10 Sätze über die nötige Revision öffentlicher Urteile

„Ich kommentiere natürlich Gerichtsentscheidungen nicht, kann aber sagen: Die Tatsache, dass Hoeneß jetzt dieses Urteil so angenommen hat, nötigt mir hohen Respekt ab.“, sprach Bundeskanzlerin Angela Merkel gestern in Münchener Pressemikrofone. Auch Seehofer, Seibert und Beckenbauer sind ganz ergriffen von dieser – wovon eigentlich? Von dieser Selbstverständlichkeit würde ich sagen: Ein Gericht fällt nach einem fairen, genau beobachteten und offenbar einwandfreien Prozess ein Urteil und der Verurteilte nimmt es hin. Was bitte soll er denn sonst tun? 10 Sätze über die nötige Revision öffentlicher Urteile weiterlesen

10 Sätze über den Engel mit den Eisaugen

Im Jahr 2007 wurde die in Italien studierende Britin Merdith Kercher ermordet in ihrem WG-Zimmer aufgefunden. Ihre Mitbewohnerin, die Amerikanerin Amanda Knox und deren italienischer Freund Raffele Sollecito wurden seitdem in mehreren Indizienprozessen des gemeinschaftlichen Mordes mal schuldig und dann wieder frei gesprochen; gestern nun wieder schuldig, aber auch dieses Urteil wird nicht das Ende der Geschichte sein.

Ich verstehe, dass der Tod der Meredith K. für deren Familie, das Ende der Welt bedeutet; warum der Rest Welt aber ein solches Interesse an dem Fall haben sollte, dass man heute kein deutsches Nachrichtenangebot konsultieren kann, ohne vom neuerlichen Urteil zu erfahren, verstehe ich nicht.

Was macht den Fall so besonders?

Sind spin doctors im Spiel, Agenturen also, die dafür sorgen, dass der Fall in den Medien bleibt, um Druck auf die Justiz auszuüben? Vielleicht, aber wahrscheinlicher erscheint mir eine andere Begründung: Amanda Knox ist schön. Manche Journalisten entdecken in ihrer Aura etwas Geheimnisvolles; die Suche nach dem „Engel mit den Eisaugen“ ergibt 224.000 Treffer auf Google (und jetzt noch einen mehr).

Wir mögen Geschichten – insbesondere solche, in denen tragische Todesfälle vorkommen – und wir mögen das Schöne, insbesondere, wenn es auch ein bisschen gefährlich ist, das kann man am Vampirhype der letzten Dekade leicht nachweisen. Leider mögen wir es offenbar auch, wenn sich Nachrichten, Geschichten und Projektionen, miteinander vermischen.

Das kann für die Betroffenen leider dann sehr tragisch enden – und zwar in echt.


10 Sätze über „ein gewisses Unbehagen“ gegenüber der Adoption durch Homosexuelle

Nachdem das Bundesverfassungsgericht letzte Woche klargestellt hat, dass verpartnerte homosexuelle Paare verheirateten heterosexuellen Paaren steuerlich gleichgestellt werden müssen, gibt es nur noch ein Privileg, das  gemischtgeschlechtlichen Eheleuten vorbehalten bleibt: die Adoption von Kindern.

Der stellvertretende CDU-Vorsitzende Volker Bouffier sagte dazu gestern gegenüber dem Spiegel, dass ein eventuelles Adoptionsrecht ein viel schwierigeres Thema sei, als die steuerliche Gleichstellung; schließlich gehe es beim einen nur ums Geld, beim anderen aber (Sie ahnen es!) ums Kindeswohl. Nachdem er einräumte, dass selbstverständlich auch Homosexuelle Kinder liebevoll erziehen könnten, heißt es weiter: 10 Sätze über „ein gewisses Unbehagen“ gegenüber der Adoption durch Homosexuelle weiterlesen

Offener Brief zum Thema Schwul-Unterricht

Vorgestern veröffentlichte das Mitglied der Landespressekonferenz Sachsen, Andreas Harlaß, auf bild.de einen unerträglichen Artikel mit dem Titel: „Irre Idee aus Sachsen: Linke wollen „SCHWUL–Unterricht“ einführen“. Darin behandelt er einen Vorstoß der LINKEN zur Ausweitung der Aufklärung an Grundschulen. Wie bei BILD üblich, ist der Inhalt des Textes mit dem Überfliegen der Überschrift verstanden: Herr Harlaß findet’s doof, ja sogar ungeheur gefährlich. Die sächsischen Schulaufklärungsprojekte haben darauf bereits mit einer gemeinsamen Presse-Erklärung reagiert, die alle von BILD provozierten Irritationen klärt.

Offen bleibt aus meiner Sicht nur eine einzige Frage: Wie muss man eigentlich drauf sein, um so einen Text zu verfassen? Um dies zu klären, schickte ich Herrn Harlass gerade folgenden offenen Brief: Offener Brief zum Thema Schwul-Unterricht weiterlesen

Warum „Hätte ich bei dir gar nicht gedacht!“ kein Kompliment ist

Coming Outs habe ich mir abgewöhnt. Ich erspare mir so viele Peinlichkeiten und Albernheiten und bin ein zufriedenerer Mensch. Im Gegenzug nehme ich billigend in Kauf, für hetero gehalten zu werden, bis mein Gegenüber realisiert, dass ich es nicht bin.

Meist passiert das sehr beiläufig. Zum Beispiel, wenn Kollegen vom Wochenende mit ihrer Frau erzählen und ich vom Wochenende mit meinem Mann. Oder wenn Kolleginnen über den Sex-Appeal von Bradley Cooper verhandeln und ich mich dazu adäquat äußern kann. Oder wenn jemand das 2-Männer-mit-Hund-Foto auf meinem Handy-Sperrbildschirm bemerkt. Das Schöne an dieser Meta-Kommunikation ist: Es muss nicht darüber gesprochen werden. Wozu auch? Mein Begehren ist erstens nicht zu diskutieren, weil es zweitens meine Sache ist und drittens keine große. Zudem verlangen verbalisierte Reaktionen oft ein Höchstmaß an Selbstbeherrschung von mir.

Die beliebteste Reaktion nämlich ist: Warum „Hätte ich bei dir gar nicht gedacht!“ kein Kompliment ist weiterlesen

Wer in meiner schwulen Beziehung die Frau ist.

Als ich gestern Abend von der Runde mit meiner Hündin nach Hause kam, begrüßte mich meine Nachbarin im Hausflur und verwickelte mich in ein Gespräch. Meine Nachbarin ist 74, ein bisschen rau, ein bisschen laut, sehr herzensgut. Manchmal passt sie ein Stündchen auf meinen Hund auf, manchmal helfe ich ihr mit ihrem Fernseher. Oft nimmt sie meine Pakete an.

Als unser Geplänkel beendet war und ich schon einen Treppenabsatz genommen hatte, rief sie: „Ach, und-„.
Ich drehte mich um.
„Was ich schon lange mal fragen wollte: Wer ist eigentlich bei euch die Frau?“
Wer in meiner schwulen Beziehung die Frau ist. weiterlesen

Bildkritik: Über die Vorstellungen von Erfolg

Weil sie mit einem ausgeklügelten Schneeballsystem Tausende Anleger um ihr Geld gebracht haben sollen, sitzen die Gründer der Frankfurter S&K Gruppe, Stephan Schäfer und Jonas Köller seit letztem Dienstag in Untersuchungshaft. Der Fall an sich interessiert mich nicht besonders, aber ein offenbar privates Foto, das dazu auf welt.de veröffentlicht wurde, geht mir nicht mehr aus dem Kopf.

Stephan Schäfer zeigt auf mich im elegant geschnittenen schwarzen Anzug vor einer blassgelben Neubauvilla posierend, flankiert von jungen Frauen in dunkler Unterwäsche, von denen sich fünf in zwei blitzblanken Sportwagen räkeln, zwei weitere Laufsteg-Posen vorführen und sich eine achte mit einer Flasche Champagner den Oberschenkel kühlt.

Ich verstehe, was ich sehe, aber ich bin ratlos. Bildkritik: Über die Vorstellungen von Erfolg weiterlesen

Peta: Why too much sex can be a bad thing

Angekündigt war es schon lange, nun ist es soweit: Peta hat die Webseite peta.xxx live geschalten und unterhält damit eine eigene Präsenz im für Hardcore-Pornografie reservierten Kreis der Top-Level-Domains. Aufmacher der Seite sind Videos, in denen sich drei Ausnahmepornosternchen  halbnackt in Fotoshootings für Peta-Kampagnen räkeln (von denen ich eine schon an anderer Stelle besprochen habe). Dazwischen gibt’s Interviewsequenzen, in denen sie für die Kastration von Hunden und Katzen aussprechen. Begründet wird das mit folgender Gedankenkette:

  • Nicht kastrierte Haustiere vermehren sich unkontrolliert
  • überflüssige Haustiere werden ausgesetzt
  • ausgesetzte Haustiere werden entweder von Wildtieren getötet oder müssen eingeschläfert werden
  • dieses Leid kann nur verhindert werden, in dem man Hunde und Katzen kastriert

Kurios finde ich, dass die Haltung von Haustieren grundsätzlich nicht in Frage gestellt wird, obwohl Peta das ansonsten tut. Stattdessen wird in einem Video sogar mit einer lebenden Schildkröte posiert, die ängstlich zu fliehen versucht. Ebenso wenig wird in Betracht gezogen, dass die Kastration auch leidvoll für ein Tier sein kann (wie ich hier herausgefunden habe). Stattdessen argumentiert Ron Jeremy eher mittelmäßig wissenschaftlich:

  • Hunde zu kastrieren macht sie kein bisschen weniger männlich.
  • Kastrierte Männer wären aber sehr wohl weniger männlich als unkastrierte.
  • Männer, die männliche Hunde wollen, sind wahrscheinlich klein und fahren große Autos. (Jawohl, allen Ernstes.)

Sehr amüsant finde ich, wie Peta auf der übrigen Seite mit gängigen Pornografie-Klischees kokettiert. In der Rubrik Sexy Photos finden sich Bilder von Demonstrationen halbnackter Aktivistinnen sortiert in die Bereiche In Public, In Showers, In Cages, und With Food. Im Kapitel Hardcore Videos zeigt Peta schockierende Filme aus Tierfabriken, Schlachthöfen und Versuchslaboren. Und auf der Seite Sex Tips wird über die aphrodisierende Wirkung veganer Lebensmittel schwadroniert. Vieles ist aus anderen Kampagnen recycelt, weshalb die Seite ein bisschen zusammen geschustert wirkt.

Begründeter Sexismus

Neu ist, dass Peta ausführlich darauf eingeht, warum sie auch auf sexistische Propaganda zurückgreift, um für Tierschutz und Tierrechte zu sensibilisieren. “Jeder sollte die Freiheit haben seinen Kopf und seinen Körper als politisches Instrument zu verwenden.”, heißt es. Daher will sie ausdrücklich jeden Kanal nutzen um die eigene Botschaft zu verbreiten. Außerdem erklärt Peta, dass sie (anders als ihre industriellen Gegner) nicht über die finanziellen Mittel verfügt, um mit politisch korrekter Werbung die entsprechende Aufmerksamkeit zu erzielen. Deshalb sei sie auf die virale Verbreitung der oft günstig produzierten Spots angewiesen. Die ist durch die zuverlässig aufbrausende Welle der Empörung nach jedem sexistischen Tiefschlag garantiert. Nach wie vor gilt: Sex sells. Was auch dadurch bewiesen ist, dass ich diesen Beitrag schreibe und Du ihn liest.

Erwartungsgemäß fehlt der Seite jegliche kritische Auseinandersetzung mit Pornografie. Diese ist aber gerade bei den Protagonisten der Seite durchaus angebracht bitternötig.

Sasha Grey drehte zwischen ihrem 18 und 21 Lebensjahr einhundertneunundachtzig Hardcore-Pornofilme, die sich allesamt dadurch auszeichnen, dass sie neue Maßstäbe in Sachen sexueller Erniedrigung und Brutalität setzen. Angezogen kann man Grey in einer Aufzeichnung der Tyra-Banks-Talkshow erleben, die meiner Meinung nach Bände über ihren psychischen Zustand spricht.

Jenna Jameson wurde im alter von 16 Jahren von vier betrunkenen Männern mit Steinen niedergeschlagen und vergewaltigt und darüber hinaus von ihrem Onkel sexuell missbraucht. Sie und ihre Therapeuten finden, dass das mit ihrer Pornofilmkarriere rein gar nichts zu tun hat.

Ron Jeremy hält mit eintausendsiebendhundertfünfzig Sexfilmen den offiziellen Guinness-Rekord für die größte Anzahl an Auftritten in Pornos. In seiner Karriere hat er mit über 4.000 Frauen geschlafen, darunter eine 87-jährige Seniorin. In seiner Autobiografie und zahlreichen Interviews gibt er an, sehr darunter zu leiden, von aller Welt nur auf seinen 24,5 cm langen Penis reduziert und von niemandem ernst genommen zu werden.

Und die Tiere?

Ich behaupte, dass alle drei Akteure sehr erhebliche seelische Verwundungen erlitten haben. Wenn ich sie sprechen höre, empfinde ich mehr Mitgefühl für sie als für die geschundenen Tiere, deren Leid sie zu mildern versuchen. Alle drei führen geradezu auf, wie kaputt Pornografie ihre Akteure macht. Wenn sie dann den pseudosexiesten aller Schlafzimmerblicke aufsetzen und “Sometimes, too much sex can be a bad thing.” hauchen, läuft mir ein kalter Schauer über den Rücken.

Der mit Tierleid rein gar nichts zu tun hat.

Kristina Schröders Homo-Ehen-Realismus

Dass Kristina Schröder wenig Verständnis für Menschen hat, die nicht ein Leben lang Mutter-Vater-Kind in den immer gleichen Rollen spielen wollen, haben wir schmerzlich einsehen müssen. Und lautstark kritisiert – leider bisher ohne nennenswerte Resonanz.

Ich persönlich befürchte allmählich, dass Schröder ihre Positionen nicht aus innerer Überzeugung vertritt sondern weil sie sich unter konservativer Familienpolitik, einfach nichts anderes vorstellen kann. Familienministerin sein ist auch nur ein Job, und den will sie gut machen. Sie will das tun, was dem konservativen Wähler gefällt.

Am Rande eines Interviews, das sie gestern der Schwäbischen Zeitung gab, blitzt ein cleveres Stück Strategie durch, das der Ministerin ein überraschendes Maß an Realitätsgewinn bescheinigt:

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