TV-Kritik: Roche und Böhmermann

Der schmissige, selbstreferentielle Galgenhumor, mit dem die experimentelle Schose anmoderiert wurde, durchzog sie wie ein roter Faden: Verkabelte die launigen Tischmikrofone, die statt den modernen Knöpfen am Revers verwendet wurden, fädelte die kleinen Zettel mit Regieanweisungen auf, die den Moderatoren von Zeit zu Zeit gereicht und nicht geflüstert wurden und hielt den Gesprächskreis, der optisch mehr an eine Pokerrunde oder Probeaufnahmen für den noch zu erfindenden Presseclub erinnerte, zusammen.

In vielem versuchte man sich vom Überangebot konventioneller Talkshows zu unterscheiden, vor allem aber im Style. Es gab Whiskey mit oder ohne Eis, es durfte geraucht werden und wer fluchen wollte, konnte sich mit Hilfe eines praktischen Klingelknopfes in der Tischmitte selbst ausbeepen. Getrunken wurde jedoch kaum, geraucht wurde gar nicht, zensiert vor allem zu Demonstrationszwecken.
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Nicht schwitzen!

Dafür, dass einem an jeder Straßenecke prophezeit wird, wie waaahnsinnig langweilig der heutige Fernsehabend sein wird solange man nicht “Die Simpson – Der Film” guckt, ist das mediale Rauschen um das anstehende TV-Duell zwischen Steinmeier und Merkel doch ziemlich laut, oder?

Gysi schimpft über das„Regierungs-Selbstgespräch zwischen Kanzler und Vize-Kanzler Steinhauer, äh, meier“ und fragt sich, “wie’se da Spannung reinkriejen wolln", während Westerwelle dem verhinderten Zuschauer die “Realsatire” freundlicherweise schon mal vorab zusammenfasst: “Frau Merkel wird dann sagen: Frank-Walter, es war nicht alles schlecht. Und Frank-Walter sagt: Da hast du recht, Angela.” Frau Künast hingegen übt sich in Sachlichkeit und erklärt, es sei schlichtweg "undemokratisch, wenn nicht alle Parteien ihre Konzepte darlegen können". Trotz ehrlichem und aufrichtigem darüber Nachdenken fällt mir kein Argument dagegen ein: Das stimmt wohl. Ebenso richtig scheint mir zu sein, dass der Gesprächsrunde heute Abend deutlich Potential verloren geht, weil die drei oben genannten einfach ausgesperrt wurden. Deren Zusammentreffen am Donnerstag bei Maybrit Illner war nicht nur aufschlussreich sondern durchaus auch verblüffend, gerade in Bezug auf die eigentlich ja streng verbotene aber teilweise geradezu aufdringliche programmatische Ähnlichkeit von Grünen und FDP.

Aber nicht nur die Leugnung jeglicher oppositionellen Kraft treibt mir mit Blick auf die Sendung heute Abend Falten der Irritation auf die Stirn:

1. Wer heute die Fernsehzeitung aufschlägt lernt das gruseln: Das TV-Duell läuft auf 5 Kanälen gleichzeitig. Auf Phoenix wird das Geschehen simultan in Gebärdensprache übersetzt, alle anderen Kanäle, nämlich das Erste, das ZDF, RTL und Sat.1 werden sich nur durch das eingeblendete Logo voneinander unterscheiden. Ganz ehrlich: Was soll das? Gewinnen RTL und Sat.1 durch einen einzigen Abend tatsächlich an politischem Profil? Glaubt das jemand? Oder wäre bei einer erwarteten Einschaltquote von 20 Millionen jede andere Programmierung schlichtweg zu teuer?

2. Obwohl es schon die Sache schon beim letzten Mal eher zur Komödie denn zum Action-Kracher gemacht hat, werden auch diesmal vier Moderatoren – genau: einer nämlich von jedem beteiligten Sender – auf die Kandidaten losgelassen. Vielleicht ist das Kindergartenfairness fürs Leben, und vielleicht sind die zu erwartenden Gockelkämpfe zwischen Herrn Plasberg und Herrn Kloeppel auch unterhaltsam, der Seriosität der Sache dienlich ist diese Moderatoren-Gruppentherapie wohl aber nicht.

3. Die Regeln des Duells sind vorab veröffentlicht, damit alle Hobbyschiedsrichter, die es pünktlich vom Dorfsportplatz zur Tagesschau geschafft haben, die Trillerpfeife für Fouls auch zuhause nur aus dem Mund nehmen müssen, um die Bierflasche anzusetzen. Neben der Begrenzung und peinlichen Überwachung der Redezeit auf 90 Sekunden pro Frage finden sich im Regelwerk auch so sinnige Vorgaben wie das Verbot jeglicher Gegenstände auf dem Pult außer Papier und Stift. Wollte jemand einen Teddy mitbringen oder was?

4. Lässt man auch dieses Mal den Regisseur Volker Weicker an die Steuerknüppel hinter den Kulissen. Weicker ist gut und preisgekrönt. Vor allem für Fußballspiele, Formel-1-Übertragungen und (Aufpassen!) Boxkämpfe. Und wie ein Boxkampf soll die ganze Nummer wohl auch wirken. “Blutgrätschen sind verboten”, titelt der Tagesspiegel zynisch. Gut zu wissen.

Soweit ich das verstanden habe, ist das hier ein Bundestagswahlkampf. Es geht darum, als Wähler zu entscheiden, wem man am ehesten zutraut, das Land halbwegs passabel durch diese ja nicht ganz einfache Zeit zu navigieren. Es geht nicht darum, wem im TV-Event des Jahres die markigsten Sprüche einfallen und wer überzeugender mit den Armen wedelt sondern darum, die zur Wahlstehenden Inhalte in einer kompakten 90-minütigen Gesprächsrunde – keinem Fußballspiel – direkt gegenüberzustellen.

Das hab ich aber ganz offensichtlich missverstanden, wie ein Blick in die Medien verrät:  Der RBB beispielsweise widmet dem Duell im Vorfeld ein Medienmagazin in dem die Moderatoren der Sendung – und nicht etwa die Kandidaten – ins Blaue drauf los schwadronieren dürfen. Die Zeit hingegen erhofft sich vom Duell die Wahlkampfwende, und gibt obendrauf gleich noch hilfreiche Tipps in Steinmeiers Richtung: “So kann ein schwitzender Kandidat etwaige Zweifel an seiner Eignung bestätigen.”

Da kann man nur hoffen, dass Steinmeiers Antitranspirant heute Abend nicht versagt bzw.. dass Udo Walz nicht gerade heute mit einer akuten Magen-Darm-Infektion darnieder liegt. Glaubt man den Medienmachern, könnte Merkel die Wahl verlieren, wenn ihre Haare heute Abend nicht perfekt sitzen.

Wenn man sich mal auf der Zunge zergehen lässt, für wie bescheuert leicht manipulierbar der Wähler von einigen Medienfuzzis Medienmachern gehalten wird, könnte man tatsächlich Lust auf einen Boxkampf bekommen.

Der Steinmeier-Effekt

Eines vorweg: Bisher habe ich in meinem Leben genau zwei Mal SPD gewählt. Einmal, weil ich den örtlichen Oberbürgermeister, der sich erneut zur Wahl stellte kannte und mochte. Und einmal, weil ich zwischen der charmanten wenn auch eitlen Dynamik eines Gerhard Schröder und der behäbigen wenn auch soliden Dümpelei eines Helmut Kohl zu entscheiden hatte. Vielleicht sind wir hier schon am Kern des Problems: Ich habe in beiden Fällen Personen gewählt, keine Parteien.

Ganz offensichtlich ist das keine meiner persönlichen Unarten sondern durchaus ein allgemein-gesellschaftliches, zumindest aber deutsches Phänomen. Ich kenne keine Prognose, die irgend einen Zweifel daran ließe, das Angela Merkel die kommende Bundestagswahl haushoch gewinnen werde. Nicht die CDU. Sondern ihre Vorsitzende. Die Kanzlerin. Angie. Die Deutschen mögen sie. Und wollen, dass sie bleibt.

Frank-Walter Steinmeier ist furchtbar unsympathisch. Finde ich. Und damit scheine ich nicht allein zu sein. Abgesehen von der Wahl ihres Kanzlerkandidaten hat die SPD nämlich alles richtig gemacht:

In ihrem67-seitigen Deutschland-Plan formuliert sie klare Visionen. Natürlich: Die Hoffnung auf Vollbeschäftigung in Deutschland ist keine hehre Vision, auch kein verführerisches Wahlkampfversprechen sondern schlichtweg albern. Davon abgesehen aber, durchaus respektable Ziele: Staatsinvestitionen wann immer möglich in ökologisch verträgliche, wenn nicht gar regenerative Projekte. Klare Regulierung der Finanzmärkte. Konkrete Zielmarken zur Gleichbehandlung von Frauen. Ein evidentes Konzept zur Breitbandversorgung von ganz Deutschland bis 2010 usw. usf.

Die CDU hingegen bleibt – und das ist auch überall zu lesen – schwammig und ungefähr. Ihr Regierungsprogramm ist dermaßen konsensfähig, dass ich persönlich große Mühe habe, mir ein beherztes Gähnen zu verkneifen. Keine konkreten Zahlen, keine genauen Termine, keine Fakten anhand derer man in vier Jahren prüfen könnte, wie viel die Versprechungen wert waren. Und das zügig zusammengeflickschusterte Konzept von Shooting-Star zu Guttenberg, das als prompte Reaktion auf Steinmeiers Plan gespielt werden sollte, wurde jetzt kurz vor knapp zurückgezogen.

Davon abgesehen spielt die Kanzlerin das alte Spiel, das keine so gut beherrscht wie sie: Aussitzen und Abwarten. Sie lässt sich auf keinerlei unangenehme Konfrontation ein, ignoriert den politischen Gegner anstatt mit ihm zu streiten und tut so, als sei überhaupt gar kein Wahlkampf. Vielleicht nicht die schlechteste Strategie. Spannend ist aber, das man dieses Verhalten einer Angela Merkel als ruhige Hand, Konzentration auf wesentliche tagespolitische Aufgaben oder sicheres Fortschreiten des eingeschlagenen Führungskurses auslegt, während man einem Frank-Walter Steinmeier an ihrer Stelle Feigheit, Konzeptlosigkeit oder Farblosigkeit unterstellen würde.

Hier sind wir schon wieder am Kern des Problems: Frank-Walter Steinmeier ist furchtbar unsympathisch. Und langweilig. So sehr, dass sein Townhall-Meeting nur von halb so vielen Zuschauern verfolgt wird, wie das der Kanzlerin vor einigen Wochen. Und sogar so sehr, dass dem Medienjournalisten Niggemeier, den die ganze Angelegenheit ja nun von Berufswegen interessieren sollte, der Kopf im plötzlich einsetzenden Tiefschlaf auf die Tischplatte zu schlagen droht.

Selbstverständlich hat die SPD Fehler gemacht. Kurt Beck zum Beispiel. Oder Matthias Platzeck. Oder die Reanimierung von Müntefering inklusive der lächerlichen Umzugskisten-Entgleisung und dem Märchen von den egalen Arbeitslosen. Trotz allem ist mir schleierhaft, warum sie vom Wähler dafür so hart bestraft wird. “Mit der Agenda 2010 hat sie ihre Klientel verprellt.”, lautet eine gern gewählte Standard-Antwort. Na schön. Mag sein. Aber ebenso gut hätten die Grünen ihre Klientel mit dem Ja zum Afghanistan-Einsatz vor einigen Jahren oder dem rassistisch-sexistischen Wahlplakat-Totalausfall von neulich  in die Flucht schlagen können, der zwar heute zurückgenommen wurde, aber eben nicht ungeschehen gemacht werden kann. Ist aber nicht passiert.

Der Umgang mit der SPD ist ungerecht. Das liegt an Steinmeier, an der stillen, aber  transmedialen Übereinkunft dass die SPD nunmal dieses Jahr das Opfer ist und daran, dass niemand 67-seitige Programme lesen möchte, wenn er sich aus Erfahrung ohnehin nicht mehr daran zu glauben traut.

Familenhilfe mit Herz!

Da braucht es schon die dicke Susan von „Familienhilfe mit Herz“, damit ich an Tagen wie diesem mal kurz aus dem Unterschichtenfernsehen-Vollrausch aufhorche und betrübt feststelle, dass sich mein Leben gar nicht so sehr von dem der hier am Nachmittag freiwillig öffentlich Bloßgestellten unterscheidet, auf deren Leben ich für gewöhnlich angewidert amüsiert herabschaue: Ein junger Mann sucht verzweifelt den Kontakt zu seiner leiblichen Mutter, die ihn im dritten Lebensjahr wegen akuter Überforderung im Rosenkrieg mit seinem Vater bei eben diesem zurückließ. Wenn ich die Mutter durch einen Vater ersetze bin ich schneller als mir lieb ist mitten in meinem Leben.

Der Sprecher aus dem Off weist nicht umsonst wenigstens dreimal pro Sendung darauf hin, dass Susan eine ausgebildete Diplom-Psychologin (sic! – Soweit ich weiß, sind alle Diplom-Psychologinnen ausgebildet, da man diesen Titel weder erben noch kaufen kann. Aber das ist Haarspalterei.) ist, die hier Handwerk versteht und deshalb alle Protagonisten völlig mühelos durch ein mit gelben Moderationskarten gepflastertes tiefes Tal der Tränen zum Happy-End – der Familienzusammenführung nämlich – führt.

Ich habe es ohne Susann probiert und bin irgendwo im Tal der Tränen offenbar falsch abgebogen. In Richtung Resignation und Zynismus nämlich. Ich finde es zwar merkwürdig aber erträglich wo ich jetzt bin. Meine Freunde behaupten jedoch, ich hätte mein Zelt in einer kalten, unwirtlichen Mondlandschaft aufgeschlagen und müsse dringend umsiedeln. Aber wohin?

Nicht nur, dass mein Vater lebt. Er tut es sogar in der gleichen Stadt wie ich. Ich habe seine Adresse und ich habe sie schon benutzt. Unglaublich: Wir haben uns getroffen. Entgegen dem jungen Mann im Fernsehen war ich bei diesem Treffen aber nicht von beinahe romantischer
Sehnsucht und kindlichem Hoffen erfüllt sondern von distanzierter Neugierde und tollpatschiger Verlegenheit. Und mein Vater – wenn ich mir eine weitere anmaßende Äußerung erlauben darf – war von Nichts und Niemandem erfüllt, und zwar – soweit ich das überblicke – noch nie in
seinem Leben.

Dementsprechend verlief der Nachmittag dann auch. Ich schwärmteschillernd von meinen Träumen, unter denen ich vorher verbal eintragfähiges Netz aus Vernunft und Realismus gespannt hatte, nur für denFall, dass mein Vater versuchen würde, sie zu stürzen. Er schimpfte
schallend über alle Missstände, die ihm einfielen, und zwar auch überdie, die nur in den Schlagzeilen der Bild-Zeitung, aber ganz und garnicht in seinem Leben existierten. Wer mit zwei Wagen in der Einfahrt im Eigenheim sitzt, sollte nicht die Sozialismuskeule schwingen. Meine
Meinung. Das Einzige, was mir an diesem Mann bewundernswert schien, war die Ausdauer und Wortgewalt, mit der er sich beklagte. Letztere war auch deshalb so beeindruckend, weil sie offenbar nicht die geringste Leidenschaft benötigte, sondern sich lediglich aus der Gewohnheit
speiste. Die Augen dieses Mannes blieben stumpf. Und würde sein Mund meinem nicht so ähnlich sehen, hätte ich gar keinen Grund gefunden, ihm ins Gesicht zu schauen. Wahrscheinlich war das Treffen für uns beide so unangenehm, dass wir uns nicht für ein zweites engagierten.

In den vergangenen zwei Jahren habe ich meinem Vater neun Briefe und eine Postkarte geschrieben. Die Postkarte war ein Reisegruß ausFrankreich, mit Informationen über Wetter, Unterkunft und Verköstigung. Vier Briefe betrafen Behörden, Formulare oder Unterlagen. Fünf Briefe allerdings betrafen – Achtung: Es sträubt sich alles! – uns. Sie hatten alle den gleichen Wortlaut und wurden mal per e-Mail, mal per Fax und einige Male selbstverständlich auch per Briefpost zugestellt. In diesen Briefen fragte ich, wie sich den mein Vater unser weiteres Verhältnis vorstelle, weil ich ratlos sei. Ob ihm dieses Postkarten- und Behördenpost-Beisammensein ausreiche, weil ich es komisch finde. Ich öffnete und entblößte mich, um das, was von meiner Seite aus zwischen uns stand auszuräumen, und bat ihn, es mir gleich zu tun. Ich bekundete unverholen, dass mich der momentane Zustand sehr irritiere, und ich auch
nicht wisse, wo es eigentlich hingehen soll. Mein Vater schwieg und schweigt bis heute.

Mich beruhigt, dass ich es versucht habe. Und dass ich alt genug bin um nicht nur zu ahnen, sondern wirklich zu wissen, dass man a.) verlorene Zeit nicht nachholen kann, und dass man b.) keinen Vater mehr gewinnen wird, wenn man straff auf die 30 zu geht. Was mich allerdings beunruhigt ist der Fakt, dass ich meinem Vater theoretisch morgen im Döner-Laden treffen könnte, ohne zu wissen, wie ich diese Situation nach dem „Hallo“ retten könnte. Wir hatten und haben nichts zu teilen, nichts nachzuholen und leider nicht mal etwas zu besprechen.

Jetzt erklärt sich, warum die Bewerberhotline von Susann kostenlos ist und man sogar etwas gewinnen kann: Die meisten Tragödien sind deshalb so tragisch, weil die romantische Sehnsucht und das kindliche Hoffen längst im Netz von Vernunft und Realismus zu Fall gekommen sind. Pathos hin oder her: Gute Nacht!