Was uns der Genmais über die europäischer Demokratie lehrt

Bei einem Treffen der EU-Minister in der letzten Woche, gab es viele glühende Reden gegen die Genehmigung des Anbaus von gentechnisch verändertem Mais in der EU; die nötigen Stimmen für ein Verbot kamen jedoch nicht zustande.

Nun liegt die Entscheidung für oder gegen eine Anbaugenehmigung bei der EU-Kommission, die den Anbau – dank hervorragender Lobbyarbeit – sehr wahrscheinlich abnicken wird.

Am Morgen des 12. Februar gab Elvira Drobinski-Weiß, verbraucherpolitische Sprecherin der SPD, welche ja – das muss man an dieser Stelle betonen – augenblicklich eine Regierungspartei ist, folgendes, überaus sehenswertes Interview im ARD-Morgenmagazin. Was uns der Genmais über die europäischer Demokratie lehrt weiterlesen

Das große Oxfam-Trailwalker-Alphabet: F – J

F wie Frühstücksfrechheit
Um das Frühstück würde ich mich beim nächsten Mal selber kümmern. Das von Oxfam war eine Enttäuschung. Lieblos in Plastiktüten auf die Buffet-Tische geschmissen, gab es Brot, zwei Sorten Wurst, eine Sorte Käse sowie fettfreien Joghurt vom Discounter. Und Butter natürlich. Im praktischen 250g-Stück mit nur einem Schmiermesser am Buffet. So war man gezwungen, sich die Brote direkt an der Tafel zu schmieren, was für lange Schlangen sorgte. Ein veganes Angebot gab es nicht. Kein Obst, keine Marmelade, keine Margarine. Das Brot war wirklich lecker, aber Brot gibt es bei den 4 Bäckern auf dem Weg von der Stadthalle zum Start sicher auch. Und vielleicht sogar ein Lächeln dazu. Das große Oxfam-Trailwalker-Alphabet: F – J weiterlesen

Das große Oxfam-Trailwalker-Alphabet: A – E

Weil ich einerseits geradezu übersprudele vor Eindrücken, andererseits aber niemandem einen 4.200-Wörter-Blogpost zumuten will, habe ich eine Miniserie über meine Erfahrungen gebastelt: Das große Oxfam-Trailwalker-Alphabet. Ab heute, bis Samstag jeden Tag um 12. Wer diesen Blog danach immer noch liest, muss mich wirklich mögen. Und bitte:
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Oxfam Trailwalker: Erinnerungen an die Generalprobe

Die im letzten Post anmoderierte 50 km-Wanderung liegt hinter mir. Ich bin erleichtert und glücklich. Die Strecke ist anspruchsvoll aber nicht „ganz schön knackig“, wie mir Joe Kelly in einem Trailwalker-Werbevideo einreden wollte (nur um mir Angst einzujagen und sich noch länger in der trügerischen Sicherheit wiegen zu können, dass er der Coolere von uns beiden sei).
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Was mich meine Hündin lehrt

In diesen Augenblicken werden meiner Hündin Eierstöcke und Gebärmutter entfernt. Beide Organe sind entzündet und bereiten ihr Schmerzen. Das ist meine Schuld. Mir ist übel, mir ist kalt und ich fürchte mich.

Milda ist seit fünf Jahren bei mir und genauso lange habe ich mich um die Kastration gedrückt. Eine Operation erfordert immer die Verletzung des Körpers. Sie erfordert immer Narkose, Wunde und Schmerz. Möglicherweise verursacht sie ein Trauma und beschädigt das Vertrauen. Mir war das zu teuer.

Es hat mich nie gestört, dass Milda zweimal im Jahr läufig wurde und ich ihr dann permanent hinterherwischen musste. Sie ist mir auch nie ausgebüxt. Sie war immer gehorsam. Und die Idee, Eierstock- oder Gebärmutterkrebs zu vermeiden, indem man beides vorsichtshalber entfernt, erschien mir immer – ja, es ist das richtige Wort – pervers. Als würde ich mich prophylaktisch von meiner Prostata trennen.
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10 Sätze über das sinkende Schiff

Viel Zeit habe ich in den letzten Tagen damit verbracht, Fotos des auf Grund gelaufenen Kreuzfahrtschiffes Costa Concordia anzustarren, schamhaft angesichts dessen, was ich dabei empfinde.

Costa Concordia
CC darkroom productions/ Flickr

Die Havarie hat elf Menschen das Leben gekostet, weitere einundzwanzig werden augenblicklich noch vermisst. Fast zweieinhalbtausend Tonnen Schweröle im Rumpf des Schiffes drohen auszulaufen und eines der letzten europäischen Walschutzgebiete zu zerstören. Die vierhundertfünfzig Millionen Euro, die da mit fünfundsechzig Grad Schlagseite im Wasser liegen, sehen ihrer Verschrottung entgegen.

Trotzdem sprüht das Bild des gekenterten Riesenkreuzers in meinen Augen vor Poesie, ist eine Metapher unserer Zeit, ein Icon unserer Hybris, ein Mahnmal.

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Wir schaffen Erde aus der Stadt

Wie von Straßenstaub verdrecktes Konfetti,
dass ab Aschermittwoch die Gossen verstopft,
zeugt das trockene Laub unter den Bäumen
von der goldgelben Rauscheparty,
die der Herbst hat für uns steigen lassen.

Leicht verkatert hat die Stadtreinigung mit dem Aufräumen begonnen.
Mit Mistgabeln und Schaufeln
schippen Gestalten in orange
mannshohe Haufen abgeworfener Blätter
in die Bäuche tuckernder Müllwagen,
die Fuhre um Fuhre aus der Stadt schaffen.

Vermutlich verschwinden Vororte hinter kompostierenden Deponien.
Oder wir beheizen Bezirke mit der Abwärme beißender Laubfeuer.
Oder Hallenbäder und Saunen.

Nur: Laub besteht nicht nur aus Wasser, das sickert und regnet und fließt von überall her.
Laub muss doch aus Erde bestehen; wie sonst könnte es später wieder zu Erde werden?

Bäume sind sanfte Bohrer, wenn das stimmt.
Das Laub ist ihr Abraum;
ihre Wurzeln transportieren es gen Himmel
und die Müllwagen später gen nirgendwo.
Wir schaffen Erde aus der Stadt.

Sind so womöglich die Gebirge entstanden:
An Orten mit kräftigen Bäumen die Täler und an Orten ohne sanfte Hügel erst,
und später die Berge?

wundert sich. Heute über: Jogger

Ich kann das mittlerweile unumwunden zugeben: Das Konzept Sport ist mir von Grund auf suspekt. Viele Jahre habe ich das verborgen, damit ja nicht der Eindruck entsteht, ich sei faul und träge. (Was ich – auch daraus muss ich keinen Hehl mehr machen – zweifellos bin.) Dann habe ich einige Dinge begriffen.

Erstens: Mein Fahrrad. Es bringt mich zuverlässig, unabhängig und sehr preiswert von A nach B plus obendrein gelegentlich ziemlich aus der Puste. Aus Verlegenheit behaupte ich manchmal, Fahrradfahren sei mein Sport. In Wirklichkeit ist es lediglich meine präferierte Art der Fortbewegung aus Gründen.

Zweitens: Meine Hündin. Wenn ich die von der Leine mache, wird selbst dem wenig ambitionierten Beobachter schnell klar, dass Milda keineswegs ziellos umherstreunt. Sie erkundet das Revier, markiert dessen Grenzen und jagt. Zurück in der Wohnung verfällt sie in eine Art Standby-Modus der sich meist in einer etwas modifizierten Form der stabilen Seitenlage abspielt, die über Stunden hinweg reglos gehalten werden kann.

Neulich habe ich (es könnte in einem Prospekt für Rückentraining gewesen sein) gelesen, dass der Mensch in Wirklichkeit ein Läufer ist. Demzufolge sei es alles andere als überraschend, dass wir wegen unseres ewigen Rumgesitzes Rückenschmerzen bekämen und fett würden.

Vor einigen Minuten nun kam mir ein halbnackter, knackebrauner, stränchenblondierter Mann auf der Straße entgegengejoggt, der sich wahrscheinlich nur deshalb erlaubt hat, so ungeniert zu keuchen, weil die Knöpfe in seinem Ohr seine Atemgeräusche mit dem taufrischsten Pop übertönt haben.

Ich könnte den jungen Mann nun dafür bewundern, dass er seiner Natur gerecht wird, in dem er seine Stadt im Laufschritt erobert. Tatsächlich: Er war weder fett, noch würde ich ihm Rückenschmerzen zutrauen. Ich kann mich aber ebenso begründet darüber wundern, dass er sich diese völlig willkürlichen Energieverschwendung ohne Not zumutet.

Ich kenne zahlreiche joggende Menschen. Ich habe jeden einzelnen gefragt, warum er das tut. Gern wird die Tortur mit dem guten Gefühl danach begründet. Selbiges hat sich im mehrfachen Selbstversuch bei mir zwar nicht eingestellt, wurde von Personen meines Vertrauens jedoch glaubhaft versichert.

Mir kommt das trotzdem komisch vor. Ich finde, wir sollten Wege erledigen. Dinge besorgen. Freunde besuchen. Wir sollten unser Revier erkunden, meinetwegen auch markieren. Ich finde, wir sollten jagen. Gute, gesunde Lebensmittel. Und zwar zu Fuß. Oder mit dem Rad. Von mir aus.

Es kann doch nicht angehen, dass die selbst ernannte Krone der Schöpfung die Energie einer Haupmahlzeit damit verbrennt, kilometerweit im Kreis zu rennen, um sich ein gutes Gefühl danach zu bescheren.

Herbst

toter schmetterling-pola

Heute Nachmittag am Wannsee fiel ein Schmetterling tot vom Himmel und landete mit einem leisen Klick  auf meiner Schulter, von der aus er so langsam meine Brust hinunter trudelte, dass ich seinen Fall sachte mit meiner Hand aufhalten – nein: unterbrechen – konnte.

Offenbar war er schon länger tot, denn unter seinen Flügeln hatte bereits eine Ameisengesandtschaft mit der sorgfältigen Demontage begonnen. Es war es der Wind, der den schillernden Leichnam noch einmal hatte schweben lassen. Und ich war es, der ihn nun in eine kleine Kuhle im Waldboden legte damit die Ameisen aus ihm einen neuen Frühling bauen können.

Die perfekte Natur

Ich glaube nicht an das Märchen von der perfekten Natur. Egal ob man mir Darwins Theorie oder den Mythos der Schöpfung weismachen will. Ich glaube nicht daran. Denn zumindest ich habe einen ganz wesentlichen Konstruktionsfehler. Und auch wenn ich versuche zu vermeiden von mir auf andere zu schließen – an Projektion glaube ich nämlich – bin ich mir sicher, mit diesem Fehler nicht allein zu sein.

Die Symptomatik passt in einen Satz: Ich kann mich fragen, warum ich hier bin.

Wie die allermeisten anderen die ich kenne, habe ich den unumkehrbaren Fehler begangen, das auch zu tun. Was mir nicht klar war: Hier ist es das Gleiche wie mit Schokolade, Zigaretten oder dem Sammeln von jeglichem. Wer einmal damit angefangen hat, kommt nicht mehr los davon. Nie wieder. Im Unterschied zu Schokolade, Zigaretten und dem Sammeln fehlt der Mutter aller Warum-Fragen aber die Fähigkeit, ausreichenden Konsum mit einem wenigstens kurzen Befriedigungsgefühl zu belohnen. Was die Angelegenheit ungerecht aber spannend macht: Warum erliegt man seinen Lastern, wenn sie einen nicht belohnen?

Ich habe es ausgiebig in allen Lebenslagen und von allen Seiten versucht, die mir einfielen: Es gibt keine Befriedigung hier. Es gibt hier beliebig viele Stunden zarter Melancholie, tiefer Traurigkeit und angestrengten Grübelns. Das Thema taugt um Mitmenschen in ausweg- vor allem endlose Diskussionen zu verwickeln, sich wettkampfartig wachzuhalten oder zu betrinken. Aber die Frage wird nie – niemals – auch nur den Anschein einer Antwort preisgeben.

Jedenfalls keiner plausiblen. Weshalb sich die Menschheit in ihrer Verzweiflung eigene Antworten gebastelt haben. Die sind zwar in aller Regel unplausibel, oder wenigstens nicht wissenschaftlich haltbar, dafür jedoch kuschlig-persönlich und perfekt auf das eigene Weltbild abgestimmt. Was durchaus nicht immer von Vorteil ist, dann nämlich nicht, wenn das eigene Weltbild ohnehin schon in düsteren Farben gemalt ist. Ich gestehe, diese Trennung von Weltbild und Sinnfrage funktioniert nur rhetorisch. Oft genug bildet ja die individuelle Antwort auf die Sinnfrage Kern und Keimzelle eines Weltbildes, weshalb sie unmöglich im Gegensatz dazu stehen kann.
Mir will es seit Jahren nicht gelingen, eine Antwort zu finden, an die ich glauben kann. Dabei war ich nicht faul. Ich habe Buddhismus, Christentum, Esoterik und Agnostik probiert und mich überall sehr wohl aber nirgends zu Hause gefühlt. Im Augenblick versuche ich Kapitalismus. Aber wie die Existenz dieses Textes beweist, funktioniert der auch nicht. Mein Weltbild ist quasi kernlos. Und das ist der Konstruktionsfehler vom Anfang.

Ich beneide meine Hündin. Wann immer wir spazieren gehen und sie mit wedelndem Schwanz und halb geschlossenen Augen ihrer Nase folgt, beneide ich sie. Sie fragt nicht. Sie ist. Sie denkt auch nicht, nicht in unseren Kategorien jedenfalls. Und was am schwersten wiegt: Sie will nichts werden. Sie ist. Und in meinen Augen sogar glücklich. Wenn ich sie lange genug beobachte und ihr lange genug ohne Worte hinterhertrotte, verstehe ich manchmal kurz, wie es sein könnte, wenn es mir auch gelänge ohne Fragen zu sein.