Kritik zu „Männer wie wir“: Antwort der Aids-Hilfe

Am 3. März schrieb mein Freund Klemens Ketelhut einen offenen Brief an die Macher der Kampagne „Ich weiß was ich tu“ der Deutschen Aidshilfe. Ich habe den Brief hier veröffentlicht. (Für eilige Leser: Im Rahmen der Kampagne gab es eine Wanderausstellung, die unter dem markigen Titel „Männer wie wir“ ausschließlich Fotos junger, muskulöser, schlanker Männer zeigte. Wir fanden den Fehler.)

Vorgestern, also genau einen Monat und einen Tag nach unserem Brief, erhielten wir eine Antwort von Matthias Kuske, dem Kampagnenmanager von „Ich weiß was ich tu“. Und die geht ungefähr so: Kritik zu „Männer wie wir“: Antwort der Aids-Hilfe weiterlesen

Männer wie wir?

Mein Freund Klemens Ketelhut, wies mich neulich auf die Foto-Ausstellung „Männer wie wir“ hin, die die deutsche Aids Hilfe im Rahmen ihrer Kampagne „ICH WEISS WAS ICH TU“ seit 2009 durch die Lande ziehen lässt. Warum wir uns über die Bilder erst sehr amüsiert und dann sehr geärgert haben, formuliert Klemens in einem offenen Brief, der heute an kampagne@iwwit.de versandt wurde:

Liebe Leute von IWWIT,

„ICH WEISS WAS ICH TU unterscheidet sich bildlich und textlich stark von bisherigen Kampagnen. Die Motive verzichten auf Sexualisierung mittels durchtrainierter Körper, die sonst vielfach die Bildsprache in Medien für schwule Männer prägen.“

Diese Selbstbeschreibung findet sich in dem Überblick zur IWWIT-Kampagne. Ein erfreuliches Signal. Eine Kampagne, die mit Menschen agiert. Die alltägliche Körper, Personen und deren Leben in den Blick nimmt. Wo es Leute im Rollstuhl, Leute jenseits der 25 und solche mit nicht-normierten Körpern gibt. Diversity sozusagen. Wie schön. Und lebensnah. Und mit einem hohen Identifikationspotential ausgestattet.

Und dann? Dann kommt die Foto-Wander-Ausstellung „Männer wie wir„. 60 Bilder russischer Männer. HIV-Status und sexuelle Orientierung treten in den Hintergrund. Es geht scheinbar um Menschen. Aber: präsentiert werden mir 60 Körper, die nahezu alle idealisiert sind. Jung, muskulös, schlank, durchtrainiert.
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Caster – Der Ausgezeichnete?

 

Der Vorname Caster ist eine Spielart des aus dem griechischen Stammenden Kastor, was soviel bedeutet wie: Der Ausgezeichnete. Der mythologische Kastor war Sohn des Zeus, und Zwillingsbruder des Pollux. Und er war nicht: Weiblich.

Wer das nun aber als klares Indiz dafür wertet, dass die im Moment wegen ihres Geschlechts und nicht etwa wegen ihrer außerordentlichen sportlichen Leistungen ins Rampenlicht gezerrte Südafrikanerin Caster Semenya cleverer Kopf einer fiesen Gender-Sportbetrüger-Bande ist, der ja zumindest noch ihre Mutter und ihr Trainer angehören müssten, sollte sich vorsehen. Niemand würde Herrn Herbst oder Herrn Brandauer unterstellen, sie hätten permanent die Brüste hochgebunden, nur weil einer Ihrer Vornamen Maria ist.

Aber von vorn: Die gerade einmal 18 Jahre alte Sportlerin aus dem Südafrikanischen Dorf Fairlie lief das 800 Meter Finale der Frauen bei der diesjährigen Leichtathletik WM in nur 1:55,45 Minuten und stellte damit eine neue Weltjahresbestzeit auf. Dies verblüffte einerseits, weil der Name Semyana vor drei Wochen in der Leichtathletik-Szene noch ein völlig unbekannter war, und anderseits weil ihr Sieg alles andere als knapp war:

 

 

Naürlich sorgte das für Skepsis. Wer ist dieses Ausnahmetalent? Woher kommt sie plötzlich? Und: Kann da alles mit rechten Dingen zugehen? Auf Veranlassung des Leichtathletik-Weltverbandes IAAF wird nun das Geschlecht der Sportlerin geprüft. Und auch wenn sich einige Journaillen die bräsige Geschmacklosigkeit nicht verkneifen können: So ein Test ist eben nicht damit erledigt, dass die betreffende Person mal eben die Hosen runter lässt.

In fast jedem Artikel über die Angelegenheit ist zu lesen, dass sie offenbar häufiger für einen Mann gehalten wird. Gern wird dann das Beispiel von der südafrikanischen Autobahnraststätte angeführt, auf der man Semenya den Zugang zur Damentoilette verwehren wollte. Sie habe hier mit der Bemerkung gekontert, dass sie gern ihre Hosen runter lassen könnte um zu beweisen, dass sei eine Frau sei.

Fakt ist aber ganz offensichtlich: Caster Semenya definiert sich als Frau und hat keinerlei Zweifel an ihrer Weiblichkeit. Sie wurde als Mädchen erzogen und von ihrem persönlichen Umfeld als Frau behandelt. Was höchstwahrscheinlich im Vorhandensein weiblicher Genitalien begründet liegt. Und Sogar IAAF Verbandsprecher Nick Davie sieht ein:  "Wenn die Athletin ihr Leben lang davon ausgegangen ist, dass sie eine Frau ist, kann man nicht behaupten, dass sie betrügen wollte."

Aus meiner Sicht haben wir es hier mit allen Möglichen Problemen zu tun, nur nicht mit dem einer Betrügerin aufgesessen zu sein.

1. Sport als Massenevent funktioniert über Rekorde. Und selbstverständlich über Geld. Die Leichtathletik-WM würde dem ZDF nicht sogar noch gegen Ende Marktanteile um die 25% bescheren, wenn nicht Abend für Abend mit neuen Rekorden zu rechnen wäre.

Dass diese Rekorde aber 2. auch mit dem härtesten Training und dem stärksten Talent längst nicht mehr aufzustellen sind dämmert uns zwar allmählich wird aber nach wie vor mit großem Aufwand verdrängt. Ich will die Sportler nicht unter Doping-Generalverdacht stellen, bin aber überzeugt davon, dass die Wahl des richtigen Aufbaupräperats und des erfahrensten Arztes mittlerweile mindestens genauso ausschlaggebend ist wie Disziplin, Ausdauer und Training. Die Frage ist heute vielfach nicht mehr, ob man etwas einnimmt sondern lediglich was. Die Liste der verbotenen Dopingsubstanzen wird ständig erweitert und wann immer ein bis dato legale Substanz auf den Index gerät weichen die Sportler auf andere Substanzen aus.

Wenn dem so ist, dürfen wir alle uns aber 3. dann nicht wundern, wenn wir es plötzlich mit Athletinnen zu tun haben, deren Bizeps selbst Bulli aus dem Fitnessstudio um die Ecke wie einen Schuljungen aussehen lässt.

4. Ist es keine Neuigkeit, dass Aufbaupräperate und Wachstumshormone, die Leistungssportler wohlgemerkt vor allem beim heimischen Training und nicht unmittelbar vor Wettkämpfen zu sich nehmen teils schwerwiegende Auswirkungen auf den Hormonhaushalt der Athleten haben. Mit allen phänotypischen Konsequenzen. Prominentestes Beispiel ist wohl die ehemalige DDR-Kugelstoßerin Heidi Krieger, die 1986 erstmals mit männlichen Geschlechtshormonen gedopt wurde und sich als letzte Konsequenz 1997 einer Geschlechtsumwandlung unterzog um fortan als Andreas Krieger zu leben.  Selbstverständlich ist diese Entscheidung nicht direkt auf die verabreichten Hormone zurückzuführen. Krieger sagt aber selbst, dass die Vermännlichung ihres Äußeren sehr stark dazu beigetragen habe.

5. Leben wir nach wie vor in einer Gesellschaft, in der es zwischen männlich (Bulli aus dem Fitnessstudio) und weiblich (Gabi aus dem Nagelstudio) nichts geben darf. 

Ist damit eigentlich irgend wer zufrieden?

Symbicort

Eigentlich werde ich ja nicht müde zu versichern, wie sehr ich vom tadellosen funktionieren meines Körpers beeindruckt bin. Oft stelle ich mir vor, wie es wäre wenn ich Zucker hätte oder einen Herzfehler oder eine miserable Verdauung. Das gibt dann immer so ein gutes Gefühl. So eine Dankbarkeit. Kraft. Man kann seinen Körper dann wenigstens für ein paar Minuten mit liebevollem Blick betrachten. Zur Zeit aber habe ich ganz schön Angst.

Ich weiß, dass ich Asthma habe. Immer schon. Seit ich denken kann. Allerdings merke ich davon nicht viel. Ich konnte mich mit der Krankheit arrangieren. Habe gelernt Anfälle zu veratmen und keine Angst mehr davor zu haben. Habe gelernt, mich gerade so stark zu strapazieren, dass die eigene Grenze berührt aber eben nicht überschritten wird. Zur Zeit ist das alles leeres Geschwätz.

Seit gut einer Woche bekomme ich jeden Tag Anfälle. Aller paar Stunden. Nix mit veratmen. Atmen wie durch einen Strohalm. Und Medizin nehmen. Aller drei Stunden. Keine Treppen. Keine schnellen Schritte. Wie ein alter Mann. Und dann feststellen, dass du die Dosis immer mehr erhöhen musst um halbwegs atmen zu können. Und dann nachts aufwachen mit Atemnot und sich wünschen, dass seit dem letzten Aufwachen möglichst viel Zeit vergangen ist. Dass es bald morgen ist. Aufrecht geht’s immer etwas besser.

Seit gestern nun habe ich ein neues Spray. Ein sehr sehr starkes, sehr, sehr teures. Dagegen ist ja auch überhaupt nichts einzuwenden. Das hilft wie Sau. Nur fünf Minuten nachdem ich das genommen habe, kann ich mir kaum noch vorstellen, jemals Asthma gehabt zu haben. Das Problem ist nur, das Kortison im Spray ist. Kortison ist der beste bekannte Entzündungshemmer. Kortison beeinträchtigt aber auch die Funktion der Nebenniere, treibt die Blutzuckerwerte in die Höhe und entkalkt und verweichlicht die Knochen.

Dieser neue Freund ist also ein sehr guter Geschäftsmann. Und mir gefallen seine Preise nicht.