Was ist gute Kunst?

Zuweilen habe ich mich in meinem Kunststudium sehr gelangweilt. Insbesondere in Vorlesungen, in denen seelenlose Kunstwerke besprochen wurden. Anfangs habe ich mich dafür sehr geschämt. Wer bin denn ich, die Qualität eines Kunstwerkes zu beurteilen? Bitte was ist denn die Seele eines Kunstwerkes? Je mehr Arbeiten ich selbst produzierte, umso klarer wurde mir: Gute Kunst ist keine Frage des Geschmacks sondern eine Frage der  Qualität. Deshalb schreibe ich heute Texte. Und deshalb kann ich versuchen zu erklären, woran man gute Kunst erkennt. Ich verspreche: Es ist einfacher, als angenommen.
Was ist gute Kunst? weiterlesen

Wahr ist aber auch

Ich habe den Job angenommen. Freitag Mittag, 12 Uhr. Weil es sich richtig angefühlt hat nach dem Aufstehen, nach der altbewährten drübergeschlafenen Nacht.

Mittlerweile haben sich natürlich Zweifel eingestellt. Ich habe den Job für 30 Stunden zugesagt und nicht für 39 wie ursprünglich ausgemacht. Aber auch 30 Stunden sind viel. Zu viel wie ich fürchte. Meine Angst ist, dass man „die Kunst“ tatsächlich nicht nebenbei macht. Schließlich soll sie eben nicht nur ein Hobby sein sondern viel viel mehr als dass. Und schließlich ist auch fraglich wie viel Inspiration und Muse denn übrig bleibt, wenn man jeden Tag sechs Stunden Kreditkartenhai spielt. Am Wochenende Fernbeziehung und dann und wann der Hund.

Hinzu kommt außerdem, dass sich Kreativität und künstlerisches Arbeiten ja nicht planen lässt. Man muss darauf warten. Ich jedenfalls. Ich muss warten, bis es mich überkommt. Ich muss hinhören, lauschen. Ich fürchte, ich werde viel zu abgelenkt sein um mich konzentrieren zu können.

Wahr ist aber auch, dass ich das Geld brauche, um über die Runden zu kommen. Mein Auto ist zehn Jahre alt, seit drei Jahren war nicht im Urlaub und über Themen wie Vermögensaufbau oder Altersvorsorge habe ich mir bisher nur beruflich, nicht aber privat Gedanken gemacht.

So sehr ich die Kunst liebe, seit ich sie kennen gelernt habe steht sie auf der Ausgabenseite der Bilanz. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich das ändert, aber ih persönlich kenne ich bisher niemanden, der sich darüber freuen konnte. Und meine künstlerischen Arbeiten sind schon wegen des Mediums Video nicht gerade zum Verkaufsschlager prädestiniert.

Wahr ist aber auch, dass man an seinen Träumen dran bleiben muss, dass man kämpfen muss und sich verbeißen. Kann man dass, wenn man 30 Stunden seiner Woche verkauft hat? Kann ich das?

Ich will es.
Künstler sein bedeutet ganz ausdrücklich, seinen Weg finden zu müssen. Und nur, weil der durch ein Bankbüro führt, werfe ich doch nicht das Handtuch.

Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass es sehr albern ist, zu fürchten, man könne die Kunst wegen widriger äußerer Umstände verlieren. Wenn ich sie brauche und liebe wird sie auch bleiben. Meine Zweifel können sie betäuben. Meine angelernten Filter und inneren Kritiker können ihr schaden. Eine Bank kann es nicht.

Ich werde es beweisen.

"Vom Idealismus alleine wirste nich satt!"

Stellen Sie sich vor, Sie hätten als 18-jähriger eine Bankausbildung begonnen und schon bald erkannt, dass Sie das erstens nicht interessiert und Ihnen zweitens deshalb keinen Spaß macht.
Sie hätten diese Ausbildung aber trotzdem zu Ende gebracht, weil Sie danach erzogen wurden alles zu Ende zu bringen, was sie angefangen haben. Stellen Sie sich vor, Sie hätten nach der Ausbildung als Finanzberater angeheuert, und es schlussendlich trotz der Bombenbezahlung nicht mehr mit Ihrem Gewissen vereinbaren können, Rentnern Investments in Technologiefonds aufzuschwatzen, obwohl diese sich diese Rentner vor Computern fürchten und nicht wissen, was das Internet eigentlich ist. Daraufhin hätten Sie schließlich gekündigt und ihren kopfschüttelnden Familienmitgliedern zum Hohn ein Kunststudium begonnen.

Nehmen wir nun an, sie würden gegen Ende dieses Kunststudiums erkennen, dass der ganze ästhetische Philosophiezauber Ihrem Geist und Ihrer Seele zwar sehr gut tut, Ihrer Brieftasche und Ihrem Bankkonto aber außerordentlich missfällt. Nehmen wir an, sie wären mittlerweile von zahlreichen treuen Freunden umgeben, die die 30 allesamt längst überschritten hätten und ähnlich wie Tarzan von Liane zu Liane, von Monat zu Monat und von unwürdigem Job zu Ausbeute hangeln würden, ohne ihren Dispo dabei jemals zu verlassen, und auch ohne zu gefeierten Kunst-Superstars aufzusteigen. Konkretisieren wir mit der Annahme, dass Sie selbst in den zurückliegenden fünf Jahren insgesamt 7.500 € mit Ihren Kunstwerken eingenommen haben. Also angenommene 1.500 € pro Jahr.

Gehen wir obendrein davon aus, dass Sie vor einem Jahr einen Nebenjob begonnen hätten. Sagen wir mal in einem Call-Center einer Bank. Ihnen lag nichts an diesem Job, an der monatlichen Gutschrift war Ihnen hingegen sehr gelegen. Gehen wir davon aus, Sie hätten sich in diesem Call-Center nun doch sehr engagiert und eingebracht, weil sie den Laden andernfalls  eines Tages aus purer Langeweile hätten anzünden müssen. In unserem Gedankenexperiement hat ihr Engament früchte getragen und Sie schließlich zu folgender finalen Situation geführt:

Ihnen wird ein Job angeboten. Ein richtiger. Ein spannender. Nicht in einem Call-Center, sondern wieder in einer Bank. 39 Stunden pro Woche, 30 Tage Urlaub pro Jahr und 32.000 € Jahreseinkommen. Als Einstiegsgehalt.

Wie würden Sie reagieren?

Ich werde mich bis morgen 12:00 Uhr entschieden haben.

Where you end and I begin 2

Ich fühlte mich unwohl. Kurz vor der Eröffnung wurde mir klar, dass mir (und uns) jemand oder etwas das Zepter aus der Hand genommen hatte.

Der Ausstellungsraum war leer und klar. Eine Videoprojektion. Eine Bilderreihe. Ein mit Teichfolie abgedunkeltes Schaufenster. Weiße Wände. Ich lief Runden durch die Galerie und suchte nach einem Fetzen von der Schrulligkeit die Manu und ich so schätzten. Ich suchte nach einem Schnipsel Gemütlichkeit, einem Fleck Wärme. Da war nichts.

Mein Blick wanderte durch die Galerie und ließ mich schaudern vor dem Eindruck, dass wir offenbar nicht so schrullig, gemütlich und warm waren, wie wir zu sein glaubten. Das hier war eine ernste, durch Neonlicht zusätzlich abgekühlte Ausstellung, deren Heftigkeit darin lag, dass ihre Arbeiten ohne ästhetische Umwege, ohne gedankliche Weitläufigkeiten, ohne Rücksicht trafen.

In diesem Moment kurz vor der Eröffnung war die Anwesenheit einer Dritten Person – Gott? Kunst? Dem Universum? – greifbar, und das gruselte mich, weil Manu und ich diejenigen sein würden, die für das Werk auch dieser dritten Kraft stehen würden. Es ging mir nicht um Verantwortung in dieser Sekunde. Nicht in erster Linie. Es ging mir um den Zweifel an meiner eigenen Autorenschaft. Oft schon habe ich Künstler sagen hören, dass sie sich als Kanal fühlten für jemanden oder etwas der sich über sie ausdrücke. Auch ich kenne dieses Gefühl schon. In dieser Intensität aber, in einem solchen Erschaudern, einer solchen Überforderung mündend war es mir völlig neu und eindeutig zu heftig.

Es wurde von einigen Besuchern als zynisch empfunden an diesem Abend Sekt auszuschenken und es schien beinahe albern, dass ich mir im Vorfeld Gedanken darüber gemacht hatte wie ich die Beschallung des fröhlichen Teils des Abends organisieren könnte. In dieser Sekunde war klar, dass heute niemand tanzen würde.

Viermal an diesem Abend musste ich die Galerie verlassen, weil ich mich dem, was darin statt fand nicht gewachsen fühlte. Streckenweise erhielt das Video eine Intimität, der ich nicht standhielt. Streckenweise glaubte ich in der Reaktion der Betrachter so viel über sie lesen zu können, dass meine bloße Anwesenheit voyeuristisch wurde. Sicher, ein ungefähres Dutzend Besucher betraten und verließen die Galerie binnen zwei Minuten. Viele andere jedoch blieben und sahen sich den Film an, nicht wenige sogar mehrmals. Eine Besucherin weinte.

Dennoch: Ich kann mich an keinen Moment in meiner künstlerischen Auseinandersetzung erinnern in dem ich so tief begriff, was Kunst leisten konnte. Für mich war dieser Abend ein Endgegner. Das hier ist ein neues Level.

Where you end and I begin

Morgen ist Ausstellungseröffnung.
Manu und ich haben gemeinsam eine neue Arbeit gemacht.
Die erste nach zwei Jahren. Außer uns hat sie bisher nur Heiko gesehen. Und der war erwartungsgemäß irritiert.

Es ist eine Videoperformance. Das Bild zeigt unsere sich gegenüberstehenden Profile. Nach ungefähr einer Minute beginnen wir einander ins Gesicht zu schlagen.
Die Idee ist nicht von uns. Marina Abramovic und ihr Partner Ulay haben ihre symbiotische Beziehung in ähnlicher Weise thematisiert. Der Unterschied besteht darin, dass wir unsere Performance haben atmen lassen. Es findet kein bloßer Schlagabtausch statt. Das Wichtigste passiert in den Momenten zwischen zwei Ohrfeigen. In alter Manier geht es uns um Emotionen und Ehrlichkeit. Deswegen haben wir die Kamera einen Moment vor Abramovic/Ulay eingeschalten und erst einige Momente nach ihnen wieder aus.

Wir mochten dieses Bild als künstlerische Übersetzung der Kette von Verletzungen die in zwischenmenschlichen Beziehungen stattfinden. Genauer: in unserer. Aber wir wollten in diesem Konzept Platz für den Menschen lassen. Das Konzept öffnen für die Facetten, die neben den Verletzungen auch wahr sind. Das ist uns gelungen glaube ich. Wir sind zufrieden. Aber darüber will ich gar nicht schreiben.

Eigentlich geht es mir um die merkwürdige Dynamik die Manu und mich ratzfatz von hinten aufgabelt, wenn wir eine Sekunde nicht aufpassen um uns dann gerne kilometerweit mitzuschleifen.

Es ist keine Überraschung, dass unsere Verbindung ein neues Level beginnt, wenn a.) Manus Beziehung in die Brüche geht und wir b.) erstmals nach so langer Zeit wieder miteinander arbeiten um c.) genau diese unsere Verbindung zu reflektieren.

Trotzdem:
Ich fürchte, dass das ein Test ist.
Wieviel haben wir gelernt aus der Zeit der Ohrfeigen?

Was machen wir, wenn einer vielleicht sagt und der andere bestimmt versteht?
Was, wenn einer sagt es ist okay und der andere dennoch weiterhin ein schlechtes Gewissen hat?
Und was, wenn der, der behauptete es wäre okay nach einer langen Zeit – so kurz vor dem Vergessen – merkt, dass es eben doch nicht okay war?

Reden?
Reden liegt uns.
Ich wette, wir haben schon heute dreimal länger miteinander geredet als unsere beiden Eltern in ihren ganzen Leben.

Und trotzdem fürchte ich mich vor dem Test.
Hoffentlich zu unrecht.

Nan Goldin

Sie ist es. Ich bin mir sicher. Ich hatte es schon aus den Augenwinkeln erkannt.
Sie spaziert leichten Schrittes in die Fondation und begrüßt die Damen von der Aufsicht wie alte Freundinnen. Ich verwandele mich in 16-jährigen Groupie und ergreife aufgeschreckt die Flucht in den hinteren Teil der Ausstellungshalle. Virginie hat mich beobachtet und lacht. „Is this Nan Goldin?“, frage ich, obwohl ich die Antwort kenne. „Do you want to meet her?“, fragt Virginie. Ich stottere.

Sie ist eine Ikone für mich. Eine Göttin, fast. Eine Pionierin. Ein Bulldozer, der auch mir den Weg geebnet hat. Ich weiß nicht, wie oft ich mir ihre Bildbände angesehen habe. Wie oft ich über sie gesprochen habe, wenn mich jemand nach meinen Vorbildern gefragt hat. Wie oft ich an sie gedacht habe, wenn ich selbst fotografierte. Vor zwei Wochen hat jemand an der Hochschule einen Vortrag über sie gehalten und damit geschlossen, dass er nicht wisse, was Nan Goldin heute macht. Ich könnte sie fragen. Hier. Sofort.

„Well. Yes. But. Later. Later. I’m too nervous now.“, stammele ich. Virginie erzählt mir, dass „Nan“ eigentlich zu jeder Ausstellungseröffnung vorbeischaue. Sie lebe ja schließlich seit einigen Jahren in Paris und sei eine Freundin der Fondation. Sie wäre eine sehr angenehme Person, „quite relaxed“ und sehr menschlich. Ich sollte sie nicht verpassen.

Natürlich war mir klar, dass Nan Goldin ein Mensch ist. Dass sie irgendwo lebt und wie ich einkaufen gehen muss. Dass sie ihre Wäsche selbst wäscht und selbst kocht.

Dass sie sich dann und wann eine Ausstellung ansieht. Natürlich wusste ich, dass sie sich ohne Limousine und ohne Bodyguards in der Öffentlichkeit bewegen würde. Aber dass ihr Weg meinen kreuzt, so nah, so früh, so plötzlich, das wusste ich nicht. Dass ich die Gelegenheit haben würde mit ihr zu sprechen über Kunst, das Wetter und das Leben im Allgemeinen, hatte ich nicht erwartet. Das hatte ich nicht zu träumen gewagt. Ich bin überhaupt nicht vorbereitet.

Ich habe mir das Gesicht gewaschen und will jetzt nach oben zum „Presselunch“. Die Fahrstuhltür öffnet sich. Keine 50 Zentimeter Abstand zwischen unseren Nasenspitzen. „Are you the German artist, that is dying to meet me? Virginie told me. I saw your pictures.“

Ich stieg zu. Sie fragte mich, woher genau ich komme. Sie habe Ende der Achtziger auch mal in Leipzig gearbeitet. Sie mochte die Schule dort. Sie habe dort sogar einige Seminare gegeben. Sie habe keine guten Erinnerungen an Leipzig. Das sei keine gute Zeit gewesen für sie. Der Fahrstuhl öffnet sich wieder. 8. Etage. Dachterrasse. Sie sagt, sie müsse kurz zur Toilette und das wir uns dann beim Essen sehen würden.

Sie sieht fertig aus. Ich weiß nicht, warum mich das überrascht. Ihre Zähne sind gelb, ihre Haare spröde und ihr Wangenrouge kann mich nicht über die geplatzten Äderchen dahinter hinwegtäuschen. Natürlich hat Nan Goldins Leben Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Ich kann erzählen warum, ich war quasi dabei, nachts über ihren Bildbänden. Warum irritiert mich das jetzt? Ihre Wimperntusche ist weggeschwitzt, ihr Lippenstift abgeleckt, ihre Tönung raus gewachsen. Je länger ich darüber nachdenke umso klarer wird mir, dass es gar nicht anders hätte sein können.

Es gibt keine perfekt geschminkte Nan Goldin mit perfektem Lächeln und perfekt sitzenden Haaren. Nan Goldin beschäftigt sich mit bröckelnden Fassaden und Verfall. Immer.

Wir treffen uns vor den Hors d’oeuvre. Ich überlege, ob ich sie noch mal ansprechen soll. Ich bin verliebter Teenager. Ich will nicht nerven. Es ist heiß. Sie fragt ob ich ihre Dia-Shows jemals live gesehen hätte. Ich verneine und zähle zur Entschuldigung alle Fakten auf, die ich über Ihre Dia-Shows weiß. Sie fragt mich, welcher namhafte Professor an meiner Schule lehre. Ich weiß nicht, wer für Nan Goldin namhaft ist, versuche ein paar Namen und ernte Kopfschütteln. Sie fragt mich, ob mir klar wäre, dass jedes Foto ein Selbstporträt ist und jedes Selbstporträt ein Foto der ganzen Welt sei. Sie hat meine Arbeit gesehen. Darüber sprechen wir ein paar Minuten. Meine Bewunderung für ihr ungeheures Wissen wird dadurch gemildert, dass es ihr bewusst ist. Meine Hochachtung für ihre Arbeit verliert an Glanz, als sie ihre Verdienste erwähnt. Meine Zuneigung endet in der Sekunde in der ich sie als Lehrerin wahrnehme. Keine Frage: Ich bin Schüler.

Heute habe ich gelernt, dass mir nur einer Kunst beibringen kann.
Ich. Es soll doch meine Kunst sein.

Everybody will know you name

Ich brauche mehr als zwei Stunden vom Flughafen bis zur Fondation Cartier. Paris gibt sich größte Mühe jeden Hauch ihres Charmes vor mir zu verbergen. Paris ist heiß, dreckig, laut und langsam. Vor der Fondation wartet Heiko. Er ist mit dem Zug gekommen. Er wartet mit einem Ausdruck mit dem er auch am Rheinbacher Bahnhof auf mich warten würde.Noch während wir uns begrüßen nähert sich uns eine ausgesprochen schöne Frau. „You must be Ronald Gerber, right?“

Es ist Danielle. Wir hatten Emailkontakt. Sie umarmt mich. Ich habe Angst, dass ihre Hand mitten in dem großen Schweißfleck landen könnte, der sich zweifellos auf meinem Rücken gebildet haben muss.

Sie führt uns in die Fondation und spricht. Ich höre nicht zu, weil mich dieses Gebäude verschluckt hat. Selbst an den Fahrstühlen, zu denen Danielle uns führt kann ich noch nicht genau sagen, ob wir uns innerhalb oder außerhalb des Gebäudes befinden. Alles um uns ist Glas, Stahl oder Beton und trotzdem wachsen überall Bäume und Gras.

Mit dem Fahrstuhl fahren wir in die Verwaltungsetagen. „Everybody is in love with you.“, sagt Danielle. Ich nehme den Satz als übertriebene Höflichkeit. Ich grinse nur. Heiko auch. Danielle merkt, dass wir sie ihr nicht glauben. „Really! Everybody here will know your name.“

In den nächsten 20 Minuten werde ich müde wie ich bin und hungrig ungefähr einem Dutzend Menschen vorgestellt. Und in der Tat: Alle kennen meinen Namen, während ich den Namen der mir Vorgestellten wieder vergessen habe, noch bevor ich „Enchante!“ und „It’s a pleasure to meet you.“, sagen kann. Ich bin zu aufgeregt. Die Leute versichern mir, wie sehr sie meine Bilder berührt haben und wie großartig mein Video ist. Ich freue mich, ehrlich, aber ich weiß keine andere Reaktion außer rot zu werden und immer wieder „Thanks.“, „Thank you.“, und „Thank you very very much.“, zu sagen. Die Buchhalterin erzählt mir in einer Runde, dass sie von mir geträumt habe, nach meinem Video. Ich hätte mitten in der Ausstellung in einer Duschkabine gestanden und geduscht. Ich will die Situation entkrampfen. Also sage ich, dass laut Freud Wasser in Träumen immer für Gefühle steht. Das entkrampft überhaupt nichts. Und ich hätte es wissen können, wenn ich vorher eine Sekunde darüber nachgedacht hätte. Danielle ist professioneller. Sie erklärt mir alle Formalitäten, gibt mir Restaurant-Schecks, U-Bahn-Tickets für die ganze Woche, einen genauen Plan mit allen Presseterminen und einen für die Stadt.

Wir fahren wieder nach unten. Danielle will mir den Ort zeigen, an dem meine Bilder hängen werden. Ich freue mich, als sie 0 im Lift drückt und nicht -1. In den Keller hätte ich ungern gewollt. Ich mag kein künstliches Licht auf meinen Bildern. Aber ich weiß, dass ich mich klaglos damit abgefunden hätte, wenn man meine Kabine im Keller geplant hätte. Ich wäre zu feige gewesen und zu höflich. Wer bin ich denn?

Heiko und ich fahren zum Quartier.
Ich bin überwältigt.
Heiko will wissen, was gesagt wurde, während er daneben stand und freundlich lächelte. Ich kann mich nur schwer erinnern. Heiko sagt, dass er alle Menschen, die wir getroffen haben wirklich sympathisch fand. Ich nicke nur.

Ich versuche mich an die Furcht zu erinnern, die ich heute Morgen beim Aufstehen empfunden habe. Von hier aus wirkt sie seltsam blutleer und künstlich.
„Die hofieren dich wie einen Superstar.“, grinst Heiko.
Ich finde das auch. Und ich weiß, dass sich die blutleere Furcht an dem Gedanken nähren könnte, dass mit dieser Hochachtung Erwartungen verbunden sein könnten, den ich nicht gewachsen bin.
Ich beschließe, die Furcht verhungern zu lassen und diesen Gedanken nicht zu denken.
Die Furcht langweilt mich.
Bis jetzt hat sie noch nie recht gehabt.