Nan Goldin

Sie ist es. Ich bin mir sicher. Ich hatte es schon aus den Augenwinkeln erkannt.
Sie spaziert leichten Schrittes in die Fondation und begrüßt die Damen von der Aufsicht wie alte Freundinnen. Ich verwandele mich in 16-jährigen Groupie und ergreife aufgeschreckt die Flucht in den hinteren Teil der Ausstellungshalle. Virginie hat mich beobachtet und lacht. „Is this Nan Goldin?“, frage ich, obwohl ich die Antwort kenne. „Do you want to meet her?“, fragt Virginie. Ich stottere.

Sie ist eine Ikone für mich. Eine Göttin, fast. Eine Pionierin. Ein Bulldozer, der auch mir den Weg geebnet hat. Ich weiß nicht, wie oft ich mir ihre Bildbände angesehen habe. Wie oft ich über sie gesprochen habe, wenn mich jemand nach meinen Vorbildern gefragt hat. Wie oft ich an sie gedacht habe, wenn ich selbst fotografierte. Vor zwei Wochen hat jemand an der Hochschule einen Vortrag über sie gehalten und damit geschlossen, dass er nicht wisse, was Nan Goldin heute macht. Ich könnte sie fragen. Hier. Sofort.

„Well. Yes. But. Later. Later. I’m too nervous now.“, stammele ich. Virginie erzählt mir, dass „Nan“ eigentlich zu jeder Ausstellungseröffnung vorbeischaue. Sie lebe ja schließlich seit einigen Jahren in Paris und sei eine Freundin der Fondation. Sie wäre eine sehr angenehme Person, „quite relaxed“ und sehr menschlich. Ich sollte sie nicht verpassen.

Natürlich war mir klar, dass Nan Goldin ein Mensch ist. Dass sie irgendwo lebt und wie ich einkaufen gehen muss. Dass sie ihre Wäsche selbst wäscht und selbst kocht.

Dass sie sich dann und wann eine Ausstellung ansieht. Natürlich wusste ich, dass sie sich ohne Limousine und ohne Bodyguards in der Öffentlichkeit bewegen würde. Aber dass ihr Weg meinen kreuzt, so nah, so früh, so plötzlich, das wusste ich nicht. Dass ich die Gelegenheit haben würde mit ihr zu sprechen über Kunst, das Wetter und das Leben im Allgemeinen, hatte ich nicht erwartet. Das hatte ich nicht zu träumen gewagt. Ich bin überhaupt nicht vorbereitet.

Ich habe mir das Gesicht gewaschen und will jetzt nach oben zum „Presselunch“. Die Fahrstuhltür öffnet sich. Keine 50 Zentimeter Abstand zwischen unseren Nasenspitzen. „Are you the German artist, that is dying to meet me? Virginie told me. I saw your pictures.“

Ich stieg zu. Sie fragte mich, woher genau ich komme. Sie habe Ende der Achtziger auch mal in Leipzig gearbeitet. Sie mochte die Schule dort. Sie habe dort sogar einige Seminare gegeben. Sie habe keine guten Erinnerungen an Leipzig. Das sei keine gute Zeit gewesen für sie. Der Fahrstuhl öffnet sich wieder. 8. Etage. Dachterrasse. Sie sagt, sie müsse kurz zur Toilette und das wir uns dann beim Essen sehen würden.

Sie sieht fertig aus. Ich weiß nicht, warum mich das überrascht. Ihre Zähne sind gelb, ihre Haare spröde und ihr Wangenrouge kann mich nicht über die geplatzten Äderchen dahinter hinwegtäuschen. Natürlich hat Nan Goldins Leben Spuren in ihrem Gesicht hinterlassen. Ich kann erzählen warum, ich war quasi dabei, nachts über ihren Bildbänden. Warum irritiert mich das jetzt? Ihre Wimperntusche ist weggeschwitzt, ihr Lippenstift abgeleckt, ihre Tönung raus gewachsen. Je länger ich darüber nachdenke umso klarer wird mir, dass es gar nicht anders hätte sein können.

Es gibt keine perfekt geschminkte Nan Goldin mit perfektem Lächeln und perfekt sitzenden Haaren. Nan Goldin beschäftigt sich mit bröckelnden Fassaden und Verfall. Immer.

Wir treffen uns vor den Hors d’oeuvre. Ich überlege, ob ich sie noch mal ansprechen soll. Ich bin verliebter Teenager. Ich will nicht nerven. Es ist heiß. Sie fragt ob ich ihre Dia-Shows jemals live gesehen hätte. Ich verneine und zähle zur Entschuldigung alle Fakten auf, die ich über Ihre Dia-Shows weiß. Sie fragt mich, welcher namhafte Professor an meiner Schule lehre. Ich weiß nicht, wer für Nan Goldin namhaft ist, versuche ein paar Namen und ernte Kopfschütteln. Sie fragt mich, ob mir klar wäre, dass jedes Foto ein Selbstporträt ist und jedes Selbstporträt ein Foto der ganzen Welt sei. Sie hat meine Arbeit gesehen. Darüber sprechen wir ein paar Minuten. Meine Bewunderung für ihr ungeheures Wissen wird dadurch gemildert, dass es ihr bewusst ist. Meine Hochachtung für ihre Arbeit verliert an Glanz, als sie ihre Verdienste erwähnt. Meine Zuneigung endet in der Sekunde in der ich sie als Lehrerin wahrnehme. Keine Frage: Ich bin Schüler.

Heute habe ich gelernt, dass mir nur einer Kunst beibringen kann.
Ich. Es soll doch meine Kunst sein.