Was ist gute Kunst?

Zuweilen habe ich mich in meinem Kunststudium sehr gelangweilt. Insbesondere in Vorlesungen, in denen seelenlose Kunstwerke besprochen wurden. Anfangs habe ich mich dafür sehr geschämt. Wer bin denn ich, die Qualität eines Kunstwerkes zu beurteilen? Bitte was ist denn die Seele eines Kunstwerkes? Je mehr Arbeiten ich selbst produzierte, umso klarer wurde mir: Gute Kunst ist keine Frage des Geschmacks sondern eine Frage der  Qualität. Deshalb schreibe ich heute Texte. Und deshalb kann ich versuchen zu erklären, woran man gute Kunst erkennt. Ich verspreche: Es ist einfacher, als angenommen.
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10 Sätze über das sinkende Schiff

Viel Zeit habe ich in den letzten Tagen damit verbracht, Fotos des auf Grund gelaufenen Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia anzustarren, schamhaft angesichts dessen, was ich dabei empfinde.

Costa Concordia
CC darkroom productions/ Flickr

Die Havarie hat elf Menschen das Leben gekostet, weitere einundzwanzig werden augenblicklich noch vermisst. Fast zweieinhalbtausend Tonnen Schweröle im Rumpf des Schiffes drohen auszulaufen und eines der letzten europäischen Walschutzgebiete zu zerstören. Die vierhundertfünfzig Millionen Euro, die da mit fünfundsechzig Grad Schlagseite im Wasser liegen, sehen ihrer Verschrottung entgegen.

Trotzdem sprüht das Bild des gekenterten Riesenkreuzers in meinen Augen vor Poesie, ist eine Metapher unserer Zeit, ein Icon unserer Hybris, ein Mahnmal.

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Wir schaffen Erde aus der Stadt

Wie von Straßenstaub verdrecktes Konfetti,
dass ab Aschermittwoch die Gossen verstopft,
zeugt das trockene Laub unter den Bäumen
von der goldgelben Rauscheparty,
die der Herbst hat für uns steigen lassen.

Leicht verkatert hat die Stadtreinigung mit dem Aufräumen begonnen.
Mit Mistgabeln und Schaufeln
schippen Gestalten in orange
mannshohe Haufen abgeworfener Blätter
in die Bäuche tuckernder Müllwagen,
die Fuhre um Fuhre aus der Stadt schaffen.

Vermutlich verschwinden Vororte hinter kompostierenden Deponien.
Oder wir beheizen Bezirke mit der Abwärme beißender Laubfeuer.
Oder Hallenbäder und Saunen.

Nur: Laub besteht nicht nur aus Wasser, das sickert und regnet und fließt von überall her.
Laub muss doch aus Erde bestehen; wie sonst könnte es später wieder zu Erde werden?

Bäume sind sanfte Bohrer, wenn das stimmt.
Das Laub ist ihr Abraum;
ihre Wurzeln transportieren es gen Himmel
und die Müllwagen später gen nirgendwo.
Wir schaffen Erde aus der Stadt.

Sind so womöglich die Gebirge entstanden:
An Orten mit kräftigen Bäumen die Täler und an Orten ohne sanfte Hügel erst,
und später die Berge?

Kann es sein, dass wir gerade im ICE nebeneinander sitzen?

Wann immer ich in einem Fernzug platz nehme – und ich tue dies regelmäßiger, als mir lieb ist – zücke ich das Handy und starte Tweetdeck. Dieser sehr funktionale Twitter-Aggregator versorgt mich mit den neuesten Nachrichten meiner Freunde, den aktuellsten Updates der Menschen und Institutionen, denen ich auf Twitter folge und immer neuen Links zu Artikeln, die mich interessieren. Man muss die wenigen Minuten die der Zug noch im Bahnhof steht nutzen um so viele Informationen wie möglich abzurufen, in Wirklichkeit ist das mobile Internet so mobil nämlich nicht.

Als ich neulich also in geübter Nerd-Pose (Kopf auf die Brust, Smartphone auf den Bauch) im Zugsessel vor mich hin updatete, setzte sich eine junge Frau neben mich. Ich bemerkte sie nur deshalb, weil sie auf der Suche nach der Steckdose zwischen den Sitzen mit ihrer Hand meinen Oberschenkel berührte. Einige Minuten später – der Zug fuhr, ich wartete auf das mobile Internet – folgte mein Blickt dem Kabel des Ladegerätes, dass sie angeschlossen hatte bis zu ihrem Handy. Sie verwendete Tweetdeck. Ich musste kichern, war aber nicht laut genug, um sie aus ihrer Timeline zu reißen.

Mir war schon vor längerer Zeit klar geworden, dass unsere kleinen digitalen Begleiter den zwischenmenschlichen Kontakt mit Unbekannten auf eine unangenehm transzendente ebene hieven. Anstatt den Blick zu heben und der Person, der man gegenüber sitzt ein Lächeln zu schenken, senken wir lieber den Kopf und drücken „Gefällt mir“. Bisher habe ich mir immer recht überzeugend einreden können, dass uns Bücher und Zeitungen schon seit Ewigkeiten vom Beieinandersein in öffentlichen Verkehrsmitteln abgehalten haben und Handys & Co. dies allerhöchstens ein kleines bisschen verschärft haben. Die Situation jetzt war aber so skuril, dass ich sie nicht aushalten konnte.

Was aber tun? Den Kopf heben und lächeln? Dafür war ich nicht mutig genug. Abgesehen davon, war sie viel zu vertieft in Tweets und Retweets, als das sie mein Lächeln hätte bemerken können. Sie ansprechen? Um wenigstens eine kleine Chance auf Erfolg zu haben, hätte ich ihr hierfür zuerst die Stöpsel aus den Ohren angeln müssen. Ihre Musik war ziemlich laut. Aber gut. Ich kannte die Band.

Also suchte ich – eine klassische Übersprungshandlung – nach Updates über die Band bei Twitter. Und fand:

_susaramsch: I am listening to Epica http://bit.ly/i5IPWS @GetGlue #Epica

Hatte sie das geschrieben? Direkt neben mir? Vor einer Minute? Wie wahrscheinlich war es, dass irgendwo irgendjemand auch gerate Epica hört und darüber twittert? Ich musste es herausfinden und schrieb:

kopfkompass: @_susaramsch ein bisschen riskant aber vielleicht witzig: Kann es sein, dass wir gerade im ICE nebeneinander sitzen? 😉

Die folgende Minute verbrachte ich breit grinsend. Ich konnte den Blick nicht vom Handybildschirm abwenden. Und zwar von ihrem. Tatsächlich: Ein kleiner gelber Punkt meldete einen neuen Tweet an sie.
Sie nahm die Stöpsel aus den Ohren, hob den Kopf und lächelte mich an.

Den Rest der Fahrt verbrachten wir in einem sehr angeregten Gespräch. Wir unterhielten uns einfach. Über alles mögliche. Wahrscheinlich so ähnlich, wie sich Menschen vor der Erfindung von Smartphones, iPods, Walkmans und sogar des Buchdrucks unterhalten haben. Es war sehr angenehm.

Seither folgen wir einander auf Twitter.

Ist mir auch noch nicht passiert. Lustig war’s aber. http://bit.ly/fJ2Lys

Herbst

toter schmetterling-pola

Heute Nachmittag am Wannsee fiel ein Schmetterling tot vom Himmel und landete mit einem leisen Klick  auf meiner Schulter, von der aus er so langsam meine Brust hinunter trudelte, dass ich seinen Fall sachte mit meiner Hand aufhalten – nein: unterbrechen – konnte.

Offenbar war er schon länger tot, denn unter seinen Flügeln hatte bereits eine Ameisengesandtschaft mit der sorgfältigen Demontage begonnen. Es war es der Wind, der den schillernden Leichnam noch einmal hatte schweben lassen. Und ich war es, der ihn nun in eine kleine Kuhle im Waldboden legte damit die Ameisen aus ihm einen neuen Frühling bauen können.

Der erste Schmetterling des Jahres

Als ich heute das fröhliche Spiel des ersten Schmetterlings dieses Jahres mit der Videofunktion meines Mobiltelefons notieren wollte, nahm dieser stolz auf einem sonnigen Mauervorsprung platz, und präsentierte mir seine schillernden Segel geduldig zusammengeschlagen als schwarzen Strich. Ich hätte ihn berühren müssen, um ihn zum weiterfliegen zu bewegen. Flugstaub an den Fingerspitzen ist aber keine Trophäe. Und ein buntes Minimosaik längst kein Schmetterling.

Lethargie

Die Häufigkeit meiner Posts macht keinen Hehl daraus: Ich bin im Moment sowas von lethargisch, dass ich es keinen einzigen Tag mit mir aushalten würde, wenn ich nicht müsste.

Jeden Morgen gegen 10 muss ich mir aufs Neue eingestehen, dass ich einfach nicht reinkomme in den Tag. Jeden Morgen aufs Neue habe ich das Gefühl, der Tag und ich fahren auf unterschiedlichen Gleisen. In unterschiedliche Richtungen. Von unterschiedlichen Bahnhöfen ausgehend.

Alles was ich anfasse kommt mir nach einer halben Stunde leer und grau vor und nach spätestens einer Stunde bin ich so gelangweilt vom jeweiligen, dass ich es beiseite lege.

Ich verbringe meine Tage damit mir Liveübertragungen von Pressekonferenzen auf Phoenix anzusehen oder stundenlang die Technikticker im Netz zu lesen.

Und dabei ist es natürlich nicht so, dass ich nichts zu tun hätte. Die Pinnwand über meinem Schreibtisch hält 25 noch nicht begonnende Projekte für mich bereit. Jedes liebevoll auf einem eigenen Klebezettel in Stichworten umrissen. Ich vermeide den Blickkontakt.

Und dabei ist es leider auch nicht so, dass ich mir einfach reinen Herzens frei nehmen könnte um mir die Tage fröhlich mit langen Spaziergängen, Cafèbesuchen, Computerspielen oder der äußerst faszinierenden Musikflatrate vertreiben.

Es ist als hätte ich Tapetenkleister in meinen Adern.

Abends lade ich mir manchmal Freunde zum Essen ein. Denen koche ich dann was um den Tag nicht mit 100% sinnlos verloren zu geben. Ich lasse sie gern erzählen aus ihrem Leben. Von der Arbeit. Von der Freundin. Von der Politik. Beim Zähneputzen dann freue ich mich, dass ich mich so lebendig fühle. Heimlich nehme ich mir dann vor morgen alles besser zu machen. Eines Tages wird das klappen.

Heute kommen Caren und Sascha.
Jetzt.

Hingabe

Ich bin vor dem Wecker wach.
Mein Gefühl sagt, ich bin wach geblieben, seit dem ich den Wecker gestellt habe vor ungefähr vier Stunden.
Mein Gefühl lügt. Ein bisschen muss ich geschlafen haben.
Das ist vor jeder Prüfung so: Ein Idiot mischt mir ein Dutzend Koffeintabletten in die Gute-Nacht-Milch und flüstert von Katastrophen bis zum Morgengrauen.

Letzteres verpasse ich heute.
Es ist 3 Uhr 45. Außer mir graut es niemandem.
Ich beginne meine Morgenroutine und ärgere mich, dass ich keine Gedanken dafür brauche. So bleiben alle Gedanken in diesem Knäuel aus vager Furcht.
Manu rettet mich mit einem Anruf. Sie will sicher gehen, dass ich nicht verschlafen habe. Ihr Klingeln hat meine Vernunft geweckt. Das ist keine Prüfung, das ist ein Geschenk, sagt sie müde. Ich halte mich an ihr fest.

Manu klingelt wieder. Jetzt an der Tür.
Die Hektik siegt, ich pinkle im Stehen. Bevor ich den Reißverschluss meines Koffers schließe und dann von außen meine Wohnungstür.
Manu verbündet sich mit meiner Vernunft und rettet mich: sie redet.
Darüber, dass sie auch nicht geschlafen sondern stattdessen lieber aufgeräumt habe, weil man in Räumen mit einem derartig schlechten Feng Shui wie ihrem Schlafzimmer ohnehin nicht mehr hätte schlafen können. Sie habe viele Reliquien aus ihrer Vergangenheit gefunden, die sie an Momente erinnert haben, an die sie sich sonst wohl nie mehr erinnert hätte.
Sie fragt nach meiner Flugangst. Ich habe keine. Manu spricht darüber, wie viel einfacher das Leben wird, wenn es gelingt sich diesem ganz und gar hinzugeben.
Ich küsse sie und danke ihr und steige aus. Ich bin viel zu früh am Flughafen. Und beinahe allein.
Die Sonne färbt Metall und Glas pink und bringt mich dazu, über Hingabe nachzudenken.
Ich bin ein kleiner Junge. Und die Frau am Check-In merkt das. Sie bucht einen Fensterplatz für mich und erinnert mich daran, mein Taschenmesser ins Frachtgepäck zu geben, weil man es mir sonst wegnehmen wird. Mit ihrem Kugelschreiber macht sie einen roten Kringel um die Stelle auf meinem Ticket, an der das Gate steht, auf das ich muss.

Mit 16 bin ich mal in die Türkei geflogen.
Ich kann mich noch an die gelbe Gürteltasche erinnern, die mir ein Steward damals schenkte.
Ich habe sie noch irgendwo.
Eine Reliquie meiner Vergangenheit. Sonst weiß ich nichts mehr von dem Flug.
Jetzt bin ich 24 und seither – von einem Rundflug in einer Cessna über Eilenburg mal abgesehen – nie mehr irgendwo hin geflogen.

Ich befolge die Anweisungen des Sicherheitspersonals, was mir nichts ausmacht, weil ich ein kleiner Junge bin. Ich freue mich darüber, wie toll mein geröntgter Koffer auf dem Monitor aussieht und welche Geräusche meine Gürtelschnalle verursacht wenn ihr diese Elektrolupe zu nahe kommt.

Alle Leute im Wartebereich geben sich betont gelangweilt. Das bleibt auch im Flugzeug so. Alle Leute lesen im Flugzeug oder Schlafen oder hören Musik.
Ich bin der Einzige in meinem Umfeld, der schon beim Ausparken mit seiner Nasenspitze Fettflecken an der Fensterscheibe hinterlässt.

Als das Flugzeug zum Start ansetzt begreife ich, warum man manchmal auch Maschine dazu sagt.
Die Vibration der Triebwerke und Reifen macht mir Gänsehaut.
Plötzlich kippt der Horizont.
Das Holpern der Reifen hört auf.
Wir fliegen.

Ich verstehe nicht, wie der Sportteil der Leipziger Volkszeitung für meinen Nachbarn interessanter sein kann, als das Wunder, dass sich gerade abspielt.
Ich empfinde große Verehrung für die Ingenieure und Arbeiter, die dieses Flugzeug gebaut haben.
Ich empfinde tiefe Dankbarkeit für die Macht, die mich hier her gebracht hat. Von hier oben erkenne ich das ungeheure Glück das mir widerfährt.
Nicht nur jetzt.
Nicht nur heute.
Wir durchbrechen die Wolkenschicht.
Die Sonne blendet mich.
Die scheint immer hier oben.
Ich weine.

Als mir die Stewardess Kaffee serviert, habe ich mich wieder gefangen. Wir sind irgendwo über Frankfurt und schneller als meine Furcht.
Zum ersten Mal kann ich mich freuen, auf das was vor mir liegt.
Zum ersten Mal fühle ich mich groß und schwer genug, um von möglicher Kritik nicht zertrampelt und von faulen Kompromissen nicht davon geweht zu werden.
Das ist meine erste große Ausstellung. Ich habe mein Flugticket nicht bezahlt, ich werde mein Hotel nicht bezahlen und jemand wird meine Bilder für mich aufhängen.
Jemand oder etwas empfindet die Art von Liebe für mich, die eine Mutter für ihr Kind empfindet.
Ich bin sicher.
Das begreife ich jetzt.

MEIN Leben?

Ich weiß nicht, ob dieses hier mein Leben ist.
Vielleicht bin ich wer anders.
Bestimmt zu etwas anderem als diesem hier.
Fehlgeleitet. Abgedriftet. Widrig.
Ich bin in all das hier nur so reingeschlittert.
Habe mich verlaufen, quasi.
Bin verirrt.
Falsch abgebogen.
Falsch.

Habe getrieft.
Den entscheidenden Moment verschlafen.
Zu lange gewartet.
Zu lange gehofft.
Zu lange untätig.

Kein heller Stern mehr,
keine Gunst der Stunde,
nicht zur rechten Zeit am rechten Ort
sondern zur falschen Zeit nirgendwo.
Kein glücklicher Zufall,
keine guten Beziehungen,
nicht von irgend wem in jungen Jahren entdeckt zu irgend etwas.

Hab mir die Zeit mit Büchern vertrieben.
Mit hoffen und träumen und denken und reden.

Und in der Tat:
Mit den Jahren sickert
Tropfen für Tropfen
wie Regenwasser durch Samttapeten
die Erkenntnis in mein Jetzt,
dass ich ebenso

normal

bin, wie die, denen ich es zeigen wollte.

Nicht ohne Talent zwar, aber kein Genie.
Nicht ohne Liebe, aber kein Heiliger.
Nicht ohne Mut und doch kein Krieger.

Fein gemacht.
Was erkannt.
Was gelernt.
Was begriffen.

Und nun?
Bürojob, 8 Stunden, 1.200 Euro?
Sozialarbeiter, 12 Stunden, 800 Euro?
Künstler, 24 Stunden, 0 Euro?
Religiös werden?
Depressiv werden?
Oder Verrückt?

Nein, nein.
Wie gesagt: Ich habe mir die Zeit mit Büchern vertrieben.
Und jedes, jedes einzelne antwortet:

Akzeptieren.
Annehmen.
Sich fügen.
Erkennen, dass genau dieses hier:
jetzt:
dieser Augenblick unter dem Licht meines hellen Sternes stattfindet.

Begreifen, das genau in diesem Moment:
jetzt:
in diesem Atemzug
die Gunst der Stunde liegt,
und dass es jetzt exakt die richtige Zeit
und hier genau der richtige Ort für mich ist.

Gott macht keine Fehler.
Ach,
doch religiös geworden unterwegs?
Na bitte.

Männer und Frauen

Ich rase durch Thüringen. Und weil Felder im März so brach und grau liegen und mich das oft so brach und grau macht, sitze ich an meinem Rechner und lese Texte, die ich mir gestern aus dem Netz gezogen hab. Um die Frauenbewegung geht es. Für mich eigentlich mehr um die Männerbewegung. Um Emanzipation geht es. Um weibliche und männliche. Um die mythologischen und spirituellen Wurzeln der Geschlechter geht es. Im Endeffekt um: Was ist weiblich? Was ist männlich? Im Endeffekt um meine Orientierungslosigkeit.

Und während der Zug durch Thüringen rast, merke ich, dass ich nicht mitreise im Kopf. Dass ich hängen geblieben bin. Dass ich nur Worte lese, keine Sätze. Ich fange an Reisende zu beobachten.

Mir gegenüber sitzt ein Mann. Dunkelgrünes Hemd, Karottenjeans, 80er Jahre Casio Digitaluhr. Vor ihm auf dem Tisch liegt ein Buch „Unix für Einsteiger“. Daneben: Leberwurstbrote in Alufolie. Daneben: ein Taschenrechner. Er schreibt emsig. Ich kann es nicht lesen, er schreibt sehr klein, er schmiert sehr aber es sind Formeln. Es sind Zahlen. Mathe.

Am Tisch neben mir sitzen zwei Frauen. Mutter und Tochter, äußerlich höchstens 10 Jahre auseinander. Ich kann ihr Parfum riechen. Wahrscheinlich benutzen sie dasselbe. Vor ihnen auf dem Tisch ihre Handys. Eins rosa, eins bordeaux. Daneben: eine Flasche Lichtenauer Wellness-Wasser. Daneben: 3 Zeitschriften: Amica, Freundin Shopping spezial und Glamour. Kein Witz. Aber sie lesen nicht. Sie reden. Darüber, wie zeitlos und praktisch Flip-Flops sind. Darüber, das L’Oreal-Haarfarben echt am längsten halten, und billigere Haarfarben nach dem Solarium lila aussehen, und darüber, dass der knallrote Lippenstift bei Cindy echt verboten aussieht. Die Tochter bekommt eine SMS. Sie liest laut: „Wünsche dir ein tolles Wochenende, aber treibe es nicht zu doll!“ Hysterisches Lachen. Ich klappe den Rechner zu und die Augen und verstopfe meine Ohren mit Musik und denke an was Schönes.

Es kann nicht viel Zeit vergangen sein. 10 Minuten, vielleicht 15. „Wird Kaffe gewünscht? Oh, habe ich sie geweckt?“ „Nein, nein, keine Sorge.“, murmele ich. Und während ich erstaunt darüber bin, wie kurz nach dem Aufwachen die Höflichkeit geladen ist, höre ich mich „Nein, danke. Für mich keinen Kaffee.“, sagen. Wahrscheinlich wird die Höflichkeit vor Tag, Uhrzeit und Ort geladen. Wahrscheinlich vor der Erinnerung an den eigenen Namen. Ich werde das beobachten.

Viel erstaunter bin ich aber über den Mann im dunkelgrünen Hemd und den Karottenjeans. Der reagiert nämlich überhaupt nicht auf die Kaffeeofferte. Auch nicht auf den Duft. Auch nicht auf mein Erschrecken. Er hat die Bücher weggepackt, und den Taschenrechner und das Schreibzeug. Er liest jetzt. Erich Fried: Gesammelte Liebesgedichte. Kein Witz.

Die Frauen am Nebentisch kaufen Kaffee und beschliessen, dass sie beim nächsten Mal gemeinsam bei Sport-Scheck bestellen, weil es ab 50 Euro 5% Rabatt geben würde und man gemeinsam ja Versandkosten sparen könnte. Dann lesen sie auch. Sich gegenseitig Horoskope vor.

Ich klappe meinen Rechner auf und beginne zu schreiben.