Von Informationen zur Unterdrückung

In meinem vorletzten Artikel hatte ich versucht zu erklären, warum auch „rechtschaffende Menschen“ ausreichend Grund haben, sich vor der umfassenden Überwachung unserer digitalen Kommunikation zu fürchten.

Nach einigen Vorträgen auf der sigint13 habe ich begriffen: Rechtschaffenheit ist eine Konstruktion. Eine ziemlich hahnebüchene nämlich. Und zwar nicht nur, weil das, was heute legal und akzeptiert ist, in 10 Jahren möglicherweise verboten oder wenigstens verpöhntsein könnte. Sondern auch, weil grundsätzlich jeder etwas zu verbergen hat (auch darüber schrieb ich schon einmal).

Wenn jede Email, jeder Chat, jede besuchte Webseite aufgezeichnet wird, macht uns das erpressbar. Von Informationen zur Unterdrückung weiterlesen

Fußball lehrt uns mehr als nur das Spiel mit dem Ball!

In der Halbzeit des Fußballspiels Deutschland gegen Australien kommentierte Kathrin Müller-Hohenstein das Tor von Miroslav Klose mit den Worten: „Und für Miroslav Klose: ein innerer Reichsparteitag, jetzt mal ganz im Ernst, dass der heute hier trifft“ (Youtube, Der Spiegel, n-tv.de). Ich selbst war entsetzt und konnte nicht wirklich glauben, was ich da gerade gehört hatte. Mir kamen aber auch sofort einige Zweifel, weil mir die Redensart nicht vollkommen neu war. Deshalb habe ich ein wenig zum Begriff recherchiert. Fußball lehrt uns mehr als nur das Spiel mit dem Ball! weiterlesen

Abgemeldet: Asoziale Netzwerke

Nach dem Aufwischen meiner persönlichen Datenlache im Netz war ich ziemlich erschöpft. Das war viel Arbeit. Und ein bisschen angewidert war ich auch. Von meinem ungebremsten Drang zum Socialising nämlich: In fast jedem in Deutschland aktivem Sozialen Netzwerk hatte ich versucht, neue Freunde zu finden. Dabei sind meine alten eigentlich ganz okay.

Diese Irritation kannte ich: Als ich mir 1995 von meinem Taschengeld ein 33,3-K-Modem zulegte, fiel mir mein bester Freund um den Hals und rief: “Wie cool! Dann können wir uns jetzt immer e-Mails schreiben!” Was wir in der Folge auch tatsächlich taten. Warum genau, kann ich bis heute nicht erklären. Wir haben uns jeden Tag in der Schule gesehen und die meisten Nachmittage miteinander verbracht. Bei unseren Mails galt eindeutig: The medium is the message. Das hat gefetzt. 1995.

Erst als ich neulich nachts meine Mitgliedschaft in zahlreichen Sozialen Netzwerken beendete, stellte ich fest, dass diese immer noch nach dem alten Grundsatz funktionieren. Der aber hat an Charme  deutlich eingebüßt. Und müsste außerdem um zwei Worte ergänzt heute richtig lauten: The medium is the message is you.  Denn wer nichts sagt, den gibt’s auch nicht. Deswegen quasseln alle ständig über alles was ihnen einfällt. Und sehen dabei wahnsinnig gut aus. Aber eben auch ein bisschen hohl.

Grund genug für mich, den  meisten sozialen Netzwerken den Rücken zu kehren. Kleben geblieben bin ich beim schlimmsten von allen: Facebook. Dabei mach ich mir nichts vor: Eine Freundschaftsanfrage bei Facebook bedeutet im Wesentlichen: Darf ich dir künftig  ungefähr 5 Mal am Tag: “Guck Mal! Ich bin hier!” in dein Leben brüllen? Wer jetzt schwach wird und ja sagt, der erfährt in Zukunft ungefragt,  wer wann ein Bäuerchen gemacht hat, wem wann ein virtuelles aber zuckersüüüßes und todtrauriges schwarzes Kätzchen über den Weg gelaufen ist, und wer wann wo mit wem verabredet ist. Vielleicht will man ja selber auch hin. Was mich wirklich  daran nervt ist: Es interessiert mich! Ich will es wissen! Ich checke Facebook jeden Tag. Ich würde es häufiger tun, wenn ich die Zeit dafür hätte. Warum nur?

Ich erfahre hier nichts Nützliches. Außer vielleicht einem Gefühl: “Oh ja! Alle Leute, die ich irgendwie oder über drei Ecken kenne sind noch da und haben auch ein Leben. Prima.” Das ist aber keine Kontaktpflege. In Wirklichkeit ist das sogar Spam. Weil man miteinander überhaupt nicht in Kontakt tritt. Und falls doch ist das glatt und oberflächlich. Statusmeldungen, wie auch die Kommentare dazu können im Netzwerk mitgelesen werden. Natürlich: für den vertraulicheren Austausch kann man den privaten Chat nutzen. Oder die private Nachricht. Warum aber sollte man? Wieso sollte man eine zusätzliche Plattform zwischen sich und den anderen stellen, wenn man ebenso gut telefonieren kann?  Oder – Obacht! – sich gar einfach einmal trifft?

“Facebook ist perfekt dafür, Kontakt zu deinen Freunden auf der ganzen Welt zu pflegen.” Okay, vielleicht bin ich ein langweiliger vereinsamter Eremit. Ich bekenne, die Zahl der Personen, die ich als Freunde bezeichne und die außerhalb Deutschlands leben lautet: 3. Wir mailen oder telefonieren gelegentlich.

“Facebook ermöglicht es dir, mit den Menschen in deinem Leben Inhalte […] zu teilen.” Das ist tatsächlich ein Argument. Wer ein interessantes You-Tube-Video entdeckt hat, kann es hier posten, ebenso wie Fotos oder einen spannenden Artikel. In der Praxis bedeutet das, dass ich ernsthaft darüber nachdenke, mir in Zukunft eine Eieruhr mit 30-Minuten-Countdown neben den Rechner zu stellen, bevor ich mich bei Facebook einlogge. Ja, es ist Social Spam. Aber es ist wie der süße Brei, führt vom Hundertsten zum Tausendsten und macht süchtig, wie Betroffene und Interessierte hier, hier oder hier nachlesen können.

Facebook hat mein Leben nicht sozialer gemacht. Ich verdächtige Facebook sogar, in Wirklichkeit asozial zu sein. Statt Menschen zusammenzubringen verführt es sie dazu, ihre Zeit mit dem Konsum belangloser Statusmeldungen, sinnfreier Minispielchen oder aufgepixelter Musikvideos zu verschwenden. Und zwar allein in orthopädisch ungünstiger Haltung vor ihren Rechnern sitzend.

Sobald meine Therapie abgeschlossen ist, lösche ich meinen Facebook-Account. Versprochen.

 

Aufgewischt: Meine persönliche Datenlache

Ich habe in der letzten Zeit viel über Überwachung und Datenschutz geschrieben. Und freilich noch viel mehr darüber gelesen. Dabei habe ich zweifellos mehr über die Tricks und Kniffe der Online-Datenkraken gelernt, als mir lieb sein kann. Wie sich daran zeigte, dass diesem Wissen in der letzten Nach ein Großteil meines Schlafes zum Opfer fiel.

Wie durch ein undichtes Dach plätscherte Tropfen für Tropfen die Gewissheit in mein Gemüt, dass ich bisher mit meinen persönlichen Daten überaus salopp umgegangen war. Eigentlich könnte man es auch dämlich nennen: Im Internet hatte ich seit Jahren jedes Formular bereitwillig ausgefüllt, jedes Social Network ausprobiert, in jedem Forum über das ich stolperte arglos unter echtem Namen gepostet, rezensiert, kommentiert, schwadroniert. Herrje! 

Mir fiel ein Dienst nach dem anderen ein, bei dem ich mich irgendwann mal registriert hatte. Und dann erinnerte ich mich an die vielen Artikel darüber, dass das Internet nicht vergisst, dass man das Internet nicht löschen kann, weil es überall Kopien davon gibt, dass sich das Internet zum wahren Karriere-Killer entpuppen kann, wenn man nicht aufpasst, und dass es mitterweile ausgefeilte Personensuchmaschinen gibt, die die bunt verteilten Informationsschnipselchen aus jeder noch so abgelegenen Dreckecke des Internets herausklamüsern, um sie flinkflink zu einem hübschen wohlsortierten Personenprofil aufzubereiten. Mit Telefonnummer und Passfoto. Wenn man dumm genug war. (War ich zum Glück nicht, wie ich erst am nächsten Morgen erfuhr.)

Tropfen für Tropfen hatte sich eine unangenehm große, unangenehm kalte Datenlache gebildet, die mich aus dem Bett trieb. Ich fing an eine Liste zu schreiben mit allen Seiten auf denen ich wissentlich Daten hinterlassen hatte. Also mit allen, die mir nach 15 Jahren Internetnutzung noch einfielen. Unter die achtundvierzigste zog ich einen Strich, der Bleistiftspitze brechen ließ. 48 – das waren alle, die mir einfielen. Google konnte sich auch an keine weitern erinnern. Bing auch nicht, auch nicht Yahoo. 123people oder Yasni habe ich mich nicht getraut zu fragen. Dafür war es zu früh. So gegen halb zwei.

Während der Rechner hochfuhr, machte ich mir einen Tee. Dann arbeitete ich die Liste ab. Auf jeder Seite warf ich meine Angel aus und siehe da: in meiner Datenlache gab es Fische! Dicke sogar! Amazon gab beispielsweise jedem bereitwillig Auskunft darüber, welche Bücher ich mir in der letzten Zeit zugelegt hatte, wie sie mir gefallen hatten, und welche ich mir noch wünschte. Bei Facebook war öffentlich nachvollziehbar, mit wem ich befreundet und mit wem ich verlobt bin. Last.fm versorgte jeden, der wollte (und der ein last.fm Konto hatte) mit meinen persönlichen Hitlisten. Flickr gab Einblicke in mein Wohnzimmer (Gott sei Dank nur mein altes!) und studiVZ in die Ereignisse der letzten Betriebsfeier. Tricks und Kniffe, oder gar Spionage war für keine dieser Angaben nötig. Mein egomanes Sendungsbedürfnis und das meiner Freunde reichte dafür völlig.

Das alles war ja auch keine Katastrophe. Auf keinem der Fotos im Internet war ich so betrunken, dass man es mir angesehen hätte. Und von mir aus kann die ganze Welt wissen, dass ich ab und an zu den alten Hits der Münchner Freiheit abgehe. Muss aber nicht.

Ich habe also gelöscht, abgemeldet, entfernt, unsubscribed was die Nacht hergab und zum Abstreichen der Liste noch zweimal meinen Bleistift angespitzt. Das hat regelrecht Spaß gemacht. Auch, weil mir der Frust des vergessenen Passwortes erspart blieb: In den letzten fünf Jahren habe ich ganz offensichtlich immer und überall das gleiche Passwort verwendet. Das ist war einfach und praktisch und in dieser Nacht war ich überaus dankbar dafür. Auch, weil mich der wohlige Grusel darüber, was dieses Passwort in den falschen Händen hätte anrichten können, wie ein doppelter Espresso wach hielt.

Gegen fünf Uhr war meine Liste auf 21 Dienste zusammengeschmolzen. Das waren wirklich nur die allernötigsten, aber nachprüfbar immer noch zu viele: Wie um Himmels Willen soll ich mir 21 unterschiedliche sichere Passwörter merken?

Mit einem Trick! Mit welchem? Ich bin doch nicht wahnsinnig!

PS: Meine Nachtschicht hat sich vielleicht schon bezahlt gemacht:  Yasni und 123people halten sich brav zurück.

Das Volk überwacht sich selbst

Andauernd werden Literaten wie George Orwell oder Aldous Huxley in unseren Zeiten durch die Feuilletons gezerrt und als weise Propheten der Überwachungsgesellschaft stigmatisiert, in der wir uns bald – vielleicht sehr bald – wiederfinden könnten. Sofern wir es überhaupt merken. Wer bei 1984 oder Brave New World über den Klappentext hinausgekommen ist, weiß, dass es in beiden Szenarios Repressoren außerhalb des Individuums waren, die es zu kontrollieren versuchten. Bei 1984 schritt die Gedankenpolizei ein um den zu sanktionieren, der nicht parteigetreu dachte. In Orwells Brave New World war es Big Brother, der immer zu sah.

Die Tragik des ewigen Wiederkäuens (hoppla: worauf kaue ich eigentlich gerade herum?) von Orwell und Huxley besteht darin, dass die Überwachungsmechanismen in ihren Werken viel intelligenter und perfider konstruiert sind, als es die Realität heute tatsächlich erfordert. Lauthals wird gegen Voratsdatenspeicherung und Onlinedurchsuchung gewettert. Dabei muss man sich in Zeiten von Facebook, Twitter, Blogger oder Myspace kaum noch anstrengen, um detailreiche Lebensprofile von Menschen erschließen zu können: Heutzutage präsentiert man auch private Informationen gern bereitwillig und ganz ohne Zwang selbst. Glücklicherweise werden die bösen, bösen Informationskraken allerdings dermaßen mit Informationen überfüttert, dass ihnen der Wissensbrei bleiern und unnütz im Magen liegt.  Ganz offensichtlich haben die meisten Science-Fiction Autoren unterschätzt, wie ungebremst und viel zu oft auch unreflektiert das Geltungs- und Sendungsbedürfnis der eitlen Menschen unserer Zeit sein würde. Der zu unerträglicher Omnipräsenz tendierende ZEIT-Redakteur Adam Soboczynski brachte das letzte Woche sehr schön auf den Punkt: “Wer schweigt, zählt nicht.”  Wer schweigt geht in der Flut dessen was andere quasseln einfach in Vergessenheit.

Will man also einen zünftigen Überwachungsstaat aufziehen, damit Orwell und Huxley endlich einmal zurecht im Feuilleton auftauchen, braucht man dringend einen neuen gut und vor allem schnell funktionierenden Verdauungstrakt für die mit Bauchweh darniederliegenden Datenkraken.

Der britische Geschäftsman Tony Morgan hat das Problem erkannt und sich freundlicherweise der Lösung eines kleinen Teils davon angenommen: den 4,5 Millionen britischer Überwachungskameras nämlich, deren Bilderflut völlig unbeherrschbar geworden ist. Nur 13 Einwohner des Vereinigten Königreiches teilen sich eine Überwachungskamera. Wer in London unter Verfolgunswahn leidet, hat schlechte Karten: Auf dem Weg zum Einkaufen wird jeder Bürger statitisch gesehen etwa 300 Mal gefilmt.

Mike Neville, der die Videoüberwachung des Landes bei Scotland Yard koordiniert, bezeichnete die Lage als “ein völliges Fiasko”. Nur drei Prozent der Diebstähle auf offener Straße können aufgeklärt

werden, weil 200 Kameras in nur einer Leitstelle mit drei bis vier Angestellten kommt, die deren Bilder auswerten sollen. Von einer Stunde Material wird durchschnittlich nur etwas weniger als eine Minute angesehen. Sogar der Guardian spottet: “Big Brother is not watching.” Das könnte auch daran liegen, dass die Sichtung des gesammelten Materials eine “enervierende und extrem langweilige Arbeit”, wie der Kriminologe Ken Pease vom University College London einräumt.

Vielleicht wird die bald spannender: Londons Polizei testete bereits 2007 sogenannte Drohnen, also winzige Kameras auf Minihelikoptern die von Beamten am Boden ferngesteuert werden können.

Bis dahin muss man der einschläfernden Lage auf anderen Wege Herr werden. Durch Inszenierung eines kurzweiligen Mixed-Reality Online Games für Hobbydetektive zum Beispiel. So bezeichnet jedenfalls Golem die Geschäftsidee von Tony Morgan, dem Gründer des kleinen Start-Ups Internet Eyes.

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Im Rahmen eines Pilotprojektes in der kleinen Stadt Stratford-upon-Avon, (deren Namen außer den knapp 24.000 Einwohnern wohl niemand kennen würde, wäre nicht Shakespeare dort geboren) sollen Internetnutzer ohne Hobbies und Freunde künftig bei der Verbrecherjagd helfen. Nach der Registrierung erhält der Nutzer Zugriff auf regelmäßig wechselnde Live-Bilder. Wann immer er etwas Verdächtiges zu entdecken glaubt, kann er mit einem roten Knopf in der Software Alarm auslösen. Daraufhin wird die zuständige Leitstelle oder der Ladendetektiv vor Ort per SMS oder E-Mail automatisch benachrichtigt und entscheidet nun, was zu tun ist. Für jede richtig erkannte Straftat erhält der Spieler Punkte, für jeden Fehlalarm Punktabzug. Der fleißigste Sherlock Holmes erhält am Ende des Monats einen Geldpreis von 1.000 Britischen Pfund. Tony Morgan sieht in seinem System “die beste Waffe zur Verbrechensverhütung aller Zeiten”

Die größte gewerbliche Kameraleitstelle Camwatch hingegen bangt um ihrer Notwendigkeit, und wirbt auf ihrer Homepage mit der Kompetenz ihrer gutgekleideten und top-geschulten Mitarbeiter. Für Bürgerrechtsbewegungen wie No-CCTV, ist der Alptraum perfekt: Ist das Pilotprojekt erfolgreich überwacht sich das Volk künftig einfach selbst. Warum auch nicht? Schließlich hat ja niemand etwas zu verbergen.

 

Konzentration

Es ist schwierig mich zu konzentrieren. Manchmal so schwierig, dass ich meiner Erinnerung misstraue, die mit trotzig verschränkten Armen behauptet, dass ich das früher sehr gut konnte: Eins sein mit dem, was ich gerade tue. Ganz und gar bei einer Sache oder einem Menschen sein. Einen Gedanken bis zu Ende verfolgen. Nicht flattern.

Heute glaube ich manchmal, „sich konzentrieren“ ist wie „mit sich im Reinen sein“ oder „sich selbst lieben“. Es klingt erstrebenswert, essentiell wichtig, fast einfach und ist dabei hoffnungslos unerreichbar um nicht zu sagen illusorisch.
Ich weiß nicht, wann das anfing. Aber jetzt ist es so: Ich flattere. Immer. Ständig arbeite ich mindestens an zwei Dingen gleichzeitig, während ich eine dritte Sache auf meine innere Zu-erledigen-Liste schreibe und mir eine vierte einfällt, die ich heute ebenfalls unbedingt noch abhaken möchte. Unterm Strich mach ich dann alles irgendwie schnell schnell. Abends hab ich Muskelkater im Oberschenkel, weil ich den ganzen Tag unterm Schreibtisch mit dem Bein gewackelt habe.

Das ist unbefriedigend und kommt mir nicht gesund vor. Natürlich ist mein Leben stressig, aber deins auch. Natürlich habe ich viele Dinge zu erledigen, aber du auch. Mir ist klar, dass alles Jammern nichts nützt. Was hingegen nützlich sein könnte ist, die gewonnene Erkenntnis in die Tat umzusetzen und Konzentration quasi neu zu erlernen.

Das klappt nicht. Das ist zu endgültig formuliert. Es wird deshalb zurückgenommen und ersetzt durch: Das ist mir bisher nicht gelungen. Es ist leicht und bequem sich das einzureden. Aber verantwortlich für dieses permanente Überall-und-Nirgends –sein sind durchaus nicht nur äußere Störfaktoren wie mein verflixtes Telefon, dieses Dingdong, dass mich über den Eingang einer neuen E-Mail informiert oder H., der seinen Kopf zur Tür hereinsteckt um zu klären, ober mittags Bohnen oder Rotkohl als Beilage servieren soll. Es ist viel schlimmer: Dafür verantwortlich ist nämlich eine innere Rastlosigkeit, eine interne Zerstreutheit, ein persönliches von Neugierde getrieben sein.

Beim E-Mail-Lesen (auch bei den Persönlichen) läuft das Radio, neben der Recherche für den neuen Film die Tagesschau, und beim Filmschnitt der Messenger. Das Internet ist nie zu Ende, die MP3-Sammlung nie durchgehört, nie ist die neueste Kurznachricht beantwortet und niemals der letzte Freund zurückgerufen.

Was zu tun ist, ist klar und einfach: Keine dieser Ablenkungen ist gottgegeben, die allermeisten von ihnen lassen sich im wahrsten Sinne des Wortes abschalten. Schwierig und verzwickt hingegen ist es, dieses Offline-Sein auch durchzuhalten. Zu verlockend ist die noch ungehörte Platte einer deiner Lieblingsbands, zu quälend die Frage nach dem Online-Status der engsten Freunde bei Myspace, und zu groß das schlechte Gewissen, als dass man die dritte SMS eines Bekannten noch länger unbeantwortet lassen könnte.

Gelingen kann dies wohl nur, wenn man (ich) endlich begreift, dass man weder effizienter noch glücklicher ist durch diese Mehrgleisigkeit. Man ist auch nicht schneller. Nicht mal besser informiert.

Ich bin multitaskingfähig. Aber ich will es nicht länger sein.