Fernbeziehung

Meine Güte, war ich glücklich gestern. Was ja mit Blick auf die Uhr schon vorgestern geworden ist. Dieses Gefühl ist Heimat. Nicht, dass es so vertraut wäre. Nicht, dass man es so gut kennen würde. Aber es fühlt sich so richtig an, wie sonst kaum etwas. Und es macht einen so leicht. Und es macht die eigenen Probleme wirklich zu Sandkörnen. Wenn auch nur für einen Augenblick, einen Atemzug, einen Herzschlag, oder zwei. Und oder aber natürlich ist es flüchtig, wie ja alles flüchtig ist und vergeht. Natürlich ist es Heimat, aber kein Zuhause. Kein Ort, an dem du Wohnen kannst, und der dich auffängt, wenn du fällst. Es ist wie eine Fernbeziehung mit einem Seelenverwandten,

die ich ja übrigens tatsächlich führe. Und wahrscheinlich hängt das ja alles zusammen, dieser Seelenverwandte hatte heute, also flüchtigerweise gestern nämlich Geburtstag und ich durfte abgesehen von Gedanken- und Funktelefonverbindungen nicht bei ihm sein. Ihn nicht riechen, nur im Geiste. Ihn nicht Streicheln, nur in der Erinnerung. Ihn nicht küssen, nur sein Bild.

Diese Zustände des Geteilt-seins, dieses Gefühl der Entfernung ist wirklich vergleichbar. Ich kann mich heute nur schlecht an unseren Ozean erinnern. Und ebenso schlecht kann ich erinnern, wie es sich anfühlt, Heikos warmen behaarten Bauch zu streicheln. Und heute spüre ich, wie weit der Weg ist zur eigenen kolletkiven Erinnerung, weil er nämlich über Vertrauen führt. Wie lange ein Gedanke braucht für 600 km. Und wie oft Vertrauen unterwegs von Angst vom Wagen gezerrt wird. Wie verdammt lange 14 Tage dauern.

Hey, da fällt mir ein, dass heute ja schon morgen ist und ich so schon morgen zu ihm fahre. Zu meinem Ozean

be water 2

Naja, so richtig erklären kann ich das immer noch nicht. Das heißt, ich trau mich nicht. Und natürlich habe ich meinen Rechner nur angeschaltet, um es doch zu tun. Um mich doch zu trauen. Also gut.

Buddhismus sagt, wir sind alle Teil einer großen Weltseele, und Nirvana bedeutet zu dieser Weltseele zurückzukehren. Wieder mit ihr zu verschmelzen. Wie ein Wassertropfen, der von der Flut an den Strand geschwemmt wurde, und bei der nächsten Woge vom Ozean heim geholt wird. Und während unseres Strandaufenthaltes, den 70 oder 80 Jahren Orientierungslosigkeit also, bleiben wir doch immer verbunden mit unserem Ozean. Wir bestehen letztlich aus Ozean. Wir beinhalten alle seine Bestandteile. Wir haben Erinnerung an ihn. Wir sind ein Ozean im kleinen. Wenn es uns nun gelänge, diese Erinnerung zu beleben, uns darauf zu besinnen, dass wir als Wassertropfen eben nicht dazu verdammt sind im Sande zu versickern oder in der Sonne zu verdunsten, wenn es uns nun gelänge, ebenso zu fließen, wie der Ozean fließt, und nicht im Sande versickert und nicht in der Sonne verdunstet, wenn wir diese Erinnerung erwecken könnten, wären wir geheilt.

Wir müssen fließen lernen. Wir müssen begreifen, dass wir Hindernisse und Probleme, dass wir Sandkörner umfließen oder in uns aufnehmen können. Wir müssen begreifen, dass wir an der Feuchtigkeit anderer Tropfen wachsen können, und das wir von unserer Feuchtigkeit abgeben müssen, wenn wir fließen wollen. Es macht keinen Sinn, sich auf seine Hülle zu konzentrieren, und darauf zu achten alle seine Moleküle beieinander zu halten. Das macht uns klein und schwach und träge. Es gibt keine Stabilität. Es kann keine Planung gebebn, weil der Sand nicht stabil ist, auf dem wir liegen. Weil der Wind sein Spiel mit ihm treibt. Und es gibt keine Vergangenheit, weil wir keine Spuren hinterlassen im Sand, weil der Wind sein Spiel mit ihm treibt. Wir aber müssen fließen. Wie alles fließt. Und unsere Richtung ist immer klar: zurück zum Meer.

be water my friend

Da ist so mein merkwürdiges Gefühl gewesen, das mich in den letzten Tagen begleitet hat. So ein Gefühl, eine Ahnung. Wie ein Gewitter, kurz vor seinem Entstehen. Wie eine Idee, Sekunden vor ihrer Geburt.

Nun, ich weiß jetzt, dass es wohl keine große Erkenntnis war, keine, die obigen Trommelwirbel rechtfertigen würde. Aber immerhin eine, die es mir wert ist sie niederzuschreiben, wenn auch nur, um sie später nachschlagen zu können:
Vor Jahren ist mir mal ein Ausspruch von Bruce Lee begegnet. Damals klang er schön. Ich habe ihn aufgeschrieben. Heute habe ich ihn wiedergefunden. Heute habe ich ihn verstanden:

„I said: empty your mind, be formless, be shapeless, like water. And you put water into a cup it becomes the cup. You put water into a bottle it becomes the bottle, you put it into a teapot it becomes the teapot. Now water can flow or it can crash. Be water my friend!“

Ich weiß nicht, wie plausibel das ist. Ich weiß nicht, wie deutlich für andere. Für mich hat das viel mit Tao zu tun. Mit Fließen-lassen. Mit Sich-hingeben. Damit, frei von Erwartungen und Ängsten aufs Leben zu zugehen. Aber wie das bei allen Dingen ist: Eine Erkenntnis wird nicht durch ihr bloßes Erfahren wertvoll, sondern erst durch ihr Erleben. Es genügt nicht, das höchste Wissen zu wissen, man muss es auch (und vor allem) fühlen.

Und was ich gerade fühle ist diese merkwüdige Flüchtigkeit. Ich weiß nicht, ob die mich auszeichnet oder ein kollektives Phänomen ist. Dieses Theoretisch-alles-sein-können. Dieses Eigentlich-nichts-sein. Zu wissen, dass es ich eigentlich nicht gibt. Weil es jeden Tag anders ist. Weil jeden Tag Vergangenheit verloren geht und die Zukunft dazu kommt. Weil ich so stark von meiner Umgebung abhänge. Weil ich anderswo jemand anders wäre. Vielleicht kann ich das morgen erklären.

Biochemie

Ich hatte eine fantastische Zeit in den letzten Tagen. Manus Geburtstag war toll. Es waren viele Freunde da und nachts waren wir tanzen im Darkflower wo ich dermaßen abgegangen bin, dass mir heute noch die Waden schmerzen. Gestern hatte ich ein wunderbares Treffen mit meiner Schwester. Ich hab da eine Nähe gespürt wie lang nicht mehr. Und gestern Abend dann: ins Theater mit Alex. Es war toll, ich war glücklich. Bis eben.

Nein, es ist nichts passiert. Kein schlimmer Anruf, kein Streit, keine Schmerzen – Nichts. Und doch kann ich zusehen, wie ich falle. Wie ich traurig werde und schwermütig und taub. Wegen nichts. Alex hat mir ein Hörbuch geschenkt: Anleitung zum Unglücklichsein von Paul Watzlawick. Ich hab da gestern Nacht nur 10 Minuten reingehört und es hat den Nagel dermaßen auf den Kopf getroffen, dass ich es ausmachen musste. Herr Watzlawick bestreitet, dass es im- und permanentes Ziel eines jeden Menschen sei glücklich zu werden. Schließlich suche man sich immer (und er beweist: immer) einen Grund unglücklich zu sein. Und genau das fühle ich im Moment. Dieser Moment unterscheidet sich durch nichts vom vorhergehenden, abgesehen von meiner miserablen Stimmung. Forscher behaupten, der Körper müsste sein hormonelles Gleichgewicht halten, und würde deshalb auf Serotonin-Hochphasen Serotonin-Mangelphasen folgen lassen. Diese Erklärung ist ja wohl schlimmste, was man einem Menschen in meiner Verfassung anbieten kann. Und weil ich diese Wahrheit nicht ertrage flüchte ich mich – wie so oft – in eine spirituelle (aber deshalb ja keinesweges weniger wahre) Erklärung: Alles auf der Welt ist bipolar. Es wird immer genauso viel Schwarz wie Weiß, genauso viel Plus wie Minus geben. Die Kunst besteht darin, die Mitte zu finden, den Ausgleich, die Null.

Das hieße im Klartext: Heute bezahle ich für gestern, vorgestern und den Tag davor. Na dann mal los. Ich will fertig werden.

Unterwegs

Ich finde es abgefahren, meine Damen und Herren in einer Zeit und einem Land zu leben, in dem man Websites im Zug programmiert. Ganz ehrlich. Ich glaube meine kindlichen High-Tech-Fantasien in den 80ern war nicht halb so kühn, wie die alltägliche Realität heute. Aber darum soll es gar nicht gehen.

Zwei Wochen war ich jetzt bei Heiko. Natürlich wäre es albern gewesen anzunehmen, der Abschied würde leicht fallen diesmal. Aber das es so schwer sein würde hätte ich nicht gedacht. Theoretisch gäbe es die Option nach Rheinbach zu gehen und in Köln zu studieren. Praktisch kann ich mir das nicht vorstellen. Nicht wegen dem Studium. Das geht über all. Wegen meinem Leben. Wegen meinen Freunden, wegen der Stadt. Wegen der Gewohnheit? Wegen der Angst? Ich sollte darüber nachdenken.

Nur nicht jetzt. Kann mich nicht konzentrieren. Die hübsche Französin, die mir gegenübersitzt grinst andauernd. Ich werde das Gefühl nicht los, dass der Display meines Labtop transparent ist, und sie von der anderen Seite her alles mitliest.

Ich melde mich wieder