Abgefahren: Big Brother als blinder Passagier

Der tägliche Verkehrskollaps um Amsterdam und Den Haag katapultiert die kleinen Niederlande auf die vorderen Plätze einer zweifelhaften europäischen Top Ten. Kilometerlange Staus auf chronisch überlasteten Hauptstrecken schaffen das unmögliche und lassen die Zeit in der Rush Hour regelmäßig still stehen. Also hat man geforscht und gebrütet und ist – Hoppla! – auf ein Patentrezept gestoßen. Eine moderne computergestützte KFZ-Steuer für die Grimms Tapferes Schneiderlein Pate gestanden haben könnte.

Ab 2012 nämlich erledigt man sieben auf einen Streich. Mindestens: Der Sonntagsfahrer zahlt weniger als der Berufspendler, der Limousinen-Besitzer mehr als der Kleinwagenlenker und der Umweltschützer weniger als der Abgassünder. Gleichzeitig belohne man die, die ihren Wagen zur Hauptverkehrszeit stehen lassen und bestrafe jene, die unverbesserlich auf staugefährdeten Hauptstrecken fahren. Nebenbei mache man den öffentlichen Personennahverkehr attraktiver, senke den Kohlendioxidausstoß und wahrscheinlich auch die Zahl der Verkehrstoten.

Möglich wird das alles durch eine topmoderne ausgeklügelte Software, die Hollands Verkehrsdaten in Echtzeit auswertet, und den Fahrzeugbesitzern die KFZ-Steuer anhand der tatsächlichen Autonutzung in Rechnung stellt. Ach ja, und natürlich durch ein kleines Kästchen, eine sogenannte On-Board-Unit, die man liebevoll OBU nennen kann, die klein und unscheinbar ist, und deren flinken Einbau sogar der Staat bezahlt.

Ein Segen also? Nein, ein Fluch.

Die On-Board-Unit darf man sich vorstellen, wie ein Navigationsgerät mit eingebautem Handy. Das Gerät zeichnet minutiös auf, wann man mit seinem Auto wo unterwegs ist und funkt diese Daten an eine Verkehrsleitstelle. Die ermittelt aus den empfangenen Koordinaten die zurückgelegte Strecke und multipliziert diese mit den gemäß Tageszeit fälligen Gebühren. Die so berechnete KFZ-Steuer wird dem Fahrzeughalter bequem monatlich vom Konto abgebucht.

Im Klartext bedeutet das, es ab 2012 in den Niederlanden nicht mehr möglich sein wird, sich in seinem Auto ohne staatliche Überwachung fortzubewegen. Die ominöse Verkehrsleitstelle kann stets genauestens Auskunft darüber geben, welches Auto sich wann wo befand und befindet. Also: könnte.

In der offiziellen Imagebroschüre nimmt man sich den Sorgen von Datenschützern freilich verantwortungsvoll an:

Schutz persönlicher Daten gewährleistet

Die Informationen, die vom Gerät gesendet werden, sind gesetzlich und technisch geschützt. Nur dem Autofahrer sind diese Daten bekannt. Der Staat erhält keine Fahrtdaten und kann Autos nicht überwachen. Auf diese Weise ist der Schutz der persönlichen Daten von Verkehrsteilnehmern gewährleistet.

Der erfahrene Leser merkt es sofort: diese Zeilen haben mehr mit Autosuggestion als mit der Realität zu tun. Heise illustriert sehr eindrucksvoll, dass bisher nicht einmal die Entwickler solcher sogenannter Car-to-X-Systeme sicher sind, wie Datenmissbrauch künftig ausgeschlossen werden kann.

Die für die Entwicklung der Software zuständige Firma ARS räumt die Möglichkeit der Erstellung von Bewegungsprofilen in einer anderen Regierungsbroschüre, die den enormen technologischen Standard der Niederlande preist, sogar selbst ein. Über ein ganz ähnliches Projekt in Stockholm heißt es da:

“Mit einem solchen System wäre es eine Kleinigkeit, auch Personenbewegungen zu verfolgen. "Das ist möglich", gibt Linssen zu, "aber der Datenschutz in Schweden ist streng. Diese Option ist daher in unserem System ausgeblendet. Wir kennen nur die Fahrzeiten der Autos, nicht die bestimmter Personen."

In meinen Augen ist außer der OBU selbst nichts an dieser Angelegenheit eine Kleinigkeit. Denn, wenn es möglich ist, totalen Zugriff auf die Mobilitätsdaten der Bürger zu bekommen, warum sollte man ihn dann nicht nutzen? Die Daten werden ohnehin erhoben. Warum sollte man sie nicht auswerten?

Mit einem Schlag könnte man so beispielsweise alle KFZ-Diebstähle in den Niederlanden aufklären. Und alle Entführungen. Und alle verlorenen Verfolgungsjagden nach Banküberfällen. Vorausgesetzt die Verbrecher sind bescheuert genug, die OBU weiterhin spazieren zu fahren, was ich bezweifle.

Was aber mit brenzligen Situation, in der Mobilitätsdaten beweisen könnten, dass man eben nicht zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort war? Dass man einen bestimmten Unfall nicht verursacht oder ein bestimmtes Verbrechen nicht begangen haben kann? Ist es dann vertretbar die Daten nicht auszuwerten?

“Mautdaten sind Fahndungsdaten” ließ sich Bundesanwalt Kay Nehm am Rande des 44. deutschen Verkehrsgerichtstages zitieren, womit der Bogen zur Situation in Deutschland geschlagen wäre. Denn auch in Deutschland ist es theoretisch heute schon, möglich weite Teile der bürgerlichen Mobilität auszuwerten: Jedes Auto – ausdrücklich nicht nur LKW – wird an den Mautbrücken über deutschen Autobahnen fotografiert. Die Fotos all jener Fahrzeuge die nicht mautpflichtig sind, werden natürlich innerhalb von Sekundenbruchteilen wieder gelöscht, wie das Betreiberkonsortium Toll Collect auf seiner Website verspricht. Nehm ist nicht der erste, der das gern offiziell ändern würde. Auch Herr Schäuble hatte dies in seiner Zeit als Bundesinnenminister angeregt.

Verkehrsminister Ramsauer brachte die Einführung einer technologiegestützten PKW-Maut in Deutschland erst kürzlich ins Gespräch, wurde dann aber zurückgepfiffen. Auch Grünen-Chef Özdemir bekundete öffentlich seine Sympathie mit dem holländischen System, was all jene verblüffen dürfte, die die Wahrung von Bürgerrechten bisher als grüne Grundfeste missverstanden hatten.

Der ADAC indes beruhigt: „Das Rechnungsmodell verlangt wie bei einem Handy eine Einzelabrechnung. Wer will 40 Millionen Autos in Deutschland erfassen und abrechnen, ohne dass es ein Zuschussgeschäft wird?“, ließ er über seine Sprecherin Maxi Hartung ausrichten.

Auch die Niederländer mögen das neue System nicht. Laut einer Umfrage von “De Telegraaf” lehnen 62 Prozent der Bevölkerung den wahr werdenden Verfolgungswahn ab. Das jedoch wird wenig nützen: Wer einen Ausfall der OBU während der Fahrt nicht binnen 8 Stunden meldet, riskiert 6 Monate Gefängnis oder alternativ eine Geldstrafe von bis zu 18.500 €.

Fliegende Holländer

Es steht auf jeder zweiten Urlaubskarte und ist meistens einfach schlecht beobachtet: „Die Menschen sind ganz anders hier. Viel freundlicher, viel offener, viel freier.“ Aber ich komme auch nach intensiven Hinsehen nicht umhin, genau das von Amsterdam zu behaupten.

Es ist diese fröhliche Freiheit, die hier in jedem Gesicht steht. Sicher, ich weiß: Es ist Frühling, ich bin im Urlaub und außerdem sind andere Städte, besonders die in anderen Ländern immer spannend, immer faszinieren und viel schöner als Zuhause. Aber die fröhliche Freiheit hier ist echt.

Ich glaube nicht, dass es eine holländische Leichtigkeit ist. Oder anders: dass es deutsch ist, was mich schwer macht zu hause. Wahrscheinlich ist sie hausgemacht, diese Schwere, diese Verkrampftheit, diese subtile Angst. Dieses kurze „Bin-ich-schick-genug?“ bevor ich ein neues Cafe betrete. Diese steinerne Mine, wenn auf der Straße jemand zu nah an mir vorbeigeht. Aber auch: Dieses „Dankeundschöntagnoch.“ dass nicht mich meint, sondern einen fiktiven Punkt der Deckenverkleidung im Aldi. Die Menschen sind hier anders. Heute morgen in der Straßenbahn wollte ich ein Ticket kaufen. Dabei benutzte ich die Formulierung „two people“ was den Straßenbahnfahrer dazu veranlasste über das Straßenbahnmikrofon Paul McCartneys „Too many people living underground“ anzustimmen und mich zum mitsingen einzuladen. Das ist Amsterdam. So sind die Menschen hier. Manchmal fangen sie einfach auf der Straße zu singen an. Wer zu ernst kuckt wird einfach angesprochen und gefragt, ob alles in Ordnung ist. Wer vor einem Laden unsicher auf und ab geht, wird freundlich hereingebeten. Man muss sich ganz schön anstrengend, hier verkrampft zu sein. Schlechte Laune kostet hier viel Mühe. Auch, wenn es regnet. Auch, wenn man nicht im Coffee-Shop war.

Das ist sehr befreiend.

Coffee-Shopping

Es ist passiert heute. Natürlich ist es passiert heute. Wir waren in einem Coffee-Shop. Wir haben gekifft. Wir haben heute mal was verrücktes gemacht. Hey.

The Grashopper. Nettes Wortspiel. Gute Idee fürs Interieur. Dunkel, wie alle Coffee-Shops. Nur grüner. In einer dunklen Ecke eine Art Fahrkartenschalter. Mit Glastrennscheibe, einem Verkäufer dahinter und einem Münztablett. Joints der Hausmarke im 3er-Pack, 15 Euro. Gekauft.

Die ersten Züge beißen im Hals. Heiko, obwohl der Mal Raucher war, und mich erst recht. Aber Husten darf man nicht. Nicht in einem Coffee-Shop. Nicht bei dem Publikum. Husten im Coffee-Shop wäre wie Blähungen in der Oper.

Die ersten Züge fühlen sich an wie Schnaps. Es dreht ein wenig, tanzt auf der Grenze zwischen angenehmen und unangenehmen. Aber dieser Zustand hält nich lange an. Dieser Zustand wächst. Heiko erkennt das und hört auf. Ich erkenne das und mache weiter.

Ich kann das Blut in meinen Adern fließen fühlen. Überall. Ich kann fühlen, wie sich die Geschwindigkeit meiner Gedanken erhöht. Das meine Gedanken, weiter schießen als sonst, größere Kreise ziehen, tiefer werden. Ich verliere den Bezug zu meiner Körperlichkeit, treibe weg von der Außenwelt, treibe nach innen. Erst wird Sprechen anstrengend, dann zuhören. Ich habe das Gefühl zu schweben. Räumlich und geistig. Bin nirgends mehr. Bin niemand mehr. Bin nichts mehr. Nur glücklich. Nur ein Moment.

Aber dieser Zustand hält nicht lange an. Dieser Zustand kippt. Ich höre Heiko rufen, dass ich blass würde, dass meine Lippen völlig ohne Blut wären, dass ich wegtreten würde. Und ich glaube ihm, denn einen Augenblick später schwebe ich nicht mehr, sondern spüre mich fallen. Schnell. Schnell verlassen wir den Shop. Frische Luft wäre gut. Frische Luft bringe wieder Farbe ins Gesicht. Tut sie. Aber nicht schnell genug um die Kellnerin davon abzuhalten nach draußen zu rennen und sich zu versichern, dass ich keinen Arzt bräuchte. Ich war mir nicht sicher, tat aber so. (Die Blähungen in der Oper.)

Ein paar Minuten später spüre ich mich wieder. Ein wenig jedenfalls.

Die Zigarette liegt vor mir auf dem Tisch. Links von ihr der Aschenbecher. Rechts von ihr die schützende Hülle. Ich will schlafen.

Amsterdam

Kurzurlaub in Amsterdam. Drei Tage, weil wir drei Jahre zusammen sind. Eine gute Idee. Weil man über Amsterdam ja soviel gutes hört. Und weil sich Vorfreude ja so gut anfühlt. Besonders dann, wenn sie sich nicht in erster Linie auf ein besonderes Ereignis, sondern das Ausbleiben besonderer Ereignisse – dem Denken spezieller Gedanken nämlich – bezieht. So eine Reise lenkt ab. Auch die Vorfreude auf sie.

Eine weniger gute Idee ist es hingegen, diese Vorfreude mit anderen zu teilen. Das jedenfalls ist meine Erfahrung. Die erste Reaktion auf das Wort Amsterdam ist nämlich in der Regel das Wort Coffee-Shop. Und dieses Wort war wie ein Virus, der vom Mund meines Gegenüber in mein Ohr kletterte und sich dort einnistete, um von Zeit zu Zeit widerzuhallen. An jeder Ecke hier gibt es Coffee-Shops. An jeder einzelnen Ecke. Und ob man nun diesen Virus im Ohr hat oder nicht: Die erwachte Neugier nimmt den Kampf gegen die Vernunft auf. Und letztere hat nicht viel Rückenhalt: Kiffen ist legal hier. Der Geruch gehört zum Stadtbild. Weed rauchen zum guten Ton.

Ach ja, die Stadt. Diese Stadt! Unglaublich. Ich fürchte, zum Sightseeing werden wir nicht kommen. Die exostischsten Geschäfte bilden endlose wunderschöne Gassen, zahllose Kanäle gaukeln dennoch Weite vor, gemütliche Cafes versüßen ohnehin zuckersüße Stunden und freundliche, hilfsbereite Menschen bevölkern das Ganze mit lockerem, leichtem Leben. Selten hat mich eine Stadt so fasziniert, so in ihren Bann gezogen, so schnell so mein Herz erfüllt, wie diese hier. Selten habe ich mich auf Anhieb so wohl gefühlt irgend wo, so kräftig und froh.

Nur die Coffee-Shops machen mir Angst. Mal sehen, wie lange noch.