Postkarten an Flüchtlinge

Als letzte Woche bekannt wurde, dass die Leipziger Ernst-Grube-Sporthalle zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert werden sollte, kursierte bald ein Aufruf der Fjällsangels im Netz. Für die bis zu 500 Personen sollten Willkommens-Päckchen gepackt werden, die sie nach ihrer Ankunft mit dem Notwendigsten versorgten, nämlich mit Deo, Seife, Zahncreme, Zahnbürste. Und Keksen. Außerdem stand da noch: Ein Kärtchen mit einem Willkommensgruß wäre schön.

Eine Freundin entdeckte den Aufruf und beschloss mitzumachen. Sie besorgte die Sachen und gemeinsam schnürten wir am Abend in ihrer Küche die Päckchen, die wir später zur Sammelstelle bringen wollten. Bis hier hin alles ganz einfach.

Hart wurde es beim Willkommensgruß. Schon bei der Auswahl der Karten aus ihrem riesigen Postkarten-Fundus blieb uns die Spucke weg. Eine „Free Hugs“-Karte? Eine „Schwein gehabt!“-Karte? Eine „Get shit done.“-Karte? Postkarten an Flüchtlinge weiterlesen

Hoffnung auf weniger Hoffnung

Die Hoffnung ist ein trügerisches Kind. Eine Hoffnung tritt ins Leben, wie wir Menschen das Licht dieser Welt erblicken – schutzlos und hilfsbedürftig. Sie schreit nach Aufmerksamkeit und Fürsorge. Danach wächst die Hoffnung mit jedem Tag, die sie unserer Brust innewohnt. Wir durchleben rebellische Phasen, in denen es uns schwer fällt sie aufrechtzuerhalten. Trotzdem halten wir daran fest, denn die Hoffnung ist bereits ein Teil von uns geworden und wir lieben sie.
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Verwünscht

Für mich ist heute der letzte Feiertag. Eigentlich beginnt das neue Jahr erst morgen. Das hat nichts mit dem Dreikönigstag zu tun, oder mit dem sechsten Januar an sich. Das liegt ganz einfach daran, dass aus meiner Nahbeziehung morgen um 5 wieder eine Fernbeziehung wird. Und daran, dass ich den roten Kunstlederkoffer voller Räuchermänner und Pyramiden erst vor einer Stunde wieder im Keller verstaut habe. Und ein kleines bisschen auch daran, dass ich meine Festtagsstimmung einfach nich noch weiter ins Jahr hinein retten kann.

Aber genau hier ist der Punkt: Meine Fesstagsstimmung hat in dieser Saison vom 18. Dezember bis zum 6. Januar gereicht. Das ist absoluter Rekord seit dem letzten Weihnachstfest meiner Kindheit 1994. Und es hat sich genauso wunderbar angefühlt wie es sich anhört. Einer meiner Vorsätze für dieses Jahr ist, mehr und mutiger in meiner eigenen Zeit zu leben. Den Weihnachtsstern so lange im Fenster hängen zu lassen, bis ich genug von Weihncahten habe und nicht nur solange bis Weihnachten vorbei ist. Und meine Silvesterbowle so lange zu trinken wie sie mir schmeckt, was unter Umständen auch dazu führen kann, dass ich sie neu aufgießen muss, so wie heute geschehen. Und mich gut dabei zu fühlen. Bisher funktioniert es.

Dieser Vorsatz war nicht wirklich meine Idee. Dieser Vorsatz kam mir, als ich mich am Silvestertag nach reichlicher Überzeugungsarbeit meiner besten Freundin in Disneys Weihnachtskommödie „Enchanted – Verwünscht“ wiedergefunden habe. Die Story ist schneller erzählt, als mir lieb ist: Eine Märchenprinzessin aus dem Trickfilmland wird von einer bösen Fee ins New York unserer Tage katapultiert und erlebt hier auf der Suche nach ihrem Prinzen zahlreiche Skurillitäten, die meistens von ein und der selben verschrobenen Eigenart der Prinzessin ausgelöst werden: ihrem grenzen- und bedingungslosen Glauben an eine romantische Liebe, die wir uns außerhalb eines Kinosaals heute gar nicht mehr zu wünschen wagen.

Ich bin lange genug Zeitgenosse um zu wissen, das wir rosarotem Heiapopeia im waren Leben aus gutem Grund misstrauen und dass ein Disney-Weihnachtsmärchen ungefähr soviel mit der Realität zu tun hat, wie die Kalorienangabe auf einer Trüffelpackung mit Genuss.

Trotzdem hat mich das beeindruckt. Und zwar so sehr, dass ich sogar sieben Tage danach noch davon schreiben muss. Der Prinzessin ist es nämlich gelungen, Teile ihrer notorisch-gutgelaunten, euphorisch-hysterischen Traumwelt auf die neu gewonnenen Mitstreiter zu übertragen. Denen das ziemlich gut tat.

Seit dem Abspann des Filmes ist mir nicht ein guter Grund eingefallen, mir nicht auch so eine wohlparfümierte, seifenblasige Realitätsalternative zuzulegen, in der ich lieber bis zum 6. Januar Weihnachten feiere, anstatt pflichtbewusst und graugesichtig von KW 1 in KW 2 zu schlittern.

Mal sehen, wie lange die Blase hält.

Lethargie

Die Häufigkeit meiner Posts macht keinen Hehl daraus: Ich bin im Moment sowas von lethargisch, dass ich es keinen einzigen Tag mit mir aushalten würde, wenn ich nicht müsste.

Jeden Morgen gegen 10 muss ich mir aufs Neue eingestehen, dass ich einfach nicht reinkomme in den Tag. Jeden Morgen aufs Neue habe ich das Gefühl, der Tag und ich fahren auf unterschiedlichen Gleisen. In unterschiedliche Richtungen. Von unterschiedlichen Bahnhöfen ausgehend.

Alles was ich anfasse kommt mir nach einer halben Stunde leer und grau vor und nach spätestens einer Stunde bin ich so gelangweilt vom jeweiligen, dass ich es beiseite lege.

Ich verbringe meine Tage damit mir Liveübertragungen von Pressekonferenzen auf Phoenix anzusehen oder stundenlang die Technikticker im Netz zu lesen.

Und dabei ist es natürlich nicht so, dass ich nichts zu tun hätte. Die Pinnwand über meinem Schreibtisch hält 25 noch nicht begonnende Projekte für mich bereit. Jedes liebevoll auf einem eigenen Klebezettel in Stichworten umrissen. Ich vermeide den Blickkontakt.

Und dabei ist es leider auch nicht so, dass ich mir einfach reinen Herzens frei nehmen könnte um mir die Tage fröhlich mit langen Spaziergängen, Cafèbesuchen, Computerspielen oder der äußerst faszinierenden Musikflatrate vertreiben.

Es ist als hätte ich Tapetenkleister in meinen Adern.

Abends lade ich mir manchmal Freunde zum Essen ein. Denen koche ich dann was um den Tag nicht mit 100% sinnlos verloren zu geben. Ich lasse sie gern erzählen aus ihrem Leben. Von der Arbeit. Von der Freundin. Von der Politik. Beim Zähneputzen dann freue ich mich, dass ich mich so lebendig fühle. Heimlich nehme ich mir dann vor morgen alles besser zu machen. Eines Tages wird das klappen.

Heute kommen Caren und Sascha.
Jetzt.