Christian Lindner wirkt. Pardon: wirbt.

Selten habe ich die Widerwärtigkeit des journalistischen Betriebes so deutlich gespürt wie zurzeit. Große Teile der Berichterstattung über Geflüchtete, Fußballkorruption und den Absturz der russischen Passagiermaschine letzte Woche kommen mir so dramageil vor, dass ich den Geifer tropfen hören kann. Am meisten regt mich auf, wenn mir Journalisten eine kasperhauser-eske Naivität vorzumachen versuchen, um dem überbordenden Sensationsgehalt ihrer Nichtnachricht die nötige Bühne zu bereiten. Ich muss ein Beispiel bringen, sehe ich ein. Bittegerne. Heute erschienen in der Welt und als Aufmacher aller Nachrichten-Apps die ich nutze. Ein Interview von FDP Chef Christian Lindner geführt vom stellv. Chefredakteur der Welt-Gruppe Ulf Poschardt. Christian Lindner wirkt. Pardon: wirbt. weiterlesen

Twitter & ich sind 5 Jahre zusammen. Eine Liebeserklärung.

Ich war erschrocken, als ich den Betreff dieser Mail las: „Happy Twitterversary! Du bist soeben 5 geworden.“ Kann das sein? Ich bin 5 Jahre auf Twitter? Warum nur?

Ich habe mir meine Statistik angesehen und bin schockiert: Ich habe 14.100 Tweets geschrieben. Das sind 8 am Tag. Es belegt, dass Twitter keine Laune ist, sondern ein Bestandteil meines Lebens. Okay, ein Tweet pro Tag wird automatisch gesendet als Reklame für meinen täglichen Blog. Mindestens ein Tweet am Tag dient dazu einen eigenen oder fremden Artikel weiterzuempfehlen. Ein weiterer zum weiterplappern eines fremden Tweets. Die anderen 5 schreibe ich offensichtlich selbst. Aber worüber?

Ich twittere über den Tatort, die Lindenstraße und den Eurovision Song Contest. Ich twittere Fotos von Bäumen und Songs die ich mag. Vor allen Dingen aber twittere ich sehr persönliche Dinge. Meist als Witz verpackt, meist anekdotenhaft verallgemeinert, aber trotz allem: Sehr persönlich. Vieles davon banal, wie mein Leiden unter dem Schlagerfaible meines Mannes, das Selbstverständnis meiner Hündin als Flirtinkubator oder die Momente, in denen ich Anlass zu der Befürchtung habe, mein Arbeitgeber versetze die Raumluft mit psychogenen Substanzen.

Aber ich twittere auch manches, das für mich von großer Bedeutung ist. Ich beackere meine legendäre Zahnarztangst, berichte von meinem ersten Besuch beim Urologen, von schmerzhaftem Verrat, vom Zerbrechen einer Freundschaft, von ernster Krankheit, Selbstzweifeln, Sorgen, Sehnsucht. Warum auf Twitter? Auch nach 5 Jahren habe ich das noch nicht ganz verstanden. Hier ist, was ich bisher weiß:

Twitter ist öffentlich. Ich twittere unter Klarnamen. Meine Tweets sind nicht geschützt. Jeder, der will, kann meine Tweets lesen und weitreichende Einblicke in mein Leben erhalten. Obwohl ich durchaus an meiner Privatsphäre hänge, kümmert mich das nicht. Ich will die Wahrheit nicht verklären: Das ist ziemlich dumm.

Oh doch, ich glaube sehr wohl, dass man aus 14.000 Tweets einer Person ziemlich präzise Rückschlüsse auf deren Ängste, Vorlieben und Lebensumstände schließen kann. Wenn man sich die Mühe macht. Nur: Wer sollte sich die Mühe machen? Ist mein Leben interessanter als irgendein anderes? Könnte man mir einen Strick daraus drehen, zu wissen, dass mich 90er-Jahre Eurodance sentimental macht, weil ich meine Pubertät idealisiere? Macht mich das erpressbar? Man könnte in meine Wohnung einbrechen, während ich lustige Urlaubsfotos twittere, das stimmt. Aber was ich wirklich liebe, hat entweder ein Herz in der Brust oder ist auf Datenträgern gespeichert und zwar immer auch außerhalb meiner Wohnung.

Für mich ist Twitter zum Impulsventil geworden. Mir passiert etwas Lustiges – ich twittere. Ich werde beleidigt – ich twittere. Ich rege mich auf, ich staune, ich bin berührt – ich twittere. Nein, ich bin nicht sozial degeneriert oder vereinsamt. Ich erzähle all das wie Generationen vor mir auch beim Abendbrot, beim Feierabendbier, meiner besten Freundin mitten in der Nacht am Telefon oder am nächsten Morgen den Kollegen im Büro. Aber es auf Twitter zu erzählen geht schneller und bringt sofortige Anteilnahme. Das ist ein schönes Gefühl.

Und auch einer der Hauptgründe, warum ich auf Twitter lese. Ich nehme Anteil am Leben anderer. Es ist nicht zu leugnen, dass diese Anteilnahme oberflächlicher ist und schneller vergeht. Dennoch ist sie echt. Twitter ist eben nicht das unmittelbare Leben, das mir oder meinen Freunden passiert, wenn es ihm passt. Twitter passiert nur, wenn es MIR passt. Dann aber bringt es mich so schnell und direkt zu Menschen und Themen, die mich interessieren, wie nichts sonst.

Ich folge ungefähr 350 Accounts auf Twitter, die allermeisten davon betrieben von echten Menschen, also nicht von Zeitungen, Sendungen, Parteien oder Organisationen. Aber natürlich schaffe ich es nicht, das Leben dieser 350 Menschen wirklich zu verfolgen. Und doch wächst zu vielen von ihnen eine angenehme Verbundenheit, die – und das ist besonders – ohne jegliche Verpflichtung auskommt.

Mir folgen ungefähr 500 Personen. Im Vergleich zu anderen Twitterern sind das sehr wenige. Für sich gesehen sind das total viele, finde ich. Nur 10 von diesen Menschen kenne ich persönlich, und von diesen 10 habe ich wiederum 5 erst auf Twitter kennengelernt. 495 Menschen sind also wie und wann auch immer über Tweets von mir gestolpert, die sie interessant genug fanden um mein Konto zu abonnieren. Interessant sein ist wichtig auf Twitter. Und ja, es stimmt: Beim Versuch interessant zu sein, wird man zu einer Art Sender und womit man sich beschäftigt wird zum Programm. Was mir durch den Kopf geht durchläuft eine innere PR-Abteilung die prüft, warum das öffentlichkeitswert sein könnte und wie es sich öffentlichkeitsverständlich formulieren ließe. Es wird geprüft, ob sich eine Pointe unterbringen lässt und wenn ja, ob die Pointe witzig oder wenigstens gut ist. Es wird auch geprüft wieviel ich von mir preisgeben würde, ob es das wert ist und – selbstverständlich – wie es wirken könnte.

Will man argumentieren, dass wir in einer Gesellschaft der selbstverliebten Selbstdarsteller leben – Twitter taugt prima als Beweis. Dabei glaube ich nicht, dass ich aufregendere Dinge erlebe als andere Menschen, diese Dinge witziger rüberbringen kann oder per Geburt relevanter bin und deshalb dringend twittern muss. Darum ginge es mir auch gar nicht. Anhand von Twitter ließe sich nämlich ebenso belegen, dass wir uns hin zu einer Gesellschaft entwickeln, in der sich Menschen regelmäßig öffentlich äußern. In der Menschen verbreiten, was ihnen wichtig ist und gegen das argumentieren, was sie aufregt – und zwar nicht nur im Freundeskreis. Und in der sich Menschen Diskussionen stellen; denn alles, was man twittert, kann Diskussionen auslösen, mitunter auch solche, die man am Ende nicht mehr selber führt. Dazu gehört Mut, Meinung und Attitüde. Das sind ausnahmslos Tugenden.

Twitter funktioniert nur durch Filtern. Um überhaupt Tweets zu sehen, muss man den Accounts anderer Benutzer folgen oder nach bestimmten Begriffen suchen. Was man auf Twitter entdeckt ist immer und ausschließlich ein Produkt der eigenen Interessen. Wie auch immer man sich auf Twitter einrichtet – man hat es hübsch in seiner Filterblase. Daran ist nichts Falsches, finde ich, denn die Nachrichtenquellen unseres Vertrauens existieren ja weiter. Mir persönlich hat das Umherwabern in meiner Filterblase gut getan. Ich habe Gleichgesinnte getroffen, mit denen ich meine Schrulligkeiten vertiefen konnte und Netzwerke gesponnen mit Menschen, die ähnliche Ziele oder Ansichten haben wie ich. Ich habe Freunde gefunden und Gelegenheiten jene, die niemals meine Freunde würden besser zu verstehen. Ich lese viele fabelhafte, erhellende Artikel, auf die ich ohne Twitter niemals stoßen würde. Ich sehe Fotos von ausgesprochen aufregenden Menschen. Naja und ich flirte ein bisschen ab und zu.

Twitter ist der Dienst, auf dem ich die persönlichsten Inhalte teile, obwohl er ein so loses, fragiles Netzwerk spinnt und extrem schnelllebig ist. Oder gerade weil. Für viele Twitterer ist es ein Albtraum, wenn enge Freunde oder gar Familienangehörige anfangen, ihnen zu folgen. Auf Twitter kann man ungestüm sein oder ungerecht oder verdorben. Bestimmt will man auf Twitter auch gefallen, aber vielleicht anderen Leuten. Außerdem ist Twitter gnädig genug, die allermeisten Tweets schneller zu verschlucken, als sie Schaden anrichten können. Ja, ich weiß schon, das Internet vergisst nichts. Aber manchmal verlegt es Dinge, insbesondere Tweets, vorzugsweise unter Hunderten von neuen Tweets so dass erstere kein Schwein mehr interessieren. Es ist die Kurzlebigkeit, die gefühlte Anonymität und Unverbindlichkeit, die es mir leicht macht auf Twitter ehrlich und persönlich zu sein. Das ist ein Segen.

(Und ein Fluch. Nichts kann mich zuverlässiger, länger und weiter von dem Ablenken, was ich eigentlich tun wollte als Twitter. Auf den Geräten, an denen ich arbeiten will, ist Twitter daher konsequent tabu. Außer natürlich, wenn ich gerade über Twitter schreibe. Sollte ich öfter tun.)

10 Sätze über das Ausspähen unter Freunden

„Das Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht.“, sprach Angela Merkel vorgestern am Rande eines EU-Gipfels in die Mikrofone der Reporter, um ihrer Entrüstung über das Anzapfen eines ihrer Telefone durch den amerikanischen Geheimdienst Ausdruck zu verleihen. Erst, als ich dieses Zitat im O-Ton gehört habe, war ich bereit zu glauben, dass dies tatsächlich die Wortwahl der Kanzlerin war.

Wenn man diesem Satz noch ein „…, Alter!“ hintanstellt, stürzt er schlagartig auf Schulhof-Niveau, weshalb ich anrege zu fragen, ob er vorher wirklich auf dem Sprachelevel der „großen Politik“ war. 10 Sätze über das Ausspähen unter Freunden weiterlesen

Terroristen haben Privatsphäre. Ich jetzt auch.

Vielleicht bin ich naiv, aber: Ich habe das nicht gewusst. Ich habe das auch nicht kommen sehen. Ich habe geahnt, dass man hinter dem Internet eine unvorstellbare Überwachungsmaschine bauen könnte, aber nicht daran geglaubt, dass das tatsächlich getan wird wurde. Alles, was ich dem Internet füttere, wird von Geheimdiensten gefressen, verdaut und nie wieder ausgeschieden. Tatsächlich: alles. Zur Strafe für meine Einfältigkeit lässt sich der Großteil meines Lebens nun sehr wahrscheinlich auf Servern der NSA nachvollziehen. Auch, wenn sich wohl niemand die Mühe machen wird, das zu tun, weil ich so aufregend leider gar nicht bin. Aber darum geht es nicht.

In den letzten beiden Tagen habe ich umgebaut: Terroristen haben Privatsphäre. Ich jetzt auch. weiterlesen

Von Informationen zur Unterdrückung

In meinem vorletzten Artikel hatte ich versucht zu erklären, warum auch „rechtschaffende Menschen“ ausreichend Grund haben, sich vor der umfassenden Überwachung unserer digitalen Kommunikation zu fürchten.

Nach einigen Vorträgen auf der sigint13 habe ich begriffen: Rechtschaffenheit ist eine Konstruktion. Eine ziemlich hahnebüchene nämlich. Und zwar nicht nur, weil das, was heute legal und akzeptiert ist, in 10 Jahren möglicherweise verboten oder wenigstens verpöhntsein könnte. Sondern auch, weil grundsätzlich jeder etwas zu verbergen hat (auch darüber schrieb ich schon einmal).

Wenn jede Email, jeder Chat, jede besuchte Webseite aufgezeichnet wird, macht uns das erpressbar. Von Informationen zur Unterdrückung weiterlesen

Wir sind rechtschaffende Leute, aber wir haben viel zu befürchten.

Ich erinnere mich gut an den Moment der Enttäuschung, als ich fünfjährig einsehen musste, dass mich meine Mutter auch dann sehen konnte, wenn ich mir die Augen zu hielt. Ich erinnere mich, an das Trauma eines Freundes, der im Alter von 12 Jahren anhand der Verletzung versteckter Plompen beweisen konnte, dass sein Vater sein Tagebuch las und an den Umzug der Schuberts in eine andere Stadt, nachdem sie ihre Stasi-Unterlagen gelesen hatten.

Festzustellen, dass man beobachtet wurde obwohl man sich in sicherem Umfeld wähnte, ist unerträglich. Meine Mutter hat ihrer Stasi-Akte niemals angefordert. Ihr war klar, dass daraus Spitzeleien im nächsten Umfeld offenbar würden, die Konsequenzen verlangten, vor denen sie sich noch mehr fürchtete als vor den seelischen Verletzungen durch den vielfach begangenen Verrat. Ich kann das verstehen. Aber ich halte das für falsch. Fakten wie diese muss man ansehen, finde ich.

Die Situation, der wir uns alle in den letzten Wochen häppchenweise gewahr werden, ist eine andere aber vielleicht doch vergleichbar. Wir sind rechtschaffende Leute, aber wir haben viel zu befürchten. weiterlesen

Warum ich sehr wohl etwas zu verbergen habe

„Ich habe doch nichts zu verbergen.“

Dieser Bereich wird videoüberwacht.
Dieser Bereich wird videoüberwacht.

Dieser Satz begleitet mich treu. Er fällt in Diskussionen über Onlinedurchsuchung und Bundestrojaner. Er fällt in Debatten über die Vorratsdatenspeicherung. Wenn es um INDECT geht. Um Fingerabdrücke im Pass und biometrische Fotos. Ich kenne ihn seit meiner Kindheit in einer Wohnanlage der DDR-Volksarmee.

Er fällt immer am Ende des Gesprächs, jedenfalls am Ende des vernünftigen Teils. Ab hier wird’s grundsätzlich, anstrengend und erfahrungsgemäß sowieso nichts mehr. Ich stehe auf, rufe „Bullshit-Bingo!“ und wechsle Thema oder Gesprächspartner. Das ist arrogant und destruktiv. Ich fürchte mich vor schlechtem Karma. Zur Selbstkasteiung werde ich jetzt in ruhigem Ton zu erklären versuchen, warum ich sehr wohl etwas zu verbergen habe.
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Hassliebe: Die Wanze in meiner Tasche

Miriam Meckel, Direktorin am Institut für Medien- und Kommunikationsmanagement in St. Gallen, twitterte letzte Woche:

„Think of your smartphone as a tracking device that happens to make a call. „

Wir wissen, dass mit Hilfe unsere Mobiltelefone Bewegungsprofile von uns erstellt werden können. Und auch, dass von dem, was wir als Privatsphäre (miss)verstehen nicht viel übrig bleibt, wenn man die Verbindungsdaten und den Datenverkehr zur Auswertung hinzuziehen würde. Wir nehmen das hin. Aber Warum?

Mir gelingt das, weil ich entgegen Meckels Vorschlag eben nicht daran denke. Ich wische meine Überwachungsfantasien wie Fettflecken vom Display, indem ich mir einrede, sie wären übertrieben und psychotisch. Ich halte Orwell und Huxley für Science-Fiction-Autoren, nicht für Propheten. Ich lache über Verschwörungstheorien. In meiner betriebswirtschaftlichen Ausbildung habe ich gelernt, dass Konzerne mein Geld wollen, nicht aber mein Leben. Ich bezweifle, dass der Staat mich kontrollieren will, weil ich mir immer noch einrede, ich sei der Staat. Aber ich finde es zunehmend schwieriger, mir zu glauben.
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Sind wir nicht alle ein bisschen „Hersteller von Presseerzeugnissen“?

Dass der Koalitionsausschuss der Bundesregierung gestern beschlossen hat, dem Drängen der Zeitungsverlage auf eine Zwangsprämierung der Weiterverwendung ihrer Inhalte im Netz nachzugeben, wurde bei Niggemeier, Netzpolitik und Co. ja bereits mit gebührender Empörung breitgetreten. Der Gesetzentwurf zum Leistungsschutzrecht wird offiziell erarbeitet, ist inoffiziell längst fertig und wird unter der Hand als quasi längst durchgedrückt gehandelt.
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Geduldsprobe: Deutscher Meister im Aussitzen

Die Rebellion der Leitmedien bekommt trotzige Züge und die Empörungswelle im Netz treibt seltsame Blüten, beispielsweise in Form von Korruptionsvorwürfen als Sammelbildern. Beim Bäcker um die Ecke rollt man mit den Augen, wenn die Radiosprecherin den nächsten Vorwurf gegen Bundespräsident Wulff enthüllt und findet, dass es nun wieder gut sein muss.

Nein, muss es nicht. Darf es nicht. Wird es nicht. Nicht so lange wir finden, dass ein Bundespräsident gebraucht wird.

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