Männermode: Warum kurze Hosen im Büro sehr wohl gehen

Jeden Sommer quälen mich Menschen, die in offensichtlicher Ermangelung anderer Talente Fashion-Experten werden mussten, mit Kolumnen zur sommerlichen Kleiderordnung am Arbeitsplatz. Man erkennt ihre Artikel an der Kombination der Termini „No-Go“, „Tabu“ oder „nackte Haut“ mit dem Wort „Büro“ in der Überschrift. Daher ist es nicht schwer, sie zu überlesen. Damit ihre perfide Hirnwäsche trotzdem funktioniert, sind sie dazu übergegangen, ihre Indoktrination als Alltagstipp im Popradio oder als Ratgeberbeitrag im Frühstücksfernsehen zu streuen.

Alljährlich verhandeln sie die tolerierbare Rocklänge für Damen sowie ob Strumpfhosen sein müssen oder Zehen erlaubt sind. Gelegentlich kommt Zwist auf, ob es bei den Herren notfalls auch ohne Jackett ginge oder ausnahmsweise ohne Krawatte. Furchterregend einig ist man sich jedoch in einem Punkt: Kurze Hosen für Männer gehen gar nicht.

Ich erkläre hiermit feierlich: Das ist Mumpitz. Männermode: Warum kurze Hosen im Büro sehr wohl gehen weiterlesen

Ich habe Angst vor Ärzten und ich kann das erklären

Ich bin 32 Jahre alt und gesund. Hoffe ich. So sehr. Ich habe Angst vor Ärzten und ich kann das erklären.

Ich gehöre zu den Männern Menschen, die Arztbesuche soweit aufschieben, wie es nur geht. Ich bin einer von denen, die ab Juni an ihre jährliche Zahnarztvorsorge denken, aber erst am Abend des 22. Dezember der entnervten Sprechstundenhilfe gegenübertreten, um unter Einsatz allen verfügbaren Charmes einen Termin noch in diesem Jahr zu erbetteln. Einmal, als ich drei Jahre lang nicht mutig genug war, zum Zahnarzt zu gehen, und mir die Ärztin an einem dieser Dezemberabende kühl eröffnete, bis Mitte März des nächsten Jahres neun meiner Zähne sanieren zu wollen, bin ich unumwunden in Tränen ausgebrochen. Zwölf Mal wollte sie mit Bohrern, Schleifern, Saugern, Schläuchen und Metalllegierungen in meinen Kopf eindringen, ohne mir den Segen einer Vollnarkose zuteil werden zu lassen! Das ging nicht. Nirgendwo fühle ich mich ausgelieferter, als auf dem Behandlungsstuhl einer Zahnärztin. Ich bin sehr stolz darauf, dass mein Gebiss mittlerweile komplett saniert ist. Natürlich nicht von diesem sadistischen Monster, sondern von einer engelsgleichen Zahnfee mit dunkler Dauerwelle, die sich – mutig die Realität leugnend – von winzigem Löchlein zu winzigem Löchlein gefaselt hat. Bitte: Ich möchte von Zahnärztinnen angelogen werden. Ich habe Angst vor Ärzten und ich kann das erklären weiterlesen

Kritik zu „Männer wie wir“: Antwort der Aids-Hilfe

Am 3. März schrieb mein Freund Klemens Ketelhut einen offenen Brief an die Macher der Kampagne „Ich weiß was ich tu“ der Deutschen Aidshilfe. Ich habe den Brief hier veröffentlicht. (Für eilige Leser: Im Rahmen der Kampagne gab es eine Wanderausstellung, die unter dem markigen Titel „Männer wie wir“ ausschließlich Fotos junger, muskulöser, schlanker Männer zeigte. Wir fanden den Fehler.)

Vorgestern, also genau einen Monat und einen Tag nach unserem Brief, erhielten wir eine Antwort von Matthias Kuske, dem Kampagnenmanager von „Ich weiß was ich tu“. Und die geht ungefähr so: Kritik zu „Männer wie wir“: Antwort der Aids-Hilfe weiterlesen

Wer in meiner schwulen Beziehung die Frau ist.

Als ich gestern Abend von der Runde mit meiner Hündin nach Hause kam, begrüßte mich meine Nachbarin im Hausflur und verwickelte mich in ein Gespräch. Meine Nachbarin ist 74, ein bisschen rau, ein bisschen laut, sehr herzensgut. Manchmal passt sie ein Stündchen auf meinen Hund auf, manchmal helfe ich ihr mit ihrem Fernseher. Oft nimmt sie meine Pakete an.

Als unser Geplänkel beendet war und ich schon einen Treppenabsatz genommen hatte, rief sie: „Ach, und-„.
Ich drehte mich um.
„Was ich schon lange mal fragen wollte: Wer ist eigentlich bei euch die Frau?“
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Männer wie wir?

Mein Freund Klemens Ketelhut, wies mich neulich auf die Foto-Ausstellung „Männer wie wir“ hin, die die deutsche Aids Hilfe im Rahmen ihrer Kampagne „ICH WEISS WAS ICH TU“ seit 2009 durch die Lande ziehen lässt. Warum wir uns über die Bilder erst sehr amüsiert und dann sehr geärgert haben, formuliert Klemens in einem offenen Brief, der heute an kampagne@iwwit.de versandt wurde:

Liebe Leute von IWWIT,

„ICH WEISS WAS ICH TU unterscheidet sich bildlich und textlich stark von bisherigen Kampagnen. Die Motive verzichten auf Sexualisierung mittels durchtrainierter Körper, die sonst vielfach die Bildsprache in Medien für schwule Männer prägen.“

Diese Selbstbeschreibung findet sich in dem Überblick zur IWWIT-Kampagne. Ein erfreuliches Signal. Eine Kampagne, die mit Menschen agiert. Die alltägliche Körper, Personen und deren Leben in den Blick nimmt. Wo es Leute im Rollstuhl, Leute jenseits der 25 und solche mit nicht-normierten Körpern gibt. Diversity sozusagen. Wie schön. Und lebensnah. Und mit einem hohen Identifikationspotential ausgestattet.

Und dann? Dann kommt die Foto-Wander-Ausstellung „Männer wie wir„. 60 Bilder russischer Männer. HIV-Status und sexuelle Orientierung treten in den Hintergrund. Es geht scheinbar um Menschen. Aber: präsentiert werden mir 60 Körper, die nahezu alle idealisiert sind. Jung, muskulös, schlank, durchtrainiert.
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Warum es unlogisch ist, dass Schwule Organe spenden dürfen

Bis eben dachte ich, dass ich mir zum Thema Organspende keine Gedanken machen müsste. Als schwuler Mann darf ich in Deutschland weder Blut noch Knochenmark spenden. Warum sollten meine Organe okay sein? Sind sie nicht. Also nicht so richtig.

Zum Blutspendeverbot

In den “Richtlinien zur Gewinnung von Blut und Blutbestandteilen und zur Anwendung von Blutprodukten” heißt es im Punkt “Kriterien für einen Dauerausschluss” (2.2.1):

“[Ausgeschlossen sind] Personen, deren Sexualverhalten ein gegenüber der Allgemeinbevölkerung deutlich erhöhtes Übertragungsrisiko für durch Blut übertragbare schwere Infektionskrankheiten, wie HBV, HCV oder HIV bergen:
– heterosexuelle Personen mit sexuellem Risikoverhalten, z. B. Geschlechtsverkehr mit häufig wechselnden Partnern,
– Männer, die Sexualverkehr mit Männern haben (MSM),
– männliche und weibliche Prostituierte.”

Im bundeseinheitlichen Fragebogen für Blut- und Plasmaspender wird diese Information in den Punkten 16 und 17 konkret abgefragt.

“16. Für Männer: Hatten Sie schon einmal Intimkontakt mit einem anderen Mann? […]
17. Für Frauen: Hatten Sie in den letzten 4 Monaten Intimkontakt mit einem bisexuellen Mann?”

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Aber dalli: Wählen gehen!

Raus aus den Federn und ab zur Urne, aber zack zack! Auf dem Rückweg kann ja wer will ja frische Brötchen von der Tanke mitbringen. Gefrühstückt wird nämlich nach der Wahl.

Wählen ist erste Bürgerpflicht. Und nach dem erhobenen Zeigefinger von Herrn Ramelow wird ja wohl keiner mehr Widerworte wagen, oder? Würde ich auch nicht empfehlen. Sonst gibt’s ne gepfefferte Backpfeife! Und Herrn Ramelows Handgelenk scheint mir heute besonders locker.

Und wie es nach der Wahl weitergeht, wenn jeder sein Kreuz an der Stelle gemacht hat, an der es Herr Ramelow befielt wurde beim gestrigen Wahlkampfabschluss in Erfurt sehr plastisch aber nicht minder poetisch symbolisiert:

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Herr Ramelow, wer auch immer Sie in PR-Fragen zum Wahlkampf beraten hat, kann sie überhaupt nicht leiden. Wer immer es ist, möchte mit allen Mitteln verhindern, dass Sie in den nächsten Jahren politisch irgend etwas mitzuentscheiden haben.

Erhobene Zeigefinger gehören in wilhelminische Kinderheime, Backpfeifenhände auf Wahlplakaten ins Kuriositätenkabinett und Politiker, die auf Nagelbrettern stehen unter denen Menschen liegen schlichtweg verboten.

Männer und Frauen

Ich rase durch Thüringen. Und weil Felder im März so brach und grau liegen und mich das oft so brach und grau macht, sitze ich an meinem Rechner und lese Texte, die ich mir gestern aus dem Netz gezogen hab. Um die Frauenbewegung geht es. Für mich eigentlich mehr um die Männerbewegung. Um Emanzipation geht es. Um weibliche und männliche. Um die mythologischen und spirituellen Wurzeln der Geschlechter geht es. Im Endeffekt um: Was ist weiblich? Was ist männlich? Im Endeffekt um meine Orientierungslosigkeit.

Und während der Zug durch Thüringen rast, merke ich, dass ich nicht mitreise im Kopf. Dass ich hängen geblieben bin. Dass ich nur Worte lese, keine Sätze. Ich fange an Reisende zu beobachten.

Mir gegenüber sitzt ein Mann. Dunkelgrünes Hemd, Karottenjeans, 80er Jahre Casio Digitaluhr. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Buch „Unix für Einsteiger“. Daneben: Leberwurstbrote in Alufolie. Daneben: ein Taschenrechner. Er schreibt emsig. Ich kann es nicht lesen, er schreibt sehr klein, er schmiert sehr aber es sind Formeln. Es sind Zahlen. Mathe.

Am Tisch neben mir sitzen zwei Frauen. Mutter und Tochter, äußerlich höchstens 10 Jahre auseinander. Ich kann ihr Parfum riechen. Wahrscheinlich benutzen sie dasselbe. Vor ihnen auf dem Tisch ihre Handys. Eins rosa, eins bordeaux. Daneben: eine Flasche Lichtenauer Wellness-Wasser. Daneben: 3 Zeitschriften: Amica, Freundin Shopping spezial und Glamour. Kein Witz. Aber sie lesen nicht. Sie reden. Darüber, wie zeitlos und praktisch Flip-Flops sind. Darüber, das L’Oreal-Haarfarben echt am längsten halten, und billigere Haarfarben nach dem Solarium lila aussehen, und darüber, dass der knallrote Lippenstift bei Cindy echt verboten aussieht. Die Tochter bekommt eine SMS. Sie liest laut: „Wünsche dir ein tolles Wochenende, aber treibe es nicht zu doll!“ Hysterisches Lachen. Ich klappe den Rechner zu und die Augen und verstopfe meine Ohren mit Musik und denke an was Schönes.

Es kann nicht viel Zeit vergangen sein. 10 Minuten, vielleicht 15. „Wird Kaffe gewünscht? Oh, habe ich sie geweckt?“ „Nein, nein, keine Sorge.“, murmele ich. Und während ich erstaunt darüber bin, wie kurz nach dem Aufwachen die Höflichkeit geladen ist, höre ich mich „Nein, danke. Für mich keinen Kaffee.“, sagen. Wahrscheinlich wird die Höflichkeit vor Tag, Uhrzeit und Ort geladen. Wahrscheinlich vor der Erinnerung an den eigenen Namen. Ich werde das beobachten.

Viel erstaunter bin ich aber über den Mann im dunkelgrünen Hemd und den Karottenjeans. Der reagiert nämlich überhaupt nicht auf die Kaffeeofferte. Auch nicht auf den Duft. Auch nicht auf mein Erschrecken. Er hat die Bücher weggepackt, und den Taschenrechner und das Schreibzeug. Er liest jetzt. Erich Fried: Gesammelte Liebesgedichte. Kein Witz.

Die Frauen am Nebentisch kaufen Kaffee und beschliessen, dass sie beim nächsten Mal gemeinsam bei Sport-Scheck bestellen, weil es ab 50 Euro 5% Rabatt geben würde und man gemeinsam ja Versandkosten sparen könnte. Dann lesen sie auch. Sich gegenseitig Horoskope vor.

Ich klappe meinen Rechner auf und beginne zu schreiben.