Stolz darauf, schwul zu sein?

Jedes Mal, wenn sich eine öffentliche Person als homosexuell outet, bin ich irritiert. Plötzlich steht da  eine Schauspielerin, ein Fußballer, ein Apple CEO und erzählt, in welche Sorte Mensch sie oder er sich verliebt und wie großartig das sei. Eben ging es noch um Filme, Sport oder Telefone — eigentlich immer ums Geschäft — und auf einmal steht da ein Mensch und spricht, meistens sehr ergriffen, über Liebe die im Allgemeinen und seine intimsten Gefühle im ganz Speziellen.

Immer dauert es ein paar Minuten, bevor mir einfällt, was für verdammtes Glück ich habe. Wäre ich ein paar Hundert Kilometer östlich geboren, in Polen oder Russland zum Beispiel oder ein paar Hundert Kilometer südlich, vielleicht in der oberbayrischen Provinz, käme es mir auch besonders vor, schwul zu sein. Und zwar nicht besonders schön. Würde ich von diesen Standpunkten aus auf die Welt blicken, wäre ich sicher auch dankbar für jedes Idol, das mit viel Tamtam „Ich auch!“ ruft.

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Warum ich nicht will, dass ihr wisst, wie Homosexualität entsteht

Als ich mich outete (und auch der Letzte eingesehen hatte, dass ich nicht behauptete, schwul zu sein, weil ich noch nie eine Freundin hatte, sondern dass ich noch nie eine Freundin hatte, weil ich schwul bin,) brach unter Familie und Freunden ein bunter Wettkampf um die plausibelste Herleitung meiner, nun ja: Andersartigkeit aus. Am Ende gab es leider keinen Gewinner, einen eindeutigen Verlierer aber schon: mich. Warum ich nicht will, dass ihr wisst, wie Homosexualität entsteht weiterlesen

Neu: iHomophob by Apple

Bisher habe ich das Geschrei um Apples rigide Zensurpolitik eher belustigt als besorgt verfolgt. Ähnlich wie Cäsar in der Arena entscheiden die kalifornischen Designkönige mit Daumen hoch oder Daumen runter über Sein oder Nicht-Sein von Anwendungen, e-Books oder elektronischen Magazinen in ihrem App-Store. Mitunter geht es dabei auch um Leben und Tod der kleinen Entwicklerfirmen, die in die Programmierung ihrer Software speziell für die Apple-Geräte viel Geld gesteckt haben, nun aber wegen Daumen runter damit keines verdienen dürfen. Die antiquierten, ja geradezu biederen Vorstellungen von Moral und Züchtigkeit, die aus vielen dieser Entscheidungen sprechen, beispielsweise aus jener, das barbusige Bild-Mädchen auf Seite 1 einen Bikini anzuziehen, kommen mir zwar geradezu lächerlich bevormundend vor, haben mich aber bisher nicht besonders aufgeregt.
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Aktion Kinder in Gefahr

Anfangs war ich der festen Überzeugung, es mit einer kongenialen Satire zu tun zu haben. Und ein Teil von mir glaubt das offen gestanden immer noch.

Denn es stimmt einfach alles: Ein Mann mittleren Alters mit messerscharfem Scheitel, altmodischer Brille, schlecht sitzendem Schlips, dem Gesichtsausdruck desjenigen, der in Sportstunden nicht mal als letzter in die Fußballmannschaft gewählt wurde  und einer Rhetorik, die einem Logopäden über mehrere Jahre hinweg ein sicheres Auskommen garantieren würde, werden vor einem Potpourri überquellender Postkisten in einem Büroraum, in dem 1987 die Zeit stehen geblieben ist Sätze verlesen, wie der folgende.

“Wir dürfen nicht zu lassen, dass die Linken eine Stasi im Kopf gegen Christen errichten.”

Schön, oder? Eine Stasi im Kopf. Klingt doch, als hätte sich das jemand an einem sehr geselligen Abend mit der einen Hand auf einen Bierdeckel gekritzelt, während er sich mit der anderen den Bauch hielt. Offenbar war es aber nicht so. Und wie sich nach kurzer Recherche herausstellt, ist dieser schrullige Typ keine grimmepreisverdächtige Parodie sondern bittere, sehr bittere Realität. Die mit bürgerlichem Namen Mathias von Gersdorff heißt.  Kostprobe? Bitte sehr:

 

Schon 8873 Unterschriften für Petition gegen Homo-Adoption

 

Mathias von Gersdorff ist Mitglied der Deutschen Vereinigung für eine Christliche Kultur (DVCK) e.V., einem Verein der sich “der sich u.a. für die Förderung der abendländischen christlichen Kultur basierend auf den grundlegenden Prinzipien des christlichen Glaubens, und insbesondere für den Schutz von christlichen Werten einsetzt.” Sagt jedenfalls die Webseite.

Meiner persönlichen Meinung nach hat Mathias von Gersdorff panische Angst vor “Omosexellen” – wie er gleichgeschlechtlich Liebende nennt – und ist der festen Überzeugung, dass sie Ursache allen Übels wenigstens auf diesem Planeten, wenn nicht gar im Universum insgesamt sind.

Nicht umsonst hat sein Verein die Aktion Kinder in Gefahr ins Leben gerufen der er vorsitzt, und auf deren YouTube-Kanal selbst Hartgesottene das Fürchten lernen können.

Ich gebe unumwunden zu, dass die Vermeidung hochgradig beleidigender Schimpfwörter und Flüche ein überaus hartes Selbstbeherrschungstraining für mich darstellt, wenn Herr Hofschulte die “Eindämmung der Einflüsse der Homo-Lobby” mit der Gefährdung von Kindern zusammenbringt. Das liegt daran, dass ich mich dadurch an eine Zeit erinnert fühle, in der zwischen Pädophilie und Homosexualität noch nicht unterschieden wurde, und in der homosexuelle Gedanken oder Sehnsüchte noch als Königsdisziplin des Teufelswerks galten. Selbst nach eingehender Auseinandersetzung kann ich mich aber nicht des Eindruckes erwehren, dass Herr Hofschulte noch genau in dieser Zeit lebt. Möglicherweise befand er sich just in dem Moment in dieser ominösen Poststelle, als dort die Uhren aufhörten zu ticken.

Als Beweis für das bravouröse Absolvieren meiner Selbsbeherrschungs-Herausforderung erlaube ich mir das E-Mail zu veröffentlichen, dass ich Herrn Hofschulte heute schrieb:

Sehr geehrter Herr von Gersdorff,

in Ihren Videos sprechen Sie von „den Homosexuellen und deren Lobby”, nie aber vom einzelnen gleichgeschlechtlich Liebenden. Mir scheint, als hätten Sie sich mit diesem nie persönlich auseinandergesetzt.

Gern möchte ich Sie daher auf eine Tasse Kaffee einladen um Ihnen bereitwillig Auskunft über den oft harten Weg zum Coming Out zu geben und auch über die sehr alltägliche gesellschaftliche Repressionen danach.

Falls Sie sich vor einer solchen Begegnung aber fürchten wovon ich offen gestanden ausgehe empfehle ich Ihnen, sich mit einem beliebigen wissenschaftlichen Text zum Thema zu konfrontieren. Sie werden hier lernen, dass Homosexualität im von Perversion und Verderbtheit freien Tierreich ebenso häufig vorkommt, wie beim Menschen. Vielleicht kann Ihnen das die Augen für den Fakt öffnen, dass Homosexualität keine persönliche Entscheidung sondern eine Spielart der Natur ist.

Sobald mir eine Antwort zugehen sollte, landet sie selbstverständlich hier.

Mich ärgert sehr, dass es in dieser Angelegenheit so schwierig ist sachlich zu bleiben, wie die zahlreichen Kommentare unter den Videos bei YouTube.  Herr von Gersdorff gibt sich dabei große Mühe und weicht sicherheitshalber keinen Millimeter von seine vorgefertigten Reden ab.  In seinem neuesten Video führt er aus, dass wir es mittlerweile keineswegs mehr mit einer Diskriminierung von Homosexuellen zu tun haben, sondern im Gegenteil mit einer Religionsverfolgung. Homosexuelle seien mittlerweise quasi nicht mehr kritisierbar, ohne sich dem Vorwurf der Intoleranz oder gar Diskriminierung auszusetzen. Dies widerspreche den Grundsätzen der freien Meinungsäußerung, die ja auch ihm als konservativem Christen erlaubt sein muss.

Ich würde mich gern argumentativ mit diesem Einwand auseinandersetzen. Aber ich kann nicht, weil sich meine Hände beim Tippen zu Fäusten ballen. Vielleicht morgen. Nachdem ich zwei Stunden über Rosa Luxemburg meditiert habe: Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.

Zum Schießen: Peace, Brüder!

Im Grunde kann ich das ja nachvollziehen. Fast jeder Homosexuelle hat das in seinen jungen Jahren erlebt und wer es nicht erlebt hat oder vergessen oder verdrängt hat kann sich bei Timm daran erinnern lassen, wann immer den ansonsten ja sehr ambitionierten Damen und Herren dort das Material für ihr schwullesbisches Vollprogramm ausgeht:

CSD-Paraden sind oft erschreckend. Erschreckend besoffen, erschreckend prollig, nackt, unpolitisch und kommerzialisiert. Und wenn ich morgens zum Wachwerden den Fernseher einschalte, und mir als erstes bildschirmfüllend der entblößte Popo eines Lederdaddies präsentiert wird, der aussieht, als würde er „im echten Leben“ als Sachbearbeiter im Controlling eines Lebensversicherungskonzernes sitzen und nur heute, für den CSD und die Kamera mal richtig die Sau rauslassen, weiß ich, das wird ein stressiger Tag, dessen erste Herausforderung das sofortige Auffinden der Fernbedienung darstellt.

Ich bin doch selbst jahrelang mitgelaufen – also getaumelt. Richtige Tourneen hab ich gemacht: Berlin, Köln, Leipzig, Düsseldorf und Dresden in einem Sommer. Bis mir irgendwann in einer nüchternen Minute aufgefallen ist, dass das alles keine Demonstrationen mehr sind, sondern Straßenfeste, Kontaktbörsen und Freiluftdiskotheken. Bis mir schlagartig klar wurde, dass man die Diskriminierung von Homosexuellen, die ja nach wie vor stattfindet, dort nicht bekämpfen kann.

Nur, damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich bin sehr für Spaß. Ich finde, Spaß muss unbedingt sein! Und bin damit – Achtung: geschickte Überleitung! – ganz und gar auf einer Linie mit den skurrilen Ulknudeln der Piusbrudergemeinschaft, die ja immer mal wieder für einen wirklich geistreichen Kracherlacher sorgen und so freundlich sind, zwei unbedingt sehenswerte Kostproben ihres Humorverständnisses auf Ihrer Internetseite zum Besten zu geben, auf die mich mein lieber Freund Zaubererbruder hinwies:

1. Ein Sketch voll schreiender Situationskomik hier. Und
2. Ein satirisch-kabarettistischer Textbeitrag, der so genial geschrieben ist, dass ich ihn für eine Sekunde tatsächlich ernst genommen habe hier.

Junge, Junge, dass auch Herr Adenauer so eine schenkelklopferballernde Stimmungskanone war, wusste ich nicht. Ich hatte den bisher für bierernst und sterbenslangweilig seriös gehalten. Respekt!

Homoparty in Jerusalem

Da könnte ich mich doch glatt in meinen knackigen, entblößten Arsch beißen, dass ich es jetzt nicht mehr schaffen werde, beim diesjährigen CSD in Stuttgart mitzugrölen, weil selbiger in diesen Minuten bereits in vollem Gange ist. Andererseits habe ich gerade eruiert, dass die Organisatoren offenbar in ihrer Hysterie verschwitzt haben, die Homebase der Piusbrüder als wichtige Station in ihrer Parade aufzunehmen. Wenn mich einer fragt, ist das augenblicklich die beste Homopartylocation dieses Landes! Politisch, schockierend und richtig, richtig eng.

Eine Pappkrone für Volker Kauder!

Auch der Vorsitzende der CDU/CSU Bundestagsfraktion hat eine nebulös-morastige Meinung zum Thema, deren Äußerung er sich nicht verkneifen kann:

„Es gibt auch andere wissenschaftliche Erkenntnisse. Volles Adoptionsrecht für Schwule und Lesben widerspricht den Interessen von Kindern.“

Nun ist es keine Neuigkeit, dass der Beleg fast jeder auch noch so hanenbüchenen Meinung zuerst davon abhängt, ob man das nötige Kleingeld dafür hat, die Studie in Auftrag zu geben, die sie belegt. So muss sich auch die von Bundesjustizministerin Zypries in Auftrag gegebene Studie diesen Vorwurf gefallen lassen. Robin Alexander von Der Welt zum Beispiel findet nämlich, dass Sie wie die meisten Studien zum Adoptionsrecht für Homosexuelle die „Kein-Unterschied-Doktrin“ verfolgt, obwohl es freilich sehr gravierende Unterschiede zwischen homo- und heterosexuellen Eltern gäbe. Was, soweit ich die Debatte verfolgt habe übrigens auch niemand bestreitet.


Was hingegen durchaus streitbar bleibt, ist die Frage auf welche Studien sich Herr Kauder denn bezieht und welche „anderen wissenschaftlichen Erkenntnisse“ es sind, die mir bisher vorenthalten blieben. Selbstverständlich habe ich diese Frage Herrn Kauder persönlich gestellt und ebenso selbstverständlich wird die Antwort hier erscheinen. So sie denn kommt. Und die Links zu den entsprechenden Studien. So es diese denn gibt.

Damit die Diskussion nicht einschläft, war der 50-jährige Rottweil-Tuttlinger so freundlich, uns die Kernerkenntnis seiner sicher tiefschürfenden wissenschaftlichen Recherche knackig zusammenzufassen:

„Es geht bei dem Vorschlag allein um die Selbstverwirklichung von Lesben und Schwulen und nicht um das Wohl der Kinder.“

Aha. Wieder was gelernt.

Wer es schafft, mir drei nachvollziehbare Argumente zu liefern, die mir erklären, warum der Adoptionswunsch eines heterosexuellen Paares, das auf natürlichem Wege keine Kinder bekommen weniger der Selbstverwirklichung desselben dient, als der Wunsch eines homosexuellen Paares, das auf natürlichem Wege eben auch keine Kinder bekommen kann, gewinnt eine von mir eine liebevoll selbst gebastelte Pappkrone, und wird von mir für den Rest seines Lebens nur noch mit: „Sehr wohl, eure unangefochtene Majestät der Meinungswissenschaft.“ angesprochen.

Na, Herr Kauder? Schreiben Sie mir schon?

Frau Haderthauer für ein modernes Deutschland!

Offener Brief an Christine Haderthauer, Bayerische Staatsministerin für Arbeit und Sozialordnung, Familie und Frauen bezüglich Ihrer Äußerung zum Adoptionsrecht für Homosexuelle auf dem CSU Parteitag am 18. und 19. Juli 2009:

Sehr geehrte Frau Haderthauer,
mit großer Begeisterung habe ich Ihre Äußerungen am Rande des CSU-Parteitages am letzten Wochenende zum Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare vernommen. Sie sagten wörtlich:

„Bei den homosexuellen Partnern habe ich persönlich die Auffassung, dass es wichtig ist, dass Kinder Vater und Mutter als Erziehungspersönlichkeiten erleben und das ist in dem Fall eben nicht gegeben, und deswegen bin ich eher kritisch dieser Frage gegenüber und würde momentan das Adoptionsrecht nicht befürworten.“

Ich freue mich sehr, dass endlich eine Politikerin den Mut hat, für die unbedingte Notwendigkeit der Anwesenheit beider Elternteile bei der Kindererziehung einzustehen. Ich schreibe Ihnen, weil ich sie ermutigen möchte den Gedanken konsequent zu Ende zu denken.

Es kann doch nicht sein, dass rund 2,8 Millionen Kinder in Deutschland bei Alleinerziehenden Müttern oder Vätern aufwachsen müssen und ihnen so eine Erziehungspersönlichkeit vorenthalten bleibt! Deshalb bitte ich Sie, sich auch endlich dafür stark zu machen, dass all diese Kinder schnellstens zur Zwangsadoption freigegeben werden und schon bald ihr volles Potential in einer freundlichen und intakten Pflegefamilie mit neuer Mutter und neuem Vater entfalten können.

Ich wünsche Ihnen auch weiterhin viel Kraft im Kampf für ein offenes, modernes Deutschland!

Eine eventuelle Antwort von Frau Haderthauer wird hier umgehend veröffentlicht.