Die Schwierigkeiten auf dem Weg zur Wahrheit

Das achte Gebot lautet: „Du sollst kein falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten“ (2. Buch Moses, Kapitel 20 Vers 16 nach Lutherbibel 1912). Und so einfach dieser Satz auch klingen mag, so schwierig ist doch dessen Umsetzung. Denn letztendlich bedeutet dies eine Verpflichtung zur Wahrhaftigkeit. Nun mag dies im ersten Moment kein wirkliches Problem darstellen und gern werden Kinder an dieses Gebot erinnert. Und wesentliche Bereiche unsere Gesellschaft sind scheinbar durchdrungen mit diesem normativen Ansatz: Das Rechtssystem befindet sich auf Wahrheitssuche genauso wie die Wissenschaft. Politiker fürchten die Journalisten im Wesentlichen deshalb, weil diese mit der Veröffentlichung unangenehmen Wahrheiten drohen können. Die Wahrheit ist ein mächtiges Schwert in unserer Gesellschaft! Aber was bedeutet Wahrheit eigentlich? Die Schwierigkeiten auf dem Weg zur Wahrheit weiterlesen

Frustrierte bitte nach links

Als ich neulich mit einem Freund durch die Fußgängerzone einer größeren deutschen Stadt flanierte, sprach uns ein mutiger Wahlkampfhelfer der Linken an. Noch bevor dieser sein Verslein zu Ende sprechen konnte, riss mein Freund die Augen auf und rief: “Oh mein Gott! Sehen wir wirklich so frustriert aus?” Der Wahlkampfhelfer wandte sich sofort ab, mein Freund begann augenblicklich darüber zu referieren, dass wir dringend an unserer Haltung und unserem Gesichtsausdruck feilen müssten und ich fragte mich, ob es wirklich nur die Frustrierten seien, die links wählen würden.

Heute Morgen präsentierte mir Infratest dimap grafisch hübsch aufbereitet die Antwort:

Natürlich muss man dem Einwand des Neuen Deutschland statt geben: Diese Frage ist suggestiv und sogar ein kleines bisschen fies. Trotzdem ist mir die Antwort ein heller Leuchtturm im innerköpfigen Nebel der aufzieht, sobald ich zu ergründen versuche, wer warum links wählt.

Um die allermeisten Thesen der Linken wegzuwischen, braucht man maximal ein Argument(manchmal gar keines, siehe: Reichtum für alle!). Jeder weiß, dass die Rente mit 67 beispielsweise nicht dem neoliberalen Marktradikalismus sondern der demografischen Entwicklung in unserem Lande geschuldet ist. Kein vernünftiger Mensch kann ernsthaft dafür sein, morgen schon aus Afghanistan abzuziehen. Und niemand will die astronomische Rechnung zahlen, die eine pauschale Erhöhung der Harzt-IV-Bezüge auf 500 € verursachen würde.

Aber ich sehe das sein: Sozialromantik wärmt das Herz. Und so kann es sich ein bisschen wie Urlaub anfühlen, die Linke zu wählen. Einfach mal Abschalten von der nervigen Realität der Globalisierung mit all ihren billigen fleißigen Arbeitskräften in Fernost. Die Schuldenuhr einfach mal dass sein lassen, was sie ist: eine zu lang geratene Digitalanzeige. Und mal ein paar Minuten der schönen Fantasie nachhängen, den unzähligen stinkreichen Bonzen in unserem Land die Konten anzuzapfen.

Ich merke das selber: Ich bin unsachlich. Aber die Linken sind es auch. Genau wie ihre Wähler. Die aber haben mich im Gegensatz zu den Parteigranden tief beindruckt. Mit obige Antwort nämlich.

Die Wähler der Linken wissen, dass die Partei die Probleme unseres Landes weder lösen kann noch will noch jemals wird. Aber sie wählen sie trotzdem. Weil sie so prima meckern können.

Warum Nichtwählen nicht schick sondern feige ist

Mir geht es ja genauso wie dem großen Rest der öffentlich quasselnden Zunft: Auch ich finde diesen Wahlkampf besonders. Überall ist vom Kuschelkurs, Wahlkampf-Wett-Schweigen oder Valium-Wahlkampf die Rede. Das ist doch wirklich furchtbar! Also: Nicht der Wahlkampf sondern das selbstmitleidige Gefasel darüber. Denn mit jedem weiteren Artikel, den ich zum Thema lese, gewinne ich den Eindruck, dass mit dem Wahlkampf alles in Ordnung ist, nicht aber mit der Berichterstattung darüber.

Ich hab mich ja schon vor dem TV-Duell lang und breit darüber gewundert, dass allerorts das Mikrowellen-Popcorn ausverkauft war, weil die Republik offenbar mit einem herrlichen Blockbuster-Martial-Arts-Splatter-Horror-Action-Spektakel, nicht aber mit einem kultivierten politischen Dialog rechnete. Und natürlich enttäuscht wurde.

Genauso irritiert bin ich jetzt über das breite Nichtwählerforum das medienübergreifend all jenen eingeräumt wird, die sich “im derzeitigen Politischen System nicht wiederfinden”, denen “die Visionen in den Parteiprogrammen fehlen” oder die der Überzeugung sind, “dass es am Ende ja doch keinen Unterschied macht,  was man wählt”, weil “die da oben” sowieso machen, was sie wollen. Und die dann so tun, als sei nichtwählen tatsächlich eine Alternative.

Es ist eben keine. Denn Nichtwählen sagt nichts, will nichts und benimmt sich irrational wie ein zickiger Teenager, der alles was der Tag für ihn bereithält mit eingezogenem Hals, verschränkten Armen, gehobenem Näschen und einem schrillen “Püh!” kommentiert.

Was Nichtwähler nicht begriffen haben, müssen auch all jene Journalisten einsehen, die sich langweilen, wenn im Wahlkampf keine Wrestling-Showkämpfe ausgetragen werden, wie sie beispielsweise Herr Müntefering vom Zaun brechen wollte, als er Frau Merkel empfahl, doch schon mal die Koffer zu packen.

1. Politik tendiert dazu, ein klitzekleines bisschen komplizierter zu sein als ein Boxkampf, bei dem klar ist, dass der, der zuerst Zähne spuckt verloren hat. Wenn Frau Merkel beispielsweise sagt, Atomkraft sei als “Brückentechnologie”  (19.900 Treffer bei Google) noch einige Jahre nötig, muss das also weder Wischi-Waschi noch ein Ausstieg aus dem Ausstieg durch die Hintertür sein. Möglicherweise handelt es sich dabei auch schlicht um die Wahrheit. Manchmal ist die langweilig und fetzt nicht. Das macht sie aber eben nicht minder wahr, wie die Cleveren unter uns schon im Vorschulalter gelernt haben.

2.Politik verlangt Kompromisse. Kompromisse fetzen oft auch nicht, weil man sich nicht so gut an ihnen reiben kann. Das 3-stufige Steuersystem der FDP kann man lieben oder hassen,  die Kopfpauschale der CDU kann man wollen oder nicht, oder die Bürgerversicherung der Grünen. Ich verstehe, dass man sich auch als Journalist nach solchen klaren Positionen sehnt, weil sich darüber leichter schreiben lässt als über einen mitunter sehr verquasteten Mittelweg wie den des Gesundheitsfonds. Andererseits lohnt es sich nicht, über das Steuersystem der FDP zu diskutieren. Es wird nie passieren. Keine Partei wird in Deutschland je wieder mit absoluter Mehrheit regieren. Wir werden Kompromisse, Mittelwege und die komplizierte Vorwärtsbewegung in kleinen Schritten lieben lernen müssen. Vielleicht verstehen wir unterwegs ja das Wesen der Demokratie.

3. Politik verlangt Realismus. Und mein Eindruck ist, dass das Volk das besser verstanden hat als mancher Kolumnist. Zwei Drittel der Deutschen glauben nicht an das plakative Wahlversprechen der CDU nach der Wahl die Steuern zu senken. Das Volk ist bereit für eine differenzierte Debatte. Mit kleineren Überschriften und ohne Boxkampfregisseure in Polit-Talkshows kriegen wir das auch hin.

4. Politik findet selbstverständlich auch im Kleinen statt, aber eben nicht nur. Wer der Meinung ist, sein politisches Soll allein durch das Engagement in der örtlichen Bürgerinitiative, durch das Mitlaufen bei Anti-Atomkraft-Demos oder das Betreiben eines politischen Blogs zu erfüllen, liegt daneben. Das große Ganze ist auf den Einzelnen angewiesen. Und sich der komplexer werdenden, globalisierenden, in immer stärkere gegenseitige Abhängigkeiten geratenden Weltpolitik zu entziehen, nur weil sie nicht so schön griffig ist, wie die Schwimmbadschließung im Nachbarkiez, ist nicht nur dumm und faul, sondern auch feige. Realpolitik und Radikalität passen nicht gut zusammen. Und das nervt manchmal, auch mich. Aber bundespolitische Kompromisse mitzutragen, sie ganz bewusst zu wählen, auch wenn man die Dinge gern einfacher und klarer und schneller hätte, kann auch Wachstum bedeuten. Nicht nur für die Demokratie, sondern vor allem auch für den Einzelnen, der nach eingehendem Studium eingestehen muss, dass beispielsweise ein Atomausstieg bis 2020 schön und wünschenswert aber leider nur in einer bunten Fantasiewelt möglich ist.

5. Wem das zu anstrengend ist, und wer sich im Paralleluniversum der rosa Kaugummiblasen emittierenden Teenager wohler fühlt als auf dem harten Parkett der Realpolitik, soll bitte bis mindestens 2014 den Mund halten. Wer nicht wählt darf auch nicht meckern.

Wahr ist aber auch

Ich habe den Job angenommen. Freitag Mittag, 12 Uhr. Weil es sich richtig angefühlt hat nach dem Aufstehen, nach der altbewährten drübergeschlafenen Nacht.

Mittlerweile haben sich natürlich Zweifel eingestellt. Ich habe den Job für 30 Stunden zugesagt und nicht für 39 wie ursprünglich ausgemacht. Aber auch 30 Stunden sind viel. Zu viel wie ich fürchte. Meine Angst ist, dass man „die Kunst“ tatsächlich nicht nebenbei macht. Schließlich soll sie eben nicht nur ein Hobby sein sondern viel viel mehr als dass. Und schließlich ist auch fraglich wie viel Inspiration und Muse denn übrig bleibt, wenn man jeden Tag sechs Stunden Kreditkartenhai spielt. Am Wochenende Fernbeziehung und dann und wann der Hund.

Hinzu kommt außerdem, dass sich Kreativität und künstlerisches Arbeiten ja nicht planen lässt. Man muss darauf warten. Ich jedenfalls. Ich muss warten, bis es mich überkommt. Ich muss hinhören, lauschen. Ich fürchte, ich werde viel zu abgelenkt sein um mich konzentrieren zu können.

Wahr ist aber auch, dass ich das Geld brauche, um über die Runden zu kommen. Mein Auto ist zehn Jahre alt, seit drei Jahren war nicht im Urlaub und über Themen wie Vermögensaufbau oder Altersvorsorge habe ich mir bisher nur beruflich, nicht aber privat Gedanken gemacht.

So sehr ich die Kunst liebe, seit ich sie kennen gelernt habe steht sie auf der Ausgabenseite der Bilanz. Es ist nicht ausgeschlossen, dass sich das ändert, aber ih persönlich kenne ich bisher niemanden, der sich darüber freuen konnte. Und meine künstlerischen Arbeiten sind schon wegen des Mediums Video nicht gerade zum Verkaufsschlager prädestiniert.

Wahr ist aber auch, dass man an seinen Träumen dran bleiben muss, dass man kämpfen muss und sich verbeißen. Kann man dass, wenn man 30 Stunden seiner Woche verkauft hat? Kann ich das?

Ich will es.
Künstler sein bedeutet ganz ausdrücklich, seinen Weg finden zu müssen. Und nur, weil der durch ein Bankbüro führt, werfe ich doch nicht das Handtuch.

Aus meiner Erfahrung weiß ich, dass es sehr albern ist, zu fürchten, man könne die Kunst wegen widriger äußerer Umstände verlieren. Wenn ich sie brauche und liebe wird sie auch bleiben. Meine Zweifel können sie betäuben. Meine angelernten Filter und inneren Kritiker können ihr schaden. Eine Bank kann es nicht.

Ich werde es beweisen.

"Vom Idealismus alleine wirste nich satt!"

Stellen Sie sich vor, Sie hätten als 18-jähriger eine Bankausbildung begonnen und schon bald erkannt, dass Sie das erstens nicht interessiert und Ihnen zweitens deshalb keinen Spaß macht.
Sie hätten diese Ausbildung aber trotzdem zu Ende gebracht, weil Sie danach erzogen wurden alles zu Ende zu bringen, was sie angefangen haben. Stellen Sie sich vor, Sie hätten nach der Ausbildung als Finanzberater angeheuert, und es schlussendlich trotz der Bombenbezahlung nicht mehr mit Ihrem Gewissen vereinbaren können, Rentnern Investments in Technologiefonds aufzuschwatzen, obwohl diese sich diese Rentner vor Computern fürchten und nicht wissen, was das Internet eigentlich ist. Daraufhin hätten Sie schließlich gekündigt und ihren kopfschüttelnden Familienmitgliedern zum Hohn ein Kunststudium begonnen.

Nehmen wir nun an, sie würden gegen Ende dieses Kunststudiums erkennen, dass der ganze ästhetische Philosophiezauber Ihrem Geist und Ihrer Seele zwar sehr gut tut, Ihrer Brieftasche und Ihrem Bankkonto aber außerordentlich missfällt. Nehmen wir an, sie wären mittlerweile von zahlreichen treuen Freunden umgeben, die die 30 allesamt längst überschritten hätten und ähnlich wie Tarzan von Liane zu Liane, von Monat zu Monat und von unwürdigem Job zu Ausbeute hangeln würden, ohne ihren Dispo dabei jemals zu verlassen, und auch ohne zu gefeierten Kunst-Superstars aufzusteigen. Konkretisieren wir mit der Annahme, dass Sie selbst in den zurückliegenden fünf Jahren insgesamt 7.500 € mit Ihren Kunstwerken eingenommen haben. Also angenommene 1.500 € pro Jahr.

Gehen wir obendrein davon aus, dass Sie vor einem Jahr einen Nebenjob begonnen hätten. Sagen wir mal in einem Call-Center einer Bank. Ihnen lag nichts an diesem Job, an der monatlichen Gutschrift war Ihnen hingegen sehr gelegen. Gehen wir davon aus, Sie hätten sich in diesem Call-Center nun doch sehr engagiert und eingebracht, weil sie den Laden andernfalls  eines Tages aus purer Langeweile hätten anzünden müssen. In unserem Gedankenexperiement hat ihr Engament früchte getragen und Sie schließlich zu folgender finalen Situation geführt:

Ihnen wird ein Job angeboten. Ein richtiger. Ein spannender. Nicht in einem Call-Center, sondern wieder in einer Bank. 39 Stunden pro Woche, 30 Tage Urlaub pro Jahr und 32.000 € Jahreseinkommen. Als Einstiegsgehalt.

Wie würden Sie reagieren?

Ich werde mich bis morgen 12:00 Uhr entschieden haben.