Das Weihnachtskind

Dieses Mal war es besonders. Zwar gab es Kartoffelsalat wie immer, und wie immer viel zu viel davon. Auch gab es die selben Lieder wie jedes Jahr, die gleichen Bastelstunden und leider auch die gewohnten Flüche beim Transport des Baumes.

Neu war meine Sentimentalität im Vorfeld. Zum ersten Mal in meinem Leben habe ich mich nach einer Familie gesehnt. Und zwar nach einer, deren Vater ich bin. Nicht nach dieser Eltern-Großeltern- und Tanten-Ersatzfamilie, der man widerwillig aber dennoch jährlich für drei Tage beitritt. Noch genauer hingesehen habe ich mich nach einem Kind gesehnt. Nach einem eigenen. Wenig exklusiv, ich weiß. Wann sehnt man sich nach einem Kind, wenn nicht an Weihnachten? Weihnachten feiert die Ankunft eines Kindes. Der bittere Nachgeschmack an meiner Sehnsucht ist ihr purer Eigennutz: Ich glaube, man kann Weihnachten in den und durch die Augen eines Kindes am intensivsten erleben. Die Vorfreude, die Begeisterung, die Euphorie. Den Zauber.

Aller Voraussicht nach werde ich aber keine Kinder haben. Was mir in den restlichen zwölf Monaten des Jahres auch keine Schwierigkeiten bereitet. Davon abgesehen ist es wohl richtiger zu versuchen, selbst wieder Kind werden in dieser besonderen Zeit. Sich zu freuen, sich auf Kleinigkeiten einzulassen und zu glauben.

Und nach meinem Empfinden ist es auch richtiger – ehrlicher vielleicht – statt der Eltern-, Großeltern-und-Tantenbagage die Leute um sich zu versammeln, die man mag und schätzt und liebt, obwohl sie weder den eigenen Nachnamen tragen, noch den eigenen Stammbaum teilen.

Hinter mir liegt ein wunderschöner Abend mit Freunden. Einer, an dem es mir kindliche Freude bereitet hat zu schenken und beschenkt zu werden und an dem ich mich gefühlt habe, als wär‘ ich zu haus.

Ich übertreibe. Natürlich. Noch vor drei Monaten lag ich mit eben diesen Freunden im Streit, und keiner weiß ob es in drei Monaten womöglich wieder so sein wird. Aber Streit kommt in den besten Familien vor. Haha. Sie wird immer ein Phänomen bleiben für mich: die Familie. Die gegebene wie die gesuchte.

Familenhilfe mit Herz!

Da braucht es schon die dicke Susan von „Familienhilfe mit Herz“, damit ich an Tagen wie diesem mal kurz aus dem Unterschichtenfernsehen-Vollrausch aufhorche und betrübt feststelle, dass sich mein Leben gar nicht so sehr von dem der hier am Nachmittag freiwillig öffentlich Bloßgestellten unterscheidet, auf deren Leben ich für gewöhnlich angewidert amüsiert herabschaue: Ein junger Mann sucht verzweifelt den Kontakt zu seiner leiblichen Mutter, die ihn im dritten Lebensjahr wegen akuter Überforderung im Rosenkrieg mit seinem Vater bei eben diesem zurückließ. Wenn ich die Mutter durch einen Vater ersetze bin ich schneller als mir lieb ist mitten in meinem Leben.

Der Sprecher aus dem Off weist nicht umsonst wenigstens dreimal pro Sendung darauf hin, dass Susan eine ausgebildete Diplom-Psychologin (sic! – Soweit ich weiß, sind alle Diplom-Psychologinnen ausgebildet, da man diesen Titel weder erben noch kaufen kann. Aber das ist Haarspalterei.) ist, die hier Handwerk versteht und deshalb alle Protagonisten völlig mühelos durch ein mit gelben Moderationskarten gepflastertes tiefes Tal der Tränen zum Happy-End – der Familienzusammenführung nämlich – führt.

Ich habe es ohne Susann probiert und bin irgendwo im Tal der Tränen offenbar falsch abgebogen. In Richtung Resignation und Zynismus nämlich. Ich finde es zwar merkwürdig aber erträglich wo ich jetzt bin. Meine Freunde behaupten jedoch, ich hätte mein Zelt in einer kalten, unwirtlichen Mondlandschaft aufgeschlagen und müsse dringend umsiedeln. Aber wohin?

Nicht nur, dass mein Vater lebt. Er tut es sogar in der gleichen Stadt wie ich. Ich habe seine Adresse und ich habe sie schon benutzt. Unglaublich: Wir haben uns getroffen. Entgegen dem jungen Mann im Fernsehen war ich bei diesem Treffen aber nicht von beinahe romantischer
Sehnsucht und kindlichem Hoffen erfüllt sondern von distanzierter Neugierde und tollpatschiger Verlegenheit. Und mein Vater – wenn ich mir eine weitere anmaßende Äußerung erlauben darf – war von Nichts und Niemandem erfüllt, und zwar – soweit ich das überblicke – noch nie in
seinem Leben.

Dementsprechend verlief der Nachmittag dann auch. Ich schwärmteschillernd von meinen Träumen, unter denen ich vorher verbal eintragfähiges Netz aus Vernunft und Realismus gespannt hatte, nur für denFall, dass mein Vater versuchen würde, sie zu stürzen. Er schimpfte
schallend über alle Missstände, die ihm einfielen, und zwar auch überdie, die nur in den Schlagzeilen der Bild-Zeitung, aber ganz und garnicht in seinem Leben existierten. Wer mit zwei Wagen in der Einfahrt im Eigenheim sitzt, sollte nicht die Sozialismuskeule schwingen. Meine
Meinung. Das Einzige, was mir an diesem Mann bewundernswert schien, war die Ausdauer und Wortgewalt, mit der er sich beklagte. Letztere war auch deshalb so beeindruckend, weil sie offenbar nicht die geringste Leidenschaft benötigte, sondern sich lediglich aus der Gewohnheit
speiste. Die Augen dieses Mannes blieben stumpf. Und würde sein Mund meinem nicht so ähnlich sehen, hätte ich gar keinen Grund gefunden, ihm ins Gesicht zu schauen. Wahrscheinlich war das Treffen für uns beide so unangenehm, dass wir uns nicht für ein zweites engagierten.

In den vergangenen zwei Jahren habe ich meinem Vater neun Briefe und eine Postkarte geschrieben. Die Postkarte war ein Reisegruß ausFrankreich, mit Informationen über Wetter, Unterkunft und Verköstigung. Vier Briefe betrafen Behörden, Formulare oder Unterlagen. Fünf Briefe allerdings betrafen – Achtung: Es sträubt sich alles! – uns. Sie hatten alle den gleichen Wortlaut und wurden mal per e-Mail, mal per Fax und einige Male selbstverständlich auch per Briefpost zugestellt. In diesen Briefen fragte ich, wie sich den mein Vater unser weiteres Verhältnis vorstelle, weil ich ratlos sei. Ob ihm dieses Postkarten- und Behördenpost-Beisammensein ausreiche, weil ich es komisch finde. Ich öffnete und entblößte mich, um das, was von meiner Seite aus zwischen uns stand auszuräumen, und bat ihn, es mir gleich zu tun. Ich bekundete unverholen, dass mich der momentane Zustand sehr irritiere, und ich auch
nicht wisse, wo es eigentlich hingehen soll. Mein Vater schwieg und schweigt bis heute.

Mich beruhigt, dass ich es versucht habe. Und dass ich alt genug bin um nicht nur zu ahnen, sondern wirklich zu wissen, dass man a.) verlorene Zeit nicht nachholen kann, und dass man b.) keinen Vater mehr gewinnen wird, wenn man straff auf die 30 zu geht. Was mich allerdings beunruhigt ist der Fakt, dass ich meinem Vater theoretisch morgen im Döner-Laden treffen könnte, ohne zu wissen, wie ich diese Situation nach dem „Hallo“ retten könnte. Wir hatten und haben nichts zu teilen, nichts nachzuholen und leider nicht mal etwas zu besprechen.

Jetzt erklärt sich, warum die Bewerberhotline von Susann kostenlos ist und man sogar etwas gewinnen kann: Die meisten Tragödien sind deshalb so tragisch, weil die romantische Sehnsucht und das kindliche Hoffen längst im Netz von Vernunft und Realismus zu Fall gekommen sind. Pathos hin oder her: Gute Nacht!