Warum mir der 3. Oktober als Feiertag wirklich etwas bedeutet

In diesen Zeiten ist es heikel, Begriffe wie „Heimat“ oder „Nationalfeiertag“ ohne kritische Distanzierung zu gebrauchen. Dafür gibt es gute Gründe. Politische Kräfte, die das Wort „völkisch“ wieder positiv besetzen wollen zum Beispiel. Solche die wollen, dass „Deutschland den Deutschen“ wieder ohne Scham gesagt werden darf. Oder die mit der Erinnerung an den Holocaust abschließen wollen.

Ich traue mich daher kaum, über das Gefühl zu schreiben, dass mich heute den ganzen Tag beherrscht hat: Dankbarkeit. Ich bin sehr froh über diese deutsche Einheit, auch nach 27 Jahren noch. Für mich ist der 3. Oktober einer der wenigen Feiertage, die mir tatsächlich etwas bedeuten. Mehr als: Heute muss ich nicht ins Büro. Warum mir der 3. Oktober als Feiertag wirklich etwas bedeutet weiterlesen

Im Namen des Volkes: Hinrichtungen in Leipzig

Als mir die kleine Gedenktafel an der Außenmauer des Leipziger Amtsgerichtes zum ersten Mal aufgefallen war, konnte ich es kaum glauben. In diesem Gebäude sollen bis in die 80er Jahre hinein Menschen hingerichtet worden sein. Im Namen des Volkes.

Gestern nun bot sich im Rahmen der Leipziger Museumsnacht die Gelegenheit, die zentrale Hinrichtungsstätte der DDR zu besichtigen. Die Schleuse, die Verwahrzelle, den Hinrichtungsraum. Mir schaudert noch immer.

Zwischen 1960 und 1981 wurden mitten in der belebten Leipziger Südvorstadt 64 Menschen hingerichtet – ausschließlich Männer. Bis 1968 geschah dies durch die Guillotine. Wirklich: Man hat den Verurteilten auf ein bewegliches Brett geschnallt, ihn darauf unter eine Klinge geschoben und seinen Kopf nach dem Herabfahren der Klinge in einem Eimer aufgefangen. Das war praktisch, weil der Verstorbene in diesen Eimer ausbluten konnte.

Nach 1968 erfolgten die Hinrichtungen durch einen „unerwarteten Nahschuss ins Hinterhaupt“. Der Verurteilte wurde in den Vollstreckungsraum geführt, dessen Tür nach innen öffnete. Hinter der Tür versteckte sich der Henker mit geladener Pistole. Nachdem das Urteil nochmals verkündet wurde trat der Henker zügig von hinten an Verurteilten heran und erschoss ihn. Die Leichen wurden in einfachen Kiefernsärgen umgehend im nahegelegenen Krematorium auf dem Leipziger Südfriedhof verbrannt. Entweder deklariert als anonyme Einäscherung oder als Anatomieleichen oder als organischer Abfall aus der Universitätsklinik.
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10 Sätze zum Wert von Kiwis

Um unser Begrüßungsgeld abzuholen, waren wir wie Sardinen in eine Dose in ein enges Zugabteil gequetscht nach Hof gefahren. In der Gemüseabteilung eines dortigen Supermarktes machte ich eine faszinierende Entdeckung: „Guck mal Mama. hier gibt es Kartoffeln mit Haaren!“ Obwohl auch meine Mutter noch nie zuvor in ihrem Leben eine Kiwi gesehen hatte, erklärte sie mir gespielt fachkundig verstohlen das kleine Etikett lesend, dass ich offensichtlich falsch lag. Dann nahm sie mich an die Hand und wir verließen schnellen Schrittes die Frischeabteilung, in der sich einige Kunden köstlich über meinen Ausruf amüsierten. Da ich die seltsame Frucht an der Kasse noch immer in der Hand hielt, hat meine Mutter sie mir gekauft und ich habe sie den ganzen Tag in meiner Jackentasche mit mir herum getragen, um wann immer Zeit war das süßlich-exotische Aroma zu inhalieren, das sie verströmte.

Am Abend – wir waren gegen elf völlig erschöpft wieder zuhause angekommen – holte ich sie hervor und bat meine Mutter, sie mit chirurgischer Genauigkeit in vier gleich große Teile zu zerschneiden, damit jeder etwas davon habe. Andächtig und in völliger Stille saßen wir am Esstisch und löffelten langsam das grüne Fleisch, bevor wir – kaum war das letzte Fitzelchen genossen – wild durcheinander plappernd versuchten, unseren Geschmackseindrücken Ausdruck zu verleihen. In der festen Überzeugung, nie wieder in meinem Leben nach Hof zu kommen, versuchte ich, aus den winzigen schwarzen Kernen kleine Kiwipflanzen zu ziehen – vergeblich.

Heute habe ich eine Sechserpackung Kiwis weggeworfen. Die war letze Woche sehr günstig im Angebot und ich dachte, vielleicht würde ich Appetit auf Kiwis bekommen, bevor sie allesamt verschimmelt wären.