deutschland!

Zweifellos leben wir in einem Land, in dem die Ausgrenzung anders Aussehender zur Tagesordnung gehört. Viele Deutsche kriegen davon leider nichts mit, weil es in ihrem sozialen Umfeld  keinen anders Aussehenden gibt. (Herrje: Ist das etwa ein Indiz?) Schon um wieder einmal daran erinnert zu werden wie dreist, wie ignorant und wie himmelschreiend dumm viele unserer deutschen Mitbürger sind, lohnt sich die Lektüre von Wallraffs Artikel. Dennoch bleiben alle Erlebnisse Wallraffs zotige Anekdoten, und ähnlich wie bei den bis zum Erbrechen rezitierten Entgleisungen von Thilo Sarrazin, die der Intellektuellen-Postille Lettre International die Auflage Ihres Lebens beschert haben dürften, steht die Eitelkeit, Sensationsgier und das Aufmerksamkeitsbedürfnis der Autoren einer ernsthaften gesellschaftlichen Debatte im Weg. War es in Sarrazins Fall vor allem die messerscharf-zynische Kopftuchmädchen-Metaphorik die den Blick auf  die durchaus angebrachte Kritik an der verfehlten Integrationsleistung aller Beteiligten vernebelte, so ist es bei Wallraff die vor die Kamera gezerrte Kuriosität des Airbrush-Verfahrens und die ewige Betroffenheits-Romantik, die der ernsthaften Auseinandersetzung mit subtilem wie offensiven Rassismus schon im Ersten Absatz den Garaus macht.

Wallraff schreib selbst:

Der alltägliche Rassismus dagegen schafft es nur selten in die Zeitungen, was nicht bedeutet, dass er seltener ist. Er schafft es nicht über die Wahrnehmungsschwelle, er gehört zum deutschen Alltag […]

Danach aber vergisst er sich darüber zu wundern, auf welch schülerzeitungshafte Art und Weise er diese Wahrnehmungsschwelle durchbricht. Was er erlebt ist für mehr als 300.000 Menschen in diesem Land tägliche Realität. An 52 Wochen im Jahr. Auch ohne Perücke.  Wofür braucht es also diese alberne Undercover-Inszenierung? 300.000 Leute in diesem Land sind auch ohne Airbrush schwarz. Mit ein paar von Ihnen (gern vermittle ich hier Kontakte) hätte er sich lediglich unterhalten brauchen um ihnen ein öffentliches Forum zu verschaffen. Oder geht es Wallraff etwa vielmehr um sein Forum?

Jede meiner Rollen ist auf eine bestimmte Art anmaßend – aber ohne diesen Schritt auf fremdes Terrain würde ich viel weniger über die Lebenswirklichkeit der Menschen erfahren, in deren Haut ich schlüpfe.

Genau so ist es. Dieses Gebaren ist nicht nur anmaßend es ist vor allem eitel. Und hat mit Lebenswirklichkeit – weder mit schwarzer noch mit weißer – rein gar nichts zu tun. Sonst würde ja auch keiner drüber schreiben, oder?

Dabei scheint Wallraff durchaus recherchiert und auch nachgedacht zu haben:

Nach einer Untersuchung des Bielefelder Soziologen Wilhelm Heitmeyer pflegt rund ein Drittel der Deutschen rassistische Vorurteile. Wie viele Menschen in Deutschland hingegen aggressiv rassistisch sind, ist umstritten. Fest steht, dass nicht unerhebliche Teile der Gesellschaft den Rassismus als ideologisches Klebemittel brauchen, um sich ihrer nationalen Identität zu versichern. [..] Fremdenfurcht, genau wie Antisemitismus, hat ja auch nichts mit realen Erfahrungen zu tun, tritt sogar umso häufiger auf, je seltener Menschen Fremden begegnen.

Tiefer dringt er nicht in die Materie ein. Dabei geht der ernsthafte Diskurs frühestens hier los: Die Angst vor dem Fremden ist eine tiefe, fast archaische Urangst des Menschen. Leichter als sie zu überwinden ist es, den Fremden zum Freund zu machen. Vor dem, der nicht fremd ist fürchtet man sich auch nicht. Fremdheit überwindet man mit Begegnung. Womit der Kreis zur verfehlten Integrationspolitik mit schönem Gruß an Thilo Sarrazin geschlossen wäre.

Watch out Guido!

Nicht nur Westerwelle selbst wünscht sich sicherlich, den 18-plus-X Wahlkampf von 2005 aus den Köpfen der Menschen und den Archiven der Medien zu verbannen. Weil das nicht geht, hat er sich fürs Überpinseln entschieden. Sogar beim schon im Vorfeld nicht gerade als seriös geltenden TV-Total-Wahlkampf-Showdown letzte Woche erschien er als einziger in Schlips und Kragen und mahnte gebetsmühlenartig zur Seriosität. “Schließlich geht es weder um Sie noch um mich. Es geht um unser Land, Herr Raab.” Dass er mit Sätzen wie diesem gepunktet hat, wissen wir heute alle.

Offenbar steigt ihm sein Erfolg jedoch zu Kopf. Über den Pressekonferenz-Eklat am Montag wurde ja auf breiter Front berichtet – nicht gerade zu Westerwelles Gunsten. Für ihn offenbar Anlass genug sich bei der heutigen Pressekonferenz anlässlich der FDP-Präsidiumssitzung nochmals auf den Fremdsprachenverweigerungs-Ausrutscher zu beziehen:

“Herzlich Willkommen zur Pressekonferenz zur FDP-Präsidiumssitzung, die auf Wunsch aller ausschließlich in deutscher Sprache gehalten wurde.” Das Gelächter blieb verhalten, der Witz war eben so witzig nicht. Auch später in der Konferenz bezog er sich nochmal auf den Vorfall und zwar in einer Art und Weise, die man gutmütig durchaus als Entschuldigung verstehen könnte. Er verwies auf den harten, anstrengenden Wahlkampf, sein erheblichen Schlafdefizit und behauptete außerdem dem BBC-Journalisten die Antwort 3 mal höflich und nur ein zu vernachlässigendes Mal etwas spitz gegeben zu haben. Er bat um Nachsicht.

Vielleicht wäre man sogar versucht gewesen selbige walten zu lassen, wenn der Rest dieser Pressekonferenz nicht so katastrophal daneben gegangen wäre. Als er die Frage eines weiteren Reporters inhaltlich nicht verstand, “obwohl sie auf deutsch gestellt war”, schlug dieser gewitzt vor, dass er auch auf Altgriechisch fragen könnte. Westerwelle parierte und drohte er werde die Frage dann auf Latein beantworten. Wenn er es denn nur mal hätte.

Die Wahrheit ist: Herr Westerwelle hat keine einzige Frage beantwortet. Natürlich hat er geredet. Gebetsmühlenartig wie gewohnt. Gesagt hat er aber nichts. Weshalb sich sogar der Phoenix-Moderator Gerd-Joachim von Fallois nach Abschluss der Konferenz dazu hinreißen ließ dem irritierten Zuschauer zu erklären: “Wir Journalisten sind ja nicht freiwillig hierher gelaufen, sondern von der FDP eingeladen worden. Wenn Herr Westerwelle aber keine Fragen beantworten will, hätte man sich das auch sparen können.”

Das stimmt nicht ganz. Wie immer gab es was zu lernen. Westerwelles Weisheit des Tages: “Fragen beantwortet man nicht immer, wenn sie gestellt werden, sondern wenn sie sich stellen.” Auf die kritische Nachfrage einer Journalistin, die dieses Statement offenbar nicht nur ebenso respektlos sondern auch ebenso gefährlich für die Demokratie und die Rolle der Medien in selbiger empfand, stolperte er: “Sie dürfen meine Weigerung Ihre Fragen zu beantworten nicht in den falschen Hals bekommen.” Er könne Fragen zu den Ergebnissen der Koalitionsverhandlungen mit der Union freilich erst geben, wenn diese Verhandlungen abgeschlossen seien.

Das mag stimmen. Was aber war dann Westerwelles Ansinnen bei dieser Pressekonferenz? Hatte er erwartet, dass ihn die Journalisten nach seinem Lieblingsmüsli oder seiner aktuellen Gute-Nacht-Lektüre fragen würden?

Und viel wichtiger: Müssen wir hinnehmen, das Politiker neuerdings ungeniert und vor offenen Mikrofonen erklären, dass es Transparenz und klare Kante in der Politik nicht mehr geben kann? Ganz ähnlich polterten ja Herr zu Guttenberg und auch Herr Steinbrück bei Anne Will einen Sonntag vor der Wahl, als sie verkündeten, dass es unabhängig vom Wahlausgang harte Einschnitte geben würde, und man “Abschied von Liebgewonnenem” nehmen müsse, um sich dann trotz mehrfacher Nachfrage Wills zu weigern, auszusprechen worum es sich dabei handele.

Poor Guido!

Darüber muss man gar nicht streiten: Es war unelegant, unhöflich und belehrend, wie der deutsche Außenminister in spe Guido Westerwelle sich auf einer Pressekonferenz am Montag weigerte, die Frage eines Journalisten der BBC in Englisch zu beantworten und ihm in zweiter Instanz sogar verbot seine Frage wenigstens auf Englisch zu stellen. Zumal Sätze wie “Es ist Deutschland hier.” sogar in Westerwelles Muttersprache ziemlich dahingestolpert klingen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Dennoch darf man sich darüber wundern, welch hämischen Wellen diese peinlichen 30 Sekunden im Netz schlagen.

Es ist nämlich alles andere als üblich, dass sich Politiker vor laufender Kamera in einer anderen als ihrer Muttersprache äußern, zumal dann nicht, wenn die Themen ernst oder sogar heikel sind. Das begreift man schnell, wenn man beispielsweise versucht, ein Videoschnipselchen im Netz zu finden, an dem sich die Englischkenntnisse unseres bisherigen Außenministers Frank-Walter Steinmeier prüfen ließen – es gibt keins. Auch die Suche nach einer Englischprobe von Angela Merkel endet mit null Treffern. Lediglich Joschka Fischer traut sich ein englisches Interview zu geben, allerdings erst, nachdem er aus der politischen Verantwortung des Außenministers längst entlassen ist.

Dafür gibt es nachweislich auch gute Gründe: Wenn mein Lieblingspopstar zur Eröffnung seines einzigen Deuschlandkonzertes ein besoffenes “Güten Obend Börlin” herauskaut, ist das niedlich und supersüß. Wenn aber Herr Sarkozy gleiches versucht, während er über politische Dinge spricht, kann das nur peinlich und irritierend wirken:

Das hat offenbar sogar Sarko selbst eingesehen, und sich nach der Bauchlandung umgehend für ein paar Englischstunden angemeldet. Schreibt jedenfalls der Telegraph.

Verblüffend finde ich auch, dass sich niemand über die Selbstverständlichkeit wunderte, mit der der Journalist die englische Frage stellte. Ich weiß schon, wenn ich jetzt sage, dass niemand auf einer Pressekonferenz in London auf den Gedanken käme eine deutsche Frage zu stellen, heißt es sofort, dass man das überhaupt nicht vergleichen könne, weil Englisch schließlich die derzeitig Weltsprache ist. Dass stimmt freilich. Wäre ich jedoch Journalist in Frankreich oder England, würde ich mich bemühen die entsprechende Landessprache zu erlernen. Das soll die journalistische Arbeit ja erheblich erleichtern. Und wäre außerdem Ausdruck von Respekt und Interesse.

Nicht schwitzen!

Dafür, dass einem an jeder Straßenecke prophezeit wird, wie waaahnsinnig langweilig der heutige Fernsehabend sein wird solange man nicht “Die Simpson – Der Film” guckt, ist das mediale Rauschen um das anstehende TV-Duell zwischen Steinmeier und Merkel doch ziemlich laut, oder?

Gysi schimpft über das„Regierungs-Selbstgespräch zwischen Kanzler und Vize-Kanzler Steinhauer, äh, meier“ und fragt sich, “wie’se da Spannung reinkriejen wolln", während Westerwelle dem verhinderten Zuschauer die “Realsatire” freundlicherweise schon mal vorab zusammenfasst: “Frau Merkel wird dann sagen: Frank-Walter, es war nicht alles schlecht. Und Frank-Walter sagt: Da hast du recht, Angela.” Frau Künast hingegen übt sich in Sachlichkeit und erklärt, es sei schlichtweg "undemokratisch, wenn nicht alle Parteien ihre Konzepte darlegen können". Trotz ehrlichem und aufrichtigem darüber Nachdenken fällt mir kein Argument dagegen ein: Das stimmt wohl. Ebenso richtig scheint mir zu sein, dass der Gesprächsrunde heute Abend deutlich Potential verloren geht, weil die drei oben genannten einfach ausgesperrt wurden. Deren Zusammentreffen am Donnerstag bei Maybrit Illner war nicht nur aufschlussreich sondern durchaus auch verblüffend, gerade in Bezug auf die eigentlich ja streng verbotene aber teilweise geradezu aufdringliche programmatische Ähnlichkeit von Grünen und FDP.

Aber nicht nur die Leugnung jeglicher oppositionellen Kraft treibt mir mit Blick auf die Sendung heute Abend Falten der Irritation auf die Stirn:

1. Wer heute die Fernsehzeitung aufschlägt lernt das gruseln: Das TV-Duell läuft auf 5 Kanälen gleichzeitig. Auf Phoenix wird das Geschehen simultan in Gebärdensprache übersetzt, alle anderen Kanäle, nämlich das Erste, das ZDF, RTL und Sat.1 werden sich nur durch das eingeblendete Logo voneinander unterscheiden. Ganz ehrlich: Was soll das? Gewinnen RTL und Sat.1 durch einen einzigen Abend tatsächlich an politischem Profil? Glaubt das jemand? Oder wäre bei einer erwarteten Einschaltquote von 20 Millionen jede andere Programmierung schlichtweg zu teuer?

2. Obwohl es schon die Sache schon beim letzten Mal eher zur Komödie denn zum Action-Kracher gemacht hat, werden auch diesmal vier Moderatoren – genau: einer nämlich von jedem beteiligten Sender – auf die Kandidaten losgelassen. Vielleicht ist das Kindergartenfairness fürs Leben, und vielleicht sind die zu erwartenden Gockelkämpfe zwischen Herrn Plasberg und Herrn Kloeppel auch unterhaltsam, der Seriosität der Sache dienlich ist diese Moderatoren-Gruppentherapie wohl aber nicht.

3. Die Regeln des Duells sind vorab veröffentlicht, damit alle Hobbyschiedsrichter, die es pünktlich vom Dorfsportplatz zur Tagesschau geschafft haben, die Trillerpfeife für Fouls auch zuhause nur aus dem Mund nehmen müssen, um die Bierflasche anzusetzen. Neben der Begrenzung und peinlichen Überwachung der Redezeit auf 90 Sekunden pro Frage finden sich im Regelwerk auch so sinnige Vorgaben wie das Verbot jeglicher Gegenstände auf dem Pult außer Papier und Stift. Wollte jemand einen Teddy mitbringen oder was?

4. Lässt man auch dieses Mal den Regisseur Volker Weicker an die Steuerknüppel hinter den Kulissen. Weicker ist gut und preisgekrönt. Vor allem für Fußballspiele, Formel-1-Übertragungen und (Aufpassen!) Boxkämpfe. Und wie ein Boxkampf soll die ganze Nummer wohl auch wirken. “Blutgrätschen sind verboten”, titelt der Tagesspiegel zynisch. Gut zu wissen.

Soweit ich das verstanden habe, ist das hier ein Bundestagswahlkampf. Es geht darum, als Wähler zu entscheiden, wem man am ehesten zutraut, das Land halbwegs passabel durch diese ja nicht ganz einfache Zeit zu navigieren. Es geht nicht darum, wem im TV-Event des Jahres die markigsten Sprüche einfallen und wer überzeugender mit den Armen wedelt sondern darum, die zur Wahlstehenden Inhalte in einer kompakten 90-minütigen Gesprächsrunde – keinem Fußballspiel – direkt gegenüberzustellen.

Das hab ich aber ganz offensichtlich missverstanden, wie ein Blick in die Medien verrät:  Der RBB beispielsweise widmet dem Duell im Vorfeld ein Medienmagazin in dem die Moderatoren der Sendung – und nicht etwa die Kandidaten – ins Blaue drauf los schwadronieren dürfen. Die Zeit hingegen erhofft sich vom Duell die Wahlkampfwende, und gibt obendrauf gleich noch hilfreiche Tipps in Steinmeiers Richtung: “So kann ein schwitzender Kandidat etwaige Zweifel an seiner Eignung bestätigen.”

Da kann man nur hoffen, dass Steinmeiers Antitranspirant heute Abend nicht versagt bzw.. dass Udo Walz nicht gerade heute mit einer akuten Magen-Darm-Infektion darnieder liegt. Glaubt man den Medienmachern, könnte Merkel die Wahl verlieren, wenn ihre Haare heute Abend nicht perfekt sitzen.

Wenn man sich mal auf der Zunge zergehen lässt, für wie bescheuert leicht manipulierbar der Wähler von einigen Medienfuzzis Medienmachern gehalten wird, könnte man tatsächlich Lust auf einen Boxkampf bekommen.

Caster – Die Ausgestellte

Das ist doch spitzenmäßig, dass die subversiven, investigativen Top-Journalisten des australischen Daily Telegraph derartig gut vernetzt sind, dass sie der ins Zentrum der aktuellen Genderdebatte gezerrten  (kopfkompass berichtete) südafrikanischen Sportlerin Caster Semenya die Resultate ihres von der IAAF angeordneten Geschlechtstestes hübsch aufbereitet in der Morgenausgabe des Blattes präsentieren kann. Et voila!

Vielleicht ist es ein klitzekleines bisschen problematisch, dass Semenya den australischen Telegraph höchstwahrscheinlich nicht abonniert hat, da er leider, leider auf einem anderen Kontinent erscheint. Und vielleicht ist es auch ein klein wenig schade, dass die Ergebnisse weder offiziell noch bestätigt sind, da eben noch nicht alle Testergebnisse vorliegen. Und etwas unglücklich ist wohl auch, dass Semenya von diesen Ergebnissen im Vorfeld der nun doch sehr öffentlichen Veröffentlichungen nichts wusste. Bei allem Gutmenschsein, wünscht man dem anonymen, nicht genannten weil nicht genannt werden wollenden Informanten dann doch, dass auch er eines Tages aus der internationalen Farbbild-Presse erfährt, dass sich unter seinem Bierbauch nicht nur ein hoffnungslos überdehnter Magen sondern auch zwei prächtige Eierstöcke befinden.

Die sehr gut funktionierenden Netzwerke haben jedenfalls ans gleißende Tageslicht gebracht, das Semenya tatsächlich weder Mann noch Frau ist. Wer Lust auf biologische, hormonelle und organische Details hat, kann diese hier befriedigen, und sich dann kopfüber in das morastige Und-wie-jetzt-weiter? stürzen, das sich nach der Lektüre auftut.

Es wird beispielsweise allen ernstes darüber nachgedacht Semenya ihre Goldmedaille abzuerkennen, weil sie über dreimal soviel Testosteron wie normale Frauen verfügt. Allein schon bei diesem einzelnen Gedanken wird mir ganz schummrig zumute, ob all der umherschwirrenden Fragezeichen. Lassen wir den spannenden Exkurs darüber, was normale Frauen sind der Einfachheit halber mal beiseite. Wer kann aber ernsthaft davon ausgehen, dass es sich bei irgendeiner der beim 800m-Lauf der Berliner Leichtathletik-WM gestarteten Läuferinnen um eine “normale Frau” handelte? Ich verwette mutig mein Y-Chromosom (hoppla, hab ich überhaupt eines?) darauf, dass ausnahmslos jede von denen einen erhöhten Testosteron-Spiegel hatte, weil das im Leistungssport unserer Tage wohl einfach zum guten Ton, zumindest aber zu den Voraussetzungen für eine minimale Siegchance gehört. Und dann wüsste ich noch gern, seit wann genau eben dieser Testosteron-Spiegel bei Leistungssportlerinnen gemessen wird. Ach, das wird gar nicht generell gemacht sondern nur in Ausnahmefällen? Konkret wurde das eigentlich nur bei Semenya gemacht? Oha. Soso. Ob das wohl zu den obskuren Rassismus- und Sexismus-Vorwürfen geführt hat? Hm.

Vom wahrscheinlich sehr schmerzhaften öffentlichen Planieren der intimsten Privatsphäre mal abgesehen, scheinen mir solche generellen Tests allerdings als durchaus sinnvoll. Jedenfalls solange, bis im Leistungssport begriffen wurde, dass es natürlich die verlässlichen und heimeligen Pole männlich und weiblich gibt, in deren vertrauten Schein wir uns gern wärmen, dass sich dazwischen aber ein weites und spannendes Feld auftut, in dem echte Menschen mit echten Gefühlen, Familien Biographien und so weiter leben. Und mit dem echten und eigentlich selbstverständlichen Recht auf persönliche Würde.

Semenya selbst sagt laut Spiegel:

„Ich halte das für einen Witz, das regt mich nicht auf. Gott hat mich so erschaffen, wie ich bin, und ich akzeptiere mich.“

und ich hoffe sehr, dass es sich für sie auch wirklich so anfühlt. Glauben kann ich es nicht. Erst recht nicht, wenn ich mir die ziemlich angestrengten Modefotos des südafrikanischen You Magazine ansehe.

Der Steinmeier-Effekt

Eines vorweg: Bisher habe ich in meinem Leben genau zwei Mal SPD gewählt. Einmal, weil ich den örtlichen Oberbürgermeister, der sich erneut zur Wahl stellte kannte und mochte. Und einmal, weil ich zwischen der charmanten wenn auch eitlen Dynamik eines Gerhard Schröder und der behäbigen wenn auch soliden Dümpelei eines Helmut Kohl zu entscheiden hatte. Vielleicht sind wir hier schon am Kern des Problems: Ich habe in beiden Fällen Personen gewählt, keine Parteien.

Ganz offensichtlich ist das keine meiner persönlichen Unarten sondern durchaus ein allgemein-gesellschaftliches, zumindest aber deutsches Phänomen. Ich kenne keine Prognose, die irgend einen Zweifel daran ließe, das Angela Merkel die kommende Bundestagswahl haushoch gewinnen werde. Nicht die CDU. Sondern ihre Vorsitzende. Die Kanzlerin. Angie. Die Deutschen mögen sie. Und wollen, dass sie bleibt.

Frank-Walter Steinmeier ist furchtbar unsympathisch. Finde ich. Und damit scheine ich nicht allein zu sein. Abgesehen von der Wahl ihres Kanzlerkandidaten hat die SPD nämlich alles richtig gemacht:

In ihrem67-seitigen Deutschland-Plan formuliert sie klare Visionen. Natürlich: Die Hoffnung auf Vollbeschäftigung in Deutschland ist keine hehre Vision, auch kein verführerisches Wahlkampfversprechen sondern schlichtweg albern. Davon abgesehen aber, durchaus respektable Ziele: Staatsinvestitionen wann immer möglich in ökologisch verträgliche, wenn nicht gar regenerative Projekte. Klare Regulierung der Finanzmärkte. Konkrete Zielmarken zur Gleichbehandlung von Frauen. Ein evidentes Konzept zur Breitbandversorgung von ganz Deutschland bis 2010 usw. usf.

Die CDU hingegen bleibt – und das ist auch überall zu lesen – schwammig und ungefähr. Ihr Regierungsprogramm ist dermaßen konsensfähig, dass ich persönlich große Mühe habe, mir ein beherztes Gähnen zu verkneifen. Keine konkreten Zahlen, keine genauen Termine, keine Fakten anhand derer man in vier Jahren prüfen könnte, wie viel die Versprechungen wert waren. Und das zügig zusammengeflickschusterte Konzept von Shooting-Star zu Guttenberg, das als prompte Reaktion auf Steinmeiers Plan gespielt werden sollte, wurde jetzt kurz vor knapp zurückgezogen.

Davon abgesehen spielt die Kanzlerin das alte Spiel, das keine so gut beherrscht wie sie: Aussitzen und Abwarten. Sie lässt sich auf keinerlei unangenehme Konfrontation ein, ignoriert den politischen Gegner anstatt mit ihm zu streiten und tut so, als sei überhaupt gar kein Wahlkampf. Vielleicht nicht die schlechteste Strategie. Spannend ist aber, das man dieses Verhalten einer Angela Merkel als ruhige Hand, Konzentration auf wesentliche tagespolitische Aufgaben oder sicheres Fortschreiten des eingeschlagenen Führungskurses auslegt, während man einem Frank-Walter Steinmeier an ihrer Stelle Feigheit, Konzeptlosigkeit oder Farblosigkeit unterstellen würde.

Hier sind wir schon wieder am Kern des Problems: Frank-Walter Steinmeier ist furchtbar unsympathisch. Und langweilig. So sehr, dass sein Townhall-Meeting nur von halb so vielen Zuschauern verfolgt wird, wie das der Kanzlerin vor einigen Wochen. Und sogar so sehr, dass dem Medienjournalisten Niggemeier, den die ganze Angelegenheit ja nun von Berufswegen interessieren sollte, der Kopf im plötzlich einsetzenden Tiefschlaf auf die Tischplatte zu schlagen droht.

Selbstverständlich hat die SPD Fehler gemacht. Kurt Beck zum Beispiel. Oder Matthias Platzeck. Oder die Reanimierung von Müntefering inklusive der lächerlichen Umzugskisten-Entgleisung und dem Märchen von den egalen Arbeitslosen. Trotz allem ist mir schleierhaft, warum sie vom Wähler dafür so hart bestraft wird. “Mit der Agenda 2010 hat sie ihre Klientel verprellt.”, lautet eine gern gewählte Standard-Antwort. Na schön. Mag sein. Aber ebenso gut hätten die Grünen ihre Klientel mit dem Ja zum Afghanistan-Einsatz vor einigen Jahren oder dem rassistisch-sexistischen Wahlplakat-Totalausfall von neulich  in die Flucht schlagen können, der zwar heute zurückgenommen wurde, aber eben nicht ungeschehen gemacht werden kann. Ist aber nicht passiert.

Der Umgang mit der SPD ist ungerecht. Das liegt an Steinmeier, an der stillen, aber  transmedialen Übereinkunft dass die SPD nunmal dieses Jahr das Opfer ist und daran, dass niemand 67-seitige Programme lesen möchte, wenn er sich aus Erfahrung ohnehin nicht mehr daran zu glauben traut.

Zeit ist Gnade

Es würde sich lohnen, an dieser Stelle über Produktdesign zu debattieren. Oder vielleicht doch nicht: Das vorliegende Beispiel erhebt den Zeigefinger so weit, dass man nach dem ersten Schreck aufhören kann, ihn ernst zu nehmen. Jedes weitere Wort darüber wäre Zuckerguss auf Fettglasur.

Deswegen direkt zur Botschaft: „Zeit ist Gnade.“ Man kann sich den Kopf darüber zerbrechen so lange man mag: Es passt kein fehler zwischen diese drei worte. Obwohl viel in und zwischen ihnen steckt. Von „Carpe diem!“ über „Die Zeit heilt alle Wunden.“ bis hin zu „Gut Ding will Weile haben.“

Und da stößt mir gleich die nächste Binsenweisheit auf: „Zeit hat man nicht, man muss sie sich nehmen.“ Und obwohl es so einfach ist, ist es so einfach eben nicht. Wie wir wohl alle wissen.

Aber Zeitmanagement ist eine Goldgrube. Das spüren selbst die, die es darin noch nicht zur Meisterschaft gebracht haben, wie ich. Ein erster aber entscheidender Schritt zu selbiger kann das Vermeiden von sinnlosem Medienkonsum sein. Seit drei Tagen nun habe ich mich von Werbeplakaten und Wanderkarten abgesehen keinerlei Medien ausgesetzt.

Der Gedanke, das Hurrican Gustav mittlerweile 100.000 Menschen getötet haben könnte ist beunruhigend. Aber er entlarvt, dass meine bloße Kenntnis davon daran nicht das Mindeste ändern würde und also entbehrlich ist. Gleiches gilt für die jüngsten Parolen aus dem US-Wahlkampf und die aktuellen Entwicklungen im „Marienhof“.

Es ist verblüffend, beinahe beunruhigend daran erinnert zu werden, welches Potential in 24 Stunden steckt, wenn man die Freiheit und den Mut hat, sie nicht zu verbringen, sondern zu erleben.